Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,1-5.9–14

Pastoralreferent/Gefängnisseelsorger Dietmar Jordan (rk)

25.12.2012 in der Justizvollzugsanstalt Aachen

Weihnachtsgottesdienst in der JVA Aachen

Das Wort, das uns aufhilft

Ich kenne kaum einen Ort, an dem so viele Sprüche geklopft werden wie im Knast. Nirgendwo habe ich erlebt, wie so viel gelästert und gelabert wird. Was wird hier übereinander hergezogen und gequasselt: hart und derbe, gelegentlich auch zart und liebevoll, manchmal geistreich und originell, ein andermal platt und verächtlich. Und doch: bei all dem Gequatsche wird im Grunde oft wenig wirklich gesagt.

Dabei tut es doch gut, wenn man sich mitteilen und so richtig aussprechen kann. - Das spüren Eltern, die ihren Kindern nach der Schule oder nach dem Spielen die Tür öffnen und ihnen ein Ohr schenken. Was sich da in Kinderherzen und -köpfen alles ansammelt! Und wie das einfach heraussprudelt!

Wie gut das tut, das weiß auch der Teenager, der sich daheim mit seinen Eltern schwer tut und der sich am Abend mit seiner Clique zum Skypen trifft oder bei facebook / Twitter online geht. Da treffen sich „Freunde“. Und da kann er oder sie endlich losreden und frei über das sprechen, was gerade ansteht oder auch auf der Seele liegt.

Wie gut das tut, das weiß auch die alte Dame, die allein lebt oder im Seniorenheim. Wenn die Nachbarin zu Besuch kommt und sie sich zum hundertsten Mal die Geschichten von früher erzählen …

Gerade im Knast brauchen Menschen immer wieder ein offenes Ohr. Einen Ort, wo sie sich lassen können mit all ihren Sorgen und Nöten, mit ihren Abgründen und ihrer Scham. Jemanden, der zuhört und bei dem sie sich aussprechen und ihr Herz ausschütten können. Ein Gegenüber, ein Gesicht, einen Spiegel, in den sie schauen und – wenn es gut geht – sich selbst erkennen können. Gerade hier brauchen sie einen, der ihnen ein gutes Wort sagt: ein Wort, das versteht, das anregt, das ermutigt und klärt. Manchmal darf es auch ein Wort sein, das widerständig ist, ein Wort, an dem man sich abarbeiten kann, ein Wort gegen den Trend, unbequem – und trotzdem heilsam.

Ich bin froh, dass ich als Seelsorger nicht wenigen diesen Dienst tun kann. Ja, Reden kann ungeheuer gut tun. Es kann eine Wohltat sein und es kann aufbauen. Aber es ist ein Unterschied, ob ich rede und dabei von mir spreche – oder ob ich einfach drauflos quatsche und mitrühre im klebrigen, oft nicht sonderlich appetitlichen Brei des allgemeinen Gelabers.

Dieses nichts sagende Gerede begegnet mir allerdings nicht nur im Knast. So eine „Quatsch-Kommunikation“ findet auch draußen statt – täglich und tausendfach. Kaum sind unsere Töchter nach der Schule zu Hause angekommen geht auch bei uns das Handy. Vor einer Stunde ist man noch zusammen im Bus gefahren und schon meldet sich der Trennungsschmerz. „Hi, ich bin gerade bei Mathe – und was machst du?“

Dauernd laufen Menschen irgendwo mit dem Handy herum. Sie sitzen beim Arzt oder in der Küche – und simsen und twittern. Sie fahren mit dem Zug oder Bus oder im Auto – und quatschen und quatschen… Wenn man ihnen zuhört, oft genug auch zuhören muss, begegnet einem eine Fülle von Belanglosigkeiten. Wirklich gesagt wird eigentlich wenig.

Aber vielleicht geht es auch weniger um Inhalte. Vielleicht geht es mehr um den Kontakt, um die Erfahrung oder den Wunsch, nicht allein zu sein. Vielleicht brauchen wir Menschen einfach jemanden, der uns kennt und der ein Ohr für uns hat; einen, der sich für uns interessiert, der uns mag und der uns hin und wieder einfach ein gutes Wort sagt.

Zurück zum Knast. Auch hier wird ziemlich viel gequatscht, wenn auch – zumindest offiziell und regelgerecht - ohne Handy. Trotzdem wird auf alle mögliche Weise unheimlich viel gelabert. Und es werden Sprüche geklopft - auf den Fluren, auf der Arbeit, beim Hofgang, beim Sport, beim Umschluss, in Gruppen und natürlich auch in der Kirche oder beim Pfarrer. „Wie der wieder drauf ist…!“ „Was der wieder gemacht hat…!“ „Was der bald abkriegt…!““Und was wir alles über ihn wissen…!“ Kamine über Kamine. Sprüche und Gelaber. All das geschieht, um irgendwie in Kontakt zu kommen; um klar zu machen, wer ich bin; oder um zu zeigen, dass ich überhaupt noch da bin; dass ich mich nicht aufgegeben habe und dass ich es „denen“ schon noch zeigen werde.

Wenn ich diesem Treiben zuhöre, geht es mir ähnlich wie draußen: Ich kann das verstehen, aber: Schein und Sein liegen weit auseinander! Da wird viel auf den Busch geklopft und vom Leder gezogen. Und es wird wenig gesagt - jedenfalls im Sinne einer wirklichen Mitteilung, im Sinne von teilnehmen und teilnehmen lassen an dem, was mich bewegt und beschäftigt. Und das soll ja im Knast bekanntlich nicht ganz so einfach und keineswegs ohne Risiko sein.

Stattdessen wird übereinander hergezogen. Gerüchte werden in die Welt gesetzt, Halbwahrheiten werden lanciert und verbreitet. Und harte Schalen werden gepflegt, glatte Masken und eingeschliffene Rollen – nicht selten um jeden Preis. Und das alles, um die Fassade zu wahren und sich nicht wirklich mitteilen zu müssen. Wer will schon riskieren, dass andere mitbekommen, was wirklich in ihm vorgeht!?

Von einer ganz anderen Bewegung hören wir Jahr für Jahr im Evangelium des ersten Weihnachtstages. Von einem einzigen, vom göttlichen Wort ist die Rede. Das kommt auf uns zu. Das rückt uns auf den Pelz. Das spricht uns an – jeden persönlich!

Gott verzichtet auf Fassade – und wird „Fleisch“, wie der Johannesevangelist das nennt. Gott bleibt nicht bei sich – selbstzufrieden und undurchschaubar. Gott, dieses ewige und unergründliche Geheimnis, „outet sich“. Es teilt sich mit. Es wird Wort, wird Beziehung, wird Kommunikation und Begegnung. Gott wird Mensch. Gott wird anschaulich, berührbar und verletzlich – im Krippenkind und in jedem von uns.

Und wir reiben uns die Augen. Wir zweifeln und wir hadern. Und wir wundern uns und staunen: „Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort … Und das Wort ist Fleisch geworden. Und es hat unter uns gewohnt. Und wir haben seine Herrlichkeit geschaut.“

Und wir wissen noch nicht so recht, ob wir das annehmen, ob wir das glauben und damit leben können. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Denen aber, die ihn aufnahmen gab er Vollmacht als Kinder Gottes zu leben.“

Weihnachten ist eine echte Herausforderung. Weihnachten ist eine Gegen – Bewegung zu unserem gängigen Gelaber und dem damit verbundenen Versteckspiel. An Weihnachten feiern wir die Antwort auf unsere Sehnsucht nach Kontakt. Und wir preisen die Antwort auf unsere Suche nach Anerkennung, nach Beziehung und Begegnung. Ja, es gibt einen, der uns kennt und um uns weiß. Ja, es gibt einen, der sich für uns interessiert und der ein Ohr für uns hat. Ja, es gibt einen, der uns anspricht und der ein gutes Wort für uns hat. Eines, das mehr ist als ein Urteil und mehr als eine Diagnose.

Das Wort, nach dem Menschen wirklich hungern, ist ja ein Wort, das nicht einfach so daher gesagt ist. Es ist ein Wort, auf das wir uns verlassen können. Ein Wort, das hält, was es verspricht und das in die Tat umgesetzt wird. Wir Menschen hungern nicht einfach nach irgendeinem Wort – Salat, vielstimmig, beliebig und belanglos. Nicht das Wirrwarr der Wörter brauchen wir, sondern das eine Wort in den vielen Wörtern: das Wort, das uns und das mich aus der Krise herausreißen kann; das Wort, das uns sammelt in einer Mitte, die niemand mehr wegnehmen kann; das Wort, das uns einführt in die Tiefe eines Schweigens, in dem wir uns bergen und ausruhen können.

Viele Menschen hoffen darauf, an Weihnachten ein gutes Wort zu hören. Viele möchten auf einer Weihnachtskarte mehr lesen als „Frohe Weihnachten!“

Wie ging es Ihnen? Durften Sie so ein zu Herzen gehendes Wort hören oder lesen? Und: Haben Sie sich selbst darum bemüht, jemandem ein solches Wort zu sagen oder zu schreiben?

Hier und heute, jetzt in dieser Stunde, wollen wir uns von Gott her ein gutes Wort sagen lassen. Wir wollen hören und glauben, dass er das Wort schlechthin ist. – Er, der sich nicht scheut, sich auf unser manchmal all zu menschliches Gequatsche einzulassen. Und der doch mitten in der Vielstimmigkeit unseres Geredes das Wort ist, das uns trifft und das alles klärt.

Ja, ich bin gemeint. Und Du bist gemeint. Wir sind angesprochen. Mag unser Leben auch brüchig sein, oft trostlos und leer. Mögen wir uns wertlos fühlen, schuldig, allein gelassen, beschädigt und ohne Perspektive …

„Fürchte dich nicht!“ Du bist gemeint. Du bist angenommen. Du bist geliebt. – Das ist die Botschaft von Weihnachten. Das ist das Wort dieses Morgens. Ein Wort, das uns gut tun will. Und das uns aufhilft zum Leben. Und zur Hoffnung, zum Glauben und zum Lieben. Heute und alle Tage.