Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,10-12

Pfarrer Thomas Berke (ev)

24.12.2012 in der Ev. Kirche Mülheim (Mosel)

Heiligabendgottesdienst

© privat

10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht.

11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf.

12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.

Liebe Gemeinde,

es gibt ja immer Wort des Jahres oder ein Unwort des Jahres, von irgendeiner Jury ausgewählt. Wenn ich Jury spielen könnte, dann würde ich ein Schriftstellerwort zum Wort des Jahres küren. Es stammt von dem Schriftsteller Martin Walser und trifft den Nagel genau auf den Kopf. Er hat im Frühjahr gesagt: „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“

Weihnachten bedeutet: Gott kommt in eine Welt, in der Gott fehlt. Damals in Bethlehem, heute bei uns in unserem Land und in unseren Orten, in denen wir leben.

In unserem Alltag erleben wir, was geschieht, wenn Gott fehlt.

Dann regiert nämlich das Geld und für Notfälle - und das heißt doch: für die Liebe - ist kein Platz mehr da.

Gott wird Mensch, weil den Menschen Gott fehlt. Aber wo die Menschen ohne Gott sind, da sind sie ein Rädchen im Getriebe.

Der Schriftsteller Hans Fallada beschreibt in seinem letzten Roman „Jeder stirbt für sich allein“ das Funktionieren des NS-Staates: „Sie sind nur Räderchen einer Maschine, Räderchen aus Eisen, Stahl. Wenn das Eisen weich würde, müsste das Rädchen ersetzt werden, sie wollen aber nicht ersetzt werden, sie wollen weiter Rädchen sein.“

Es ist die Existenzangst, die Angst, in der Welt nicht bestehen zu können, die Menschen hart macht, sodass kein Raum für die Liebe da ist, sodass sehenden Auges die Verantwortung gegenüber Unrecht und Not nicht wahrgenommen wird, sodass das Gewissen ausgeschaltet wird. Aus Existenzangst stellen Angestellte und Inhaber von Gasthöfen keine Zimmer für Notfälle zur Verfügung. So funktionieren Angestellte, die um ihren Job bangen, so funktionieren Unternehmer, die Angst haben im Haifischmeer der Konkurrenz unterzugehen. So funktionieren Menschen in tyrannischen Systemen, damals in der NS-Zeit, früher in der kommunistischen Diktatur, heute vom Iran bis Nordkorea. So funktionieren Menschen in einer Welt ohne Gott. Auch in unserer freiheitlichen Gesellschaft kann man durch die Existenzangst zu einem Rädchen im Getriebe werden, weil Gott fehlt.

Gott kommt in eine Welt, in der Gott fehlt. Er wird Mensch, weil uns Menschen Gott fehlt. Weil allein Gott uns die Existenzangst nehmen kann, damit Raum und Mut für die Liebe da ist.

Weihnachten geschieht da, wo Menschen, die ohne Gott sind, denen Gott fehlt, die harte Rädchen im Getriebe sind und Angst davor haben, weich zu werden, wo solche Menschen ihn, den Herrn Jesus Christus, in ihrem Leben aufnehmen.

Jesus Christus begnügt sich jedoch nicht mit einem kleinen Zimmer. Für Maria und Josef wäre die Abstellkammer ausreichend gewesen. Aber Jesus will mehr. Er will in das ganze Haus unseres Lebens einziehen. Vom Keller bis zum Dachboden. Er will gerade auch den Keller unseres Lebens hell machen.

Er will mit seinem Geist, seinem Leben und seiner Liebe ganz bei uns sein. Er will die Oberhand haben in unserem Leben und die anderen Dinge und Mächte, die uns beherrschen, verdrängen. Wo das geschieht, da ist auch heute noch Weihnachten!

Wo Jesus Christus die Herrschaft übernimmt, kann man auch weiterhin betriebswirtschaftlich kalkulieren. Da kann man weiterhin pflichtbewusst seinen Dienst versehen. Aber es wird Platz sein für die Liebe, weil die Existenzangst überwunden ist. Es ist eben noch kein Hotel und kein Gasthaus untergegangen, weil es ein Zimmer für einen Notfall zur Verfügung gestellt hat.

In diesem Sinn ist Weihnachten das Fest der Liebe. Denn wo Jesus Christus König ist, da regiert die Liebe.

Die wahre Liebe. Sie umfasst Verstehen und Vergeben, Versöhnen und Helfen, für andere da sein und mit den Mitmenschen gut umgehen. Die Liebe, der nichts unmöglich ist, wenn es der Menschlichkeit dient.

Diese Liebe ist keineswegs billig. Sie stößt natürlich immer wieder auf Ablehnung und Unverständnis. Weil bei vielen Menschen Gott fehlt. Davon können Christen in Alltag hier bei uns ein Lied singen. Ich denke aber auch an Christen, die in tyrannischen Systemen der nackten Gewalt ausgesetzt sind, wie es derzeit in zahlreichen islamischen Ländern der Fall ist. Wir müssen damit rechnet, dass unser Weg der Liebe auf Ablehnung und Gewalt stößt.

Darum wird es auch bei uns nicht reibungslos gehen, wenn wir Jesus Christus in das Haus unseres Lebens aufnehmen. Auch wir werden immer wieder schwere Situationen und Anfechtungen erleben. Aber wo Jesus Christus im Leben eines Menschen da ist, da ist auch der da, der stärker ist als alle anderen Mächte. Der stärker ist als der Tod. Der uns immer wieder zeigt: Alles in der Welt wird vergehen, aber Gottes Wort und Gottes Liebe bleiben in Ewigkeit, sie sind unzerstörbar und behalten das letzte Wort. Und wer Jesus Christus in das Haus seines Lebens aufnimmt, der wird mit ihm sterben und mit ihm auferstehen. Der wird nicht von Gott verlassen sein, sondern am Ende bestehen.

Denn es gilt die Zusage: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben.“ Und wer Kind Gottes ist, der wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Amen.

Wir beten:

Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du zu uns kommen willst. Wir bitten dich um deinen Geist, dass wir bereit werden, dich aufzunehmen. Damit du die Hauptsache in unserem Leben wirst und wir durch dich Gottes Kinder und Erben des ewigen Lebens werden. Amen