Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 11,1-44

Gabriele Thönnessen

08.03.2008 in der katholischen Pfarrkirche St. Hubertus Süsterseel in Selfkant

Anlässlich des zehnten Jahrestages des ortsansässigen Missionskreises Osteuropa

Anlässlich des zehnten Jahrestages des ortsansässigen Missionskreises Osteuropa

Liebe Mitchristen,

ein Evangelium, in dem sich bei den Beteiligten viel bewegt! Und es beginnt merkwürdigerweise damit, dass Jesus sich erst mal nicht bewegt, als er von der Krankheit seines Freundes Lazarus erfährt.  Warum? Weil, so erfahren wir, seine  Jünger zum Glauben kommen sollen, ihm vertrauen sollen. Das ist, damals wie heute, oft ein langer Weg,  auf dem nicht nur Steine bewegt werden müssen.
Was geschieht, geht schrittweise vor sich und bedarf der Mithilfe derer, die anwesend sind. 
Jesus begegnet Martha und sie bekennt ihren Glauben an ihn.
- Dann begegnet Jesus Maria und lässt sich von ihr zum Grab bringen. Dort fordert er, den Stein wegzurollen. Martha protestiert: Er riecht schon. Diejenige, die noch wenige Minuten vorher ihren Glauben bekannt hat, tut sich jetzt schwer, sozusagen in der Praxis, Jesus ganz zu vertrauen. Erst nach seiner Ermutigung… Habe ich dir nicht gesagt… wird der Stein weggenommen.
- Jesus betet laut, damit alle hören dass Gott selbst hier am Werke ist durch ihn.  
- Jetzt erst ruft er Lazarus aus seinem Grab heraus. Wenn er auch auferweckt wurde, Lazarus selbst muss sich jetzt bewegen: aufstehen und das Grab verlassen.
- Und dann fordert Jesus: Bindet ihn los und lasst ihn gehen. Hier sind wieder die anderen gefragt, aktiv zu werden.   
- Und dann hören wir im letzten Satz, dass genau das geschah, was Jesus am Anfang erwähnt hatte: Viele kamen zum Glauben.

Eine äußerliche Bewegung setzt eine innerliche Bewegung voraus. Und dies nicht nur bei Maria, Martha und den anderen Anwesenden, auch bei Jesus. An kaum einer anderen Stelle der Evangelien wird so deutlich beschrieben, was Jesus fühlt, was in ihm vorgeht. Jesus weint und ist „im Innersten erregt und erschüttert“

Er liebt die Geschwister Marta, Maria und Lazarus. Daher kann ich seine Reaktion gut nachvollziehen. Trauer um jemanden, den ich liebe, bestürzt und bewegt zutiefst. Und auch für Jesus ist es wohl  ein Unterschied, um den Tod seines Freundes aus der Ferne zu wissen oder vor Ort die Trauer der Schwestern hautnah mitzuerleben und selbst zum Grab zu gehen. Genauso ist es für Martha ein Unterschied theoretisch ihren Glauben zu bekennen, als ganz konkret Jesus das scheinbar Unmögliche zuzutrauen.
Das Evangelium - eine lange Geschichte, in der viel in Bewegung ist.

Eine lange Geschichte, in der viel in Bewegung ist. Dies könnte man auch in Bezug auf die Geschichte des Missionskreises Osteuropa sagen. Und ich sehe einige Parallelen zum Evangelium.
Während der jahrzehntelangen kommunistischen Herrschaft, besonders unter  dem Diktator Ceausescu erlebten die Menschen in Rumänien politische Unfreiheit, Gewalt, Armut, schlechte medizinische Versorgung. Die Folgen dieser Misswirtschaft sind bis heute spürbar, auch in der ländlichen und wirtschaftlich ungünstig gelegenen Region um Piatra Neamt. Dort gibt es viele hilfsbedürftige Menschen, deren Gedanken darum kreisen, wo sie die nächste Mahlzeit oder einen warmen Mantel im Winter herbekommen. Das ist mehr ein Kampf ums Überleben als Leben im eigentlichen Sinne.
Auch dieses Leid ist Jesus nicht gleichgültig. Und euch1, den Mitgliedern des Missionskreises auch nicht. Aus einer Handvoll engagierter Leute ist ein über 100 Mitglieder starker Kreis geworden, der mehrere Projekte in Leben rief und seitdem unterstützt. Seit zehn Jahren habt ihr Kraft und Initiative investiert und so ist es euch immer besser gelungen, den Menschen in und um Piatra Neamt die Hilfe zukommen zu lassen, die sie so nötig brauchen.

Ein solches Projekt kann nur wachsen, wenn darauf auch Gottes Segen liegt und die, die sich engagieren auch in schwierigen Zeiten auf ihn vertrauen. Auch hier müssen Steine aus dem Weg gerollt werden. Ganz aktuell drei Beispiele dazu:

- Viele von euch wissen, dass es an einem geeigneten Lager fehlt und seit Monaten in der ungeheizten Garage des Pfarrhauses gepackt wird.  Und die, die dort mindestens zweimal die Woche mit klammen Fingern und kalten Füßen die gespendete Kleidung sortieren, brauchen schon das Vertrauen, dass sich hier  -hoffentlich bald – was bewegen wird.     

- Auch die Organisation der Altpapiersammlung stellt euch vor immer neue Probleme. Die Durchführung ist kein Zuckerschlecken für die Helfer, die sich für das Einsammeln des Papiers und Beladen der Lkws zur Verfügung stellen. Aber die Einnahmen daraus sind unverzichtbar, weil sie die Grundlage für die Finanzierung der Transporte sind.

- Der Beitritt Rumäniens in die EU ist auf lange Sicht gesehen positiv für die Menschen dort. Aber jetzt bedeutet dies seit Beginn vorigen Jahres erst einmal, dass überall die Preise explodieren, weil sie denen der anderen europäischen Länder angeglichen werden. Und so kostet ein Transport nach Rumänien gleich um die Hälfte mehr als vorher. Und da auch die Lebensmittelpreise vor Ort sich verdoppelt haben, trifft es -wie so oft -die Ärmsten zuerst. Schwester Fedele berichtet, dass die Zahl derer, die in der Armenküche um eine Mahlzeit anstehen, ständig zunimmt. Neue Anstrengungen sind gefordert, um auf diese Veränderungen zu regieren.

Es ist entscheidend, nicht zu verzagen und mit viel Gottvertrauen an die anstehenden Aufgaben heranzugehen und Steine aus dem Weg zu räumen.
 
Eine weitere Parallele zum Evangelium: Auch Ihr, die Mitglieder des Missionskreises kennt den Unterschied, theoretisch zu wissen, dass in Piatra Neamt Hilfe nötig ist und dem Erleben des Elends vor Ort. Und auch ihr seit oft betroffen und erschüttert, über das, was ihr bei euren Besuchen dort an Not erlebt. Aber nur so könnt ihr euch selbst ein Bild von der Lage dort machen und konkret die Hilfe organisieren, die benötigt wird.
Aber auch Besuch aus Rumänien war schon mehrfach hier in Süsterseel. Und so geht es um mehr als nur um materielle Hilfe. Da finden jeweils persönliche Begegnungen statt, man lernt sich kennen und schätzen. Es geht nicht nur darum, irgendwie zu helfen, sondern es geht konkret um Menschen, denen ihr mit Achtung und Interesse geschwisterlich begegnet. Nicht zufällig habt ihr eine Partnerschaft mit der katholischen Pfarrgemeinde St. Tereza in Piatra Neamt begründet.

Lazarus musste selber aus dem Grab heraustreten. Und auch in Rumänien müssen die Menschen sich jetzt selber neu auf den Weg machen. Der Beitritt in die EU bringt langfristig viel Gutes für sie. Aber auf dem Weg dorthin sie brauchen Hilfe beim Lösen ihrer Binden:  sozusagen Entwicklungshilfe. Neben der Soforthilfe mit den täglichen Mahlzeiten der Armenküche, der Finanzierung von Kinderoperationen und den Weihnachtspäckchen benötigen die Menschen in Piatra Neamt dringender denn je Hilfe zur Selbsthilfe. So wie es euer Projekt mit der Ausbildung der Näherinnen leistet. Nach Abschluss der kostenlosen Ausbildung und mit der eigenen Nähmaschine können die Frauen sich selbst den Lebensunterhalt verdienen. Im Mutter-Kind Projekt geht es um konkrete Lebenshilfe für die Zukunft junger Mütter und ihrer Kinder. Und auch die Übernahme von Patenschaften für Kinder hilfsbedürftiger Familien eröffnet  diesen eine lebenswertere Zukunft durch die Finanzierung einer schulischen Ausbildung. 

Das ist ein Lösen von Binden, damit der andere frei wird. Ich glaube, dass diese Hilfe in einem Land, das sich neu auf den Weg macht, immer wichtiger werden wird. Das wird auch eure Arbeit mit und mit verändern. Aber ihr habt immer ein gutes Gespür gehabt für das, was dran ist und daher gehe ich fest davon aus, dass ihr auch in Zukunft erkennen werdet, was nötig ist. 

Ein Zitat eines bekannten Theologen2 lautet: „Jesus will keine Bewunderer, er braucht Nachfolger.“ Er braucht Menschen, die, wie er, das Leid der anderen sehen, sich davon anrühren lassen und dann handeln.  Er braucht euch.

Zu dieser Form der Nachfolge möchte ich euch weiter Mut machen. Ihr blickt auf  zehn Jahre zurück in denen ihr vieles erreicht habt. Aus einem kleinen Anfang ist ein Kreis von über 100 aktiven Mitgliedern gewachsen. Und die Zahl derer, die euch mit Sach- und Geldspenden unterstützen wächst weiter an. Zwar stammt die Mehrzahl aus Süsterseel, aber zunehmen kommen viele Spender und Förderer

Auch aus den anderen Orten unseres Pfarrverbandes, und dazu aus Gangelt, Waldfeucht, Heinsberg, Geilenkirchen und den Niederlanden. Dies rührt nicht zuletzt daher, dass ihr immer schon über den „eigenen Kirchturm“ hinausgedacht habt.

Und- auch das ist mir aufgefallen seitdem ich euch begleite: Ihr seid untereinander wie Geschwister, wie Maria und Martha. Ihr unterstützt euch auch gegenseitig, arbeitet zusammen und feiert auch gemeinsam, kennt eure Stärken und Schwächen. Und wenn es Meinungsverschiedenheiten gibt, dann wird auch hier gemeinsam nach Lösungen gesucht. Das ist wichtig und ich denke, dass gerade der Vorstand diese Geschwisterlichkeit gut im Blick hat und fördert.

Dass ihr heute hier, wie in jedem Jahr, den Jahrestag mit einem Gottesdienst feiert , zeigt, dass euch das Gebet wichtig ist, dass euch dran liegt, Gott zu danken für das, was gelingen konnte und ihn um seine Kraft für den weiteren Weg zu bitten. 

Ich wünsche euch weiterhin Gottvertrauen, Initiative und den Mut, neue Wege zu gehen. Und in allem eurem Tun auch künftig Gottes Segen.

Auch für die Zukunft gilt: Bindet sie los und lasst sie gehen.

 

1 In unserem Pfarrverband ist diese persönlichere Anrede weit aus öfter üblich, als in anderen Regionen Deutschlands. Die direkte Nachbarschaft zu den Niederlanden und die jahrelange Zugehörigkeit des Selfkants zu den Niederlanden brachte diese umgänglichere Form der Anrede mit sich. Parallel zum hiesigen Dialekt, dem „Selfkänter Platt“ wird diese Form im Selfkant auch im Hochdeutschen unter Gleichgesinnten gewählt und schafft Verbundenheit. Ein Siezen dagegen würde als Distanzierung aufgefasst. Da ich den Missionskreis seit Jahren begleite und eine intensive Zusammenarbeit daraus gewachsen ist, wählte ich für die Ansprache die persönlichere Anrede, auch wenn ich nicht jeden persönlich kenne.

2 Zitat: Sören Kierkegaard