Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 11,1 ff

Prof. Dr. jur. Dietrich Blaese (rk)

09.04.2011 in der Kirche St. Anna in Mönchengladbach-Windberg

Wort-Gottes-Feier

Liebe Gemeinde,

Einleitung

„Ich verstehe dich nicht – ich kann dich einfach nicht verstehen!“
Ein Satz, den alle schon einmal gehört haben, den alle schon einmal gesagt haben. Ein Satz, der ausdrückt, wie schwierig die Kommunikation miteinander ist,
wie grundsätzlich das Sichnichtverstehen ist.
Die gewohnten Bilder, die ich von meinem Gesprächspartner habe, sehen auf einmal ganz anders aus, fast fremd. An einem mir vertrauten Menschen sehe ich etwas, was ich bisher nicht gesehen habe, Abgründe und Höhenflüge, Kanten und Ecken.
Und ich ahne: Da ist ein Mensch er selbst, er ist nicht für mich verfügbar.
Und das muss ich an dem anderen akzeptieren.

Jesus kommt nicht

Lazarus, der Freund des Jesus ist krank, auf den Tod erkrankt. Die Schwestern des Lazarus schicken zu Jesus, komm und hilf. Aber Jesus kommt nicht. Er wartet ab, und erst als Lazarus tot ist, geht Jesus nach Bethanien.

Das sind wir so von Jesus nicht gewohnt. Wir kennen ihn von der Seite, die uns Menschen zugewandt ist. Wie oft hat er Menschen geheilt, Blinden den Blick auf das Leben zugänglich gemacht, den Lahmen ermöglicht, auf eigenen Beinen durchs Leben zu gehen, Tote in dieses Leben zurückgeholt. Aber jetzt verweigert sich Jesus.

Ich glaube nicht, dass Johannes im heutigen Evangelium eine Begebenheit schildert, die sich in Raum und Zeit so zugetragen hat. Johannes hat sein Evangelium unter einem theologischen Gesichtspunkt konzipiert, und hier hat er ein theologisches Lehrstück geschrieben. Aber was will er damit sagen?

Johannes zeigt Jesus nicht nur als vorösterlichen Jesus, den wir als Freund der Menschen kennen. Gewiss zeigt Johannes auch das, z.B. wenn Jesus am Grab des Lazarus weint. Dann ist er uns wieder vertraut, dann verstehen wir ihn. - Johannes zeigt Jesus auch als den nachösterlichen Jesus, den Christus, den Messias, den Sohn Gottes. Dann ist Jesus ganz er selbst, dann ist er für uns nicht verfügbar.

So war es schon im ersten Wunderbericht des Johannes, in der Hochzeit zu Kana.
Maria sagt zu Jesus: „Sie haben keinen Wein mehr“. Und er antwortet: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau, meine Stunde ist noch nicht gekommen“. Eine schroffe Abfuhr. Und so ist es im letzten Wunderbericht des Johannes, in der Geschichte von der Auferweckung des Lazarus. Die Schwestern rufen nach Jesus – aber er kommt nicht.

Man wird Jesus nicht gerecht, wenn man meint sagen zu können, komm und mach. Jesus erfüllt nicht die Wünsche der Menschen, sondern den Willen Gottes. Das tut er bis zu seinem letzten Atemzug und dann sagt er bei Johannes: “Es ist vollbracht“.
Das sind die Situationen, in denen Jesus uns fremd ist, in denen wir ihn nicht verstehen. Aber er fragt Martha ja auch nicht: Verstehst du das, sondern: Glaubst du das?

Ich bin die Auferstehung und das Leben

Im Alten Testament erfährt Moses in der Wüste den Namen Gottes: Jahwe. Ich bin, der ich bin. Bei Johannes sagt Jesus, wer er ist: Siebenmal sagt er „Ich bin…“
In diesem Evangelium sagt er das Endgültige: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“.

Martha wiederholt die offizielle Lehre der Pharisäer: „Ich weiß, dass Lazarus auferstehen wird bei der Auferstehung am letzten Tag“. Das ist die aufgeschobene Auferstehung und das ist das aufgeschobene Leben.  Das ist die Vertröstung auf morgen und übermorgen.

Jesus aber spendet das Leben jetzt: So wie ich hier präsent bin – so sagt er – so bin ich die Auferstehung jetzt und das Leben jetzt. Wer an mich glaubt – und das heißt: wer mir nachfolgt – der erfährt das richtige Leben jetzt. Das was neu ist im Leben, was nicht immer nur ein Kreislauf ist, was nicht immer nur zum Tode führt, das kann jetzt beginnen.

Ich weiß nicht, ob es ein ewiges Leben nach dem Tode gibt und wie es denn aussehen soll. Das weiß niemand, das entzieht sich dem Verstand. Wir können es glauben, das heißt, wir können darauf vertrauen, darauf hoffen, es tief im Innern wünschen. Aber ich bin mir ganz sicher, dass es hier auf Erden ein richtiges Leben gibt, ein Leben nach dem Vorbild des Jesus von Nazareth, das geprägt ist vom Vertrauen auf Gott, von der mitfühlenden Liebe zu anderen Menschen, von Versöhnungsbereitschaft und von einer leidenschaftlichen Freude über all das Schöne, was uns dieses Leben zu gewähren vermag.  Und dann soll Gott entscheiden, ob derjenige, der so gelebt hat, in ein mögliches ewiges Leben nach dem Tode gerufen wird.


Jesus als Mensch und als Gottes Sohn

Der vorösterliche Jesus begegnet uns als Mensch. Gäbe es Tod und Auferstehung
Jesu nicht, dann wäre er ein großer Freund der Menschen, ein überragender Lehrer und Prophet.

Der Christus, der gestorben und von Gott zum Leben erweckt ist, begegnet uns als
Gottes Sohn. Wäre er nur das, dann wäre er der letzte der antiken Götter, ein Fruchtbarkeitsgott, der stirbt und im Frühjahr mit der Natur zu neuem Leben erwacht.

Aber beides gehört zusammen, Jesus als Mensch und als Gottes Sohn, und das macht seine Einzigartigkeit aus. Ohne ein irdisches Leben gibt es keine Auferstehung.

Schon hier auf der Erde erfüllt Gott das Versprechen, dass er dem Propheten Ezechiel gegeben hat: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Amen.