Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 11,25f

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

03.04.2010 in der Stadtkirche zu Kaiserswerth

Osternacht

Sieben Leben möchte ich haben:

Eins dem Geiste ganz ergeben,

So dem Zeichen, so der Schrift.

Eins den Wäldern, den Gestirnen

Angelobt, dem großen Schweigen.

Nackt am Meer zu liegen eines,

Jetzt im weißen Schaum der Wellen,

Jetzt im Sand, im Dünengrase.

Eins für Mozart, für die milden,

Für die wilden Spiele eines.

Und für alles Erdenherzleid

Eines ganz, und ich, ich habe –

Sieben Leben möchte ich haben! –

Hab ein einzig’ Leben nur.

 

Das Gedicht von Albrecht Goes[1], liebe Gemeinde, hat mich tief getroffen. Seit ich es entdeckt habe, hängt es an der Pinnwand über meinem Schreibtisch.

Es spricht mir einfach aus der Seele, wenn es da heißt: »Sieben Leben möchte ich haben! – Doch hab ein einzig Leben nur.«

Wenn im unbeschwerten Lachen unserer Kinder die Lebensfreude mit Händen zu greifen ist…

Wenn in den Augen meiner Frau die Liebe aufblitzt, die mich hält und die mich trägt…

Wenn im Blick in den Nachthimmel die Erhabenheit der Schöpfung einen Schauder über meinen Rücken jagt…

Wenn beim Streifen durch die Bibliothek offenbar wird, was es alles noch zu lesen und zu lernen gibt…

Wenn im Licht der aufgehenden Sonne die unbegrenzten Möglichkeiten des Lebens vor mir aufleuchten, die jeder neue Tag mit sich bringt…

…dann erlebe ich größtes Glück und zugleich tiefsten Schmerz, weil mir klar wird, wie wenig Zeit ich habe, das auszukosten, was die Fülle des Lebens bietet.

Ja, sieben Leben möchte ich haben, oder besser siebenmal siebzig gleich. Doch ich hab – wie wir alle – »hab ein einzig’ Leben nur«.

Und dieses eine Leben, liebe Gemeinde, ist vergänglich; es ist zerbrechlich; es ist bedroht. Niemand weiß wie lange es währt. Niemand weiß, was es aushalten muss und was es aushalten wird. Niemand weiß, wann es zu Ende ist. – Wir haben nur das eine Leben: ungeheuer wertvoll und zerbrechlich zugleich.

Wer darüber nachdenkt, der bekommt es leicht mit der Angst zu tun. Einer Angst, die sich ganz unterschiedlich äußern kann:

Der eine klammert sich an das Leben, versucht es zu packen und im sicheren Griff festzuhalten, dass es ihm ja niemand aus den Händen nimmt.

Die andere wird ganz vorsichtig in und mit ihrem Leben. Lebt es ganz sparsam, teilt es sich ein. Lebt nur ein bisschen, um länger davon zu haben und bloß nichts zu vergeuden von diesem wertvollen Gut.

Ein anderer versucht es zu verbergen und damit zu beschützen. Hält Abstand von Herausforderungen und den Gefahren des Alltags. Meidet alles, was auch nur im Entferntesten gefährlich werden kann.

Eine andere behält ihr Leben ganz für sich. Weil es ist zu wertvoll, um es für andere einzusetzen. Die haben schließlich ihr eigenes Leben. Jeder lebt letztlich doch für sich allein.

Die so leben, liebe Gemeinde, die tun das aus Angst. Aus Angst um ihr Leben, das so wertvoll und so zerbrechlich ist. Aus Angst vor dem Tod.

Doch die so leben, liebe Gemeinde, die gefährden damit ausgerechnet das, was sie so verzweifelt zu schützen versuchen. Die so leben, die bringen ihr Leben in Gefahr!

„Denn es gibt einen Tod vor dem Leben. Er ist das zurückgehaltene, das nichtgelebte, nichteingesetzte Leben“[2], das überhaupt niemals wirklich lebendig war.

»Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren«, sagt Jesus, und stößt uns damit auf das schmerzhafte Geheimnis menschlichen Lebens:

Weil wir um unsere Vergänglichkeit wissen, halten wir unsere Leben zurück, aus Angst es zu verlieren, und werden so gar nicht erst wirklich lebendig.

Wirklich lebendig werden wir Menschen erst, wenn wir unser Leben  vorbehaltlos leben, wenn wir es der Vergänglichkeit aussetzen und es für uns und andere einsetzen.

Denn auch das sagt Jesus: »Wer sein Leben verliert um meinetwillen (…), der wird's erhalten.«

Und das sagt er nicht nur, sondern er zeigt es uns, macht es uns vor mit seinem eigenen Leben:

Jesu Leben war voller Lebendigkeit, mehr als in ein Leben passt. Und er hat es nicht zurückgehalten oder geschont. Ganz im Gegenteil: Er hat sein Leben vorbehaltlos gelebt:

Er hat alles bejaht, was zum Leben gehört: Freude und Glück ebenso wie den Trauer und Schmerz. Hoffnung und Gewissheit genauso wie Zweifel und Angst.

Und er hat das Leben gewagt:

Hat die bedingungslose Liebe gewagt, die verletzlich macht. Weil sie vom anderen immer nur das Gute erwartet. Weil sie sich fallen lässt, einzig im Vertrauen darauf gehalten zu werden.

Jesus hat den unerschrockenen Mut gewagt, der wirklich gefährlich sein kann. Weil er nicht schweigen kann, wenn das Unrecht zum Himmel schreit. Weil er sich ganz und gar aufs Spiel setzt mit seinem Leben, weil manchmal nur so Veränderung möglich wird.

Vorbehaltlos hat er gelebt, geliebt, gehofft, geglaubt. Ein endliches Leben, so einmalig wertvoll und zerbrechlich, wie unser aller Leben auch.

Darin liegt für mich die Faszination, die von Jesu Leben ausgeht. Und ich frage mich, liebe Gemeinde: Woher kommen der Mut, die Zuversicht und die Kraft, um so zu leben?

Ich denke, er konnte das, weil er wusste, dass nicht der Tod das letzte Wort hat über uns und unser Leben, sondern der, der den Himmel und die Erde gemacht hat. Der, der den Bund und die Treue hält ewiglich. Der, der nicht preisgibt das Werk seiner Hände, uns Menschenkinder.

Deshalb, denke ich, konnte er so leben, so voll und ganz lebendig, und sein Leben einsetzten für andere.

Deshalb, denke ich, konnte Jesus auch getröstet sterben. Und sein Tod ist für uns noch ermutigende, als es sein Leben war!

Denn Gott hat ihn auferweckt am dritten Tag. Damit sein Leben, sein Tod und seine Auferstehung uns deutlich machen, dass wahr ist, was Jesus von sich selbst gesagt hat:

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. (Joh 11,25f)

In diesen Worten, liebe Gemeinde, liegt die zentrale Botschaft der Osternacht: Die wir an den Auferstandenen glauben, werden leben, auch wenn wir sterben.

Und mehr noch: Wenn wir im Geist und in der Kraft der Auferstehung leben, dann werden wir so lebendig, dass wir schon hier mitten in unserem vergänglichen Leben, ewiges Leben erfahren.

Wo immer Jesus für uns, mit uns und „in uns lebendig wird, (da) beginnt schon Dauer ohne Vergehen, wird Ewigkeit im Augenblick erfahren. Menschliches Leben wird dann so intensiv lebendig, dass der Tod verschwindet“[3].

Das aber, liebe Gemeinde, passiert gerade da, wo wir unser eines, einziges Leben im Licht der Auferstehung Jesu so vorbehaltlos leben, als hätten wir sieben.

Amen.


[1] A. Goes u. A. Felger: Lebensspur. Gedichte und Holzschnitte. Mit einer Rede über Andreas Felger von Albrecht Goes, hg.v. O. Kohler, Gnadenthal, 2007, 61.

[2] J. Moltmann: Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre. München, 1985, 272.

[3] A.a.O., 272f.