Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,14-18

Pfarrer Detlef Häusler (ev)

06.01.2011 in der evangelischen Versöhnungskirche in Stuttgart-Büsnau

Erscheinungsfest

Waren Sie schon einmal in einer Oper, in einer Operette oder einem Musical? Fall ja, dann kennen Sie wahrscheinlich jenen Moment, in dem das Licht im Saal langsam ausgeht, die Zuschauer ein vielleicht letztes Mal hüsteln. Dann: Stille. Und noch bevor der Vorhang aufgeht, hebt der Dirigent den Taktstock und die Ouvertüre beginnt.

Die „Ouvertüre“ – zu deutsch: Eröffnung – ist ein Musikstück, das die Zuschauer auf das Kommende einstimmen will, eine Vorahnung auf das, was sie erwarten wird. Und so sind in den Ouvertüren meist viele Melodien der Oper oder des Musicals schon eingearbeitet. Sie klingen an. Noch nicht vollständig und ausführlich, aber ahnungsweise.
Wer die Oper oder das Musical bereits kennt, wird jede Andeutung heraushören und die Ouvertüre in ihrer ganzen Kunstfertigkeit schätzen und genießen können. Wer das Stück nicht kennt und zum ersten Mal hört, ist vielleicht von seiner Schönheit angetan, wird die vielen Andeutungen und Hinweise aber noch nicht begreifen können. Erst wenn man das gesamte Kunstwerk gut kennt und versteht, eröffnet sich einem die eröffnende Ouvertüre.

Genau so ist es bei den ersten Sätzen des Johannesevangeliums, dem sogenannten „Johannes-Prolog“. Er ist – obwohl er „Prolog“, also: „Vorwort“ genannt wird – kein echtes Vorwort wie es etwa im Lukas¬evangelium der Fall ist. Lukas berichtet nämlich zu Beginn seines Evangeliums, warum und wie er es geschrieben hat. Die ersten Sätze des Johannesevangeliums sind auch keine schnell informierende Zusammenfassung des Folgenden, wie man es zum Beispiel bei den Artikeln einer wissenschaftlichen Zeitschrift finden kann.
Der Johannesprolog ist eine Ouvertüre. Er verarbeitet kunstvoll die Themen, die im Evangelium anklingen werden und bringt sie in ganz dichten, ausgefeilten Worten zur Sprache – in Worten, die so sehr mit Gedanken des Evangelisten gefüllt sind, dass wir sie, von unserer Alltagssprache herkommend, nicht wirklich verstehen können.
Wir müssen uns hineinnehmen lassen in seine Gedanken- und Sprachwelt, müssen loslassen, was wir mit den Worten verbinden, und versuchen zu hören, was er mit den Worten uns sagen will. Hören wir also auf die letzten Verse des Johannes-Prologs:  Lesung Johannes 1, 14-18

„Das Wort ward Fleisch“ – in diesen unter Umständen vertraut klingenden, in Wahrheit aber schwer zugänglichen vier Worten ist die ganze Weihnachtsbotschaft zusammengefasst.
Heute morgen möchte ich gerne im Bereich der Musik bleiben und mit ihrer Hilfe diese vier Worte in unserer Zeit neu sagen:

In der Musik gibt es Stücke, in denen nicht nur eine Melodie erklingt, die dann halt irgendwie begleitet wird. Es gibt Stücke, in denen einer Melodie eine zweite, selbstständige Melodie zur Seite gestellt ist. Jede Melodie für sich genommen mag sich ganz schön anhören. Aber erst das Miteinander, das Gegeneinander und Ineinander der zwei Stimmen bringt den vollen Klang und die ganze Schönheit der Musik zu Gehör.
So ist es auch mit Weihnachten.
Die eine Melodie von Weihnachten geht so: In Bethlehem wird ein Kind geboren. Jesus von Nazareth, unser Bruder. Menschen von weit her ahnen schon im kleinen Kind den Großen, der er werden sollte. Er vollbringt erstaunliche Taten; spricht Worte der Weisheit. Er leidet unter den Schuldverstrickungen dieser Welt; wird von den Mächtigen getötet. Aber sein Lebenswerk geht weiter.
Jesus von Nazareth. Wahrer Mensch. Mitmensch. Großes Vorbild.

Das ist die eine Weihnachtsmelodie. Aber eben nur: die eine. Wird nur sie gehört, die Melodie vom Menschen Jesus, dann mag es sich zwar schön anhören, aber es ist noch nicht das Ganze!
Es ist gerade so, als würden wir vom berühmten „Schübler-Choral“ Johann Sebastian Bachs nur die eine Stimme hören:

[Die Organistin spielt den cantus firmus des Chorals an.]

Da fehlt noch was! Neben der Melodie vom Menschen Jesus gibt es noch eine andere, die zweite Weihnachtsmelodie. Und die geht so:
Unsere Welt ist nicht das Ergebnis eines blinden kosmischen Zufalls, sich selbst überlassen und allein in der dunklen Kälte des Universums. Die Welt ist aus Gott entsprungen. Und täglich noch verströmt Er sich in sie. Die Welt ist Gottes geliebte Schöpfung – oft genug allerdings unempfänglich für Seine Wirklichkeit und so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie Ihn ganz aus ihrem Blick verliert. Und mit Ihm verliert die Welt das Leben in seiner ganzen Fülle – das Leben jenseits von Erfolg und Effizienz, das Leben jenseits von Genuss und Gesundheit.
Wo Gott aus dem Blick kommt, besteht die Gefahr, dass sich Dynamiken entwickeln, die für die Welt als ganze schädlich sind. (Und das können wir gegenwärtig ja auch erleben!)

Aber Gott nimmt das nicht hin, will unsern Blick für Ihn öffnen, unsere Aufmerksamkeit zu Ihm hin lenken. Und so erscheint Er in der Geschichte der Welt.
Im Leben eines sterblichen Menschen leuchtet das Licht des ewigen Gottes auf. Jesus Christus. Wahrer Gott. Erfahrung des Ewigen im Jetzt.

Das ist die zweite Weihnachtsmelodie. Aber auch sie ist noch nicht alles. Wird nur sie gehört, die Melodie vom göttlichen Christus, dann mag auch das schön klingen, aber es ist nicht das Ganze!
Es ist gerade so, als würden wir vom „Schübler-Choral“ nur die andere Stimme hören:

[Die Organistin spielt die Begleitstimme des Chorals an.]

Das Wort – Christus, von Ewigkeit her: Gott – ward Fleisch – das Leben des Menschen Jesus von Nazareth. Erst beides zusammen, gleichberechtigt nebeneinander und ineinander, ergibt das Ganze der Weihnachtsbotschaft. Erst beides zusammen: „wahrer Gott und wahrer Mensch“ ergibt den vollen Klang des Evangeliums.

[Die Organistin spielt einige Takte des Schübler-Chorals.]

Wo nur der Mensch Jesus von Nazareth im Blick ist, dort wird aus dem Glauben schnell ein ethisches Regelwerk, Verhaltensvorschriften für Gutmenschen, eine Bewegung zur Verwirklichung schöner Utopien.
Wer nur den Menschen Jesus sieht, unterwirft sein Leben dem Diktat hehrer, heiliger Ansprüche. Selbst die Liebe kann zu einem Damoklesschwert werden, das drohend über dem eigenen Leben hängt, weil wir immer hinter dem Anspruch der Liebe zurückbleiben werden. Es ginge immer noch mehr!

Wo andererseits nur der Christus, der Sohn Gottes gesehen wird, dort wird aus dem Glauben schnell ein lebensfernes Gedankengebäude oder alltagsuntaugliches Gefühlsgekuschel.
Wer nur Christus, den Gott von Ewigkeit her, betrachtet, führt seinen Glauben in die Bedeutungslosigkeit.
Die Schöpfung der Welt ist keine bedeutungslose Nebensächlichkeit. Die Schöpfung ist der Raum, in dem Gott sich ausdrückt. Die Welt ist die Weise, in der Gott Gestalt gewinnt. Wie könnte da das Leben, das Irdische und Geschichtliche übersehen werden dürfen?!

Der Evangelist Johannes – fast möchte ich sagen: – „kämpft“ mit seinem Evangelium dafür, dass Gott und Welt nicht auseinandergerissen werden. Er kämpft dafür, dass Gott und Welt nicht nur zum Schein aufeinander bezogen werden, in Wahrheit aber völlig unberührt voneinander bleiben.
Christus ist kein Gott in Menschengestalt; keine menschliche Hülle, die wie eine Marionette von einem göttlichen Geist gelenkt würde. In Jesus tut Gott nicht so, „als ob“ Er sich auf die Welt einließe. In all diesen Vorstellungen blieben Gott und Welt noch immer getrennt.
Das Evangelium meint etwas ganz Anderes: „Das Wort ward Fleisch!“ Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott – in lebendiger Einheit. Zwei Naturen – so formuliert es das altkirchliche Dogma –, zwei Naturen ungetrennt aber auch unvermischt in dem einen Leben.

Wenn Sie jetzt versucht sind zu sagen: Jesus von Nazareth soll wahrer Gott und wahrer Mensch gewesen sein – das geht doch gar nicht! Wie soll ich mir das vorstellen? Wie soll das gedanklich zusammengehen? – Dann möchte ich auch an dieser Stelle und ein letztes Mal auf die Musik verweisen:
Von Johann Sebastian Bach wird erzählt, dass er im Jahre 1747, im Alter von 62 Jahren, den Preußenkönig Friedrich den Großen an dessen Hof in Potsdam besuchte. Der König, selbst musikalisch begabt, dachte sich eine kurze Melodie aus und bat den berühmten Komponisten, aus dieser Melodie – aus dem Stegreif heraus! – eine Fuge zu machen, also: ein Musikstück, in dem mehrere Stimmen gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander her laufen. Bach hat das Thema kurzerhand als Fuge mit drei Stimmen improvisiert.
Das heißt: Er war in der Lage, drei Melodielinien unabhängig voneinander und doch aufeinander bezogen gleichzeitig zu denken.
Ich wette, dass wahrscheinlich jede und jeder von uns schon überfordert wäre, sich zwei voneinander unabhängige Stimmen gleichzeitig auszudenken. Bach hat’s mit dreien geschafft. Was für mich „undenkbar“ wäre, gedanklich nicht leistbar, war für ihn kein Problem.
So will ich auch das Miteinander und Ineinander von „wahrer Mensch und wahrer Gott“, das für mich „undenkbar“ ist, getrost Gott überlassen – und einfach auf die Botschaft des Evangelisten Johannes hören, der uns erzählt, dass Gott die Welt so sehr liebt, dass er sich selbst ganz und gar auf sie einlässt.

Das meint Weihnachten. Das ist es, was in Jesus Christus erschienen ist und was wir heute am Erscheinungsfest feiern: das lebendige Ineinander und Miteinander zweier ganz unterschiedlicher Melodielinien.

Dass Gott und Welt auch in unserem Leben zusammenfinden, dazu helfe uns Christus, Gottes Sohn, unser Bruder.
Amen.

Die Organistin spielt den sog. „Schübler-Choral“ zu „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (bzw. „Zion hört die Wächter singen“).