Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 12,20-26

Diplom Theologe Ingolf Berber

im Kneipengottesdienst in Greifswald, Jazzkeller "Roxy"

"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht."

Allein bleiben! Wer will schon allein bleiben auf Dauer? - lch jedenfalls nicht! - Aber sterben? - Wer will das?
Wieder einmal drastische Worte, die Jesus spricht! Über das Leben und darüber, dass das Sterben "Frucht bringen" soll! Wie soll man das verstehen? Jesu Botschaft eine Ausrichtung aufs Sterben?
Jenseitsdenken? Todeskult? - Mitnichten! Natürlich ruft Jesus nicht zum allgemeinen Sterben auf! Seine Botschaft ist das Leben - das Leben in Liebe zum Nächsten!

Und so fiel mir beim Nachdenken über diesen Text das Beispiel einer ganz normalen Partnerschaft zwischen zwei Menschen ein. Treffen sich also Mann und Frau, Mann und Mann oder Frau und Frau, verlieben sich ineinander und wollen zusammenleben, muss in den meisten Fällen jeder ein Stück von sich aufgeben, manchmal stellt man in einem solchen Fall sogar fest, dass man auf der Suche nach dem "idealen" Partner bisher auf dem völlig falschen Weg war! Man muss sich umorientieren, sich und sein Leben neu ordnen. Diesem Prozess fallen dann bestimmte Gewohnheiten, Pläne und Verhaltensweisen zum Opfer! Ein Teil von uns, von unserem bisherigen Leben stirbt buchstäblich. Es muss sterben, wenn wir uns auf etwas Neues, etwas Anderes einlassen wollen. Die Sicherheit dessen, was wir kennen und in dem wir uns eingerichtet haben, müssen wir verlassen. Nur so kann sich unser Dasein weiterentwickeln, wir uns erneuern und unsere Welt in neuem Licht erstrahlen: Wer kennt nicht das Gefühl des Verliebtseins, wenn die Welt um einen herum nur so zu strahlen scheint! So kann das Leben "Frucht bringen"! - Um den Preis des wenigstens teilweisen eigenen Sterbens.

"Wer sein Leben liebt, wird es verlieren; und wer sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zum ewigen Leben bewahren."

Wer nur sich selbst sieht, wird einsam! Er verliert den Sinn des Lebens aus den Augen, hängt oft unrealistischen Vorstellungen an, anstatt zu sehen und zu tun, was für ihn machbar ist, ihm Glück, Erfüllung und Liebe bringen kann. Nur wer sein "Ego", seine Selbstvergötterung aufgibt, kann sich auf anderes, wichtigeres und höheres als sich selbst einlassen, ist zur Liebe fähig!

In diesem Zusammenhang ist wieder Jesus ein gutes Beispiel! Er weiß um Gott! Das ist schön für ihn und so könnte er mit dieser Erkenntnis im stillen Kämmerlein glücklich sein bis ans Ende seiner Tage. Er könnte sich sagen: "Gott hat sich mir offenbart. Super! Jetzt weiß ich, dass es ihn gibt. Er hat mir das Rätsel gelöst, das so viele Menschen vor mir beschäftigt hat! Echt klasse! - Nun bin ich zufrieden und brauche mir keine Sorgen mehr zu machen! Mir geht's gut!

Aber was macht er wirklich? Die Erkenntnis Gottes versetzt ihn nicht etwa in Ruhe und Zufriedenheit! - Nein! Diese Erkenntnis treibt ihn an, sich mitzuteilen. Er fängt an zu predigen. Er will dieses Glück buchstäblich mit anderen teilen! Er geht hinaus und gibt sich und seine Botschaft preis! Er gibt seine Sicherheit auf, stürzt sich ins Risiko, nimmt sogar Ablehnung, Verrat und Tod in Kauf - allein für die Liebe zu Gott und zu den Menschen! Soviel ist ihm diese Liebe wert, dass er ganz und gar darin aufgeht. Das ist ein Beispiel für Liebe im höchsten Maße! Eine Liebe, die ihn befähigt, sein ganzes bisheriges Leben über Bord zu werfen!

Und was sagt er uns?
"Wenn mir jemand dient, so folge er mir; und wo ich bin, da wird auch mein Diener sein. Wenn mir jemand dient, so wird der Vater ihn ehren."

Und das funktioniert! Ich sehe das an meiner Situation! Ich als Diener, als einer, der sich um die Nachfolge bemüht! Was war ich denn vor gut ein einhalb Jahren? Einer der auch nur sich selbst sah und sein Elend betrauerte, ohne wirklich Initiative zu entwickeln, das zu ändern, Einer der auch sinnlosen egoistischen Träumen und Vorstellungen nach - und am Leben vorbeilief! Einer der kurzzeitige Befriedigung in Suff und Weibergeschichten suchte, unzufrieden war und seine Talente wegwarf! Aber Gott fand mich! Auch mir offenbarte er sich, zeigte mir meinen Platz, meine Aufgabe - und da konnte ich nicht mehr anders! - Ich musste predigen, wollte andere teilhaben lassen! Ich ging das Risiko ein und stellte mich in die Öffentlichkeit! Und je mehr ich von mir preisgab, desto mehr kam zurück! Ich spürte wieder Anerkennung, Erfüllung und schließlich Liebe! Liebe die ich geben konnte und die mir entgegengebracht wurde.

Und vieles, was mir vorher unerlässlich wichtig erschien erstarb und ich vermisse es nicht. Nicht den höchstmöglichen Coolnessfaktor, nicht die brutalst mögliche Unnahbarkeit und vieles mehr.
Es geht also - oh, Wunder! Und so ist mir klargeworden: Echten Gewinn im Leben gibt es nur durch die Aufgabe vermeintlicher Sicherheiten - durch das Loslassen alter, überlebter Gewohnheiten! Leben ist Risiko, Liebe ist Risiko - aber was wäre unser Dasein ohne Liebe, die das wirkliche Leben erst ermöglicht, es fruchtbar für uns macht? Bewegen wir uns also aufeinander zu und miteinander fort, denn wer sich nicht bewegt, kommt auch nicht vorwärts und wird so weder sich selbst, noch anderen und schon gar nicht Gott gerecht!


 


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