Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,35-42

Melanie Berten

in Thalwil

I. Einleitung: Thema „Ökumene“

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn
Morgen wird es genau ein Jahr her sein, dass Ihre damalige Pfarrerin Ulrike Müller bei uns Katholiken zu Gast war. Sie hat über den Bibeltext gepredigt, der damals bei uns an der Reihe war. Genau denselben Abschnitt aus dem Johannesevangelium schlägt die reformierte Leseordnung für den heutigen Sonntag vor - ich habe ihn eben vorgelesen. Ist das nicht ein schönes Bild der Ökumene: Wir ergänzen uns gegenseitig, und doch wahrt jede Seite ihre Tradition?!
Auch der Text selbst ist ökumenisch brisant, denn er lässt bereits am Anfang des Wirkens Jesu die Sonder-rolle des Simon Petrus anklingen, auf die sich die (katholischen) Päpste bis heute berufen.
So lag es für mich schnell nahe, das Miteinander der christlichen Konfessionen, die Ökumene, zum Inhalt meiner Predigt zu machen.

II. Der Lieblingsjünger und Petrus im JohEv

Es gibt im Johannesevangelium zwei Jünger, die geradezu beispielhaft für das stehen, was man als „typisch reformiert“ und „typisch katholisch“ bezeichnen könnte. Der eine ist, wie gesagt, Petrus, der andere der sogenannte „Lieblingsjünger“. Der Lieblingsjünger hat von allen die engste und unmittelbarste Beziehung zu Jesus. Gleichzeitig wird er nie mit Namen genannt. Das heisst: Er ist praktisch austauschbar. Jeder und jede kann an seine Stelle treten, kann Lieblingsjünger oder Lieblingsjüngerin sein. Damit steht diese Figur für die reformierte - oder allgemeiner: die evangelische - Betonung der unmittelbaren Beziehung jedes und jeder Einzelnen zu Gott.
Petrus dagegen steht für die katholische Betonung des Amts. Angefangen von den Diakonen und Priestern über die Bischöfe bis hin zum Papst hat das hierarchische Amt bei uns Katholiken eine Aufgabe der Vermittlung zwischen den Gläubigen und Gott.
Der Lieblingsjünger repräsentiert die evangelische, reformierte Auffassung, wichtig sei die unmittelbare Gottesbeziehung jedes Einzelnen. Petrus stellt die katholische Auffassung dar, es brauche Ämter, welche den Gläubigen in ihrer Gottesbeziehung vermittelnd zur Seite stehen.
Selbstverständlich sind das jedoch nur Gewichtungen. Auch wir Katholiken sollten eine persönliche Beziehung zu Jesus pflegen. Und auch Sie haben Ämter. Allein hier in Thalwil sind es neben vielen weiteren Diensten drei Pfarrer, eine Verweserin, ein Vikar und neun Kirchenpfleger und Kirchenpflegerinnen, die Ihnen helfen wollen, Ihren Glauben ins Leben umzusetzen. Doch die Schwerpunktsetzung ist auf evangelischer beziehungsweise refomierter Seite und auf katholischer Seite unterschiedlich.
So wollen wir einmal das Johannesevangelium daraufhin durchsehen, wie diese beiden „Repräsen-tanten“, der Lieblingsjünger und Petrus, die mehr evangelische und die mehr katholische Glaubens-auffassung, darin vorkommen. Wir beginnen mit dem heutigen Lesungstext:

1. Joh 1,35-42
Bei diesem stechen die Unterschiede zum Matthäus-evangelium ins Auge. Danach ist Simon Petrus der erste Jünger überhaupt (vgl. Mt 4,18). Dort fallen auch die berühmten Worte: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen (...) Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben“ (Mt 16,18-19). In zwei Meter hohen Buchstaben wurden diese Worte in die Kuppel des Petersdoms in Rom eingeschrieben.
Im Johannesevangelium wird Petrus dagegen erst als dritter Jünger berufen, und das nicht einmal direkt von Jesus, sondern er wird von seinem Bruder Andreas zu diesem hingeführt. Er spielt anfangs auch keine besondere Rolle; Natanael, der kurz nach ihm zu Jesus findet, wird stärker hervorgehoben.
Auffällig ist dagegen, dass der allererste Jünger im Johannesevangelium gar nicht mit Namen genannt wird. Ob das wohl bereits der Jünger ist, dessen Name im gesamten Evangelium ungenannt bleibt: der, „den Jesus liebte“ (vgl. Joh 13,23), der „Lieblingsjünger“? Jedenfalls ist auch das eine Figur, mit der sich jeder Christ, jede Christin identifizieren kann. Jeder kann, wie dieser Jünger, Jesus nachfolgen, kann von ihm angesprochen werden, kann bei ihm bleiben - wie es dieser Jünger tat (vgl. Joh 1,35-39).
Das Johannevangelium beginnt, wenn man so will, sehr „evangelisch“: Entgegen dem Matthäus-evangelium reiht es Petrus in die Schar der anderen Jünger ein, betont ihre Gleichheit und bietet mit dem nicht benannten ersten Jünger ein Vorbild der unmittelbaren Beziehung zu Jesus für jeden und jede.
Und doch ist auch die katholische Sichtweise vorhanden. Denn ganz am Schluss unseres Lesungstextes sagt Jesus: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heissen. Kephas bedeutet: Fels (Petrus)“ (Joh 1,42). Die besondere Aufgabe des Petrus wird angedeutet - mehr aber nicht!

2. Joh 6,66-69
Anders sieht es bei einer Szene im sechsten Kapitel des Evangeliums aus, in der Petrus eine wichtige Rolle spielt. Vorangegangen war die sogenannte „Brotrede“ Jesu, in der er sagte: „Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch (...)“ (Joh 6,51). Nach diesen provozierenden Worten verlassen ihn viele seiner Jünger. „Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen? Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,67-69).
Hier wird ganz deutlich, was das Amt, und vor allem das Petrusamt, den Katholiken bedeutet: Es geht darum, das Bekenntnis zu Jesus, den Glauben an ihn, zu bewahren und in die jeweilige Zeit hinein zu übersetzen.

3. Joh 13,1-11
Einen Gegenpol zu dieser Szene, in der Petrus in einer schwierigen Situation den Glauben aufrecht erhält, bildet die Schilderung der Fusswaschung der Jünger durch Jesus kurz vor seiner Passion. Hier wehrt sich Petrus erst dagegen, sich von Jesus die Füsse waschen zu lassen, da dies in der damaligen Zeit ein niedriger Sklavendienst war. Doch als Jesus darauf beharrt, dies sei wichtig, um mit ihm verbunden zu bleiben, entgegnet Petrus: „Herr, dann nicht nur meine Füsse, sondern auch die Hände und das Haupt“ (V.9). Im Judentum gilt das Waschen von Gesicht, Händen und Füssen als ein besonderer Liebeserweis durch nahe Angehörige. Petrus bittet hier also darum, besonders viel Zuwendung von Jesus zu bekommen. Das aber wird ihm abgeschlagen. Allen erweist Jesus den gleichen Dienst der Fusswaschung, nicht mehr und nicht weniger.
Jesus bietet hier allen seinen Jüngern dieselbe Nähe und Liebe an, niemand wird bevorzugt, auch Petrus nicht.

4. Joh 13,21-26
Kurz darauf wird die Position des Petrus noch mehr zurechtgestutzt. Als Jesus mit den Jüngern das Abendmahl einnimmt, lässt er sie wissen, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Petrus möchte gerne wissen, wer das wohl sein mag. Er fragt aber nicht selbst, sondern gibt dem Lieblingsjünger ein Zeichen, der solle Jesus fragen. Anscheinend steht der Lieblingsjünger Jesus näher als Petrus und hat grössere Chancen, eine Antwort zu erhalten!
Wenn Petrus für das Amt steht und der Lieblingsjünger für die persönliche Nähe zu Jesus, dann erweist sich an dieser Stelle die persönliche Beziehung zu Jesus als ausschlaggebend. Der Lieblingsjünger vermittelt zwischen Jesus und dem „Amtsträger“, nicht umgekehrt!

5. Joh 13,36-38; 18,15-27; 19,25-27
Es kommt noch ärger für Petrus. Er, der sich vorher so grossartig zu Jesus bekannt hatte und der kurz vor der Passion noch Jesus gegenüber behauptet: „Mein Leben will ich für dich hingeben“ (Joh 13,37), ausgerechnet er verleugnet Jesus dreimal hinter-einander, ohne sich in unmittelbarer Gefahr zu befinden. Als Jesus am Kreuz stirbt, ist von ihm weit und breit nichts zu sehen. Jetzt, wo es darauf ankommt, versagt er jämmerlich.
Der Lieblingsjünger hingegen bleibt Jesus noch bei der Kreuzigung nahe. Ihm vertraut Jesus Maria, seine Mutter an.
Die Bilanz ist eindeutig: Im Ernstfall hat der, welcher die engste Beziehung zu Jesus hat, sich bewährt.

6. Joh 20,1-10
Beide, den Lieblingsjünger und Petrus, treffen wir am Tag der Auferstehung Jesu wieder. Maria von Magdala sieht, dass das Grab nicht mehr verschlossen ist. Sie berichtet das sofort diesen beiden Jüngern. Auch hier hat wieder der Lieblingsjünger die Nase vorn: Er ist schneller, erreicht als erster das Grab, schaut als erster hinein. Ihn scheint die Liebe zu Jesus anzutreiben, während Petrus angesichts seines Versagens allen Grund hat, zögerlich zu sein.
Aber - und das ist erstaunlich: Der Lieblingsjünger wartet nicht nur mit dem Betreten des Grabes auf Petrus, sondern lässt ihm sogar den Vortritt! Hat Petrus doch eine besondere Funktion, welche der Lieblingsjünger respektiert?
Wie auch immer: Als dann beide das Grab besichtigen, ist es wieder nur der Lieblingsjünger, der die richtigen Schlüsse zieht. Es heisst von ihm: „Er sah und glaubte“ (V.8). Petrus scheint noch nicht soweit zu sein, er hat noch nicht verstanden, dass Jesus auferstanden ist (vgl. V.9).

7. Joh 21,1-7.15-20
Als die beiden schliesslich dem Auferstandenen begegnen, ist die Rollenverteilung wieder ähnlich: Jesus zeigt sich den fischenden Jüngern am Seeufer und verhilft ihnen nach einer erfolglosen Nacht zu einem aussergewöhnlichen Fischfang. Dennoch merkt Petrus nicht, mit wem er es zu tun hat. Erst als der Lieblingsjünger ihm sagt: „Es ist der Herr!“ (V.7), erkennt Petrus Jesus.
Doch dann kommt, ganz zum Schluss des Evangeliums, die Überraschung: Ausgerechnet Petrus, der erst grosse Töne geschwungen hat und dann mit Pauken und Trompeten untergegangen ist, ausgerechnet er erhält von Jesus die Aufgabe: „Weide meine Schafe!“ (V.16-17). Der neue Name, den Jesus ihm ganz zu Beginn gegeben hatte, Petrus, der Fels, soll also doch noch eine Bedeutung bekommen. Petrus erhält eine Hirtenaufgabe, das heisst eine Leitungsfunktion gegenüber der entstehenden christlichen Gemeinde.
Hat am Ende also doch das Amt gesiegt gegenüber einer Auffassung, die mehr die persönliche Gottesbeziehung betont?
Nur auf den ersten Blick. Denn wer hatte Jesus zuerst erkannt? Der Lieblingsjünger! Der muss auch nicht von Jesus dreimal gefragt werden, ob er ihn liebe, wie Petrus. Selbstverständlich liebt er ihn! Bei Petrus ist das nicht so selbstverständlich. Schliesslich hat erst kurz zuvor dreimal seine Angst über seine Liebe gesiegt, so dass er Jesus verleugnet hat. Und nachdem Jesus Petrus seinen besonderen Auftrag erteilt hat, muss Jesus ihn nochmals extra zur Nachfolge auffordern. Unmittelbar danach wendet Petrus sich um und sieht den Lieblingsjünger - wie dieser Jesus nachfolgt. Der Lieblingsjünger braucht dazu keine Aufforderung, er war und ist mit Jesus eng verbunden.
Diese letzte Szene im Evangelium bestätigt beides: Die besondere Beziehung des Lieblingsjüngers zu Jesus, aber auch die besondere Beauftragung des Petrus.

III. Schlussfolgerungen

Liebe Brüder und Schwestern
Im Schnelldurchgang haben wir miteinander das Johannesevangelium angesehen. Sowohl Petrus als auch der Lieblingsjünger spielen in ihm eine zentrale Rolle. Petrus steht darin für die Auffassung, es müsse in der christlichen Gemeinschaft Ämter geben, die das Bekenntnis bewahren und eine Leitungsfunktion ausüben und so zwischen Jesus und seiner Gemeinde vermitteln. Dies entspricht eher dem katholischen Verständnis. Der Lieblingsjünger steht für die Betonung, dass letztlich die persönliche Liebebeziehung jedes und jeder Einzelnen zu Jesus entscheidend ist. Diese Sichtweise wird traditionell eher von evangelischer Seite vertreten.
Das Johannesevangelium möchte anscheinend das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Auffassungen wahren. Es braucht jemanden, der beauftragt ist, das Bekenntnis und die Gemeinde zusammenzuhalten. Ebenso aber braucht es die unmittelbare Beziehung jeder Christen und jeder Christin zu Jesus. Fragen wir das Johannesevangelium, so können wir folgern: Die Katholiken mit ihrer Betonung des vermittelnden Amtes und die reformierten beziehungsweise die evangelischen Christen mit der Betonung der je eigenen, unmittelbaren Beziehung zu Jesus ergänzen einander, brauchen einander, wie auch der Lieblingsjünger und Petrus sich gegenseitig geachtet und ihre verschiedenen Rollen respektiert haben.

Was könnte das für die Ökumene heissen? Für mich sind die folgenden drei Punkte wichtig:
a. Ebenso, wie im Johannesevangelium die Unterschiede zwischen Petrus und dem Lieblings-jünger stark betont und herausgestrichen werden, ist es auch wichtig, dass wir um unsere Unterschiede wissen. Das heisst zunächst, die eigene Tradition zu kennen. Oft haben mich katholische Mitchristen gefragt, wieso die Kirchen nicht fusionieren würden, „da doch eh alle dasselbe glauben“. Andererseits habe ich mir sagen lassen, es seien schon Leute aus der reformierten Kirche ausgetreten mit der Begründung, sie seien mit dem Papst nicht einverstanden - für dessen Tun und Lassen die reformierte Kirche nun wirklich überhaupt nichts kann! Die eigene Tradition ist oft wenig bekannt. Es lohnt sich, sie wieder zu entdecken.
b. Dann erst kann der zweite Schritt folgen: Es ist wichtig, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen. Als Petrus angesichts der davonlaufenden Jünger sein grossartiges Bekenntnis formuliert hat, da hat das gewiss auch den Lieblingsjünger gestärkt und seinem Glauben neuen Halt gegeben. Andererseits hat dieser Petrus wiederholt entscheid-end weitergeholfen, zuletzt, als er ihn auf den Auferstandenen hingewiesen hat.
c. Wenn wir die eigene Tradition wiederentdecken und danach suchen, was wir von der jeweils anderen lernen könnten, dann sind wir bereits dabei, den dritten Schritt zu tun: Wir haben uns gemeinsam auf den Weg gemacht.
Petrus und der Lieblingsjünger sind vom Anfang bis zum Schluss ihren Weg der Nachfolge Jesu gemeinsam gegangen, haben von den Stärken des anderen profitiert und sich gegenseitig ergänzt. Sie zeigen uns, was es heisst, die ökumenischen Beziehungen zu leben, bis wir hoffentlich irgendwann dem Wunsch entsprechen, den Jesus im Johannesevangelium äussert: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21)!

Amen.