Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 14,1-6

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

16.06.2007 am Theodor-Fliedner-Gymnasium in Kaiserswerth

Abiturgottesdienst

Abiturgottesdienst

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Eltern,
der Vorbereitungskreis für den Abiturgottesdienst hat uns für die Predigt einen Text aus dem Johannesevangelium aufgegeben.

Sicher aufgrund des hervorragenden Religionsunterrichts an unserer Schule haben die Schülerinnen und Schüler dabei den Beginn der sog. Abschiedreden Jesu gewählt. Denn schließlich ist die Predigt anlässlich der Entlassung der Abiturientinnen und Abiturienten ja auch eine Art Abschiedrede. Das hattet Ihr doch so gedacht, oder?!
Ich lese also aus Johannes 14 die Verse 1 bis 6:
1 Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
2 In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?
3 Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.
4 Und wo ich hingehe, den Weg wißt ihr.
5 Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg wissen?
6 Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Liebe Festgemeinde,
»Glück ist planbar – Karriere auch!« Das las ich in großen Leuchtbuchstaben als Werbeaufschrift auf einem Smart als ich auf dem Weg zur Schule war. Das hätte ich gerne mit dem Handy fotografiert, aber man darf ja beim Autofahren das Handy leider nicht benutzen. Bei diesem Slogan einer Versicherungsgesellschaft musste ich nämlich gleich an den Abi-Gottesdienst denken.

»Glück ist planbar – Karriere auch!« - Das passt doch: Schließlich sind alle dabei ihre Zukunft zu planen. Und wer möchte nicht glücklich werden und Karriere machen. Beides wird hier versprochen. Laut Internet hat es sich die Firma zur Aufgabe gemacht, Menschen Sicherheit, Unabhängigkeit und Vertrauen in die Zukunft zu geben. Das Geheimnis des Weges dahin liegt, der Homepage zufolge, im persönlichen Potential: Es braucht dazu aktive, gestaltende, positive Menschen, die ganz genau wissen, wo sie hin wollen.

Die Menschen, die Jesus in unserem Predigttext anspricht, sind da wohl keine guten Kandidaten. Zwar stehen auch sie vor der Aufgabe, ihre Zukunft in die Hand zu nehmen, Pläne zu machen und Weg einzuschlagen, doch sie sind weder aktiv, noch gestaltend oder positiv, sondern fallen durch ihre erschrockenen Herzen auf.
Und ich muss ehrlich sagen, das macht sie mir sympatisch, weil sie das menschlich macht.

Ja, sicher kann man sagen: Ist doch alles perfekt. Die Schulzeit zu Ende, Freiheit ohne Grenzen, alle Wege stehen offen, die Zukunft kann kommen. Vielleicht raus von zu Hause, neue, ungeahnte Möglichkeiten, das eigene Leben nach eigenen Regeln. Besser kann es doch gar nicht laufen. Nur Mut: Glück ist planbar, Karriere auch – und dazu passen keine erschrockenen Herzen.

Aber sie sind eben doch erschrocken die Herzen: Wenn zu Ende geht, was 13 Jahre lang den Alltag bestimmt hat. Das was uns über Jahre hinweg tagtäglich mit Menschen zusammengebracht hat, die wir kennen und schätzen gelernt haben, die Freundinnen und Freunde geworden sind und teilweise Partnerinnen und Partner. Was wird aus den Freundschaften und Beziehungen? Werden sie bestehen, wenn der gemeinsame Alltag wegfällt? Wenn es durchs Studium zu einer räumlichen Trennung kommt?

Ja, sie sind erschrocken die Herzen: Weil die grenzenlose Freiheit und die Vielzahl der Wege oft mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. Wie lassen sich meine Hoffnungen und Träume erfüllen? Kann ich den Erwartungen gerecht werden – meinen eigenen und denen, die andere an mich stellen? Was ist es eigentlich, was ich machen möchte? Was passt zu mir? Was ist mein Ziel?

Und sie sind erschrocken die Herzen von Eltern und Kindern: Weil auch für die Familie eine neue Zeit anbricht, wenn sich alte Wege trennen und neue beginnen. Wenn der Auszug von zuhause ansteht. Da gibt es so manches, das vermisst man schon jetzt, obwohl es noch gar nicht so weit ist.

Auch wenn wir darüber nicht so oft und leicht reden: sie sind schon auch erschrocken unsere Herzen. – Nicht weil wir von sentimentalen Gefühlen überwältig werden, sondern weil wir deutlich spüren, dass Karriere nicht so einfach planbar ist, und Glück schon gar nicht!

Das verbindet uns mit den Menschen im Predigttext. Doch was die dann von Jesus zu hören bekommen, das klingt zunächst auch nicht viel anders als der Werbeslogan auf dem Smart: Jesus spricht zu ihnen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.

Das klingt wie ein exklusive Ratschlag zum Lebensglück. Und tatsächlich ist dieser Vers und wird dieser Vers in vielfältiger Weise so benutzt: Um Menschen deutlich zu machen, dass sie sich auf dem Irrweg befinden mit ihrem Leben und Glauben und es nur einen einzigen, exakt festgelegten unfraglich wahren und erfolgversprechenden Weg zu einem erfüllten Leben gibt. Was rechts und links davon liegt, hat und ist bereits verloren. Der Kontext des Verses, wie wir ihn im Predigttext gehört haben, weist gegegen in eine andere Richtung. Drei Gedanken möchte ich Euch dazu sagen:

Als erstes: Wenn Jesus der Weg ist, dann ist er ein Weg für viele Wege. Dann ist er ein Weg besonders für krumme Wege und auch sogar für Sackgassen.

Denn wenn etwas Jesu Worte und Taten auszeichnet, dann das, dass er immer zuerst für die da war, deren Lebensweg nicht gerade und eben verlaufen sind. Die hat er eingeladen zu einem Leben in Fülle und ihnen Wohung versprochen im Haus seines Vaters. Im Predigttext heißt es: In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

Das heißt doch: Da ist Raum für die unterschiedlichsten Lebensentwürfe und Biographien. Da ist Platz für all unsere Möglichkeiten und Grenzen. Für unsere Stärken und Schwächen. Für unsere Hoffnungen und Träume, aber auch für unsere Unsicherheiten und Ängste, für unsere erschrockenen Herzen.
Da ist kein Weg vergebens und keiner unumkehrbar falsch, weil Gott auf krummen Wegen gerade schreibt.

Ein zweites: Wenn Jesus der Weg ist, dann fallen bei ihm Weg und Ziel zusammen. Deshalb antwortet er auf die durchaus berechtigte Frage des Thomas: Wenn wir wissen nicht, wo du hingehst; wie sollen wir dann den Weg wissen? mit: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.

Damit ist mehr gemeint als die taoistische Weisheit, die lehrt: »Der Weg ist das Ziel«. Wer sich auf Jesus einlässt als den Weg zu wahrem Leben, der merkt bald, dass es schon auf dem Weg zu finden ist – hier und jetzt. Da wo wir in seiner Nachfolge stehen.

Wo wir Unrecht, Unterdrückung und Gewalt nicht hinnehmen und uns für Gerechtigkeit und Frieden stark machen. Wo wir die nicht übersehen, die von den Karrieren auf der Überholspur an den Rand gedrängt und aus der Bahn geworfen werden. Wo wir an der Seite derer stehen, die in einer globalisierten Welt zu hoffnungslosen Verlierern werden.
Da können wir erleben, was das Leben ist: Lebendig und kräftig und schärfer. Auf dem Weg der Nachfolge da fallen Weg und Ziel zusammen.

Und als drittes: Wenn Jesus der Weg ist, dann ist es der Glaube, der uns auf diesen Weg bringt. Es heißt doch: Euer Herz erschrecke nicht!
Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Das aber ist leichter gesagt als getan. Denn mit dem Glauben ist es wie mit der Liebe:
- Glaube ist bedingungslos
- Glaube kann man sich nicht verdienen oder gar erkaufen
- man bekommt ihn immer nur geschenkt 
- Glaube beruht auf Vertrauen und damit auf Gegenseitigkeit, aber nur so, dass der Glaube mit seinem Vertrauen stets in Vorlage treten muss
Wie die Liebe lässt auch der Glaube sich nicht aus einer sicheren Position heraus bekommen. Es gibt ihn nur im Sprung!
Wer nicht springt, der wird nie erfahren, ob der Glaube ihn trägt. – Glaube bleibt deshalb immer ein Wagnis!

Doch wer es eingeht, der erlebt, dass er auf dem Weg des Lebens landet. Wer es wagt zu springen, der erfährt, dass er dabei nicht tiefer fällt, als in Gottes Hand.

All das, was unsere Herzen erschrecken lässt, wenn wir in die Zukunft schauen, das ist damit nicht einfach weg, aber es hat die Macht über unser Leben verloren und den Einfluss auf die Wahl unserer Wege.

Denn wie wir uns auch entscheiden, welchen Weg wir auch einschlagen, wohin uns dieser Weg auch führt, wenn wir das im Glauben tun, im Vertrauen auf Gottes Nähe und Begleitung, dann liegen alle unsere Wege auf dem einen Weg des Lebens. Dann haben sie ihren Grund und ihre Richtung in Jesus, der selber der Weg ist, die Wahrheit und das Leben.

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
Glück ist nicht planbar und Karriere auch nur bedingt. Und dennoch lassen sich Wege finden, auf denen man glücklich lebt, weil sie zu wahrem Leben führen. Auf denen man auch mit erschrecktem Herzen vertrauensvoll und zuversichtlich in die Zukunft blicken kann.
Das Ihr solche Wege für Euch findet, das wünsche ich Euch.

Möge Gott die unstillbare Sehnsucht ausgießen in Eure Herzen. Möge Gott Euch den Mut zum Träumen geben und die Kraft jeden Tag neu den Aufbruch zu wagen. Möge Gott Euch auf Euren Wegen voran ziehen und zugleich Euer Schutz sein. Möge Gott Euch ein Leben in Fülle schenken, auf dass Ihr schon heute das Lied der Erlösung singt. Macht es gut!

Amen.