Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 14,23-27 und die Ankündigung eines Amoklaufes in der Schule in Kirchhain

Martin Beinhauer

31.05.2009 in der Nähe von Kirchhain

Pfingstmontag

Die Gnade unseres Herren Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Johannes 14, 23 - 27
23. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Bleibe bei ihm nehmen.
24. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
25. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
26. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles Lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Amen


Liebe Gemeinde,
Der Schreck sitzt uns noch allen in den Knochen. Vor ein paar Tagen gab es eine Ankündigung eines Amokläufers in der Schule hier in Kirchhain. Ein 15 jähriger Junge hat gedroht, sich und andere umzubringen. Wie ernst es ihm mit diesen Worten im Internet war, ist nicht klar. Im Internet wird viel geschrieben, was nicht alles der Wahrheit entspricht. Zum Glück kam er aber nicht an Waffen. Zum Glück hatte er keine Pistolen oder Gewehre zur Verfügung, mit denen er an die Schule zurückgehen konnte. Und zum Glück wurde er festgenommen – nur mit einem Feuerlöscher in der Hand. Die Schulen, wo so etwas passiert sind doch sonst weit fort. Und jetzt haben wir ein Polizeiaufgebot direkt vor unserer Haustür und viele Eltern fürchten um ihre Kinder.
Mir scheint dass Amoklaufen unter Schülern in der vergangenen Zeit häufiger geworden ist. Es scheint, als ob ein Schüler damit beginnt und eine Lawine auslöst, mit der andere Schüler mitgerissen werden. Eine Idee wird geboren, ausgeführt und im Zuge ihrer Bekanntheit zieht sie immer mehr Menschen in ihren Bann. Es ist ein Ungeist, der die Schüler mit dem Gedanken der Rache lockt. Hier wäre nun die Möglichkeit, sich an denen zu rächen, von denen man zuvor viele Verletzungen erfahren hat. Der Geist, der auf Verletzungen immer wieder Rache fordert und der Menschen dazu bringt, andere mitzunehmen, ist ein Ungeist unserer Zeit.
Ein Geist steckt an – und je mehr davon berichtet wird, umso mehr bewirkt dieser Geist. Je mehr Menschen sich mit ihm auseinandersetzen, umso mehr werden von der Faszination dieses Geistes in Bann gezogen. Dieser Ungeist geistert durch die Köpfe und das Internet, dass Rache und Gewalt die richtige Antwort auf schlechte Noten und Schulverweise sind. Dass man Menschen wie in einem Computerspiel erschießen kann.

Pfingsten ist das Fest eines anderen Geistes als des Geistes der Rache. Wir feiern auf Pfingsten einen anderen Geist als den der Sehnsucht nach dem Tod.  Pfingsten feiern wir, dass Jesu Leben nicht umsonst war, sondern in der Kirche seine Fortführung erlebt. Eben nicht als Rache an den Römern, Juden oder Pharisäern, sondern als Versöhnung zwischen Gott und Menschen – als Gottes Verzeihen. In uns allen wirkt dieser andere Geist. Einen anderen Grund um gemeinsam Lieder vom Glauben zu singen, und zu beten, kann ich mir nicht vorstellen, als den Heiligen Geist, der uns in der Kirche zusammen ruft. Wir sind hier nicht, weil uns die Sehnsucht nach Rache treibt, sondern weil wir genug haben vom gegenseitigen Vergelten. Viele Menschen in der Kirche sehnen sich nach einer Welt in der Menschen einander verzeihen. „Keiner sei gegen den anderen keiner in sich selbst verschlossen. Vergebt einander wie euch vergeben ist.“ – heißt es im Abendmahl.

Jesus spricht an dieser Stelle viel von Gehorsam: Wer mich liebt, der hält mein Wort. Es mutet etwas seltsam an, dass eine Bedingung für die Liebe gemacht wird. Wenn ihr mich liebt, dann tut ihr dies. Ich halte diesen Satz weniger für eine Bedingung – ihr tut dies, oder ihr liebt mich nicht. Als für eine Feststellung. Wer mich liebt, der hält die Gebote, weil er es aus Gottes Liebe auch kann. Und was er tut, tut gut. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel zeigen:

Verzeihen ist ein Gebot – es ist zum Wohl nicht nur für den anderen, sondern auch für mich selbst. Im Fernsehen habe ich einen Vortrag von einer Psychologin namens Birkenbihl zum Thema „ärgern“ gesehen. Zunächst erklärte sie, wie schädlich Ärger für den Körper ist. Das Immunsystem wird geschwächt. Sie meinte sogar, dass Menschen, die sich viel ärgern anfälliger für Krebs werden. Manch einer bekommt Magengeschwüre und alles nur, weil wir uns ärgern. Und jedes Mal, wenn wir an den Ärger nur denken geschieht dasselbe. Unser Körper schwächt sich selbst, obwohl es gar keinen Grund dazu gibt. Man kann sich sogar in den Ärger hineinsteigern und ihn auf einzelne Personen übertragen. So lange bis sich der Magen buchstäblich zusammenkrampft, wenn man sie sieht, die Finger zu zittern beginnen und man eigentlich nur noch weg will. Wir müssen uns nur vorstellen, worüber wir uns ärgern und schon tut unser Körper so, als würde er sich wirklich ärgern und schwächt sich selbst. So bekommt man schneller Krankheiten, denn der Körper arbeitet gegen sich selbst.
Was kann man dagegen tun? Verzeihen – nicht 7 mal, sondern 7 x 70 mal. Wirkliche Hilfe gegen den Mechanismus des Ärgerns gibt es nur, indem man dem anderen Vergeben kann. Tut man das nicht, bleibt man sein Leben im eigenen Ärger gefangen. Man muss sich nur erinnern und schon arbeitet der Körper wieder gegen sich selbst. Gelingt es aber zu verzeihen, ist man diese Nebenwirkungen des Ärgers los. Die Menschen, die einen geärgert haben, nicht mehr diese Macht, mich durch den Ärger körperlich anzugreifen, wenn ich ihnen verzeihe. Doch wie geht das?

Verzeihen fällt nicht leicht. Zunächst einmal hilft nachdenken – will der Lehrer, der gerade die schlechte Note verteilt hat wirklich mir als Person schaden? Ist meine Arbeit im Vergleich mit den anderen wirklich so viel besser? Oder bin ich ihm so wichtig, dass er an mir mit einer schlechten Note Rache übt? Ein Lehrer, der so etwas tut, setzt eine Menge auf´s Spiel. Und wenn das so ist, müsste er es ja bei allen Schülern so machen, die er nicht mag. Sie merken – vieles, was wir persönlich nehmen ist gar nicht persönlich. Der Lehrer gibt die Note, weil er gar nicht anders kann. Mit der Person hat das selten etwas zu tun.
Wenn ich mich aber den Ärger hingebe, steigere ich mich so hinein, dass der Lehrer zu einem Sinnbild für Ungerechtigkeit wird und mein Scheitern kann ich auf ihn abladen. Er ist schuld – nicht ich und entsprechend bin ich machtlos und kann nichts ändern. Ich kann mich nur noch ärgern.

Verzeihen kann man auch, indem man sich vor Augen führt, dass der andere Mensch ebenso wie ich von Gott geliebt ist, ebenso wie ich von Gott mit Stärken und Schwächen ausgestattet ist und ebenso wie ich eines Tages sterben wird. Sind dann Ärger und Nichtachtung angebracht, wenn wir unsere Zeit hier auch anders leben können. Gott macht es vor, wie Vergebung gelebt wird und wir können es nachmachen. Er vergibt den Pharisäern ihr Unverständnis, er vergibt selbst den Menschen, die ihn kreuzigen. Wir können das auch. Lehrer können Schülern verzeihen, und Schüler Lehrern. Nicht nur, weil es für uns gut ist, sondern auch weil es angesichts unseres Lebens vor Gott auch angebracht ist. Gottes Liebe hilft zum Verzeihen – vielleicht nicht beim ersten Versuch, doch je mehr man übt, desto eher gelingt es auch. Und wenn sie mich fragen, welches das größere Wunder ist – ein Mensch, der über das Wasser geht, oder ein anderer, dem es gelingt, zu verzeihen – glaube ich, dass der Lauf über das Wasser nebensächlich ist.
 
Jesus spricht von dem heiligen Geist als den Tröster. Wer sich großen Anstrengungen ausgesetzt sieht, braucht manchmal einen Tröster. Der heilige Geist macht uns gegenseitig zu Tröstern – er ruft uns auf, nicht wegzusehen, wenn wir merken, dass jemand Trost braucht. Er verweist uns aneinander. Wir können anderen Menschen Tröster sein. Und Gott will uns darin unterstützen. Sei es indem wir gemeinsam alte Lieder singen, die trösten können, oder dass wir versuchen anderen Menschen zuzuhören, oder praktisch zu helfen – bei der Kleiderkammer, der Marburger Tafel, in der Telefonseelsorge, oder wo wir sonst Menschen helfen können. Manchmal ist das gemeinsame Lachen die größte Hilfe. Der Geist Jesu führt Menschen zusammen, die einander helfen können.

Der Geist Gottes ist ein Geist der Vergebung. Das Abendmahl, was wir gemeinsam feiern, erinnert uns daran. Gemeinsam stehen wir als schwache Menschen vor Gott und wissen, wie schwer es ist, zu verzeihen. Und doch hilft Gott uns damit weiter. Wir stehen gemeinsam vor seinem Altar, um uns zu erinnern, dass wir vor Gott gleich sind – geliebt und auf ihn hin geschaffen. Wir feiern den Geist der Vergebung allen Ungeistern von Rache und Gewalt zum trotz. Dass wir in Frieden beieinander wohnen – Gebeugte stärken und die Schwachen schonen.