Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 14,6

PD Dr. Joachim Negel (rk), Hochschuldozent und Pastor

18.05.2014 in St. Johannes (Kugelkirche) in Marburg

Silberprimiz

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“

Joh 14,1-12

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:

Euer Herz lasse sich nicht verwirren.

Glaubt an Gott

und glaubt an mich!

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.

Wenn es nicht so wäre,

hätte ich euch dann gesagt:

Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?

Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe,

komme ich wieder

und werde euch zu mir holen,

damit auch ihr dort seid, wo ich bin.

Und wohin ich gehe

- den Weg dorthin kennt ihr.

Thomas sagte zu ihm:

Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst.

Wie sollen wir dann den Weg kennen?

Jesus sagte zu ihm:

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben;

niemand kommt zum Vater

außer durch mich.

Wenn ihr mich erkannt habt,

werdet ihr auch meinen Vater erkennen.

Schon jetzt kennt ihr ihn

und habt ihn gesehen.

Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater;

das genügt uns.

Jesus antwortete ihm:

Schon so lange bin ich bei euch

und du hast mich nicht erkannt, Philippus?

Wer mich gesehen hat,

hat den Vater gesehen.

Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?

Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin

und dass der Vater in mir ist?

Die Worte, die ich zu euch sage,

habe ich nicht aus mir selbst.

Der Vater, der in mir bleibt,

vollbringt seine Werke.

Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin

und dass der Vater in mir ist;

wenn nicht,

glaubt wenigstens aufgrund der Werke!

Amen, amen, ich sage euch:

Wer an mich glaubt,

wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen

und er wird noch größere vollbringen,

denn ich gehe zum Vater.

Es fällt schwer, einem Evangelientext wie dem soeben gehörten standzuhalten. Noch dazu an einem Tag wie dem heutigen. Denn so sehr uns hier Trost zugesprochen wird („Euer Herz lasse sich nicht verwirren“), so sehr unser Blick geweitet wird über den Alltag hinaus („Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten“), so sehr verrätselt sich hier alles: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir da den Weg kennen?“

Ob das Evangelium uns mit dieser Frage nicht mitten in unsere eigenen Glaubens- und Unglaubens­geschichten versetzt? Schon die Jünger haben ja nur wenig vom Geheimnis Jesu verstanden: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“ – Genau da hebt das Problem an: Wie soll man einem Menschen ernstlich nahekommen, wie sein innerstes Geheimnis ertasten, wie (durch alle Projektionen hindurch) ihn als den erkennen, der er ist, wo wir uns doch selber kaum kennen? Noch dazu wenn man instinktiv spürt, daß jener Mensch, der da spricht, aus entlegener Ferne kommt, aus einer Tiefe sich schöpft, die mir unzugänglich bleibt.

Ein Geheimnis umwittert Jesus. In den johanneischen Abschiedsreden strahlt es vielleicht am eindringlichsten auf; souverän und hoheitlich erscheint er da. Oder denken Sie an die Streit­reden mit den Pharisäern und Schriftgelehrten: „und niemand wagte mehr, ihm ei­ne Frage zu stellen“ (Mk 12,24/ Mt 22,46); denken Sie an Jesu Begegnung mit Pilatus und Herodes (Mt 27,11-14 par; Lk 23,9; Joh 18,19-23; 18,33-38; 19,8-11) oder mit den Ältesten, die ihn zu einer Verurteilung der Ehebrecherin nötigen wollen (Joh 8,1-11): sie alle müssen zuguterletzt vor ihm verstummen. Gleichwohl ist dieser Mensch nichts weniger als auftrumpfend, vielmehr „von Herzen demütig“ (Mt 11,29), dem Geheimnis, aus welchem er sich schöpft, anheimgegeben: „Ich tue nur, was der Vater mich heißt.“ „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 8,28; 10,30) Wer dürfte es wagen, so zu reden! Wer könnte das auch nur von Ferne!

Wiederum in den anderen Evangelien, insbesondere bei Lukas, erscheint er den Menschen zugewandt bis ins Äußerste: Wie breit ist da das einfache Volk präsent, Fischer, Bauern, Tagelöhner, wie sehr füllt es den gesamten Raum um Jesus aus, wie sehr läßt er sich stören vom Bedürfen der Menge, den Fragen der Jünger, den Nöten der Armen und Kranken – ohne sich darin zu verlieren. Jesus setzt sich den Menschen aus, ohne sich gemein zu machen, er gibt sich selber preis, ohne zu taktieren. Jesus ist nicht der Caritas-Manager, er ist nicht der beflissene Gutmensch und auch nicht Weltverbesserer oder Revolutionär; er ist nicht der Kämpfer für das Selbstbestimmungsrecht Israels, nicht der Gründer einer Sekte oder Kirche – und schon gar nicht ist er Priester oder Theologe. Alle unsere Ideologien, alle unsere Erwartungen zerschellen an ihm. Es fällt schwer, ihn auf den Begriff zu bringen, dazu ist er uns viel zu nah und viel zu ferne zugleich. Aus seinen ersten dreißig Lebensjahren ist uns nur ein einziges Wort überliefert: „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49) Dreißig Jahre – und nur ein Wort. Mehr war im Grunde bis zum Schluß nicht zu sagen.

Wenn man sich das alles vor Augen hält…: Muten die drei Worte, die der Johannesevangelist Jesus in den Mund legt, dann nicht seltsam großspurig an: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zu Vater außer durch mich“? (Joh 14,6) – Die Zusammenhänge, denen diese Worte entnommen sind, mögen uns fremd erscheinen, und doch sind sie uns tief vertraut. Schauen wir sie uns etwas näher an:

(1.) „Ich bin der Weg…“ Mag sein. Aber wohin führt er? – Sie alle kennen die Redensart „Der Weg ist das Ziel“. Für eine Bergwanderung mag das gelten. Wer in den dunklen Morgenstunden aufbricht, um etwa im Hochgebirge des Süd-Sinai den knapp 2500 Meter hohen Sirbal zu besteigen, wird schon unterwegs reich belohnt: Immer neue Aussichten bieten sich dem Auge dar. Ich habe das in meinen fünf Jerusalemer Jahren oft erleben dürfen: Wenn über der Oase Ein Aleyat die Sonne aufgeht; die Ränder der Sandsteinfelsen sich erst dunkellila, dann langsam rosa und schließlich goldgelb färben; wenn man in der Hochsenke von Farsch Losza angekommen ist, im Schatten der Krüppel-Tamarisken den Mittag verbringt, um dann in den Nachmittagsstunden den Dschebel Abu Rutschum zu besteigen, von wo aus man im Osten den Golf von Aqaba und im Westen den Golf von Suez sehen kann, um dann im verdämmernden Abendlicht im Eilmarsch ins Biwak-Lager zurückzulaufen: dann ist klar, daß man nicht dieses eines Ausblicks wegen die Strapazen des Tages auf sich genommen hat, sondern der vielen großartigen Eindrücke wegen, die unterwegs immer wieder neue Befriedigung boten. Jeder Bergsteiger kennt das. – Aber geht es dem Johannesevangelisten um solches? Geht es ihm um die vielen schönen Erfahrungen, die im glücklichen Fall dieses endliche Leben uns bietet? Ich zweifle.

Es gab einmal eine Zeit, da galt nicht der Weg, sondern das Ziel als das Ziel. „Wozu sind wir auf Erden?“, lautet bekanntlich die erste Frage im Katechismus, den noch vor zwei Generationen jedes Kommunionkind auswendig zu lernen hatte. Und die Antwort auf die Frage war ebenso klar: „Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, seinen heiligen Willen zu erfüllen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Das ist doch einmal eine klare Aussage. Das Leben des Menschen ist zielgerichtet. Denn es entstammt nicht einem blinden Zufall, es entstammt einer liebenden Zusage von Ewigkeit her: „Ich will, daß Du bist! Eingeschrieben ist Dein Name in meine Hand, und so wird Dein Leben im letzten nicht scheitern, mag es sich im Vorletzten auch noch so schwierig gestalten!“

Wir haben uns angewöhnt, solche Zusagen als „Vertröstung“ zu beargwöhnen. Der Sinn des Lebens müsse im Leben selber zu finden sein. Aber wie kann etwas Endliches, Sterbliches und insofern immer auch Fragwürdiges die großen Fragen beantworten? „Woher bin ich?“ „Wohin gehe ich?“ „Was ist mit den Toten?“ „Was mit denen, die mit dem Leben nicht zu Rande kommen?“ „Was ist mit den Gescheiterten?“ „Was ist mit mir selber?“ „Wer bin ich eigentlich?“ Wer für solche Fragen kein Sensorium hat, wird auch mit dem Evangelium nichts anfangen können. Drastischer formuliert: Wer nicht der eigenen Unmöglichkeit ins Auge geblickt hat, hat für die Möglichkeiten Gottes keinen Blick. Ich bezweifle mit meinem stärksten Gefühl die bei vielen Leuten anzutreffende Behauptung, wir hätten schon deshalb mehr hiesige Lebensfreude gewonnen, weil wir nicht mehr in den Himmel kommen wollen. Unser Leben mag bunter geworden sein, interessanter, zerstreuter, keine Frage: Wir fahren an Ostern in die Toscana und fliegen an Weihnachten auf die Malediven. Ob es deswegen aber schon sinnvoller geworden ist? Was die großen Fragen anlangt, ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel das Ziel. Und das Ziel heißt Gott. Denn nur in ihm lösen sich die Fragen, nur in ihm wird das Zerschlagene zusammengefügt, nur in ihm bewahrheitet sich, wer ich bin und sein kann. Insofern ist es tatsächlich statthaft, Jesus als den „Weg“ zu bezeichnen – als Weg auf dieses eine, alles entscheidende Ziel hin.

(2.) Damit sind wir angekommen bei dem zweiten unserer Jesus-Worte: „Ich bin die Wahrheit.“ – Wahrheit? Wahrheiten gibt es viele, Wahrheiten gibt es zu Tausenden, an jeder Straßenecke werden sie feilgeboten. „Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus den gefesselten Jesus (Joh 18,38), und man weiß nicht recht, welchen Tonfall man seiner Frage unterlegen soll: Meint er das agnostisch-bekümmert? Meint er es gelangweilt achselzuckend? Meint er es zynisch?

In gewisser Weise hat Pilatus natürlich recht: Für eine Wahrheit, die sich ein für allemal definieren ließe, sind wir viel zu widersprüchlich und doppelbödig. Was habe ich nicht in meinem Leben alles schon geglaubt! Wenn ich auf die hinter mir liegenden 25 Jahre zurückblicke, gibt es da neben allem Schönen und Großen eben auch manches Fragwürdige, von dem ich einmal tief überzeugt war. Und wieviel Unheil hat man nicht im Namen der Wahrheit angerichtet: der Wahrheit nicht nur Gottes und der Kirche, sondern auch der Partei, der Politik, der Wissenschaft, des Fortschritts usw.

Aber darf man deswegen die Frage nach der Wahrheit vergessen? Dürfte man von ihr lassen? Denn daß sich etwas bewahrheitet in meinem Leben; daß es zu einer ihm angemessenen Gestalt finde, daß es sich öffne auf das ihm Zugemessene, Zugedachte…: was wäre schöner als dies!

Wir sind auf Wahrheit angelegt, denn jeder Mensch ist eine Frage, jeder ist ein einziges großes „Warum“, und doch können wir dieses „Warum“ aus eigener Kraft nicht beantworten. Wie soll man auch je einen Menschen ausschöpfen? Wie erschöpfend beschreiben, wer ich bin, wer du bist? Jeder Mensch ist absolut und doch zutiefst relativ – d.h. bezogen auf etwas, das größer ist als er selbst. Jeder Mensch ist ein Wort, das ausschließlich an ihn und niemanden sonst gerichtet ist – und zugleich ist ein jeder hineingenommen in ein unvordenkliches Gespräch, und nur dort kann er sich entfalten. Damit wird deutlich, wie sehr wir alle Widerhall des dreifaltigen Gottes sind. Denn Gott selber ist ein unvordenkliches, liebendes Gespräch: Der Ewige Vater spricht sich ganz aus in seinem Ewigen Wort, dem Logos, durch den alles geworden ist. – Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, jeder ist ein einmaliger Abglanz des Logos, und insofern leben wir immer schon in Gott, sind Teil des liebenden Gespräches, das Er von Ewigkeit her ist (mögen wir uns dessen bewußt sein oder nicht). Das sind nicht irgendwelche spekulativen Ideen im Elfenbeinturm der Theologie, liebe Schwestern und Brüder, das ist der Versuch zu beschreiben, was in jedem wirklichen Gespräch und in jeder Freundschaftsbeziehung geschieht: Wie Jesus sich ausschließlich aus der Beziehung zu seinem Gott und Vater versteht und genau darin wird, der er ist: der Sohn, so schöpfen auch wir unsere Identität nicht solipsistisch aus uns selbst, sondern gewinnen sie aus den Beziehungen, in denen wir leben: „Ich will mich nicht mehr nur von mir her verstehen; ich will mich vielmehr von dir her verstehen – mehr noch, ich will mich und dich und uns aus dem Geist unserer Beziehung heraus verstehen!“ – Voilà, nichts anderes als dies meint die Trinitätstheologie, die deshalb auch nicht höhere theologische Mathe­matik ist, aus der sich fürs praktische Leben nichts machen ließe, sondern so etwas wie die Tiefengrammatik aller menschlichen Beziehung – Beziehung zu meinen Freunden, zu mir selbst und zu Gott, und zwar weil Gott von Ewigkeit her Liebe ist (das heißt Beziehung) und nicht nur Liebe hat – und in diese Beziehung hineingenommen zu sein, ist die Wahrheit, auf die unser Leben angelegt ist.

(3.) Damit sind wir bei unserem dritten Jesus-Wort angelangt: „Ich bin das Leben.“ – Leben? Auch dies ein merkwürdiges Wort. Zunächst wird man sagen müssen, daß das Wort „Leben“ etwas höchst Zweifelhaftes beschreibt. Leben lebt vom Leben; Leben, wie wir es kennen, kann nur leben, indem es anderes Leben verzehrt. Auf Kosten von wie vielen habe ich nicht gelebt, um meinen Weg zu finden? Wem bin ich nicht fatales Schicksal geworden? Auch eine Krebsgeschwulst ist Leben – für den Menschen, in welchem sie wuchert, freilich ein höchst parasitäres, weshalb wir es chemotherapeutisch bekämpfen. „Omnis vita bellum“, alles Leben ist Kampf – Nietzsche und Schopenhauer haben es eindringlich ausgesprochen, und seine Kräfte zu erproben, hat ja immer auch etwas Fatal-Reizvolles, nicht zuletzt der Sport, nicht zuletzt der Kapitalismus leben aus diesem Prinzip.

Dem johanneischen Jesus steht etwas anderes vor Augen. Nicht das pralle Leben, das alle Möglichkeiten ausreizt (ein solches Leben hat neben allem Schönen, das es bieten mag, nicht nur immer auch etwas Schales an sich – es endet zuletzt mit tödlicher Sicherheit tödlich), sondern ein „Leben in Fülle“ (Joh 10,10), das kein Ende kennt und deswegen die eigene Endlichkeit bejahen kann als Weg zu Gott. Es ist ja so: In aller Aktivität, mit der wir unser Leben gestalten, gibt es eine grundlegende Passivität des Lebens sich selbst gegenüber: Nicht wir haben uns ins Leben gerufen, wir sind gerufen worden. Wie aber antworten wir auf diesen Ruf? Indem wir menschlich leben? Nur-Menschlich leben wir alle. Aber da ist etwas in uns, das größer ist als wir selbst. Etwas Anonymes, einerseits Humanes, uns mit der Erde, dem Humus, dem Vegetativen Verbindendes, das zugleich aber auch einen Goldgrund, ein Unberührbares, ein Heiliges erahnen läßt. So wie jeder von uns Person ist und doch mehr ist als Person, so ist auch Gott mehr als Person. Gott umfaßt alles: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“, sagt Paulus in seiner Rede auf dem Areopag, einen hellenistischen Stoiker zitierend (Apg 17,28). Und doch steht uns Gott gegenüber, er läßt sich ansprechen: „Vater unser im Himmel…“ Dies beides, Gott als der alles Umfassende, der kein Außen hat und deswegen mir inniglicher ist, als ich mir selber je zu sein vermag, und Gott, der uns zugleich auf schneidende Weise gegenübersteht, jeden einzelnen zu sich ruft, fordernd, herausfordernd – auch diese merkwürdige Dialektik wird im Leben Jesu auf unüberbietbare Weise offenbar. Gott ist größer als alles, was wir für groß halten, und deshalb hat er die auf heilsame Weise uns beschämende und zugleich beglückende Größe, sich umschließen zu lassen von dem, was im Vergleich zu ihm gesehen klein und unansehnlich ist: von uns selbst. Und so gewinnen wir Größe, so gewinnen wir Ansehen. Indem Gott uns in Christus ansieht, gewinnen wir Ansehen. Indem er in Christus uns trägt, werden wir uns erträglich. „Vom Größten nicht bezwungen zu werden und doch vom Kleinsten sich umschließen zu lassen: das ist göttlich“, sagt Ignatius von Loyola. Diese merkwürdige, alle unsere Begriffe von Göttlichkeit auf den Kopf stellende Göttlichkeit Gottes wird uns in Jesus offenbar.

* * *

Vielleicht mag der ein oder andere unter Ihnen jetzt denken: „Naja…! Geht es nicht vielleicht ein bißchen konkreter?“ – Wie unmittelbar konkret die Gedanken, die ich vor Ihnen hier ausgebreitet habe, sein können, habe ich auf merkwürdige Weise vor zehn Tagen erlebt. Ich fahre zur Zeit wöchentlich für einen Tag nach Münster, um dort eine Lehrstuhlvertretung wahrzunehmen. Und da Marburg „in the middle of nowhere“ liegt, muß man mit der Bahn manchmal ziemliche Umwege in Kauf nehmen. Es war ein Mittwochabend, der ICE von Frankfurt nach Hamburg war voll besetzt, und da ich ziemlichen Hunger hatte, ging ich gleich in den Speisewagen. An einem Vierertisch saß ein Mann, so um die Vierzig, er gefiel mir, er hatte ein offenes Gesicht, war braungebrannt, machte einen sportlichen Eindruck, und meine Frage, ob ich mich zu ihm setzen dürfe, beantwortete er mit einer freundlichen Geste, stand zugleich aber auf, bat mich, auf sein Smart­phone aufzupassen (den Geldbeutel ließ er daneben liegen), denn er wolle auf dem Bahnsteig noch eine rauchen. „Na“, dachte ich, „der ist aber vertrauensselig.“ Und zugleich gefiel mir das.

Ich packte eine Reihe von Klausuren aus, die ich auf der Fahrt korrigieren wollte; als er wiederkam, war ich schon in die Arbeit vertieft, aber der Duft seiner Zigarette kam zu mir herüber, so was gefällt mir ja. Und so fingen wir an zu plaudern, waren uns sehr bald einig über die Unsinnigkeit der deutschen Rauchverbote; dann kam der Ober, brachte mir mein Essen, ich ließ mir’s schmecken, und machte mich wieder an die Klausuren.

Er schaute mir eine Zeitlang zu, dann fragte er: „Ich möchte Sie ja nicht stören, aber – sind Sie Hochschullehrer?“ Ich bejahte, er wollte das Fach wissen, ich antwortete „Katholische Theologie“, und dann waren wir auch schon mitten im Gespräch. Er sei auch katholisch, d.h. er sei es gewesen, jetzt sei er Atheist. „Ah ja“, antwortete ich, „was verstehen Sie denn darunter“, und dann erzählte er mir seine Lebensgeschichte (die ich, um die Diskretion zu wahren, jetzt ein wenig verfremde). Er könne nicht an einen Gott glauben, der sein Leben lenke. Er stamme aus Frankreich, habe lange Jahre in Brasilien in der Sport- und Tourismusbranche gearbeitet, sich dort in eine Deutsche verliebt, und das habe ihn nach Dortmund verschlagen, die Beziehung sei in die Brüche gegangen, nur wegen seiner Tochter lebe er noch im Ruhrgebiet, aber glücklich fühle er sich dort nicht. Wo denn da Gott in seinem Leben sei? Das Leben, das er führe, sei eine einzige Ansammlung von Zufällen, und man müsse halt das Beste draus machen, mehr gebe es nicht.

Das Ganze trug er nicht verbittert vor, sondern eher melancholisch, und so wagte ich einzuwenden: „Vielleicht fällt uns ja immer nur das zu, was fällig ist.“ Er schaute verblüfft auf, meine Bemerkung war wohl ein Treffer, und dann sagte ich, daß das Erstaunliche jeden Zufalls doch darin bestehe, daß ich in ihm mein eigenes Gesicht erkennen könne. Der Zufall zeige mir, wofür ich zur Zeit ein Auge hätte, will sagen, daß es vielleicht noch manche andere Zufälle gäbe, die wir aber übersehen oder überhören, obschon sie zu uns gehören. Von Gott bekämen wir immer nur das zu sehen, wofür wir gerade aufmerksam seien, die Welt sei voll von ihm, aber ob ich ihn sehen könne, dafür trüge ich eine ebenso große Verantwortung wie er. In allem sog. Zufall sei mehr am Werk als ein dumpfes, gleichgültiges Geschick, deshalb spreche man in der Religion auch von Fügung, und wenn mir das Leben zerfalle, dann vielleicht deshalb, weil ich mir selber zerfallen sei, wie ja auch umgekehrt im Positiven uns nicht selten eben genau das zufalle, was fällig sei.

Der ICE war mittlerweile in Köln angelangt, wir hatten uns längst einander vorgestellt und begonnnen, uns mit dem Vornamen anzusprechen. Da begann er, mir seine Träume der letzten Wochen zu erzählen, sehe sich in Dortmund, in dem Viertel, wo er wohne, im Traum immer wieder an einer bestimmten Kirche vorbeigehen, er wisse, er müsse da rein, aber sein Arm sei wie gelähmt, er könne die Klinke der Eingangstür nicht herunterdrücken, er hätte vielmehr den Eindruck, sie werde von innen zugehalten. Ich versuchte den Traum zu deuten, darüber verschob sich unser Gespräch mehr und mehr auf die Gottesfrage; er sagte, vielleicht sei ja wirklich alles vorherbestimmt, aber er wolle einfach nicht an einen so fürchterlichen Gott glauben: ein Absolutum, das alles erdrückt, weil es alles lenkt und vorherbestimmt. Da sagte ich: „An den Gott, an den Sie nicht glauben, glaube ich auch nicht.“ Wieder Verblüffung auf seiner Seite, und da er am Beginn unseres Gespräches die Bemerkung hatte fallen lassen, daß er auf einer Jesuitenschule sein Abitur gemacht habe, zitierte ich ihm Karl Rahner, den großen Jesuitentheologen: „Gott sein dank gibt es nicht das, was sich etwa 90 % der Leute unter Gott vorstellen.“„Aber was stellen Sie sich denn unter ihm vor?“

Und dann, liebe Schwestern und Brüder, begann ich ihm ungefähr so von Gott zu reden, wie ich es vorhin im Versuch einer Auslegung des Evangeliums getan habe: Daß Gott größer sei als alles, was es gibt, und er deswegen kleiner werden könne als alles; und daß er mich deswegen sowohl überwölbe als auch unterfange. Daß er, weil er größer sei als alles, was ich für groß halte, mir inniglicher sei als ich mir selber, weshalb er der Grund meiner Seele sei. Aber als der Grund meiner Seele sei er keineswegs identisch mit mir, sondern als mein Grund wieder auch jenseits von mir. Daß dieser Gott in Christus den Abgrund des Lebens durchschritten habe und mir deshalb festen Grund unter die Füße gebe, meinem eigenen Leben standzuhalten. Ein Gott, der in der Tat „absolut“ ist, absolut aber nicht im Sinne des Monströsen, Fixierenden, sondern weil er uns „ab-solviert“, losspricht von den Verstrickungen des Lebens und uns so zu unserer Freiheit befreit – einer Freiheit, die in ihm ihren Halt findet.

Wir hatten mittlerweile Duisburg hinter uns gelassen, waren knapp vor Essen Hauptbahnhof, und dann, ich weiß nicht, wie es geschah, habe ich ihn gefragt, ob er sich absolvieren, freisprechen lassen wolle. Er nickte nur, und mitten im Speisewagen eines ICE auf der Fahrt zwischen Essen und Bochum geschah dann, was sonst nur im Beichtstuhl geschieht: „Ego te absolvo in nomine Patris et Filii et Spiritus Sancti.“

Der ICE rollte in Bochum Hauptbahnhof ein. Das Gespräch hatte uns beide erschöpft. Stumm saßen wir in unseren Sitzen. Der Ober kam und fragte ganz vorsichtig: „Alles in Ordnung, meine Herren?“„Und ob alles in Ordnung ist!“, rief mein Gegenüber, „Ja, alles ist in Ordnung! Wein, Herr Ober, bringen Sie uns Wein! Wir wollen trinken!“

Und jener Ober war ein Ober alter Schule, so etwas gibt es ja kaum noch: weißhaarig, zuvorkommend, diskret – und so fragte er gar nicht mehr, was für einen Wein wir denn wollten, sondern machte auf dem Absatz kehrt und kam nach einer Minute zurück mit zwei Gläsern und einer großen Flasche Grauburgunder. Mein Gegenüber und ich, wir lachten uns an, tranken uns zu und sagten auf den letzten zehn Minuten der Fahrt nichts mehr.

Der Zug erreichte Dortmund Hauptbahnhof. Mein Gegenüber packte seine Sachen, bedankte und verabschiedete sich, und ich war allein. Ich schloß die Augen und dachte nur: „Was hast Du da eigentlich gerade erlebt? Hast du das geträumt, oder war das jetzt wahr?“ Aber auf dem Tisch stand immer noch der Grauburgunder, und den hatte nicht ich bestellt. Ich schüttete mir ein zweites Glas ein – da spricht mich jemand vom Tisch auf der anderen Seite des Ganges an und sagt: „Entschuldigung, ich möchte Sie ja nicht stören, aber dürfte ich mich für ein paar Minuten mal zu Ihnen setzen? Ich hätte da ein paar Fragen.“ – Und dann begann das Ganze von vorn, aber die Fahrt von Dortmund nach Münster ist kurz, nur eine halbe Stunde, jedoch Gespräche wie das von mir eben geschilderte brauchen ihre Zeit, und so gab ich dem Menschen meine Telefonnummer, er könne mich anrufen, wenn er wolle.

Dann fuhr der Zug in Münster ein, ich packte meine Sachen zusammen und bat den Ober um die Rechnung. Er brachte sie, ich bemerkte, daß der Wein gar nicht auf der Rechnung stünde, aber der Ober sagte nur: „Der geht auf Rechnung des Hauses.“ – Kann man das glauben?!

Warum erzähle ich Ihnen diese verrückte Geschichte? Aus drei Gründen, und die haben alle mit dem Tag zu tun, da ich vor 25 Jahren meine Priesterweihe hatte:

Erstens: Die Welt ist voller Wunder, sie ist voll der Wunder Gottes, nur unsere blöden Augen sehen das meistens nicht. Wenn wir doch Gott und seiner Gnade ein bißchen mehr zutrauen würden, selbst die Deutsche Bahn würde sich dran beteiligen wie auf jener Fahrt im ICE von Frankfurt nach Münster. Ist das nicht ein schlagender Beweis für das Wirken des Geistes?!

Zweitens: „Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt!“ Dieser Satz stammt von Joseph Beuys, und er ist wahr. Überall kann sich das Mysterium der Gegenwart Gottes ereignen, nicht nur am Hauptbahnhof, sondern auch am Tresen einer Kneipe, im Vorlesungssaal der Universität, und manchmal im Speisewagen eines ICE.

Jedoch, und damit bin ich bei meinem Drittens angelangt: Damit wir um die Mysterien wissen, bedarf es der Kirchen und Pfarrgemeinden wie dieser hier. Denn nur, wo man Sonntag für Sonntag zusammenkommt, um das Geheimnis von Tod und Auferstehung Christi zu begehen, hält man in sich die Ahnung wach, daß unser Leben größer und weiter ist als die siebzig, achtzig Jahre, die uns gestundet sind. Und damit bin ich bei meinem Dank an Sie, die Kugelkirchengemeinde samt ihrem Pfarrer Franz Langstein angelangt: Daß Sie mich seit fünf Jahren hier unter sich aufnehmen, Woche für Woche meine etwas verschrobenen Gedanken ertragen und der ein oder andere unter Ihnen, so will mir scheinen, mich auch noch ganz gern hat – das empfinde ich als ein riesengroßes Geschenk. Und dafür möchte ich Ihnen heute von Herzen danken.