Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 15,1-8

Pater Franz Büttner SAC

10.05.2009 in der Kapelle der Pallottiner in Untermerzbach

Sonntag Jubilate 2009

Liebe Schwestern und Brüder!

Es gibt wohl kaum ein Monat im Jahr, der uns so viel Freude macht, wie der Mai. Da brauchen wir nur in den Garten gehen oder einen Spaziergang durch das Feld machen. Überall wächst es, grünt es und blüht es. Aber es gibt auch das Umgekehrte. Das kann man nach jedem großen Fest erleben, wenn bei den aufgestellten Birkenbäumchen nach einigen Tagen sich die Blätter zusammen drehen und welken. Und spätestens nach einer Woche sind sie verdorrt. Oder sie stellen einen blühenden Kirschzweig in eine Vase, der nach wenigen Tagen anfängt zu welken und dann auch keine Augenweide mehr ist. Woran liegt das? Was macht den Unterschied aus? Das ist ganz einfach: In dem Augenblick, wo ich einen Zweig vom Baum abschneide, da kann der in der Vase vielleicht noch blühen. Vielleicht blüht der noch viel schneller als am Baum. Aber in dem Augenblick, wo er abgeschnitten ist, steckt der Tod in diesem Zweig. Und eins ist ganz sicher: Wenn man einen Kirschzweig vom Baum abgeschnitten hat, mag er vielleicht auch kurze Zeit noch blühen, aber Kirschen wird es an diesem Zweig mit Sicherheit nie geben. Weil er abgeschnitten ist, kann der Lebenssaft des Baumes nicht mehr durch ihn strömen, darum stirbt er ab und bringt keine Frucht.

Das gleiche Bild gebraucht Jesus im Evangelium für die Menschen. Da geht es um einen Weinstock und um seine Rebzweige. Jesus sagt: Du hast die Wahl, als Christ ein blühender Zweig zu sein, an dem jeder seine Freude hat, der Früchte trägt. Oder du kannst ein verdorrter Zweig sein, der zu nichts mehr nütze ist, den man dann aber abschneidet und wegwirft.

Und auch hier die Frage: Wo liegt der Unterschied? Der Unterschied liegt darin, ob ein Mensch mit Christus verbunden ist oder nicht. Das Bild vom Weinstock und den Rebzweigen lässt uns an Menschen aus unserem Leben erinnern, wo es eine Freude ist, mit ihnen zusammen zu sein. Das sind Menschen, die mit ihrer liebenswürdigen Art andere ermutigen und ihnen das Leben erträglicher machen. Das sind Menschen, in denen der Geist Jesu lebendig ist wie bei einer Mutter Theresa, die lebte, was sie einmal sagte: „Ein Mensch muss glücklicher von dir weggehen als er gekommen ist“!

Bleiben wir bei der Rebe, mit der uns Jesus vergleicht. Eine Beere soll schmecken, sie soll eine gewisse Süße haben. Das Ziel eines Christen kann darum nur heißen: Meine Nähe muss als angenehm und einladend erfahren werden, aufbauend und ermutigend. Mit einem Wort: Du muss für die andern schmackhaft sein. Das ist nur möglich, wenn du am Weinstock bleibst, damit die Liebe Gottes durch dich fließen kann und dich reifen lässt. Christen mit einem griesgrämigen und verbissenen Gesicht, denen ihr Christsein mehr Pflicht als Freude ist, werden es kaum schaffen, anderen etwas von der frohen Botschaft vermitteln zu können, aus der sie angeblich leben. Sie gleichen wirklich nicht den süßen Traubenbeeren, eher den sauren oder vertrockneten, die aber verkostet man nicht. Saure Beeren spuckt man aus, weil sie uns nicht schmecken. Als Weintraube, sagt Jesus, kann man nicht reif werden, wenn man den Lebensstrom der Liebe Gottes nicht immer wieder in sich einlässt. Wer das tut, der versauert. Und wenn eine Rebe vom Weinstock abgeschnitten wird und dadurch die Verbindung mit dem Weinstock verliert, wird sie verdorren. Genauso wie ein Christ mit dem Weinstock Jesus verbunden bleiben muss, wenn er sein Christsein überzeugend leben will; denn getrennt von mir, sagt Jesus heute im Evangelium, könnt ihr nichts vollbringen!

Mit Jesus verbunden bleiben, damit ist nicht gemeint, dass man sonntags mal eine Stunde zum Gottesdienst geht. Christen, die für ihr religiöses Leben nicht mehr tun, und heute gibt es viele, die noch weniger dafür tun, brauchen sich nicht wundern, wenn sich ihr Christsein für andere so mickrig darstellt. Ein Zweig kann ja auch nicht sagen: Ich bin jede Woche eine Stunde am Baum, und das reicht dann. Nein, es geht hier um eine dauerhafte Verbundenheit mit Jesus. Aber wie macht man das: In Jesus bleiben? Wie sieht das ganz praktisch aus?

Eine wichtige Antwort steht heute im Evangelium. Jesus sagt: „Ihr bleibt in mir bleibt, wenn meine Worte in euch bleiben.“ Damit ist nicht gemeint, dass jeder den ganzen Tag mit der Bibel herumlaufen muss, um ständig in ihr zu lesen. Hier geht es vielmehr um die Frage: Wie kann das Wort Gottes, das Wort der Heiligen Schrift, unser Leben wirklich prägen? Das kann aber bestimmt nicht heißen, möglichst viele Stellen der Bibel auswendig zu lernen. Es geht nicht um die Menge der Bibelworte, die ich beherrsche. Es geht auch nicht darum, wie viel ich lese oder wie viel ich höre von der Bibel. Das Wort Gottes muss man tun! Manchmal geht es nur um ein Wort oder einen einzigen Satz, der mich anregt und bewegt. Den ich ausprobiere soll, indem ich ihn lebe. Wie z. B. der Psalmvers 119, 27: „Lass mich den Weg begreifen, den du mir zeigst, dann will ich nachsinnen über deine Wunder“. Das heißt: Mein Vertrauen zu Gott soll täglich wachsen, damit ich mein Leben immer mehr erkenne als eine Schale, die ich mit seiner Liebe füllen kann, um zu erfahren, wie Gott in meinem Leben wirkt. Werden sie also fündig in der Bibel, in dem sie Worte und Sätze nicht nur lesen, sondern bewusst in ihrem Leben ausprobieren, sich auf sie einlassen, sie leben. So können sie wirklich erfahren, wie Gott in ihrem Leben wirkt. Wenn nämlich sein Wort Geist und Leben ist, wie es im NT steht (Joh 6, 63), dann kann nicht ausbleiben, dass dieses göttliche Leben in ihnen und durch sie wirkt, vorausgesetzt dass sie das Wort Gottes in ihrem Herzen nicht verkümmern lassen.

Und wie ein Winzer weiß, dass Trauben lange Zeit brauchen, bis sie ausgereift sind, so weiß auch Gott, dass er auch bei uns nichts überstürzen kann. Trauben brauchen Sonnenschein, Wind, Regen, einen guten Ackerboden und eben viel Zeit. Wenn es darum geht, sein Leben in Verantwortung vor Gott zu leben; dann braucht es viel Geduld mit sich selbst, weil wir in diese Verantwortung erst hineinwachsen müssen. Es braucht Geduld mit den andern; denn Trauben werden nicht alle gleichzeitig reif. So haben wir manchmal den Eindruck, bei meinem EhepartnerIn oder bei meinen Kindern bewegt sich nichts, statt mit Geduld Wachstumsprozesse abzuwarten. Und so eigenartig es klingen mag, wir brauchen Geduld mit Gott, weil er oft eine ganz andere Vorstellung von der Verwirklichung unseres Lebens hat, als wie wir selbst unsere Zukunft sehen. Und bis im Spätjahr eine Traube zu Wein wird, musste sich ja auch viel in den Monaten zuvor ereignen.

Für jeden von uns hat Gott einen Lebensplan gemacht, der uns in manchen Situationen unverständlich erscheinen mag, der uns aber zur Reife, zur Ausreife bringt. Es ist darum immer die rechte Zeit für mich, sollte im Moment nur dran sein, still auszuhalten und sich die Liebe Gottes gefallen zu lassen, oder ob ich Leid zu ertragen habe, das ich als unerträgliche Last empfinde.

Die Weinstockgeschichte sagt uns heute eine überaus frohe Botschaft: Nicht wir müssen Gott gegenüber eine religiöse Leistung bringen, genauso wenig wie die Beere die Süße selber hervorbringen muss. Aber so wie die Beere den Lebensstrom des Weinstocks durch sich hindurch gehen läßt, damit sie fruchtig und süß werden kann, so sollen wir den Lebens - und Liebesstrom Gottes durch uns hindurch lassen. Das kann nur heißen: Immer wieder sein Wort in uns aufnehmen und auf seinen Willen eingehen.

Wenn eine Beere fault oder vertrocknet, was bei Trauben vorkommen kann, dann bleibt die Beere faul und vertrocknet, und das für immer! Was aber bei einer Traube nicht möglich ist, das ist bei Gott schon möglich. Da kann eine Beere in seinem Weinberg jahrelang eingetrocknet oder angefault sein. Gott kann sie durch seine Liebe in eine saftige und geschmackvolle Beere verwandeln. Erinnern wir uns an Zachäus, den Oberzöllner, oder an den rechten Schächer am Kreuz. Das war damals eine Affäre von Sekunden!

Nun wissen wir aber, dass der Weinstock im Sommer nicht nur von der Sonne verwöhnt wird. Es gibt auch Regen, Sturm und Hagel. Wenn das alles zum Reifen einer Beere gehört, dann kann das bei uns Menschen nicht anders sein! Fehlt uns da aber nicht oft das Vertrauen, wenn es in unserem Leben stürmt, dass Gott nicht fern von uns ist, sondern auch in schwierigen und aus schwierigen Situationen uns führt und leitet, und dass denen, die Gott lieben alles zum besten gereicht, wie Paulus im Römerbrief (8, 28) schreibt? „Wer mich liebt“, sagt Jesus, „wird an meinem Wort festhalten. Mein Vater wird ihn lieben. Und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“. Joh 14, 23 Darum steht auch im NT: „In Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir“. Apg 17, 28

Ein Vergleich aus unserem Alltag kann uns das verdeutlichen. Alle unsere Häuser stehen unter Strom. Aber das können wir nur feststellen, wenn wir das Licht einschalten oder irgend ein elektrisches Gerät. Wir müssen den Strom 'anzapfen', dann können wir ihn erfahren. So ist auch Gott da, aber erfahren lässt er sich, wenn wir uns auf ihn einlassen, mit ihm leben, für ihn leben, im Leben mit ihm rechnen. Gib IHM täglich diese Chance, und du wirst Wunder erfahren, dass dich in deinem Leben bald nichts mehr wundern wird. Amen