Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 15,26-16,4

Vikarin Annegret Fischer (ev.-luth.)

24.05.2009 in der Schlosskirche zu Wittenberg

Eine Blume, eine Kerze - ein Trost

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

Lassen sie uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes an uns bitten.
Herr, versammle die Gedanken und schenk uns deinen Geist. Amen


1. Szene: Im Kino.

Die Musik dunkel, vibrierende Töne. Die Spannung spitzt sich zu. Der Held schwimmt in dunklen Gewässern durch dunkle Gänge. Tief im Inneren dieser Felsenburg tickt eine Uhr. Unaufhörliches Ticken. Daneben blinkt ein rotes Licht. Nur noch wenige Minuten, dann soll die Rakete abgeschossen werden. Der Held grault. Nimmt alle Kräfte zusammen. Versucht so geschmeidig wie möglich durch das Wasser zu gleiten. Er will nicht gehört werden. Jeder Muskel ist gespannt. Jeder Nerv aufs höchste gerichtet. Wird er es schaffen. Rechtzeitig. Trommelnde Ungeduld. Und wenn es ihm nicht gelingt. Er schwimmt. Gleichmäßiger Atem. Er kämpft. Am Ende des Ganges. Plötzlich eine Person. Jetzt wird er entdeckt. Alles aus? Der Held verharrt starr, bewegungslos. Die Person am Ende des Ganges verschwindet wieder. Die Uhr tickt. Das rote Licht blinkt. Zeit rennt. Fast geräuschlos klettert der Held ans Ufer. Schlüpft durch einen Mauerspalt. Huscht wie ein Schatten quer durch den Raum. Dann sieht er die tickende Zeituhr vor sich. Wenn diese Rakete fliegt, dann beginnt Krieg. Das weiß der Held und er zittert innerlich.

In dieser Situation scheint alles auf dem Spiel zu stehen. Alles. Wenn es nicht gelingt, dann endet der Film ohne Happy End. Auf merkwürdige Weise empfinden wir diese Dramatik - völlig real. Unsere Augen höchst aufmerksam gerichtet auf die Leinwand. Wir beben innerlich. Wir zittern und sind völlig gespannt.

Das nur am Ende das Gute siegt. Nur ein Happy End löst die Spannung auf, nur das gute Ende schafft uns Erleichterung. So wie im wirklichen Leben.

Deshalb braucht das Kino die Spannung nicht zu erfinden. Die Spannung, die wir bebend im Kinosessel empfinden ist aus dem Leben gegriffen.

Dass nur am Ende das Gute siegt. Ein Happy End zu meinem Leben!

So selbstverständlich wie im Film, wo auch eine tickende Zeitbombe noch rechtzeitig vom todesmutigen Helden entschärft wird - so selbstverständlich sind die Happy Ends nicht in unseren realen Lebenserfahrungen.


2. Szene: Im Leben

Er wacht auf. Ein neuer Tag. Ein neuer Tag, an dem er ihre teilnahmslosen Blicke ertragen muss. Ihre Gleichgültigkeit, ihr Desinteresse. Einmal waren sie überglücklich in dieses gemeinsame Leben gestartet. Ihre Augen sprühten Funken der Leidenschaft, nichts schien sich ihnen in den Weg zu stellen. Jetzt sieht sie ihn nur noch selten an. Er vermisst sie. Sie ihn offensichtlich nicht. Er steht auf. Richtet das Frühstück an. Seit Tagen dekoriert er den Tisch mit lauter kleinen Raffinessen.
Eine Blume. Eine Kerze. Ein Gedicht.
Er will ihre Aufmerksamkeit wecken, sie wieder gewinnen. Aber sie scheint das alles nicht zu bemerken. Er nimmt alle seine Kräfte zusammen. Seine Nerven sind aufs höchste gespannt. Doch sie sieht ihn nicht an. Dunkel sind ihre Blicke. Sie lassen ihn ungesehen zurück. Er kämpft. Er will sie halten. Aber wird er es schaffen? Hat er eine Chance? Trommelnde Ungeduld. Wie viel Zeit bleibt ihm noch bis sie ganz aus seinem Leben verschwindet. Die Uhr tickt. Sein Herz pocht. Er will den Abschied verhindern. Um alles in der Welt nicht verlassen werden. Nicht einsam zurück bleiben.

Wenn nur am Ende alles gut würde. Dass nur am Ende das Gute siegt.

Aber die Zukunft ist offen. Das spüren wir besonders in diesen Momenten höchster Spannung, wenn das Herz bebt. Wenn Beziehungen auf dem Spiel stehen. Eine Ehe, eine Partnerschaft, unser Mutter- oder Vatersein.

Wenn nur am Ende alles gut würde! Aber das ist im Leben nicht garantiert.


3. Szene: Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Auf einen neuen Abschied waren sie jetzt nicht vorbereitet. Er war ihnen ein vertrauter Freund geworden - Jesus von Nazareth. Was hatten sie nicht alles mit ihm erlebt. Einer, der immer da war. Auch wenn sie manchmal nicht damit gerechnet hatten.
Einmal war ein unerwarteter Sturm ausgebrochen. Auf ihrem kleinen Schiff glaubten sie schon, dass sie diesen Sturm nicht überleben würden. Sie kämpften gegen den Wind, sie kämpften gegen die Wassergewalten. Jeder Nerv aufs höchste gespannt. Würden sie es noch ans Ufer schaffen? Trommelnde Ungeduld. Wie viel Zeit würden sie noch haben, bis sie in Sicherheit kamen?
Plötzlich - mitten in diesem Sturm tauchte Jesus auf. Er bändigte die dunklen Gewalten, die Mächte, die ihr Leben gefährdeten. So kamen sie sicher ans Ufer. Damals haben die Jünger am eigenen Leib gespürt, Jesus, Gott erhält unser Leben, er liebt uns und sorgt dafür, dass wir nicht untergehen, sondern sicher ans Ufer kommen.

Aber jetzt hatte er sie allein gelassen. Aufgefahren in den Himmel. Einfach fortgegangen. Seine Freunde einsam zurückgelassen. Sie hatten ihn nicht aufhalten können. Sie fühlen sich verlassen. Was würde nun aus ihnen werden.
Aufgefahren in den Himmel. Da stehen wir, und sehen ihm nach.

Enttäuschung. Empörung. Das soll es nun gewesen sein? Ist das das Ende der
Geschichte?
Nein, wir wollen uns damit nicht zufrieden geben. Nein, das kann es doch jetzt nicht gewesen sein. Nach dem Ende, nach dem Abschied bleibt etwas offen. Auch wenn scheinbar alles entschieden ist - so absolut, wie dieser Abschied in den Himmel - spüren wir gerade darin, die Zukunft bleibt offen, so offen wie der Himmel in den wir aufblicken.

Mit den Jüngern stehen wir und blicken auf zum Himmel. Was bleibt von Jesus?

Darauf hat Jesus den Jüngern selbst eine Antwort gegeben: Wenn ich euch verlasse, dann werdet ihr nicht allein zurück bleiben. Ein Tröster wird zu euch kommen: Ein Geist der Wahrheit, der ausgeht vom Vater und Zeugnis geben wird von mir.

Ein Tröster soll kommen, d.h. Jesus verschwindet nicht einfach aus unserem Leben spurlos, kommentarlos, teilnahmslos. Er lässt nicht einfach alles hinter sich. Jesus – so hat er es versprochen - lässt uns nicht allein zurück. Himmelfahrt ist nicht das Ende der Geschichten.

Pfingsten - die Begeisterung folgt.
Eine ganz neue, ungeahnte Gottesnähe stellt sich ein.

Das heißt für mich vor allem - alles, was Jesus mit den Menschen lebte, ist und bleibt wahr und wirklich - auch nach Jesu Himmelfahrt. Jesus lässt uns auch heute und hier nicht allein in unseren Lebensstürmen. Nicht, dass er sichtbar zur Tür hineintreten würde. Die sturmstillende Kraft ist der Geist, der Tröster. Und zwar nicht als irgendeine Wunderkraft. Der Tröster - das ist Jesu Geist der Liebe und der Versöhnung, der in uns Menschen lebendig ist. So werden die Stürme unseres Lebens gestillt - durch die Kraft der Liebe und der Versöhnung. Das ist der Geist, der Tröster - die Liebe und die Versöhnung unter uns.

Vielleicht machen auch sie eine solche Erfahrung - in stürmischen Zeiten. Eine Blume. Eine Kerze. Ein Gedicht. Die Kraft der Liebe, die Kraft der Versöhnung begegnet uns manchmal am Frühstückstisch und manchmal auf dem Weg zur Arbeit. Plötzlich sind wir begeistert und eine ganz ungeahnte Gottesnähe stellt sich ein.


Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


 


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