Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 15,26-16,4

Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke


Sonntag Exaudi

Wir haben Toleranz gelernt. Wir leben damit, dass andere ihre eigenen Vorstellungen haben. Wir lernen immer neu, einander in einem großen Netz von Einsichten und Meinungen zu tragen und zu ertragen. Eltern erleben, wie die Kinder ihre Wege gehen. Sie halten sich nicht an die erwarteten Regeln, sondern tun, was sie für richtig halten, unterstützt von einer allgemeinen Stimmung, jeder müsse selber für sich entscheiden. Die meisten Eltern haben sich daran gewöhnt. Die Kinder genießen so viel Freiheit und Verständnis, dass sie gar nicht aus dem Haus wollen.

Auch unsere Gesellschaft gefällt sich darin, offen und tolerant für alles sein zu wollen. Intoleranz gilt als böser Schatten einer finsteren Vergangenheit. Christen und die christlichen Kirchen tragen an dem Erbe alter Zeiten der Verketzerung und Unduldsamkeit. Es ist wahr: Erst der moderne Geist hat, oft im Widerspruch zur Kirche, Religionsfreiheit und mühsam erkämpfte und erlittene bürgerliche Freiheiten für Minderheiten und Randgruppen möglich gemacht.

Ist Gott, wie wir Christen ihn mit der Bibel erfahren dürfen, intolerant? Eifersüchtig, zornig, herausfordernd, kämpferisch erscheint er den Menschen. In seinem Namen setzen sie sich von anderen 'Völkern ab. Die Gläubigen erleiden Druck und Verfolgung und können auch selber so gewalttätig und aggressiv werden, dass wir erschrecken. In der großen Abschiedsrede im Johannes-Evangelium bereitet unser Herr uns auf Auseinandersetzung und Streit vor. So wie er am Kreuz für den wahren Gott, den guten Vater seiner Menschenkinder, eingetreten ist, so müssen auch Christen ihn bezeugen, unter Tränen und Leiden, bis zum blutigen Ende.

Christen haben solchen Druck ausgehalten: Einzelne, Gruppen, verfolgte Minderheiten, geknechtete Völker. Sie waren dann stark und glaubwürdig, wenn sie ihrem Herrn entsprechen haben: im Leiden, im Widerstand, im gewaltlosen Dienst. Sie haben Christi Bild verdunkelt, wenn sie selber andere unterdrückt oder unter Druck gesetzt haben.

Gott ist nicht harmlos. Sich auf ihn einzulassen, heißt an brennendes Feuer geraten. Aber Intoleranz hat nichts mit Gott, sondern allein mit uns Menschen zu tun. Toleranz meint aushalten, tragen. Gott ist so unendlich tolerant, dass er alles erträgt und erleidet. Harmlos geht es auch wirklich in unserer Welt nicht zu. Menschen leiden und machen sich das Leben zur Hölle. Gut und Böse, Recht und Unrecht, Krieg und Frieden liegen im Streit. Hinter harmlosen Schalmeientönen können sich die finstersten Lügen und die brutalsten Interessen verbergen.

Menschen basteln sich ihre Ideologien und Götzen nach ihren Vorstellungen. Darum muss Gott selber dazwischen treten. Er tritt in den Streit mit der Macht des Bösen - es ist nicht alles egal - und besiegt sie mit Liebe und Barmherzigkeit. Er zeigt sich als der Vater seines Sohnes, des Bruders aller Menschenkinder, und erhebt die Erniedrigten.- Er wirkt als der Tröstergeist, der keinen allein lässt. So leidet Gott selber das Drama seines Menschen aus.

In dieser Realität des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes steht unser Leben. Wir erleben Auseinandersetzung und Streit. Wir erfahren Anfechtung und Druck. Kein Wunder, denn all das gehört zum Leben. Aber wir dürfen dem Wunder trauen, dass in allen Lebensgeschichten Gott am Werk ist. Christus hat uns darauf vorbereitet. Durch das Wunder seiner Auferstehung fällt Licht auch auf die tiefsten Dunkelheiten. Christus ruft uns ins Zeugnis, das Gott selber in uns wirkt. Ich darf erfahren und - unter Schmerzen - mir sagen, dass ich aushalte, was Jesus ertragen hat. Ich spreche in einer unübersichtlichen, indifferenten Welt mutig und klar von Gottes menschlichem Namen. Ich lasse mich zusammen mit anderen einladen, an dem Guten festzuhalten, das uns zu tun aufgegeben ist. Ich gebe keinen Menschen auf, auch wenn er nicht in mein Schema passt.

Toleranz und christliches Zeugnis sollen immer zusammen bleiben. Christus hat das Maß gesetzt. Gottes treuer Zeuge trägt und erträgt alles und jeden bis ans Ende.

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir Und auch ihr seid Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen. Das habe ich zu euch geredet, ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, dass ich's euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.

Amen.