Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 15,26+27

Pfarrerin Christiane Borchers (ev.-ref.)

12.06.2011 im Pfarrgarten in Dykhausen unter alten Bäumen

Pfingsten 2011

Joh 15,26+27

V 26 Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir.

V 27 Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen.

Liebe Gemeinde !

Pfingsten ist das ganz große Fest der Lebendigkeit und Bewegung, der Erneuerung und der Kraft. Pfingsten – das ist Befreiung aus Angst, Erlösung aus Fesseln, Fesseln, die einschnüren und eine freie Bewegung verhindern. „Ich kann mich nicht frei bewegen,“ sagt eine Frau enttäuscht, der wenig Handlungsspielraum zugestanden wird. „Mir fehlt die Luft zum Atmen“, klagt ein Mann, der sich eingeengt fühlt. Pfingsten – das ist wie eine frische Brise, die einen Menschen mit frischer Lebenskraft versorgt und wieder frei atmen lässt.

Wir feiern heute den Pfingstgottesdienst draußen an der frischen Luft und sitzen im Grünen. Die Elemente machen körperlich erfahrbar, was an Pfingsten geschieht. Pfingsten goss Gott seinen Heiligen Geist über die Jüngerinnen und Jünger aus. Alle Angst fiel von ihnen ab, ihre Lebensgeister wurden wieder geweckt, sie wurden ausgestattet mit der lebendigen Kraft des Geistes. Sie gerieten in Bewegung und begeisterten sich für das Evangelium. Im Frühling kommt die Natur in Bewegung, die Erde erwacht, mit Macht bricht das Leben hervor. Sonne, Wind und Regen lassen junges Grün und Blüten sprießen. Sonnenstrahlen berühren uns sanft und zaubern ein Lächeln auf unser Gesicht. Wir vernehmen das Rauschen der Bäume, die Blätter wiegen sich im Wind. Pfingsten – das Fest des Heiligen Geistes -, lebendig, beweglich, verletzlich und doch mächtig und stark. Wir bleiben nicht in den Häusern, es treibt uns hinaus. Wir fühlen uns leicht und beschwingt, unser Herz ist froh gestimmt, die Füße beginnen zu tanzen. In dieser Jahreszeit nimmt das Leben nimmt zu, gewinnt an Lebendigkeit und Kraft - auch in uns.

Zu Pfingsten versteckten die Jüngerinnen und Jünger sich nicht länger in ihren Häusern. Sie machten sich nicht länger unsichtbar, zeigten sich in der Öffentlichkeit, strömten hinaus auf die Straße. Sie verkündeten das Evangelium, ohne Furcht. Überzeugt von Jesus Christus und seiner Botschaft sagten sie allen die Wahrheit. Sie waren aufgewacht aus ihrer Lethargie und Traurigkeit. Gottes Geist hatte sie aufgerüttelt, so als ob einer sagen würde: Steh auf, rede von dem, was dich umtreibt. Rede von dem, was dich niederdrückt und quält. Rede von deinen Ängsten und rede von deinen Hoffnungen. Rede von dem, wie du dir das Leben vorgestellst, rede von deinen Träumen.

Erinnere dich, als du schon einmal in der Wüste deines Lebens warst, als du keinen Weg sahst und du glaubtest, jetzt ist alles aus. Es war nicht alles aus, dein Leben ging weiter. Plötzlich tat sich ein Weg auf, plötzlich durchtrennte ein kleiner Lichtstrahl die Dunkelheit bis der Weg wieder frei und sichtbar wurde. Was hat dir geholfen aus der Aussichtslosigkeit herauszufinden? Wer hat dazu beigetragen, dass du das Leben wieder leise lernen konntest? Erzähle von dem, was oder wer dir geholfen hat. Erzähle davon, wie die Angst weniger wurde und die Traurigkeit wich. Jesus Christus ist nicht im Tod geblieben ist, das Leben hat gesiegt. Das Gleiche führt uns die Natur vor Augen. Auf dem Winter folgt der Frühling, mit Rückschlägen vielleicht, mit kalten Winden und frostigen Nächten. Aber der Winter muss schließlich doch weichen. Die Sonne nimmt zu, das Licht erstrahlt, die Tage werden freundlich, hell und warm.

Gefangen in ihrer Angst waren die Jüngerinnen und Jünger, ein trostloser Haufen, der sich ängstlich nach Jesu schmachvollem Ende in verschlossenen Häusern verborgen hielt.

Verschlossen ihre Häuser,

verschlossen ihre Herzen,

verschlossen ihr Geist, verschlossen ihr Sinn.

Ohne Hoffnung auf bessere Tage.

Sie waren wie einst ihre Mütter und Väter in Babylon,

verlassen und verloren,

ohne Perspektive, nur Schmerz und Ausweglosigkeit.

Doch die Wende kam,

bei der Ausweglosigkeit und Trostlosigkeit sollte es bleiben.

Sie wurden zurückgeführt in die Heimat nach Jerusalem,

durften Gott wieder anbeten an seiner heiligen Stätte,

dem Tempel, fanden Land, Brot und Glauben.

Sollte nicht Gott, der doch noch immer geholfen hatte,

nicht auch jetzt helfen? In dieser Zeit der Bedrohung und Hilflosigkeit?

Sie konnten doch nicht für immer in der Dunkelheit leben!

sie konnten sich doch nicht für immer in ihren eigenen Häusern versteckt halten!

Wir müssen glauben, dass das Leben weitergeht,

Wir müssen glauben, dass es bei der Finsternis nicht bleiben wird.

Wir müssen glauben, dass Licht in dunkle Tage hinein scheint

und einen gangbaren Weg erkennen lässt.

Ohne Glauben auf eine bessere Zukunft gehen wir ein wie eine Blume, der der Nährboden und das Wasser verweigert wird.

Ohne Glauben, dass der Heilige Geist auch in mein Leben einziehen kann, es erneuert und erfrischt mit dem lebendigen Lebensborn, kann niemand existieren.

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird Zeugnis geben von mir. Und auch ihr seid meine Zeugen, denn ihr seid von Anfang an bei mir gewesen (Joh 15,26+27).

Diese Worte spricht Jesus in einer Situation, in der er seine Jüngerinnen und Jünger wissen lässt, dass er bald nicht mehr da ist. Die Worte gehören zu seinen Abschiedsworten. Abschied nehmen tut weh. Er will sie auf eine Zeit vorbereiten, in der sie es schwer haben werden. Er weiß, wie sehr sie ihr Leben nach dem seinen ausgerichtet haben. Manche von ihnen haben viel zurückgelassen und aufgegeben. Sie haben auf vieles verzichtet, um ein Leben mit ihm zu führen. Es ist ein schlichtes Leben gewesen: karg, entbehrungsreich, manchmal gefährlich. Sie wurden manchmal ausgelacht, nicht ernst genommen, beschimpft und weggejagt. Es wird noch schwieriger werden, ganz ohne ihn, Jesus. Er wird zu seinem Vater im Himmel zurückgehen. Aber auch in dieser Situation wird er sie nicht wirklich allein lassen. Er wird ihnen einen Tröster schicken. Er ist der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht. Er wird Zeugnis ablegen, dass er – Jesus – beim Vater im Himmel ist. Sie brauchen sich um ihn keine Sorgen zu machen. Er ist in guter Obhut. Sie brauchen sich um ihn nicht zu ängstigen. Er hat die Welt überwunden.

Die Jüngerinnen und Jünger erfahren nicht nur Trost, sondern bekommen auch eine Aufgabe. Wenn Jesus zu seinem Vater im Himmel heimgekehrt ist und er sie ausgestattet hat mit dem Tröster, dem Heiligen Geist, dann sollen sie selbst zu Zeugen werden und von ihm, Jesus, Zeugnis ablegen. Sie sind von Anfang an bei ihm gewesen. Sie wissen von Anfang an, was sich ereignet hat. Sie sind mit ihm durch das Land gezogen, haben erlebt, wie sich manche an ihn geglaubt haben und andere ihn für einen Spinner hielten. Sie waren an Anfang an dabei, haben erlebt, wie ihm zugejubelt wurde, wie er verspottet und schließlich hingerichtet wurde. Zum Schluss haben sich viele abgewandt, wollten mit ihm nichts mehr zu tun haben. Das reichte bis in die engsten Jüngerkreise. Sie waren schwach gewesen, die meisten verließen ihn. Ein kleiner treuer Rest war ihm geblieben. Dieser klägliche Rest hatte noch mehr Angst nach seinem Tod und versteckte sich.

So sah das Leben der Jüngerinnen und Jünger aus. Aber Jesus lässt sie nicht in der Finsternis. Er war Trost in ihrem Leben, er würde es auch in Zukunft sein. Diesen Menschen, die sich in ihren Häusern verkrochen, die sich schwach, klein und bedeutungslos vorkommen, diesen mutet er zu, von ihm, den Christus im Himmel, Zeugnis zu geben. Er schickt ihnen den Heiligen Geist, der ihnen Mut und Kraft dafür gibt. Sie werden mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wie Jesus selbst zu Lebzeiten auch. Der Tröster, den Gott vom Himmel herab sendet, der sich niederlegt auf die Köpfe der Jüngerinnen und Jünger, Feuerflammen gleich, sodass ihr Herz brennt und sie entflammen lässt für das Evangelium, nennt Jesus den Geist der Wahrheit. Der Geist der Wahrheit bewirkt, dass die Angst sich auflöst und die pfingstliche Begeisterung hervorbricht. Gottes Geist führt die Wende herbei. Der Welt wird sichtbar, dass Jesus nicht gescheitert ist, sondern in die Herrlichkeit Gottes eingekehrt ist. Was in den Augen der Welt als Niederlage empfunden wird, ist vor Gott ein Sieg. Die Wahrheit wird offenbar werden. Der Geist der Wahrheit, der Tröster, der Heilige Geist Gottes legt sich auf die Menschen nieder und führt in die Wahrheit über Jesus Christus und seiner Verherrlichung. Jesus nimmt die Menschen mit hinein in den lebendigen Strom und gießt seinen feurigen Leben stiftenden Geist auch über uns heutige Menschen aus.

Das Evangelium von Jesus Christus hat Auswirkungen gehabt. Es ist kein Ereignis, dass mit der Geschichte der ersten Jüngerinnen und Jünger sein Ende gefunden hat. Pfingsten wirkt, bis heute. Der heilige Geist übt seine Kraft aus bis in unsre Tage und über unsere Tage hinaus. Er ist die lebendige Kraft Gottes, die wir nicht sehen, aber spüren können. Es ist wie mit dem Wind, der über die Felder geht und die Halme bewegt. Wir können die heilige Geisteskraft nicht sehen oder anfassen, geschweige denn festhalten, aber wir können sie wahrnehmen in ihrer Wirkung.

Wir erahnen die Kraft von Pfingsten und möchten uns mitreißen lassen von der Macht der Bewegung, der Lebensfreude und Befreiung, die sie auslöst.

Wir sehnen uns nach Erneuerung, wenn unser Leben festgefahren ist.

Wir brauchen eine frische Briese, die trübsinnige Gedanken wegfegt, damit der Kopf klar wird.

Wir wünschen uns die Leichtigkeit eines gelinden Frühlingswindes und den Glanz milder Sonnentage, die das Herz weit machen und die Füße in Schwung bringt.

Christus macht uns frei für ein Leben in Fülle und Freude. Er hat holt uns heraus aus Finsternis und Angst.

Nöte und Bedrängnis behalten nicht das letzte Wort.

Pfingsten kommt Bewegung in unser Leben,

Festgefahrenes gerät in Wanken und stürzt ein.

Verkrustetes bröckelt bis es schließlich zerfällt.

Hoffnung wächst und breitet sich aus. Unser Herz ist erfüllt mit Freude und Licht. Von Anfang an ist Jesus Christus bei uns. So wird es sein bis zum Ende.

Christus erleuchte uns mit seinem Heiligen Geist,

er sende uns sein Licht und seine Wahrheit,

dass wir wandeln auf den Wegen seiner Gerechtigkeit. Amen.