Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 16, 5 – 15

Pfarrer Markus Binder (ev)

12.06.2011

Pfingsten 2011

Liebe Gemeinde, geht es Ihnen genauso? Dass Sie mit Pfingsten gar nicht so viel anfangen können? Die großen Feste der Geburt, des Sterbens und der Auferstehung unseres Herrn liegen hinter uns – und jetzt kommt Pfingsten. Weihnachten, Passion und Ostern, das waren Stationen im Kirchenjahr, die waren etwas Besonderes. Es gab was zum Hören, Sehen, Schmecken. Aber jetzt an Pfingsten schmücken wir keinen Baum, grillen keinen Ochsen und es gibt auch keine Pfingsteier, die wir im Garten verstecken. An Pfingsten, da ist nichts geboten. Höchstens diese Feuerflammen und der Wind, der durch die Menge fährt. Aber das alles ist ja doch seltsam unwirklich. Und wenn wir uns umhören, stellen wir fest, dass kaum jemand überhaupt eine Ahnung hat, was es heute zu feiern gibt. Gestern stand in der Zeitung eine kleine Kolumne, die sich über das betretene Schweigen ausließ, das man erreichen kann, wenn man die Rede auf Pfingsten bringt. Ja, warum feiern wir dieses Fest überhaupt? Versuchen wir, es herauszufinden. Dazu gehen wir zurück in die Zeit, zu der Jesus noch gelebt hat. Damals hat er seinen Jüngerinnen und Jüngern eine Abschiedsrede gehalten und ihnen erzählt, was an Pfingsten geschehen wird. Ich lese den Predigttext aus Johannes 16 in einer Übertragung von Walter Jens.

Nun aber gehe ich heim zu Gott, der mich gesandt hat, und keiner unter euch fragt mich, wohin ich gehe; denn euer Herz ist voll Traurigkeit, nun, da ihr wisst, dass ich euch verlasse – und das ist gut für euch, glaubt mir, ich sage die Wahrheit, dass ich fortgehe, unter die Himmel. Denn bliebe ich hier, dann würde der Helfer nicht kommen, und ihr wärt ohne Beistand. Jetzt aber gehe ich fort, und er mag euch trösten: Ich schicke ihn bald, meinen Boten. Und wenn er kommt, wird er die Welt überführen und den Menschen zeigen, was Sünde ist, was Gerechtigkeit und was Gericht. Urteilen wird er: Es ist Sünde, mir nicht zu vertrauen und den Glauben an mich zu verweigern. Es ist Gerechtigkeit, dass ich zum Vater gehe, fort von den Menschen – ach!, fort auch von euch. Und es wird Gottes Gericht sein, wenn der Herrscher, der Teufel, sein Urteil erhält: Schuldig! --- Ich könnte euch noch vieles erzählen; aber ihr würdet es nicht ertragen, jetzt, in der Stunde des Abschieds. Doch wenn der Geist der Wahrheit, Gottes Bote, kommt, wird er euch zur Wahrheit geleiten und das Geheimnis des Todes enthüllen, der, so will es Gott, lebendig macht. Bedenkt immer, dass euer Helfer nicht aus sich selbst spricht: Er erzählt, was er hört, und er verkündet euch, was sich ereignen soll. Er wird euch meine Herrlichkeit zeigen; mir nah, mir verbunden und von mir bevollmächtigt. Sein Wort leuchtet hell, weil es von dem gekommen ist, was mir gehört: aus meinem Besitz – überkommen vom Vater: Denn was er hat, das habe auch ich. Und darum sagte ich euch: Alles, was er von meiner Herrlichkeit kündet, ist ihm eingegeben von mir.

Jesus eröffnet seinen Freunden, dass er fortgehen wird. Und er fügt hinzu: „Das ist gut so.“ Dieses „Das ist gut so“ ist keine Redensart, wie sie sich seit Gerhard Schröders Rede bei uns eingebürgert hat, um suboptimale Entscheidungen aufzuwerten. Nein, wenn Jesus sagt: „Das ist gut so“, dann ist es gut so. Aber warum? Jesus sagt es klar: „Bliebe ich hier, dann würde der Helfer nicht kommen.“ Aber die Freunde Jesu sind so traurig, dass sie nicht mal wissen wollen, wohin Jesus denn gehen wird. Sie wollen auch keinen Helfer. Sie wollen Jesus behalten. Und vielleicht sagen sie sich: „Das ist ja auch keine Begründung. Wenn Jesus da bliebe, dann bräuchten wir diesen sogenannten Helfer ja gar nicht.“

Aber Jesus bietet diesen Helfer, seinen Geist, nicht als Ersatzmann, sondern als eine Kraft, die eine Weiterentwicklung anstößt, eine persönliche Weiterentwicklung seiner Jüngerinnen und Jünger, die ihm bisher nachgefolgt, die bisher hinter ihm hergegangen sind. Der Heilige Geist ist keine Verlegenheitslösung, kein schlechter Ersatz für den „Eigentlichen“, der nun weg ist. Denn er erlöst uns aus der Abhängigkeit von unserem Meister. Er macht uns Mut, mündig zu werden, für uns selbst zu sprechen. Wir sollen das nicht mehr nachplappern, was Jesus gesagt hat, sondern wir werden unsere eigenen Worte finden. Wir können nicht mehr hinter ihm hergehen, wir werden aus seinem Schatten heraustreten und eigene Wege finden. Wir werden selbst zu Christussen werden.

Aber stopp ! Darf ich denn so etwas sagen? Ich denke: ja! Ich will, um das zu erklären, eine Weisheit aus dem Buddhismus bemühen. Dort wird den Schülern des großen Meisters Buddha eingeschärft: „Triffst du Buddha unterwegs, dann töte ihn!“ Zwar brauchst Du anfangs einen Lehrer, von dem du lernen kannst. Aber irgendwann musst du dich von ihm lösen. Du darfst und kannst nicht auf Dauer unter einem Meister leben. Du sollst selbst Meister werden.

Mir fällt dazu ein Gedicht ein, das die Begegnung von Maria Magdalena mit dem auferstandenen Jesus am frühen Ostermorgen zum Inhalt hat. Wunderschön beschreibt Rainer Maria Rilke darin, wie Jesus seine Freundin ermutigt, sich von ihm zu lösen und ihr eigenes Leben zu finden.

Er vermochte niemals bis zuletzt / ihr zu weigern oder abzuneinen / dass sie ihrer Liebe sich berühme / und sie sank ans Kreuz in dem Kostüme / eines Schmerzes, welches ganz besetzt / war mit ihrer Liebe größten Steinen. / Aber da sie dann, um ihn zu salben / an das Grab kam, Tränen im Gesicht / war er auferstanden ihrethalben / dass er seliger ihr sage: Nicht – / Sie begriff es erst in ihrer Höhle / wie er ihr, gestärkt durch seinen Tod / endlich das Erleichternde der Oele / und des Rührens Vorgefühl verbot / um aus ihr die Liebende zu formen / die sich nicht mehr zum Geliebten neigt / weil sie, hingerissen von enormen / Stürmen, seine Stimme übersteigt.

Wo seine Freundinnen und Freunde sich an Jesus festklammern, ihn festhalten wollen, sagt Jesus: „Nicht! Eure Rede soll meine Rede übersteigen.“ Ihr sollt euch von mir lösen, und meine Botschaft weiter entwickeln. Jetzt steht ihr vor mir wie trauernde Hinterbliebene, die einen endgültigen Abschied verschmerzen müssen. Ja, ich gehe – aber ich komme wieder. Und in der Zeit bis dahin werde ich, wird mein Geist in euch wohnen. Ihr werdet für die Menschen um euch herum Christusse sein, von Gott auserwählte, mit seinem Geist begabte Menschen, genau das, was ich bisher für euch war.

Jesus will nicht, dass wir werden wie er. Er war einzigartig – wir sind einzigartig. Es geht nicht darum, dass wir ihm immer ähnlicher werden. Es geht darum, dass wir immer mehr wir selbst werden. Martin Buber vermutet, dass – wenn wir einmal vor Gott stehen werden – dass er (oder sie) uns nicht fragen wird: Warum bist du nicht Mose gewesen? Oder Elia? Oder Jesus? sondern: Warum bist du nicht du selbst gewesen? Jeder und jede von uns ist Gottes einzigartige Tochter, Gottes einmaliger Sohn. Wir sind nicht dazu geschaffen, uns immer mehr einem Bild anzugleichen, das wir oder das andere von uns haben, wir sollen und wir dürfen immer mehr die werden, die wir sind und so das Wesen zur Entfaltung bringen, das Gott in uns angelegt hat.

Wenn wir uns die Pfingstgeschichte vor Augen halten, dann erinnern wir uns: Als Gottes Geist in die Menschen fuhr, da benahmen sich die Jünger ziemlich eigenartig. Sie begannen zu erzählen, jeder in seiner eigenen Sprache, mit seinen eigenen Worten, mit seiner eigenen Begeisterung. Und sie wurden verstanden. Denn sie sprachen von sich, sie sprachen von Herzen und deshalb ging ihre Rede zu Herzen. Keine Lehrsätze. Keine dogmatischen Wahrheiten. Sie erzählten, was sie erlebt hatten. Ist das die Wirkung des Heiligen Geistes? Dass er uns dazu befreit, uns zu entfalten, dass er uns einlädt und Mut macht, weniger Glaubensbekenntnisse aufzusagen als vielmehr zu erzählen, was uns angeht, was uns freut, was uns umtreibt?

Pfingsten, so sagt man, sei das Geburtstagsfest der Kirche. Ich würde eher sagen, an Pfingsten wurde uns die Vision vom Reich Gottes eingepflanzt. Die Gemeinschaft der Christen hat sich im Lauf der Geschichte zu einer Institution entwickelt. Lehrsätze haben sich herausgebildet, klare Vorgaben, was man zu glauben hat, wenn man dazu gehören will. Und um die sogenannte Wahrheit abzusichern, musste Kirche Macht und Einfluss gewinnen, musste sie Hierarchien aufbauen, musste sie den unbändigen Heiligen Geist einsperren und zähmen. Gott sei Dank, gelang das nicht. Denn der Geist lebt und weht, wann, wie und wo er will. Und der Traum, der an Pfingsten die Gemeinschaft der Christen entstehen ließ, lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Gott sei Dank hängt die Gemeinschaft der Christen nicht ab von Macht, Einfluss, Pfründen und Absicherungen. Sie braucht nicht die Uniformierung und Gleichschaltung. Niemand wird auf eine Wahrheit eingeschworen, denn wir sind ja auf dem Weg zu ihr – und Jesu Geist führt uns. Jeder und jede in dieser Weggemeinschaft weiß sich verantwortlich für das Ganze und ist gleichzeitig getragen von den Schwestern und Brüdern. Und wir gehören zu dieser Gemeinschaft, bunt, individuell, eigenartig. Es gibt kein Oben und kein Unten, kein besser und kein schlechter. Es gibt nur die Aufgabe, uns dabei zu unterstützen, dass wir Jesu Geist in uns zur Entfaltung kommen lassen und die werden, als die Gott uns geschaffen hat.

Eine Utopie? Sicher. Aber eine, die schon gepflanzt ist und die jetzt schon unaufhaltsam wächst und Früchte trägt. Denn das hat Gott versprochen: „Ich gieße Wasser auf durstiges Land. Ich lasse Bäche in der Wüste fließen. Ich gieße meinen Geist aus auf euch Menschen und meinen Segen auf eure Nachkommen. Ein neues Herz will ich Euch geben und einen neuen Geist.“

So feiern wir Pfingsten. Feiern die Geburt einer Gemeinschaft von Menschen, die nicht mehr einem Meister hinterherlaufen, sondern miteinander Verantwortung dafür übernehmen, dass Gottes Geist in uns wirken und dass das Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, das mit Jesus in die Welt gepflanzt worden ist, dass dieses Reich in uns, zwischen uns und um uns herum erblüht und Frucht bringt. Dazu helfe uns Gott. Veni, sancte spiritu! Komm, Heiliger Geist! Amen.