Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 16,16-23a

Pfarrerin Christiane Borchers

17.04.2005 in Moormerland

Jubilate 2005

Liebe Gemeinde,

Jubilate Deo omnis terra ! Jubelt Gott, die ganze Welt, die ganze Erde ! Das ist der Grundton des vierten Sonntags nach Ostern, und so heißt der heutige Sonntag: Jubilate ! Freut euch !
Doch manche vorgeschlagene Lesungen und Texte am Sonntag Jubilate klingen merkwürdig dunkel: „Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt.“ (Ev-Lesung: Joh 15,6). Oder im Predigttext sagt Jesus zu den Jüngern: „Ihr werdet weinen und klagen…“
Johann Sebastian Bach hat eine Kantate für diesen Sonntag geschrieben mit den Themen: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Das Motiv der Bedrängnis, der Gefährdung und Not, sogar des Leidens wird nachdrücklich ausgemalt. Passt das zum angestimmten Jubel? – Sicher, es bleibt nicht allein bei den dunklen Tönen. Wenn ihr in mir bleibt, so lässt Jesus seine Jünger wissen, „wird euch widerfahren, was immer ihr bittet. Jetzt kommt der Schmerz über euch, aber ich werde euch wieder sehen, und dann wird euer Herz sich freuen. Das ist ein Trost, aber eben ein Trost inmitten des Leidens, des Trauerns, der Angst. Und das vier Wochen nach Ostern, dem Fest der Auferstehung ! Wie passt das zusammen?

Unser heutiger Predigttext gehört zu den Abschiedsreden Jesu. Den Jüngern ist ganz und gar nicht nach Jubel zumute.
Sie sind befremdet von dem, was Jesus redet. Er spricht von seinem nahe bevorstehenden Tod, und tröstet sie, dass dennoch die Gemeinschaft kein Ende haben wird, dass die Traurigkeit, die sie empfinden werden, durch Freude vertrieben wird. Und dass eine Zeit kommen wird, an dem sie nichts mehr fragen werden, weil dann alles klar und offenbar sein wird. - Für diese Zeit passt das Jubilate. Aber diese Zeit ist noch nicht gekommen.

Im Moment überwiegen die Fragen der Jünger. Die Ankündigung Jesu, dass er sie verlassen wird, verwirrt und verunsichert sie. Sie möchten nicht, dass ihr liebster Freund geht.

Auch Jesus ist in sich zerrissen. Er geht seinen Weg zwar aus freien Stücken, aber keineswegs freudig. Er hat den Wunsch, seinen Jüngern Trost zuzusprechen, obwohl er selbst trostbedürftig ist. Er bereitet sie sanft auf das Schmerzliche vor, das kommen wird: „Eine kleine Weile noch, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.“ Er sagt ihnen aber auch, dass alles noch einmal anders wird, als es zunächst aussieht. Bei der scheinbaren Niederlage wird es nicht bleiben. „Abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen und ich gehe zum Vater.“

Er bereitet sie auf seinen Abschied vor und auf seine Auferweckung. Sein Tod ist nicht das Ende, sondern er geht zu seinem Vater im Himmel. Hier wird Freude sein. - Die Worte Jesu sind für die Jünger rätselhaft. Zu Angst und Leiden gehört auch das Nicht-Verstehen. - Jesus erklärt ihnen, was er meint und erzählt ihnen das Gleichnis von der gebärenden Frau. Eine Frau, die unter Schmerzen ihr Kind zur Welt gebracht hat, vergisst die Schmerzen, sobald das Kind in ihren Armen liegt. Jesus benutzt dieses Bild, um die Jünger zu trösten. Es ist ein Versuch, ein Licht am Ende des Tunnels aufzuzeigen, obwohl es unmöglich ist, solche Prozesse zu verkürzen, den Schmerz zu lindern. Man muss sie durchleiden, durchleben, um am Ende das Licht zu sehen, die Freude zu spüren.

Schwere Augenblicke, Zeiten der Angst, des Schmerzes und der Trauer haben Wehencharakter.

Haben Sie das schon einmal erlebt ? Können Sie mit Ihren eigenen Lebenserfahrungen bestätigen, dass schwierige Phasen Geburtswehen sein können? Wenn z.B. Kinder in die Pubertät kommen. Das ist eine Phase, in der alles durchgerüttelt wird. Dieser Lebensabschnitt ist für die Betroffenen, aber auch für die Eltern nicht unproblematisch. - Übergänge stellen uns immer vor besondere Herausforderungen. Wenn eine neue Lebenssituation eintritt, mit der ich fertig werden muss, wenn geliebte Menschen an meinem Leben nicht mehr teilhaben, muss ich mich neu orientieren. Dieser Prozess ist wie eine Geburt, der mit Schmerzen verbunden ist. Krisenzeiten, Phasen des Übergangs, können Wehencharakter haben. Erkennen wir die Verheißung, die darin steckt ?!

Bei den schmerzlichen Prozessen wird es nicht bleiben, sie sind ein Zustand, der vorüber geht. Am Ende werden wir, gereift durch diese Erfahrung, erneuert und gestärkt daraus hervorgehen. Am Ende wird Freude sein. Darum: Jubilate !

Schwierigkeiten wie Angst, Leiden und Nicht-Verstehen brauchen ihre Zeit, bis sie überwunden sind. Eingeübte Lebensmuster passen nicht mehr; sie haben sich überlebt, sind zu eng geworden, wie der Mutterleib für das Kind, das bereit ist, ein Säugling zu werden und in die Welt drängt.

Weil Eingefahrenes so schwer zu überwinden ist, weil Bekanntes zwar vertraut ist und Halt bietet, aber viel zu eng geworden ist, macht sich das rapide Luft und drückt sich in Angst, Trauer und Schmerz aus, die aber Wehencharakter haben. Sie bergen die Verheißung einer neuen Geburt in sich. Darum: Jubilate !

Es kann sein, dass die Fragen, die vorher unlösbar waren, sich jetzt auflösen. „An dem Tag, an dem offenbar wird, dass ich zum Vater gegangen bin und ihr mich sehen werdet, werdet ihr nichts mehr fragen!, sagt Jesus. Jesus führt seinen verstörten Jüngern die Verheißung vor Augen. Wenn die Stunde gekommen ist, wird die Freude übergroß sein. Aller Schmerz, alle Angst, alles Leid werden überwunden sein.

Jesus redet zu seinen Jüngern von seiner Auferstehung und dass er zu seinem himmlischen Vater geht. Die Jünger haben zu der Zeit, als Jesus zu ihnen spricht, Karfreitag und Ostern noch vor sich. Der Evangelist Johannes hingegen spricht zu einer Gemeinde, die den irdischen Jesus nie gesehen hat und für die die Auferstehung ein schon länger zurückliegendes Geschehen ist. Der Predigtabschnitt wendet sich an eine Gemeinde, die Jesus persönlich nicht mehr kennt, die aber von der Verheißung seiner Wiederkunft lebt. Aus dieser Perspektive bedeutet die Ankündigung eines Wiedersehens „in einer kleinen Weile“ die baldige Wiederkunft Christi, die Nähe des hereinbrechenden Gottesreiches und das Ende dieser Welt.
Die Schmerzen der gebärenden Frau kann aus der Sicht der christlichen johanneischen Gemeinde als die Schmerzen der Drangsale der Endzeit gedeutet werden.

Die christliche Gemeinde des Johannes erfährt trotz Auferstehungsgeschehen das Kreuz. Sie erlebt neben Glauben und Vertrauen Zweifel, Angst, Verfolgung und Anfechtung. Die Spannung zwischen Glauben und Alltagserfahrung bleibt bestehen, auch nach Ostern.

Auch wir leben nach Ostern, das haben wir mit der christlichen Gemeinde des Johannes gemein, aber wir leben weder in der Verfolgung noch in der Naherwartung des kommenden Reiches Gottes. Von einer Naherwartung kann schon seit vielen Jahrhunderten keine Rede mehr sein. Wir erwarten die Wiederkunft Christi in ferner Zukunft. Von Angst, Zweifel und Anfechtung jedoch ist niemand befreit. Die Spannung zwischen dem Leiden in der Welt, verbunden mit der Frage, wie Gott das zulassen kann und die Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der es kein Leid und keine Schmerzen und keine Angst mehr gibt, bleibt bestehen, auch nach Ostern.

Für das Johannes-Evangelium aber ist Jesus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Es geht darum, ob die Jünger, die christliche johanneische Gemeinde und letztlich auch wir in unseren Ängsten und Traurigkeiten verharren, wenn alles sinnlos erscheint und wir keine Zukunft für uns sehen, oder ob wir der Verheißung Jesu Glauben schenken. „Ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit soll sich in Freude verwandeln.“ - Wir leben in der Zeit nach Ostern. Wir haben einen Schein vom österlichen Licht, das bereits jetzt unsere Dunkelheiten erhellt. Zugleich leben wir vor Ostern, wenn Christus wieder kommt, auf seinen Thron sitzt und Gericht halten wird. So leben wir zum Einen nach Ostern von der Auferstehung her, zum Anderen leben wir vor Ostern auf die Auferstehung hin.

Jubilate ist der Sonntag der Neuschöpfung. Die alte Schöpfung, die zwar gut war, in der der Mensch aber seit der Vertreibung aus dem Paradies der Anfechtung, der Mühsal und des Leidens ausgesetzt ist, wird durch das Christusgeschehen erneuert. Wenn die Stunde gekommen ist, wird das Neue durch Schmerzen hindurch geboren und sichtbar. Das neue Leben ist ohne Leiden, ohne Angst und Schmerz nicht zu haben. Osterjubel und die Auferstehungshoffnung verlieren nicht ihren Realitätsbezug. Leiden, Angst und Schmerz erden das Osterfest, ohne ihm seine Freude zu nehmen.

Jubilate ! Die Worte der so genannten Trost-Arie von Johann Christian Günther bejubeln die zukünftige Freude:
(J.Ch. Günther, Trost-Aria, in: Deutsche Geistliche Dichtung aus tausend Jahren, hrsg. von F. Kemp, München 1958, 306f.)

„Endlich bleibt nicht ewig aus,
endlich wird der Trost erscheinen;
endlich grünt der Hoffnung Strauß,
endlich hört man auf zu weinen;
endlich bricht der Tränen Krug,
endlich spricht der Tod: Genug!

Endlich wird aus Wasser Wein,
endlich kommt die rechte Stunde,
endlich fällt der Kerker ein,
endlich heilt die tiefste Wunde;

Endlich, endlich kann der Neid,
endlich auch Herodes sterben,
endlich Davids Hirtenkleid
seinen Saum in Purpur färben.

Endlich macht die Zeit den Saul
zur Verfolgung schwach und faul.
Endlich nimmt der Lebenslauf
unseres Elends auch ein Ende,
endlich steht der Heiland auf,
der das Joch der Knechtschaft wende.

Endlich blüht die Aloe,
endlich trägt der Palmbaum Früchte,
endlich schwindet Furcht und Weh,
endlich wird der Schmerz zunichte.
Endlich sieht man Freuden Tal:
Endlich, endlich kommt einmal.“

Amen.