Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 16,33

Pastor i.R. Dr. Roland Goeden (ev.)


„In der Welt habt ihr Angst: aber seid getrost
ich habe die Welt überwunden“

Liebe Gemeinde!

„In der Welt habt Ihr Angst“: Diesen ersten Teil des Wortes Jesu erleben wir täglich: Angst vor Einsamkeit, vor Schmerzen und Tod, vor politischem und wirtschaftlichem Chaos, Angst um Kinder und Enkel.
Jesus sagt: Das gehört zu dieser Welt. Er sagt nicht: Glaubende haben keine Angst. Jesus beschönigt nichts. Er sagt sehr nüchtern: Die Welt ist kein Schlaraffenland – auch nicht für den, der glaubt.
Darum kann die Bibel auch ganz offen von Ängsten reden: „Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst“ – ruft der Beter eines Psalms (Ps 31, 10). Die Jünger Jesu haben Angst vor dem Sturm auf dem See Genezareth. Sie haben Angst und laufen davon, als Jesus verhaftet wird.
Wenn wir Ängste haben, dürfen wir sie vor Gott zugeben und sie ihm klagen. Gott hört! Und hoffentlich haben Sie alle auch einen Menschen oder eine Gruppe, in der Sie über Ihre Ängste sprechen können. Das ist keine Schande, sondern sehr menschlich. Diese Dinge gehören aber in den vertrauten Kreis und nicht in die Öffentlichkeit.
„Aber“, sagt Jesus weiter. Dieses „Aber“ weist die Angst in ihre Schranken. Es hebt die Angst nicht auf, lässt sie aber auch nicht alles verschlingen. „Seid getrost!“ so reden wir heute nicht mehr. Heute würden wir sagen: „Lasst euch nicht verrückt machen!“ „Haltet den Kopf hoch!“ „Habt Mut zur Zukunft!“
Jesus gibt einen Grund für diesen Mut zur Zukunft: „Ich habe die Welt überwunden“. Jesus sagt nicht: „Ich habe die Angst überwunden“, sondern „die Welt“. Ich, sagt Jesus, Nicht ihr. Das ist das Besondere und Einmalige an Jesus – „Die Welt“: In diese abgefallene Welt ist Jesus gekommen. Nicht, um eine Weltreise zu machen. Sondern wie eine Mutter, die in ein brennendes Haus stürzt, um ihr Kind zu retten – unter Einsatz ihres Lebens.
„Welt“, d.h.: Wie du mir, so ich dir! Zuerst komme ich, dann kommt eine Weile gar nichts, dann kommen die anderen noch lange nicht. „Welt“, d.h.: Sich eine Nische zum Überleben suchen, nichts riskieren, sich sichern vor Einsatz und Risiko. „Welt“, d.h.: Andere für die eigenen Zwecke einsetzen und gebrauchen. Was wir heute so eklatant erleben: Ansprüche und Schuldzuweisungen – das ist „Welt“.
Diese Welt hat Jesus überwunden. „Überwunden“, das klingt sehr schön, das ist die gehobene Sprache Luthers. Wörtlich steht da: „Ich habe die Welt besiegt“, im Griechischen „nenikeka“. Wer dieses Wort im antiken Mittelmeerraum hörte, der dachte sofort an das berühmte Wort des Boten von Marathon: „Nenikekamen“ – „wir haben gesiegt“. Sie erinnern sich an Ihren Geschichtsunterricht: Im Jahre 490 v. Chr. überfällt der Perserkönig Darius I. Griechenland und wird in der Schlacht von Marathon geschlagen. Der Bote läuft die 42 km nach Athen und meldet: „Wir haben gesiegt!“ – dann bricht er tot zusammen. Der militärische Sieg über ein überlegenes feindliches Heer – das ist etwas Besonderes. Aber es ist auch ein Stück Welt. Jesus hat die Welt selbst besiegt und überwunden. Das ist noch viel mehr. Was hat er eigentlich getan?
Er zieht durch das Land Galiläa und predigt: Gottes Herrschaft ist da! Der Himmel ist nicht leer, sondern Gott sieht und nimmt teil. Er ist uns ganz nahe. Das ist schon ein Stück Überwindung der Welt: Auf Gott hinweisen: Wir sind nicht alleine und ausgeliefert. Aber Jesus sagt das nicht nur, sondern er lebt das: So heilt er Kranke. Er hat offenbar eine Ausstrahlung, in der Menschen sich lösen und ihre Verkrampfungen verlieren können. Heilung – das ist ein Stück Überwindung dieser von Krankheit geschlagenen Welt. Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen. Er wird kein Modepsychotherapeut – das wäre wieder ein Stück Welt. – Menschen geben ihm gegenüber ihre Schuld zu. Da ist Welt ein Stück überwunden, wo Menschen nicht andere für schuldig erklären, sondern sagen können – wie Zachaäus: Ja, ich bin der Schuldige. Aber Jesus geht noch ein Stück weiter: Er übernimmt selbst die Schuld der anderen, der Welt. Stellvertretend. Das ist das Zentrum seines Redens und Tuns.
Jesus hätte ja am Kreuz sagen können: „Ich sterbe für eine gute Sache. Aber ihr beide neben mir – ihr seid Verbrecher. Und ihr Soldaten da unten: Ihr seid Mörder“. Aber Jesus sagt das nicht. „Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradiese sein“ – das ist ein Wort an den Mitgekreuzigten. Und von den Menschen unter dem Kreuz sagt er: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“
So überwindet Jesus die Welt. Dabei überfällt ihn selber die Angst: „Vater, ist’s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen! Aber nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Welt, das heißt: Andere für sich sterben lassen. Jesus überwindet die Welt, in dem er sich dem Sterben nicht entzieht. Nicht am Sterben vorbei, sondern durch das Sterben hindurch – so besiegt er die Welt in ihrem grausamsten Höhepunkt, dem Tod.
„Bist du Gottes Sohn, so steige herab vom Kreuz!“ – so fordert ihn der Mitgekreuzigte auf. Wäre Jesus darauf eingegangen, dann hätte er die Welt nicht überwunden – und wenn er das eigene Leben gerettet hätte. Jesus stirbt wirklich und steigt hinab in das Reich des Todes – so haben wir das eben bekannt. „Niedergefahren zur Hölle“ – so hieß es früher: Viel umfassender und tiefer.
In der Hölle, im Totenreich, ist Jesus auf dem tiefsten Punkt angelangt. Gleichzeitig ist dies der Wendepunkt: Mit einem gewaltigen Fußtritt bricht er in das Reich des Todes ein und befreit die, die dort gefangen sind. „Sein’n Raub der Tod musst geben her; das Leben siegt und ward ihm Herr. Zerstöret ist nun all sein Macht. Christ hat das Leben wieder bracht. Halleluja“ – so heißt es in einem Osterlied (EG 106,3). Und Paul Gerhardt singt im Dreißigjährigen Krieg:
„Er ward ins Grab gesenket, der Feind trieb groß Geschrei;
eh er’s vermeint und denket, ist Christus wieder frei
und ruft Viktoria, schwingt fröhlich hier und da
sein Fähnlein als ein Held, der Feld und Mut behält“ (EG 112,2).
Eine feministisch angehauchte Theologin meinte einmal:
„Sie haben so viele militärische Ausdrücke in Ihrer Sprache! Es geht im Neuen Testament doch nicht um Kampf, sondern um Liebe!“
In seiner großen Liebe zu uns nimmt Jesus den Kampf mit der Welt auf. Er lässt sie nicht, wie sie ist, sondern überwindet sie. Das kostet ihn das Leben. Auch das Neue Testament kennt militärische Ausdrücke. So spricht der Epheserbrief von der geistlichen Waffenrüstung: Dem Helm des Heils, dem Schild des Glaubens und dem Schwert des Geistes (Epheser 6, 16 f). „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Epheser 6,12).
Diese Sprache sollte uns vor einer oberflächlichen Heitschi – Gumbeitschi-Theologie bewahren. Sieg gibt es nicht ohne Kampf.
„Seid getrost!“: Wenn eine Mutter ihr weinendes Kind tröstet, dann blutet vielleicht das Knie weiter und es tut auch weh, und doch kann das Kind vielleicht unter Tränen lächeln. Es bleibt in dieser Welt, es hat noch Schmerzen und wohl auch Angst. Und doch ist etwas anders geworden: Es weiß sich getragen – und darum getröstet.
„Seid getrost!“: Wie das aussehen kann, hat Paul Gerhardt in einem Lied mit einer neuen Geburt vergleichen:
„Ich hang und bleib auch hangen
an Christus als ein Glied.
Wo mein Haupt durch ist gangen,
da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not;
er reißet durch die Höll,
ich bin stets sein Gesell“ (EG 112,6)

Amen.


 


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