Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 17,9-23

Dr. Vincenzo Petracca (ev)

11.04.2010 in der in der Melanchthonkirche (Mannheim-Neckarstadt)

Liebe Schwestern und Brüder,

bräuchten wir nicht mehr von diesen Menschen? In der katholischen wie in der evangelischen Kirche?

Es war kurz nach dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Im Gefängnis schreibt ein Priester einen Brief an den Papst. Er bittet Pius XII., ein allgemeines Konzil einzuberufen. Dieses Konzil soll die Kirchen wiedervereinen. Er schreibt: „Ich weiß, dass es weit hinausgeht über das, was unmittelbar Aussicht auf Erfolg bietet. Aber es will mir scheinen, dass nur ein großes Wagnis des Glaubens, der Demut und der Liebe die Schicksalsfrage der Christenheit zur Lösung führen vermag.“

Wer ist dieser Pionier der Ökumene? Er ist aus Baden. In Schopfheim geboren, hier in Mannheim war er Kaplan. Kurz vor dem 1. Weltkrieg. In den Quadraten, an Jesuiten. Am Samstag hat er seinen Todestag. Eine Straße ist in Mannheim nach ihm benannt. Trotzdem kennen ihn nur wenige. Es handelt sich um Max Josef Metzger.

Folgen wir seinem Brief: Wieso aber ist Metzger ein Wiedervereinigungskonzil so wichtig? Warum geht es um die Schicksalsfrage der Christenheit?

Er gibt darauf im Brief an den Papst zwei Antworten: Zum einen ist ein Wiedervereinigungskonzil nötig, um im Krieg eine glaubwürdige Friedensarbeit leisten zu können. Die Kirche soll der Welt die Botschaft vom Frieden und der Versöhnung bringen. Doch die Kirche ist unglaubwürdig, solange sie selbst zerrissen und gespalten ist. Zum anderen beruft Metzger sich in dem Brief ausdrücklich auf unseren Predigttext, auf Joh 17: Es ist der Wille Jesu, dass die Kirche eins sein soll.

 

Joh 17 ist ein Teil der Abschiedsrede Jesu vor seiner Passion. Darin wendet er sich mit einem Gebet an seinen himmlischen Vater. Jesus betet: „Ich bitte aber nicht allein für die Jünger, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien.“ Jesus bittet um die Einheit der Kirche über die Jahrtausende hinweg — bis zum heutigen Tag! Dies ist eine verständliche Bitte. Heute ist die Kirche in katholisch und evangelisch gespalten. Daneben gibt es noch eine dritte große Kirche: die orthodoxe. Sie feiern im Augenblick in unserem Melanchthonhaus ihren Ostergottesdienst.

Die Grundlage der Einheit ist für Jesus seine Beziehung zum Vater: Er ist mit dem Vater eins, daher soll auch seine Kirche eins sein. Die göttliche Einheit ermöglicht die Einheit der Kirche. Die Einheit ist möglich und ein Geschenk Gottes. Aber immer ist sie gefährdet. Immer ist sie von neuem zu suchen. Sie will beharrlich erbeten sein.

Die Einheit hat für Jesus ein erhebliches Gewicht. Mit ihr steht und fällt die Glaubwürdigkeit der Kirche. Der Predigttext drückt dies so aus: Die vollendete Einheit ist, wenn die Kirche in Jesus ist. Fällt die Kirche aber aus ihm heraus, dann besteht die Gefahr der Spaltung. Eine Kirchenspaltung ist immer eine doppelte Spaltung: Die Kirche war uneins mit Jesus und wurde dann uneins untereinander.

Der Predigttext deckt somit auf, dass die Kirchenspaltungen eine Geschichte von Mängeln, Unzulänglichkeiten und Fehlern sind. Da mag es durchaus sein, dass der einzelnen redlich bemüht war oder mit großen Ernst um die Wahrheit gerungen hat. Aber, um es in den Worten des Theologen Karl Barth zu sagen: Die Spaltung bleibt ein Skandal.

 

Wohin geht heute unser ökumenischer Weg? Ich weiß es nicht. Es gibt manches, was die Kirchen trennt. Strittig ist besonders, wie man das Abendmahl und das Amt richtig zu verstehen hat. Eine sichtbare Einheit ist schwierig zu erreichen. Max Metzger träumte von einem Wiedervereinigungskonzil. Die Idee war nicht neu.

Martin Luther hatte keine Kirchenspaltung im Sinn. Vielmehr wollte er die Kirche von innen reformieren und appellierte selbst 1518 an ein allgemeines Konzil. Philipp Melanchthon, dessen 450. Todestag wir in einer Woche groß begehen, hatte mit allen Kräften versucht, eine Spaltung zu verhindern, Kurz nach Luthers Tod rief die katholische Kirche dann ein Reformkonzil nach Trient ein. Zu diesem Konzil waren auch die Evangelischen eingeladen. Doch damals waren die Gemüter auf beiden Seiten noch zu erhitzt, um sich wiederzuvereinigen. Die Evangelischen verließen das Konzil wieder.

Die Idee eines ökumenischen Konzils flammte in 20. Jahrhundert von neuem auf, auf evangelischer und auf katholischer Seite: Wenige Jahre vor Metzger regte Dietrich Bonhoeffer ein Friedenskonzil an. Dieses Konzil sollte ökumenisch sein. Die Aufgabe des Konzils wäre, ein unüberhörbares Wort zum Frieden zu sprechen. Bonhoeffer dachte, dass ein verbindliches Wort beider großen Kirchen den drohenden 2. Weltkrieg verhindern könnte.

25 Jahre später lud Papst Johannes XXIII. die Evangelischen und Orthodoxen zum II. Vatikanischen Konzil ein. Sie sollten daran teilnehmen. Wäre man diesem Angebot nachgekommen, so hätte das erste ökumenische Konzil seit der Alten Kirche stattgefunden. Aber die Zeit war noch nicht reif, die Eingeladenen entsandten nur Beobachter.

Der Traum von einem ökumenischen Konzil ist kühn. Wird sich eines Tages der Traum von Metzger, von Bonhoeffer und von Johannes XXIII. erfüllen? Wer weiß? Das Johannesevangelium betont: Der Geist Gottes weht, wo er will...

 

Max Josef Metzger war ein Visionär der Ökumene, ein tatkräftiger dazu. Sein Engagement war vielfältig. Er gründete die Una Sancta. Das ist eine lose Bruderschaft, in der Katholische und Evangelische um die Verwirklichung der Einheit der Kirche beteten. Ferner organisierte er Tagungen, um über strittige Glaubensfragen miteinander zu reden. Er bekannte offen, dass seine Kirche die Spaltung mitverschuldet hatte. Die Folgen der Kirchenspaltung müssen aufgearbeitet werden, um auf den Weg der Ökumene voranzukommen. Dies alles ist wegweisend – bis heute!

Die letzte Station des ökumenischen Weges Max Metzgers ist einsam. Er musste sie allein gehen. In seiner Abschiedsrede hatte Jesus vorausgesagt, dass die Seinen durch den Geist Zeugnis vor der Welt ablegen werden. Auf Metzger trifft dies zu: Er wurde dazu geführt, vor der Welt Zeugnis für die Einheit der Kirche abzulegen.

Unerschrocken arbeitete Metzger im zweiten Weltkrieg für den Frieden. Verschiedentlich wurde er von den Nazis inhaftiert. 1943 versuchte er als Teil einer Widerstandsgruppe, einen Frieden mit dem Ausland zu vermitteln. Er arbeitete einen Plan für eine Friedensordnung in Europa aus. Als er diesen über einen schwedischen Bischof an die Alliierten weiterleiten wollte, wurde er von einer Spitzelin verraten. Im Oktober wurde ihm dann ein Schauprozess vor dem Volksgerichtshof gemacht.

Der Volksgerichtshof war in der Aula eines Gymnasiums in der Bellevuestraße in Berlin untergebracht. Eine große Tribüne war aufgebaut worden. Die Wände waren ringsherum mit roten Hakenkreuzfahnen ausgeschlagen. Links, auf der Anklagebank saß Metzger, hinter ihm die Bewachungspolizei. Am langen Richtertisch saßen in der Mitte die Richter in roten Samtroben, neben ihnen die Volksrichter in brauner Uniform. Das Urteil stand schon vor dem Prozess fest. Immer wieder ertönte das gellende Geschrei des Vorsitzenden Freisler. Lachsalven der 300 Zuhörer gingen über Metzger nieder, wenn der Vorsitzende ihn als Pestbeule beschimpfte oder sonst wie demütigte.

Da fragte ihn Freisler nach seiner ökumenischen Bruderschaft: „Weshalb haben Sie die Una Sancta ins Leben gerufen?“

Mit ruhiger Stimme legte Metzger sein Bekenntnis ab: „Christus hat nur eine Kirche gegründet.“

 

Christus. Unter den Hakenkreuzfahnen sprach er von Christus. Christus war die Kraft, die ihn in jener Stunde durchtrug. Christus war seine Stärke und Ruhe. Gelassen nahm er sein Todesurteil entgegen. Christus war sein Trost, im Leben wie im Sterben.

Aber in der Todeszelle verließ ihn diese Zuversicht immer wieder. Seine Gefängnisbriefe zeugen davon. Manchmal rang er mit schweren Anfechtungen. Manchmal betete er mit den Worten Jesu: „Vater! Wenn es möglich ist, so laß diesen Kelch an mir vorübergehen! Doch nicht mein, Dein Wille geschehe!“ Manchmal zog er Trost aus Gesangbuchliedern, besonders aus dem Lied: „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ Monate des Bangens, des immer neuen Hoffens, des Ringens vergingen. Würde das Gnadengesuch des Erzbischofs Wirkung haben?

Die Hände waren bereits in Fesseln, als er im Gefängnis seine letzte theologische Abhandlung schrieb. Abermals setzte er sich leidenschaftlich für die Einheit der Kirche ein und berief sich auf Joh 17.

Die gedämpfte Hoffnung auf Begnadigung wurde enttäuscht. Am 17. April 1944 endete sein Leben unter dem Fallbeil. Am Samstag vor 66 Jahren. Auf dem Gang zur Hinrichtungsstätte verweigerte man ihm den priesterlichen Beistand. Und das ist für einen gläubigen Katholiken sehr schlimm!

Später berichtete sein Henker: Er habe noch nie einen Menschen mit so froh-leuchtenden Augen in den Tod gehen sehen.

 

Ein Märtyrer für den Frieden. Ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Einheit der Kirche. Ein tiefgläubiger Mensch. Max Josef Metzger war dieses und manches mehr. In der Todeszelle schrieb er in einem Gedicht über sich selbst:

Ich muß gestehen, ich hab sie nie gelernt,

die Kunst, das Krumme krumm zu lassen.

Ich konnt im ganzen Leben nicht erfassen,

dass man bei Notstand höflich sich entfernt.

 

Ich fürchte fast, es scheitert am Gewissen.

Ihm hab ich allzeit Treue halten müssen.

 

Geht euren Weg, ich seh euch ohne Neid,

ihr klugen Selbstversorger all, ihr Weisen.

Ich geh den meinen; mögt ihr Narr mich heißen.

Mich tröstet meiner Seele Seligkeit.

Amen.