Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18,1-19,42

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

18.04.2003 in der Pfarrkirche Nassenfels

Karfreitag

Der heruntergekommene König

Im Vorfeld:
Während der Passion wird das Kreuz, begleitet von Kerzen, hereingebracht (bei den Worten "Er trug sein Kreuz", Joh 19,17) und in die Höhe gehalten.(bei "Dort kreuzigten sie ihn, Joh 19,18). Die Kerzen werden von zwei Personen hochgehalten und nach den Worten "und gab seinen Geist auf" fallen gelassen.

* 2 Personen unterhalten sich, gehen am Kreuz vorbei.

A Na, das war mal wieder eine Kreuzigung heute! Gleich drei auf einmal!

B Ja, ist echt Zeit geworden, dass die beiden Banditen aufgeknüpft worden sind. Die haben schon monatelang Jerusalem unsicher gemacht. Man hat sich ja gar nicht mehr aus dem Haus gehen trauen!

A Du hast recht - war höchste Zeit, dass die unschädlich gemacht werden. Aber der in der Mitte - der hat doch nix weiter angestellt, oder?

B Schaun wir mal, was der Pilatus als Schuld ans Kreuz geschrieben hat.
INRI steht da - die Abkürzung für Iesus Nazarenus, Rex Iudaeorum; Jesus von Nazaret, der König der Juden.

A Ach der ist das! Der ist doch überall rumgezogen und hat behauptet, dass er der Sohn Gottes ist. Eine Menge Leute sind ihm nachgelaufen, dem Messias, dem Retter Israels.
Und jetzt? Jetzt ist er tot. Schau ihn doch an, das Häufchen Elend, wie er da am Kreuz hängt. Geschrieen hat der, geschrieen vor Schmerz und Einsamkeit!

B Ja, ist ziemlich runtergekommen, der Gute. War wohl nicht weit her mit seinem Gerede von "Sohn Gottes" und "Messias". Na Jesus, du "König der Juden"?! Da haben sie dich ganz schön aufs Kreuz gelegt!

* Was hätten sie auch anders denken sollen, die beiden Beobachter der Kreuzigung? Königlich war der Karfreitag für Jesus ganz und gar nicht. Ein paar Tage vorher war das noch anders: Da hat Jesus einen triumphalen Einzug in Jerusalem hingelegt. Eine begeisterte Menschenmenge hat ihn gefeiert, hat ihm zugejubelt und applaudiert. Ja, das war standesgemäß für einen König, für den Retter Israels! Ab dann ist es rapide abwärts gegangen: Vier Tage später wird er wie ein Krimineller abgeführt, gefoltert, bespuckt. Und am heutigen Karfreitag wird er in aller Öffentlichkeit hingerichtet, zusammen mit zwei Schwerverbrechern. Demütigend ist das, es tut körperlich und seelisch furchtbar weh. Nichts ist mehr zu sehen von der Menge seiner Anhänger. Kein gutes Ende für den Messias. Hoch oben am Kreuz hängt er - ganz schön heruntergekommen, der König der Juden...

* "Warum?" schreit Jesus verzweifelt. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Warum geht alles den Bach runter, was ich angefangen habe? Warum muss ich so enden? Warum lässt du mich so hängen? Vater, tu doch was!!!

* Sicher hätte Jesus noch viele Pläne gehabt, wie er seine neue Bewegung, die Christen, voranbringt. Sicher hätte er noch gerne ein paar Jahrzehnte gelehrt und gelebt. Sicher hätte er gern die Erfolge seines Predigens und Wunderwirkens gesehen. Doch seine Pläne wurden durchkreuzt - von denen, die ihn aus dem Weg räumen wollten. So hängt er also da, am Kreuz. Völlig heruntergekommen.

* Jesus selbst hätte es in der Hand gehabt, die Geschichte ganz anders ausgehen zu lassen. Es wäre gar nix dabei gewesen für ihn, wenn er seinen Feinden mal gezeigt hätte, wer hier der Chef ist. Er hätte dreingeschlagen und triumphiert. Gekonnt hätte Jesus das ohne weiteres, denn er war allemal Gottes Sohn.
Warum tut sich Jesus den Karfreitag an? Warum lässt er sich so aufs Kreuz legen?

* Um dir und mir etwas zu sagen:
"Ich verstehe dich, wenn dein Leben plötzlich von Problemen durchkreuzt wird."
"Ich verstehe dich, wenn du verzweifelt bist, wenn du fertig bist mit der Welt."
"Ich verstehe dich, wenn du keinen Ausweg mehr siehst."
"Ich verstehe dich, wenn du ganz allein dastehst und keiner mehr dein Freund sein will."
"Ich verstehe dich, wenn du dir verraten, verkauft vorkommst."
"Ich verstehe dich, wenn du mit Gott haderst, wenn du aus lauter Verzweiflung Gottes Liebe in Frage stellst."
Denn - so sagt Jesus: Das alles habe ich am eigenen Leib durchgemacht; damals, in meiner letzten Woche in Jerusalem.

* "Mein Gott, warum??" - wie Jesus damals am Kreuz stellen immer wieder Menschen diese verzweifelte Frage. Ihr Lebens-Pläne sind durchkreuzt worden. Sie wissen nicht mehr weiter.
- Der Traum von der glücklichen Familie - und dann: die Scheidung.
- Eigenes Haus, Urlaub in Spanien, schöner BMW - plötzlich ist der Ehemann arbeitslos.
- Der Diplomingenieur - mit 28 nach dem Motorradunfall querschnittsgelähmt.
- Die Abiturientin, 19 Jahre, Gehirntumor.

* Schwere Schicksalsschläge, die dich an den Rand des Ruins treiben. Du fragst "Warum?" - Warum gerade ich, warum gerade meine Familie, warum gerade jetzt?
Du bekommst keine Antwort.

* Auch von Jesus nicht. Und Jesus gibt auch keinen billigen Trost - glaube nur fest genug, dann wird's schon wieder. Oder: Stell dich nicht so an - mit Gottes Hilfe schaffst du's schon.

* Nein, Jesus sagt etwas ganz Bescheidenes, aber doch so Wichtiges auf die Warum-Frage: Wenn du deine Lebenspläne durchkreuzt siehst; wenn du fühlst, dass alles gegen dich steht; wenn du mit Gott und der Welt fertig bist; wenn du gar nix mehr glauben kannst - auch dann verstehe ich dich noch, auch dann bin ich noch bei dir - dann erst recht. Denn ich war selber schon mal völlig heruntergekommen. Ich weiß, wie weh das tut. Und gerade in deinem Schmerz lass ich dich nicht allein. Ich leide mit dir, ich weine mit dir, ich versteh dich und halte zu dir. Und so wie für mich der Karfreitag nicht das Ende war, wirst auch du wieder auf die Höhe kommen. Das kannst du jetzt vielleicht nicht glauben, wenn du am Boden bist. Aber es wird geschehen. Du wirst auferstehen aus deinem Leid. Das verspreche ich dir, und dafür werde ich sorgen - ich, dein heruntergekommener und trotzdem allmächtiger Jesus.

Amen.