Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18,1-19,42

Dipl. Theol. Pfarrer Matthias Blaha (rk)

18.04.2014 in der kath. Pfarrkirche St. Anton in Ingolstadt

Karfreitagsliturgie

„Und Jesus übergab den Heiligen Geist“

© privat ; Material: Foto vom „Udenheimer Kruzifix“ für jede/n; steht bei der Kreuzverehrung neben dem Kreuz zum Mitnehmen bereit.

* Jedes Jahr, wenn ich auf Exerzitien gehe, mich also eine Woche ins Schweigen und Gebet zurückziehe, fahre ich nach Mainz. Denn dort lebt und arbeitet mein geistlicher Begleiter, ein Jesuit. Im Lauf der Jahre ist mir ein Ort in Mainz besonders ans Herz gewachsen: die „Gotthard-Kapelle“ im Dom. Den Altarraum dieser Kapelle prägt eine große Darstellung von Jesus am Kreuz, das sogenannte „Udenheimer Kruzifix“. Es wurde im romanischen Stil geschnitzt, ist also fast tausend Jahre alt. Wie in der Romanik üblich, ist Jesus nicht als Schmerzensmann oder soeben Verstorbener dargestellt; Dornenkrone, blutüberströmtes Gesicht oder Todesqualen sind am „Udenheimer Kruzifix“ nicht zu sehen. Stattdessen strahlt Jesus Lebendigkeit aus: Aufrecht hängt er am Kreuz, souverän und offen­sichtlich unbehelligt von Schmerzen. Seine Arme müssen nicht die Last des gekreuzigten Körpers tragen, sondern wirken eher wie zu einer Umarmung ausgebreitet. Jesus wendet seinen Kopf dem Betrachter interessiert zu und schaut ihn mit gütigen Augen an. Im Gesicht Jesu ist eine sanfte Freundlichkeit zu lesen, als ob Jesus sagt: „Schön, dass du zu mir gekommen bist. Und jetzt erzähl: Wie geht es dir?“
Diesen Jesus, der so viel Leben und Souveränität, so viel Güte und Aufmerksamkeit ausstrahlt, schaue ich gern an, wenn ich in Mainz bin – und ich lasse mich gern von ihm anschauen.
Für Sie, liebe Schwestern und Brüder, habe ich ein Foto bereit­gelegt, das Sie nachher bei der Kreuzverehrung mitnehmen können. Sie werden darauf die eben beschriebene Kreuzes-Darstellung sehen.

* Sie bringt auf meisterhafte Weise ins Bild, was der Evangelist Johannes in Worte fasst – in der Passions-Geschichte, die wir gera­de gehört haben.
Die anderen Evangelisten – Matthäus, Markus und Lukas – stellen bei ihren Erzählungen der letzten Stunden Jesu den Menschen Jesus in den Vordergrund. Sie beschreiben seine Todesangst im Garten Getsemani, seinen von der Folter geschwächten und geschundenen Körper, seine Einsamkeit, ja Gottverlassenheit am Kreuz und seine Schmerzensschreie.
Johannes setzt einen anderen Akzent. Er setzt Jesus als den Göttli­chen in Szene, der während der gesamten Passion souverän agiert.

* Bei Johannes ist keine Rede von Angstschweiß am Ölberg, stattdes­sen haben wir erfahren, wie die schwerbewaffneten Soldaten zu Boden stürzten, als Jesus sie nur ansprach. Das Verhör durch Pila­tus nutzte Jesus zu einer Lehrstunde über sein eigenes göttliches Königtum und über die Grenzen weltlicher Macht. Danach trug Jesus sein Kreuz allein – er brauchte keine Hilfe eines Simon von Zyrene.
Auch als er am Kreuz hing, war Jesus nicht der Leidende, sondern er blieb der ruhig und überlegt Handelnde. Er kümmerte sich kurz vor dem Tod um seine Mutter und seinen besten Freund, dann stell­te er fest, dass sein Auftrag vollbracht ist.
Und dann gab er den Geist auf. So lautet zumindest die deutsche Fassung. Das griechische Original kann auch übersetzt werden mit: „Er übergab den Heiligen Geist.“

* Das ist bemerkenswert, liebe Schwestern und Brüder: Im Sterben übergibt Jesus den Heiligen Geist! Jesus weiß, dass er nun nicht mehr als Mensch auf der Erde leben wird. Deshalb übergibt er den Heiligen Geist denen, die bisher mit ihm unterwegs waren. Der Heilige Geist soll ihnen die Gewissheit geben, dass Jesus bei ihnen bleibt – nicht mehr sichtbar als Mensch, aber doch spürbar als Gott, und nach wie vor ansprechbar. Ich werde weiterhin für euch sor­gen!, versichert Jesus den Seinen. Ich bleibe euch voll Güte zuge­wandt, ich werde mich auch künftig dafür interessieren, wie es euch geht, und für alle eure Anliegen bleibt mein Ohr für euch offen. Ab jetzt bin ich immer und überall bei euch, denn ich bin nicht mehr wie ein Mensch auf einen konkreten Ort festgelegt, sondern als Gott kann ich an jedem Ort zugleich sein. Als Mensch werde ich nun sterben, als Gott bleibe ich lebendig – lebendig für euch. Damit ihr dies wisst, übergebe ich euch den Heiligen Geist.

* Liebe Schwestern und Brüder, beide Erzählweisen der Passion ergänzen sich zu einem Bild von Jesus, das uns durch das Leben begleiten will.
- Der menschliche Jesus, der uns von den ersten drei Evangelisten vorgestellt wird, sagt uns: Ich, Jesus, war ein Mensch wie ihr. Ich habe in meinem Leben viel Schönes erfahren, aber auch bitterstes, grausamstes Leid. Von den leuchtendsten Höhen bis zu den dun­kelsten Tiefen habe ich alle Dimensionen des Menschseins ausge­lotet. Ihr könnt euch deshalb sicher sein: Ich, Jesus, verstehe euch in jeder Lebenslage. Ich freue mich mit euch, wenn ihr glücklich seid, und wenn ihr leiden müsst, dann leide ich mit euch.
- Der göttliche Jesus, den Johannes beschreibt, sagt uns: Ich, Jesus, habe göttliche Souveränität und eine Fülle von Macht, die alles Irdische übersteigt. Diese Macht setze ich für euch ein. Immer und überall bin ich bei euch; liebevoll und gütig schaue ich euch an. Sagt mir, was ihr auf dem Herzen habt – ich werde mich darum kümmern. Denn ich, Jesus, ich lebe – ich lebe für euch. Damit ihr dies ganz sicher wisst, habe ich euch den Heiligen Geist übergeben.

* Gleich nachher bei der Kreuzverehrung sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, den Menschen Jesus, dargestellt vom großen Kreuz in der Mitte. Und auf den Bildern, die Sie mitnehmen dürfen, schaut der Gott Jesus Sie an. Beide Jesus-Bilder zusammen erinnern Sie daran:
 - Jesus versteht mich in jeder Situation meines Lebens.
 - Jesus wendet sich mir voll Güte und Interesse zu und kümmert sich um meine Anliegen. Dazu setzt er seine Macht für mich ein.

* Das ist die frohe Botschaft dieses Karfreitags: Jesus, der als Mensch gestorben ist, bleibt als Gott lebendig. Er lebt für dich, liebe Schwester, lieber Bruder. Wann und wo immer du auf das Kreuz blickst, sagt dir Jesus: „Schön, dass du zu mir gekommen bist. Und jetzt erzähl: Wie geht es dir?“