Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18,1-19,42

Roman Ecker

18.04.2003 in Neuenstein

"Ich finde keinen Grund ihn zu verurteilen"

... so hören wir im Johannes-Evangelium den römischen Prokurator Pontius Pilatus, den Statthalter des Kaisers
Dennoch verurteilt er ihn zum Tod am Kreuz; einer der grausamsten Todesstrafen der Menschheitsgeschichte.

Bevor schließlich das Urteil fällt, gibt es ein langwieriges Hin und Her. Voller Entschlossenheit nehmen sie ihn fest, bringen ihn zu Hannas dem Schwiegersohn des Hohenpriesters, schließlich zum Hohenpriester selbst und vor den gesamten Hohen Rat, und endlich zum römischen Prokurator. Juristisch betrachtet ähnelt das Ganze einem "Eiertanz". Die Anklage vermischt zwei Ebenen, eine politische mit einer religiösen, die Vorwürfe wirken diffus und konstruiert, Beweise oder Indizien vermissen wir ganz.
Man kann das Gefühl bekommen, von den juristischen Instanzen fühlt sich keine richtig zuständig, und vor allem: Niemand möchte sich die Hände schmutzig machen mit so einer unklaren Sache.
- Und dennoch: Jemand, eine Person oder eine Gruppe hat ein recht starkes Interesse, diesen Jesus zu beseitigen. Er ist gefährlich.
Die Hohenpriester Kajaphas hat im Vorfeld schon die Devise ausgegeben "Es ist besser, dass ein einziger Mensch für das Volk stirbt."
Was wir hier beim Prozess Jesu erleben ist für mich symbolisch für uns Menschen. Was hier geschah an jenem Rüsttag vor dem Pascha-Fest vor etwas mehr als 2000 Jahren, das geschieht heute fast täglich in unserer Welt.

Eine Gruppe von Männern die sich zum festgefügten Establishment zählt, die Stütze der Gesellschaft, die oberen Zehntausend. Sie fühlen sich von dem was Jesus sagt und tut herausgefordert, bedroht. Sie fürchten um ihre Macht und um ihre Privilegien! Sie haben Angst, dass das was dieser Nazarener sagt, sich als wahr erweist oder schlimmer noch: von dem Menschen aufgegriffen und geglaubt wird. Er predigt ein anderes, ein neues Gottesbild. Er stellt die Gesetzestreue, die für den gläubigen Juden das Mittel zur Erlangung des Heils ist, mehr als einmal in Frage: Der Mensch ist wichtiger als das Gesetz.
Wir sehen auf der einen Seite die Hohenpriester mit einem verengten Blick auf das was sie seit Jahrhunderten überliefern und die Leute gläubig annehmen, die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Macht haben weil jeder auf sie hört und ihnen die Ehre erweist.
Auf der anderen Seite steht Jesus, der den Menschen, ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen und ihrem Glauben Raum gibt. Der den Blick weitet, für das was Gott für die Menschen und die Schöpfung will. Der eine andere, eine befreiende Beziehung zum Gott seiner Väter hat, der in der selben Tradition steht wie alle Juden, der aber den Mut hat, über das alte überlieferte hinauszuschauen.
Spüren Sie die Spannung, die hier entsteht:

  • Wo kommen wir denn da hin, wenn jetzt einer kommt und was ganz anderes anfängt.
  • Das haben wir noch nie gehabt, das gibt es nicht, das kennen wir nicht.
  • Es ist eine Unverschämtheit, wie kommt der dazu, alles Bisherige in Frage zu stellen?

    Dass das, was Jesus sagt und lebt, gar nicht so ganz anders ist, das erkennen sie in ihrer Angst und Engstirnigkeit nicht mehr.
    Es muss alles schön beim Alten bleiben. Niemand darf zu viel selbständig denken, lieber sagen die Oberen was zu geschehen hat.
    Sie selbst verstehen sich als die Gerechten. Sie können und sie werden kein Todesurteil an ihm vollstrecken. Schon gar nicht am Vorabend des höchsten Festes im Jahreskreis. Sie könnten sich nach ihren Gesetzen verunreinigen.

    Die ohnehin verhassten Römer mit ihren heidnischen Göttern, sie müssen herhalten. Schnell ist auch ein Vorwand gefunden. Er bezeichnet sich als König der Juden. Das muss den Militärmachthaber aufschrecken. Jener sieht aber dennoch in dieser für ihn armseligen Figur keine echte Gefahr.
    Schließlich müssen die ihn weghaben wollen noch mal aktiv werden. Zeugen wurden schon bestochen, Vorwände gesucht, jetzt schließlich wiegeln sie die Menschenmenge auf bis Es schreit: "Ans Kreuz mit ihm!"
    Pilatus hat keine Wahl, wenn er nicht einen handfesten Tumult oder gar Aufstand riskieren möchte.
    Spüren sie sich hinein in den Verurteilten. Er weiß um seine Unschuld und hat nicht die geringste Möglichkeit, dem zu entkommen. Sogar ein überführter Mörder wird seinetwegen frei gelassen Er schweigt, doch auch wenn er redete: Sein Schicksal ist bereits besiegelt.
    Sie kreuzigen ihn, sie nageln ihn fest, fixieren ihn am starren Holz ihrer Angst und ihrer Ignoranz.
    Es ist ein Muster das hier abläuft. Das tausendfach in der Geschichte der Menschen passiert.
    "Frauen, die neue Heilkräfte entdecken, die ihre Weiblichkeit in der Welt der Männer aufwerten? - "Die müssen einen Bund mit dem Teufel haben.!" - " Weg mit ihnen."
    "Ein Schwarzer, der sich für die Menschenrechte und Gleichbehandlung der rassischen Minderheiten einsetzt? "Der ist gefährlich, der will etwas verändern. Der muss weg..."
    Neuer Mitarbeiter mit neuen Visionen und Ideen? "Dem zeigen wir, wo er sein Kreuz hinzutragen hat..."
    Es ist das Muster der Unbeweglichkeit, der Erstarrung. Allein das In-Frage-Stellen der althergebrachten Umstände macht Angst. Angst lässt uns schnell blind werden, vor allem wenn sie mit Wut gepaart ist.
    Es erscheint mir etwas zutiefst Menschliches zu sein.
    Wo lassen wir uns nicht bewegen, sind starr und stur? Wo halten wir fest an dem was uns so bequem und so angenehm ist dass wir es gar nicht mehr hinterfragen? Wen opfern wir für unsere Bequemlichkeit?
    Am Karfreitag kann uns deutlich werden, dass der Menschensohn ein Opfer des Menschlichen wird - damals wie heute.

    Amen.