Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 18,28-40

Diakoniedirektorin Susanne Kahl-Passoth (ev.)

21.03.2010

Potsdamer Passions-Predigt-Reihe

Potsdamer Passions-Predigt-Reihe

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.

Liebe Gemeinde,
„Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“
Das war die Antwort Sophie Scholls auf die Schlussfrage des sie 1943 vernehmenden Beamten Robert Mohr: Ob sie nicht doch zu der Auffassung kommt, dass ihr Vorgehen ein „Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft … insbesondere unserer im Osten schwer und hart kämpfenden Truppe“ sei, „das die schärfste Verurteilung finden muss?“
Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und einigen wenigen Gleichgesinnten hatte sie, die Studentin, es gewagt, in München in Flugblättern die verbrecherische Politik Adolf Hitlers anzuklagen und zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufzurufen: „Ich war“, so Sophie Scholl,“ mir ohne weiteres im Klaren darüber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bevölkerung zu erreichen.“

Am 22. Februar 1943 wurden Sophie Scholl, ihr Bruder, Hans, und Christoph Probst von dem berüchtigten Richter, Roland Freisler, der, wie ein Zeuge berichtet hat, „tobend, schreiend, bis zum Stimmüberschlag brüllend, immer wieder explosiv aufspringend“ agierte, zum Tode verurteilt. Das Urteil, Tod durch die Guillotine, wurde einen Tag später im Gefängnis München-Stadelheim vollzogen. [1]

Konsequent für seine Überzeugung einzutreten mit dem Wissen, dass das gegebenenfalls nicht ohne Auswirkungen auf das eigene Leben bleibt: Diffamierungen, Berufsverbot, Hausarrest, Gefängnis, Tod – bis heute können wir die Namen vieler Menschen nennen, die infolge ihres Streitens für Gerechtigkeit, für demokratische Verhältnisse, für Menschenrechte ihr Leben verloren haben.

Einiges haben diese Menschen mit Jesus gemeinsam. Einige haben auch als Christinnen und Christen gehandelt wie Dietrich Bonhoeffer, einige der Männer des 20. Juli oder der Frauen, die im KZ Ravensbrück ermordet wurden. Das konnten sie, weil es bei Jesus um mehr ging, weil Jesus eine besondere Mission hatte. Gott war in Jesus Mensch geworden, war uns Menschen damit auf unnachahmliche Weise nahe gekommen, zum Greifen nahe. Mit Hilfe von Geschichten, die er erzählte, wenn er Menschen heilte, segnete, sie ernst nahm, ihre Fragen beantwortete, ihnen das Evangelium auslegte, vermittelte Jesus etwas von der Liebe Gottes zu uns Menschen, von der Barmherzigkeit Gottes, von Gottes Vorstellungen vom Reich Gottes. Damit lädt Jesus bis heute Menschen ein, es ihm nach zu tun, sich anstecken zu lassen von seiner Begeisterung für die Sache Gottes.

Jesus hat damals das Beste für die Menschen gewollt, aber durch das Geschehen der Auferstehung nicht nur für die Menschen seiner Zeit. Er nahm die Folgen, die sich aus seinem Reden und Tun ergaben, auf sich. Sein Tod ist nicht ohne sein Leben zu verstehen und vor allem nicht ohne den, mit dessen Vollmacht er auf Erden agierte, den er den Menschen nahe bringen wollte, Gott. Als einer, der die Verlorenen suchte, die Rechtfertigung aus Gnade verkündete, sich infolge dessen mit Armen, Ausgestoßenen an einen Tisch setzte, wurde er anstößig, brachte Unruhe in das wohl geordnete Leben. So einer ohne Amt und Würden, der sich gar über die Autorität des Mose setzte, von sich als einem sprach, dessen Reich nicht von dieser Welt sei, musste mit den Frommen und Herrschenden unausweichlich in Konfrontation geraten, darin unterliegen und doch als Sieger daraus hervorgehen.

Gelassen und in sich ruhend steht Jesus vor Pilatus, dem römischen Prokurator. Zwei Verhöre durch die Hohenpriester, Hannas und Kaiphas, hatte er bereits hinter sich – nun also Pilatus. Er, der die Interessen Roms vor Ort zu vertreten hatte, vor allem für die Einhaltung der Steuergesetze zu sorgen hatte, galt als unbeugsam und rücksichtslos hart. So ließ er Gelder aus dem Tempelschatz beschlagnahmen, die er für den Bau einer Wasserleitung einsetzte. Auch ließ er sich nicht von der Besonderheit des Tempels davon abhalten, dort zu morden. Das rief Proteste und auch Unruhen unter der Bevölkerung hervor. Nachdem er einige Samaritaner hatte umbringen lassen, die auf dem Berg Garizim nach kultischen Geräten gegraben hatten, wurde er abberufen. Pilatus war in seiner Person auch die Instanz, die darüber zu entscheiden hatte, ob ein Todesurteil, das der Hohe Rat, die oberste jüdische Gerichts- und Verwaltungsbehörde, über einen Menschen gefällt hatte, auch vollstreckt wurde.
So musste auch Jesus zu Pilatus.
Eben hatten die Menschen noch bei seinem Einzug in Jerusalem „Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel“, gerufen. Das hatte einige hochgradig beunruhigt – nicht nur unter den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, die ihn sowieso schon im Visier hatten, auch die römische Besatzungsmacht. Wie konnte so einer wie ein Herrscher empfangen werden? Wie konnte so einer sich als König von Israel begrüßen lassen? Schließlich hatten sie, die Römer die Macht! Und war das nicht Gotteslästerung, wenn von so einem gesagt wurde, dass er im Namen des Herrn kam, und dann noch auf einem Esel? Und überhaupt: dieses immerwährende Reden, dass er, Jesus, der Sohn Gottes sei. Zum Aufstand gegen die Römer hatte er zwar nicht aufgerufen, aber auch so sah man ihn als Gefahr an, die öffentliche Ordnung und Ruhe erheblich zu stören. So war seine Gefangennahme durch eine römische Kohorte erfolgt – und damit wohl nicht ohne Wissen des Pilatus.
Nun hatte man Jesus zu ihm gebracht.
Pilatus musste an diesem Tag raus aus dem Prätorium, um sich nach den Inhalten der Anklage gegen Jesus zu erkundigen. Die Vertreter des Hohen Rates wollten den Sitz des Pilatus nicht betreten. Aus Sorge vor einer möglichen Unreinheit, blieben sie lieber draußen. Schließlich wollten sie am bevorstehenden Passahfest teilnehmen und das ging nur, wenn sie rein blieben. In Bezug auf die Reinheit oder Unreinheit des Angeklagten machten sie sich keine Gedanken. Offensichtlich stand für sie bereits fest, dass er das Passahmahl nicht mehr mitfeiern würde.

Auf die Frage des Pilatus nach der Anklage, wollten die Ankläger nicht so recht mit der Sprache raus: Sie wären gar nicht gekommen, wenn es keinen Grund gegeben hätte, diesen Menschen vor Pilatus zu bringen. Die Tatsache, dass sie Jesus hierher gebracht hätten, müsste quasi als Beweis reichen. So ist die Antwort des Pilatus auch nicht weiter verwunderlich: „Dann richtet ihn nach eurem Gesetz.“ Nun werden die Ankläger deutlicher: Sie dürfen niemanden töten. Nun ist klar, was sie von ihm, Pilatus wollen.

Pilatus nun wieder ins Prätorium hinein, Jesus verhörend, gleich direkt ansprechend: Bist du der König der Juden? Jesus möchte wissen, wie er zu dieser Frage kommt. Oh nein, dass war keine Frage, die Pilatus von sich aus stellte. Auf Drängen der Ankläger musste er schließlich klären, worum es ging.
Sein Reich sei nicht von dieser Welt, antwortete ihm Jesus. Pilatus verstand nun gar nichts mehr. Handelte es sich hier also doch um eine Art König? Jesus bestätigte das: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.“ „Was ist Wahrheit?“ war dann die Frage des Pilatus. Wollte er das wirklich wissen? Wohl eher nicht. Dieser Jesus, mit dem kam er nicht klar, den verstand er einfach nicht, hielt ihn wohl eher für einen realitätsfernen Spinner, nicht ganz klar im Kopf, verwirrt – würde man heute wahrscheinlich sagen.

Was ist Wahrheit? Welche Wahrheit soll hier in der Person Jesu bezeugt werden? In dieser Wahrheit verbarg sich die gesamte Existenz Jesu. Wahrheit ist, dass Gott sich in Jesus offenbart hat, Jesus die Stimme Gottes ist, aber das begreift nur jemand, der glaubt, der mit ihm unterwegs war und ist.
Der Heide Pilatus geht so wieder vor die Tür seines Prätoriums zu denen, die geduldig gewartet haben, und erklärt: „Ich finde keine Schuld an ihm!“ Um keine Unruhe unter den Anklägern herauf zu beschwören, indem er den Prozess beendet, tut er so, als ob er Jesus zumindest einer ist, der zurecht gefangen genommen wurde, und will ihn mit Hilfe des Passahgnadenaktes freigeben. Dann muss er das Todesurteil nicht gegen seine Überzeugung aussprechen, die Ankläger könnten ebenfalls ihr Gesicht wahren.
Doch er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Die Ankläger verlangen nicht Jesus, sondern Barrabas, einen stadtbekannten Räuber und politischen Freischärler. Jesus also ein schlimmerer Übeltäter als Barrabas! Pilatus kann sich scheinbar zurücklehnen: Ich war es nicht – und doch war es seine Taktik, die Jesus ans Kreuz brachte. Die Verurteilung und ihre Folgen, Geißelung, Verspottung, Kreuzigung und damit Jesu Tod nahmen somit ihren Lauf.

Und es bleiben Fragen: Warum hat Jesus sich so verhalten? Warum hat er sich nicht verteidigt? Seine Angaben zur Person und zu seinem Auftrag konnten doch nur Insider verstehen. Aber wahrscheinlich hätte das auch nichts geändert. Denn wer sich so radikal auf die Seite der Armen und Entrechteten stellt, gefährdet die Privilegien und Pfründe der Reichen und Etablierten.
Die Herrschaft der Nationalsozialisten wurde durch das vereinte Agieren der Alliierten beendet. Deutschland ist heute ein demokratisch verfasstes Land, wo Menschen frei ihre Meinung kundtun dürfen. Dennoch ist vieles im Argen. Die Radikalität eines Jesus von Nazareth, die Radikalität Gottes in Bezug auf die Pfeiler seines Reiches: Gerechtigkeit, Parteilichkeit für die Armen, Kranken, Menschenliebe werden auch heute immer wieder auf Grund von Machtinteressen einzelner oder Gruppen, im Blick auf den Erhalt von Privilegien und Besitztümern beiseite geschoben. Man spricht dann gerne von Realitätsferne. Wenn einer es zu sehr übertreibt, beispielsweise unverhältnismäßig hohe Bezüge erhält, kommt er eine Weile an den öffentlichen Pranger, aber es ändert sich nicht wirklich etwas. Die Armen, die sozial Ausgegrenzten werden verwaltet, wenn es gar nicht anders geht, als für ihre Lage selbst Verantwortliche, als Schmarotzer, Faulenzer beschimpft. Als Kirche, als einzelnen Christinnen und Christen reden wir zu wenig dagegen an, vor allem tun wir zu wenig.

Dieser Jesus, der da vor Pilatus steht, steht auch uns gegenüber und fragt uns, ob wir die Wahrheit denn wirklich wahrhaben – und d.h. auch leben wollen – heute – in dieser Stadt, in diesem Land.
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


[1] Nach Barbara Beuys, Sophie Scholl, Biografie, Carl Hanser Verlag München 2010