Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 19, 16 – 30

Pfarrerin Silvia Johannes (ev)

03.04.2015 in der Kirchengemeinde in Meersburg

Karfreitag 2015

Gott schweigt.

Etwas Schreckliches geschieht und Gott schweigt. Kennen Sie das? Ich schon und nicht erst seit dem Flugzeugabsturz in der letzten Woche oder dem Zusammenstoß zweier Flugzeugen vor dreizehn Jahren über Überlingen. Als den Helfern vor Ort, der Unterschied zwischen Morgendämmerung und Morgengrauen zutiefst bewusst wurde. Damals und heute wieder.

Gott schweigt.

Auch bei der Kreuzigung seines Sohnes. Weder im Johannesevangelium, unserem Predigttext, noch in den drei anderen Evangelien und deren Berichten über die Kreuzigung  wird ein gesprochenes Wort von Gott auf Golgatha bezeugt.

Gott schweigt.

Viermal ist das der gleiche und für mich schon erstaunliche Befund.

Gott schweigt.

Aber Gott kann zu den Menschen sprechen. Das ist schon in der hebräischen Bibel vielfach belegt. Angefangen von der Schöpfung der Welt (Genesis 1) durch das Wort Gottes bis zur Begründung einer ganzen Berufsgruppe, die für Gott reden, den „Nebiim“, den „Mündern Gottes“, den Propheten. Vielfach wird durch sie Gottes Wort  gesagt und verkündet.                                                                                         Dieses Reden Gottes setzt sich auch im Neuen Testament fort. Vor und nach der Geburt Jesu bis zu seiner Taufe redet Gott mit den Menschen auf vielfältige Weise.  Gott redet durch den Erzengel Gabriel zu Maria über die Empfängnis von Jesus.  Zu Josef spricht Er im Traum während der Schwangerschaft Marias, dass er seine Verlobte nicht verstoßen soll. Durch viele Engel lässt Gott auf dem Hirtenfeld die Geburt von Jesus laut verkünden. Wieder im Traum sagt er zu Josef, dass er mit Maria und dem Kind Jesus nach Ägypten fliehen möge. Und den drei Weisen, die das Kind in Bethlehem anbeten, bedeutet Gott im Traum, dass sie einen anderen Weg nach Hause  nehmen mögen, an Herodes vorbei. Und bei Jesus Taufe hören die Anwesenden schließlich Seine, also Gottes Stimme selbst: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“ Lukas 3,22b

Alle Textstellen bezeugen: Gott kann sprechen. Er kann zu den Menschen sprechen durch seine Boten, die Engel. Er kann die Sprache der Träume nutzen. Sie sind ja die  vielfach vergessene Sprache Gottes. Er kann seine Worte dem Menschen in der Seele einbilden. Und er kann selbst phonetisch, also hörbar sprechen. „ Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“          Gott ist keineswegs stumm. Nur beim Sterben von Jesus scheint Gott keine Stimme mehr zu haben.

Gott schweigt.

Ist das nicht wie in unserem Leben? Im tiefsten menschlichen Leid, das wir und andere erlitten haben, schweigt Gott. Keine Klage erhält Antwort. Die Hinterbliebenen der Opfer vom Flugzeugabsturz am 24. März 2015 erleben es vielleicht jetzt gerade so. Gott schweigt, wie auf Golgatha. Warum spricht Gott hier nicht? Vielleicht weil  Gott uns ähnlich ist?

Manchmal  verstummen wir Menschen und schweigen, weil wir das erlittene Leid, den Schrecken, den Schmerz und das Entsetzen nicht aushalten, uns nicht erinnern wollen und es auch nicht können.  Es gibt manchmal auf Zeit und manchmal für immer keine Erinnerung an das Erlittene. Diese Art von Vergessen trägt den medizinischen Namen psychogene Amnesie. Das so begründete Schweigen durch Vergessen ist ein kluger Schutzmechanismus unserer Seele. Wir könnten das Erlittene nicht bewältigen, geschweige denn aushalten. Wir gerieten erneut in Todesnähe, würden diese Erinnerungen plötzlich wieder auftauchen. Unsere Körperfunktionen und unser Kreislauf könnten zusammenbrechen, wovor uns damals vielleicht eine Ohnmacht geschützt hat.     

Wir schweigen bei Leid aber auch im wirklichen Sinne. Weil wir nichts dazu sagen können oder nicht wollen. Menschen können durch Leid geradezu sprachlos werden, sodass sie kein Wort mehr herausbringen. Etwa wenn sie ein Ereignis so tief entsetzt hat, dass ihnen die Stimme versagt. Oder wenn der erlittene Schrecken und auch der Schmerz das seelische Fassungsvermögen so massiv überschritten haben, dass sich ein Mensch ganz nach innen zurückzieht. Dann kann er sich wohl erinnern aber er will mit niemandem, keinem Menschen mehr sprechen, geschweige denn etwas zu tun haben. Das Vertrauen ist zu tief verletzt. So wachsen aus abgründigem Leid gleichsam Mauern. Die verhindern jede Kommunikation und so auch jede Beziehung.

Das sind einige wenige Facetten, wie sich unser persönliches, menschliches Schweigen zu tiefstem  menschlichen Leid verhalten kann. Wir Menschen schweigen einerseits für uns allein und zum anderen im sozialen, gesellschaftlichen Verbund. Wir bekunden beispielsweise auch tiefes Mitgefühl im Schweigen. Davon berichtet das Buch Hiob. Die Freunde Hiobs waren für ihn und auch für Gott sicherlich besser zu ertragen, als sie noch schwiegen. Damit gab es noch nicht die ewige Warum-Fragerei.  Warum Hiob dieses Unglück getroffen habe? Die Klärung der Schuldfrage und alle Fragen nach der Verantwortung für dieses Leid helfen nicht im Leid und lindern keinen Schmerz. Schweigen kann angemessener oder gemäßer sein. Solches Schweigen ermöglicht eine Art von wahrhaftiger Verständigung wenn Worte nicht mehr reichen um ein Leid zu fassen. Als die drei Freunde bei Hiob ankamen, heißt es: ... „und (sie) saßen mit ihm sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war“  Hiob 2, 13. 

Dazu scheint Schweigen eine internationale „Sprache“ zu sein.  Überall auf der Welt wird diese Sprache ohne ein Wort verstanden. Mit sogenannten Schweigeminuten aber auch mit Schweigemärschen bekunden wir unser Mitgefühl bei einem großen Unglück. Oder wir zeigen damit ein Unbedingtes auf, über das wir nicht diskutieren wollen. Die Montagsdemonstrationen vor dem Mauerfall in Leipzig verliefen mehrheitlich in solchem Schweigen. Wenn wir es uns recht überlegen, waren sie lauter als jede Protestkundgebung mit Megaphonen. Das Schweigen wirkte am Ende wie die Posaunen von Jericho. Im November 1989 fiel die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland. Und aktuell bezeugen die Schweigeminuten der Politiker, der Mitarbeiter von Germanwings und der Lufthansa die tiefste mitmenschliche Betroffenheit und Solidarität mit den Todesopfern des Flugzeugabsturzes und deren trauernden Angehörigen.

Wenn nun viele Menschen zusammen schweigen, dann wird das Schweigen so mächtig, dass es kein Mensch mehr übertönen kann. Schweigen kann so gesehen das lautere Schreien sein. So ist es für mich auch von daher spannend auf Gott zu schauen, denn es ist wahr: Gott schweigt auf Golgatha. Und Gott stirbt auf Golgatha am Kreuz. Dieses Ereignis nennen wir das Karfreitagsgeschehen. Auch  in der Biographie eines Menschen begleitet das Schweigen Gottes wohl immer die dunkelste Stunde in seinem Leben. Und die dunkelste Stunde ist die, worin dem Menschen auch Gott stirbt. Viele Menschen haben dies so erfahren.  Leid und Schweigen, Tod und Schweigen, sie gehören wohl zusammen. Doch wir mögen das nicht leiden. Halten es nicht aus. Wir gehen vehement in die Abwehr.  

Auf der menschlichen Ebene, auf Golgatha damals und heute beim Flugzeugabsturz, reden dann viele. Wie bei den Medienberichten zum Flugzeugabsturz, wohl viel zu viele.  Wo Schweigen angemessen wäre, folgen wie  im Live-Ticker Schlagzeilen, Berichte und Interviews. Oft genug beruhen sie nur auf Vermutungen und Theorien. Sie dienen der Abwehr des Schweigens, indem sie unsere Neugier befriedigen. Den Angehörigen der Opfer in ihrer Trauer dient das Pressegerede nicht. Selbst wenn wir irgendwann wissen, dass der Co – Pilot den Absturz bewusst herbeigeführt hat, bleibt zu bedenken: Eine Antwort auf die Frage nach dem „warum“ ergibt sich daraus nicht.  Und den Hinterbliebenen hilft das auch nicht. Die Angehörigen müssen sich mit dem Tod, dem Verlust eines nahen Menschen, auch eines Kindes auseinandersetzen.  Das ist seelische Schwerstarbeit leisten. Sie stehen für mich, bildhaft gesagt, gerade auf ihrem persönlichen Golgatha. Und dort war es an sich schon laut.   

Auf Golgatha, so berichtet Johannes, wird geschrien, gekreuzigt, einer rechts, einer links und Jesus in der Mitte, es wird um Worte gestritten und ein Schild beschrieben. Die Basta-Mentalität von Pontius Pilatus behält das letzte Wort gegenüber den Priestern, die Jesus den Titel „König“ entziehen wollen. Es bleibt dabei, dass auf dem Schild über dem Kreuz steht „Jesus von Nazareth,  König der Juden“. Und unter dem Kreuz laufen Handel und Glückspiel. Der Mantelstoff Jesu wird durch vier geteilt und um sein aus einem Stück gewebtes Unterkleid wird gewürfelt.  Es ist laut, marktschreierisch laut auf Golgatha.  Neben den Neugierigen aus der Stadt und den Soldaten, sind da noch weinende Freunde und Angehörige von Jesus. Sie stehen bei seinem Kreuz.  Jesus redet mit ihnen und sorgt im Sterben noch für seine Liebsten. Seine Mutter und seinen Lieblingsjünger Johannes, so verfügt Jesus testamentarisch, stellt er in ein rechtliches Mutter-Sohn Verhältnis. Die Zeugen sind die Schwester seiner Mutter und Maria Magdalena. Somit ist ein letzter Rechtsakt abgeschlossen. Und viele Worte sind hin und her gegangen.

Treten wir ein Stück zurück und schauen noch einmal auf Golgatha, wie es uns Johannes bebildert.  Dann ist Jesus Sterben wahrhaft öffentlich. Er hängt bildhaft gesagt mitten im Geschrei. Es ist kein in Würde sterben dürfen, so nackt wie er am Kreuz ausgehängt ist. Jesus kann sich darin nicht eine Minute zurückziehen. Nicht einmal zum Beten kann er allein sein. Es gibt keine Stille, keine Ruhe, keine Intimität für ihn. Der Tod wird bildhaft gesagt, die Tür für Jesus, aus dem Geschrei der Welt heraus zu kommen.  So treten auf Golgatha Gottes Tod in Jesus Christus und Gottes Schweigen zusammen. Das ist bis heute so. Golgatha ist immer da, wo mir Gott stirbt und Gott schweigt.

Fast lakonisch kurz wirken die letzten Worte Jesu bei Johannes, die dem Schweigen schon nahe kommen:Mich dürstet!“ und dann „Es ist vollbracht“. Danach, nur noch wenige,  dürre Worte über seinen Tod: „er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“  Es scheint, als ob Johannes selbst, beim Schauen auf Golgatha, die Worte ausgegangen sind. Und er selbst auch nur noch schweigen will. Das Schweigen wirkt ansteckend.  Am Ende hat sich das Schweigen gleichsam von Gott her kommend, auf Erden ausgebreitet.  

Damit wird die laute, marktschreierische Umgebung auf Golgatha ausgeblendet. Die Kakophonie, der Missklang der verschiedenen Stimmen und Ansprüche ist weggenommen. Auch kein Schreien oder Weinen aus Trauer oder Verzweiflung der Menschen ist noch zu hören. Nicht bei Jesus, nicht bei seiner Mutter, nicht beim Jünger Johannes und bei keinem anderen. Wir lesen bei Johannes vom eigentlichen Tod Christi  nur diesen knappen Bericht, fast schon ein sachliches Protokoll.

Es ist wie bei den Abendnachrichten im Fernsehen, wenn wir vom Leid der Welt hören. Über Bilder menschlicher Gräueltaten und menschliches Leiden wird dort auch so nüchtern berichtet. Gefühle werden nicht transportiert. Müsste hier nicht ein Aufschrei erfolgen? Oder wenigstens eine weltumspannende Schweigeminute eingelegt werden? Und statt der nüchternen Rede über die Bilder der Gewaltattentate auf Christen und andere Menschen im Nahen Osten Gefühle benannt werden, die solche Gräueltaten in uns auslösen? Das Leid, das uns nicht persönlich betrifft oder weit weg ist, wirkt nicht dieses dem Leiden gemäße Schweigen in uns aus. Es macht uns nicht stumm und doch will ich fragen. Wenn wir immer noch fühlende Wesen sind, wann schreien oder weinen wir für die Opfer? Bei uns ist es dann eher so, wie nach dem Flugzeugabsturz. Es beginnt alsbald die Suche nach immer neuen Nachrichten, nach Gründen warum der Co-Pilot das getan hat? Ist das unsere Form der Gefühlsabwehr? Die Trauer tritt zurück und die Neugier nach vorn. Halten wir das Schweigen nicht aus? Und wenn wir es nicht aushalten, was sind wir dann für Beistände in solchen Leidsituationen? Wir handeln weniger aus tiefem Empfinden, Denken und Fühlen heraus. Wir agieren lieber, leider manchmal auch ohne Verstand. Wir schweigen nicht in Ehrfurcht, nicht aus Liebe, nicht einmal vor dem einen Leid und dem vielfachen Tod. Wir reden lieber.

Einzig und allein  Gott schweigt.  

Das ist auch bei der ganzen Kreuzigungsszene, bis zum Tod seines Sohnes, so. Gott schweigt, als ob er nicht da ist. Und doch ist er da und sein Schweigen ist für mich das tiefste, echteste und beredtste zum Ausdruck bringen von gefühltem Entsetzen, von größter Liebe und tiefstem Mitfühlen. Allein Gott hält das Schweigen aus. Er ist ganz da, Er ist im Schweigen auch für seinen Sohn ganz präsent.

Wie kann ich das sagen? In einem Zitat von Cicero, (Catilinariae orationes  1,21) fand ich dazu die Worte: „indem sie schweigen, schreien sie“. Das war  mir in einer persönlichen Auseinandersetzung, als mir selbst gleichsam Gott gestorben war und das Schweigen Gottes nicht aufhören wollte, ein großer Trost. So habe ich es aus der Dunkelheit heraus geschrieben.

Nach dem Opfer

schreien die Lämmer

indem sie schweigen.

Für die Lämmer

Schreien ist Gottes Schweigen

nach dem Opfer.                                             

Denn gottlos

war das Opfer  

aber

nicht die Lämmer.    (SJ)       

So glaube ich, dass Gottes Schweigen über Golgatha –  über dem einen und allem Leiden der Menschen, das lauteste Schreien für die Opfer ist.

Gott ist bei seinem Sohn und er ist bei uns auf unserem Golgatha. Gott ist da, auch wenn ich von ihm nichts sehe und nichts höre. Im Schweigen –  schreit Gott.