Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 19,16-30

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

18.04.2003

in der Ev. Kirchengemeinde Ruhrort-Beeck/Bezirk West

Geht Ihnen das auch manchmal so, liebe Gemeinde, dass sie, wenn Sie ein Buch lesen, die beschriebene Handlung als Szene vor ihrem inneren Auge sehen? - Mir geht das oft so, wenn ich ein gutes Buch lese. Ich sehe dann die Personen vor mir, die im Text beschrieben werden, höre, wie sie sprechen, sehe, was sie tun. Ich spüre etwas von der Atmosphäre, die in der Szene herrscht. Es entsteht ein Film in meiner Phantasie.

Bei biblischen Erzählungen geht mir das auch oft so, besonders bei den Jesus-Geschichten aus den Evangelien. Manchmal erinnere ich mich dann auch an Szenen aus Filmen, ich kenne. An die bewegende Szene am Ende von Ben Hur z.B., wie Jesus sein Kreuz nach Golgatha trägt, und die Menschen heil werden, denen er auf diesem Weg begegnet.

Manchmal entstehen aber auch ganz eigene Bilder, mein Jesus-Film sozusagen. - So ging mir das auch mit dem Predigttext für den Karfreitagsgottesdienst heute, den wir vorhin als Evangeliumslesung gehört haben. Die Erzählung vom Leiden und Sterben Jesu nach dem Johannesevangelium.

Ich konnte mir diese Szene bildlich vorstellen: Golgatha, die Schädelstätte. Es ist die Stunde, in der sich alles verdichtet. In der alle Wege zum Ziel kommen: Das Urteil ist gefällt, der Mob hat sich ausgetobt, der Gefangene wird zur Hinrichtung geführt. Den Querbalken seines Kreuzes trägt er selber, genau wie die beiden anderen Verurteilten. Es geht hinaus auf den Hügel vor die Stadt. Die Atmosphäre ist unruhig. Es sind viele Menschen unterwegs, ganz unterschiedliche Gruppen von Leuten, aber alle in Bewegung, äußerlich und innerlich. Die Spannung löst sich erst, als die Kreuze stehen. Sie bilden den Ruhepunkt in dieser Szene. - Vom Kreuz geht Ruhe aus.

Aber was ist mit den Menschen, die das Geschehen miterleben, was mit denen, die darin verwickelt sind? - Ich sehe mich um, sehe Menschen, Menschen unter dem Kreuz!

Da sind Pilatus und die Hohenpriester: Die Großen und Mächtigen unter sich! Pilatus, der Befehlshaber der Besatzungsmacht Rom und die Hohenpriester, die höchsten Vertreter der einheimischen Bevölkerung. Gemeinschaftlich haben sie ihr Werk vollendet: Der lästige Prediger ist verurteilt und die Todesstrafe wird gerade vollstreckt. Doch die Hohenpriester sind noch nicht zufrieden, haben noch einen Einwand.

Es geht um das Schild, das Pilatus mit ans Kreuz nageln lässt. In drei Sprachen ist es geschrieben, damit jeder lesen kann, wer hier den Verbrechertod stirb: Jesus von Nazareth, König der Juden, kurz: INRI. Aber damit sind sie nicht einverstanden. Nicht "König der Juden" soll da draufstehen, sondern "dass er gesagt habe, er sei der König der Juden". - Ich kann mir das gut vorstellen. Ihren Eifer, ihre Selbstgerechtigkeit und ihre Angst: Wie sieht denn das aus? All die vielen Leute, die das lesen, was sollen die denn denken? Das sieht ja so aus, als hätten sie ihren eigenen König ans Kreuz geliefert... Das geht nicht! Dieser Eindruck darf auf keinen Fall entstehen!

Es ist so wie immer, liebe Gemeinde, ein entscheidender Faktor der Macht ist es, dass alle Intrigen und Manipulationen, alle Vorwürfe und fadenscheinigen Argumente nach außen unter dem Deckmantel von Recht und Gesetz bleiben. Wir mussten das ja gerade erst erleben, als die USA immer abstrusere Vorwürfe und "Beweise" vorgelegt haben, um ihren eindeutig völkerrechtswidrigen Angriff auf den Irak zu rechtfertigen. Wenn auch diese Situation eine ganz andere ist, das Prinzip ist doch heute nicht anders als damals. Wie viele falsche Zeugen mussten die Hohenpriester auftreten lassen und wie viel Mühe hatte es sie gekostet, Pilatus zum Eingreifen zu bewegen. Und nun dieses Schild: "König der Juden" - wie sieht denn das aus? - Bei genauem Hinsehen, liebe Gemeinde, sieht es eigentlich genauso aus, wie es wirklich ist! Und diesmal lässt der sonst so unentschlossene Pilatus sich auch nicht beirren: Dieser ist der König der Juden, der wahrhaftige Sohn Gottes, die Hoffnung Israels und der Welt - er stirbt am Kreuz. Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. - Das Kreuz ist ein Zeichen der Wahrheit.

Von den Befehlshabern geht mein Blick hinüber zu den Soldaten. Sie stehen etwas abseits herum und warten darauf, dass Jesus stirbt. Ihr Auftrag ist ausgeführt, die Arbeit getan. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Eine Pflicht die Grausamkeit bedeutet; die Terror und Gewalt, Leiden, Sterben und Tod zu ihrem Alltag macht. Sie führen dabei nur Befehle aus, haben selber nicht zu entscheiden über das, was getan oder gelassen wird. Das sind sie gewohnt: Nicht denken, sondern gehorchen, sonst passen sie nicht ins System. - Ihren Frust lassen sie dann an den Gefangenen aus, weil die sich nicht wehren können. Spott und Hohn musste Jesus sich gefallen lassen. Mit Dornenkrone und Purpurgewandt haben sie einen Jammerkönig aus ihm gemacht. Und jetzt teilen sie vor seinen Augen, seine Kleider und persönlichen Sachen unter sich auf. Für die Soldaten ist das normal und ihr gutes Recht. - Irgendwann stumpft man wahrscheinlich ab, aus reinem Selbstschutz, aber wie weit reicht der?

Ich möchte kein Soldat sein, liebe Gemeinde, weder damals noch heute. Ich möchte nicht erleben müssen, was sie erleben und nicht die Entscheidungen treffen müssen, die sie treffen. Ich möchte nicht die Last der Schuld tragen müssen, die sie tragen. Denn auch wenn sie auf Befehl handeln, sind sie doch ohne Zweifel Täter und Mitverantwortliche. Das kann nicht spurlos an einem vorübergehen.

Letzte Woche habe ich einen Spruch gelesen, der zu den Soldaten in der Kreuzigungsszene passt: "Es sind die Schwachen, die grausam sind; Güte kann man nur von den Starken erwarten." Und dann fielen mir die Worte ein, mit denen Jesus am Kreuz die Soldaten bedenkt: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Sind das nicht die Worte, die Menschen stark machen, damals wie heute? - Das Kreuz ist ein Zeichen der Vergebung.

Beim Betrachten der Szene auf Golgatha nähere ich mich nun auch langsam dem Kreuz. Ganz in der Nähe findet sich noch eine kleine Gruppe von Menschen: Maria, die Mutter Jesu und Johannes, sein Lieblingsjünger. Nach den Fernsten, jetzt die, die Jesus am nächsten sind. Eine trostlose Szene, im wahrsten Sinne des Wortes. - Für den der geht und für die, die zurückbleiben muss es am schwersten sein: hilflos zusehen zu müssen, wie das eigene Kind, der Freund, der Lehrer leiden und sterben muss. Zu wissen, dass die, die der Sterbende zurücklässt, versinken werden in einem Meer von Traurigkeit. - Und auch jetzt wieder geht die Initiative vom Gekreuzigten aus. Wie in einem Vermächtnis gibt der sterbende Jesus den Lieblingsjünger seiner Mutter an die Hand, legt er Maria dem Johannes ans Herz. Siehe, dein Sohn. - Siehe, deine Mutter.

Im Januar diesen Jahres stand in der WAZ die Todesanzeige des 18jährigen Stefan, die mich tief beeindruckt hat. Sie war mit Worten aus dem Matthäusevangelium überschrieben: Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Nach Geburts- und Sterbedatum war dann zu lesen: "Die Liebe anderer kann uns über Wasser halten, wenn wir selbst mit der Bodenlosigkeit des Lebens nicht zurecht kommen. Wir sind unsagbar traurig."

Ich wünsche der Familie, dass sie das, was sie dort formuliert haben, wirklich erleben kann: Dass die Liebe trägt. Dass der Trost dort beginnt, wo andere einen aus der Isolation der Trauer herausreißen. Wo der Schmerz geteilt wird. Das nämlich ist es, was bleibt, unter dem Kreuz, damals wie heute: Wo ihr in gleicher Weise für einander sorgt und einander nahe seid, da bin ich mitten unter euch! - Das Kreuz ist ein Zeichen des Trostes.

Zuletzt, liebe Gemeinde, steht der Gekreuzigte wieder im Mittelpunkt. So wie der Blick von ihm ausging hin zu den Menschen unter dem Kreuz, so kehrt er nun zu Jesus zurück.

Vor den Augen der Welt ist es der Moment größter Verlassenheit. Ich stelle mir vor, wie Jesus in die Zukunft schaut, in unsere Gegenwart. Kriege sind da zu sehen, die die Mächtigen um ihrer Macht willen führen. Hungersnöte sind zu sehen, weil nur wenige viel besitzen und viele kaum genug zum Leben haben. Leiden und Sterben sind zu sehen, Trauer und Hoffnungslosigkeit. Nichts hat sich geändert. - Ist es das dann wert? Wenn sich doch nichts ändert? Wenn die Menschen weitermachen wie bisher? - Ist es das wert?

Dann die letzten Worte bevor er stirbt: Es ist vollbracht. Wie ein letzter Widerspruch zu der gottverlassenen Szene auf Golgatha. Und dann wird es mir klar: Es ist vollbracht. Darauf zielte der Weg Jesu von Anfang an: Die Liebe Gottes denen zu bringen, die sich am bittersten von Gott verlassen glauben. Ihnen nahe zu sein, ihre Not mit auszuhalten, ihre Trauer, ihre Verzweiflung. Weiter als bis zum Kreuz kann Gott mit seiner Liebe nicht gehen.

Alles, was das Leben Jesu geprägt hat, was er die Menschen gelehrt und ihnen vorgelebt hat, das führt er jetzt am Kreuz konsequent zu Ende. Das Kreuz ist die Besiegelung der Botschaft Jesu. Deshalb kann sein Tod für uns noch ermutigender sein, als es sein Leben war. Denn das Kreuz, das schreckliche, das Zeichen der Verlassenheit, von elenden Qualen und Schmerzen, der tiefen Not und des Todes steht mitten in der Welt. Doch Gott verwandelt es zum Zeichen seiner Nähe, seiner Kraft, die den Tod überbietet, dem Schrecken ein Ende macht, dem Leben ein Ziel gibt und uns einen neuen Anfang schenkt. Von Jesu Sterben her fällt so ein für alle Mal ein neues Licht auf die Menschen - Gottes Licht der Wahrheit, der Vergebung und des Trostes. Es fällt auf uns, die Menschen unter dem Kreuz.

Amen.