Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 19,16-30

Pfarrer Andreas Beuchel

18.04.2003 in Dresden

Karfreitag

Liebe Gemeinde,

Wer einen Menschen in den letzten Stunden, Minuten, Sekunden seines Lebens begleitet hat, wird diese Situation nicht vergessen können.

Er wird nicht vergessen können, wie dieser Mensch mit dem Leben – mit dem Tod gerungen hat. Wie er vielleicht zwischen Angst vor dem Tod und Erlösung von den Schmerzen hin und her gerissen war.
Wenn es ein schweres Sterben war, werden die Bilder vom schmerzhaften Stöhnen, von angstvollen Blicken, von Traurigkeit, vielleicht aber auch von Erlösung im Gedächtnis bleiben.
Was versucht man nicht alles in der letzten Zeit, die einem Sterbenden bleibt.
Etwas Gutes will man ihm tun. Einen Schluck zu Trinken geben, die Hand halten, gute Worte sagen – ein Stück ihn begleiten, nicht allein lassen.
Wie gesagt, vergessen kann man diese Situation nicht mehr. Vergessen kann man auch oft nicht die letzten Worte eines Sterbenden. Diese Worte haben irgendwie ein besonderes Gewicht.

Wir haben durch den Bibeltext aus dem Johannesevangelium die letzten Stunden, die letzten Minuten im Leben Jesu miterleben können. Seines Leidens – seines Todes gedenken wir heute am Karfreitag. Auch beim Sterben Jesu ist es so gewesen, wie beim Sterben aller Menschen, die Menschen, die auf Golgatha dabei waren, konnten es nicht vergessen.
Sie konnten auch seine letzten Worte nicht vergessen. Wir haben sie in unserem Bibeltext gehört, wie sie uns überliefert wurden.
Jesu letzte Worte heißen ins Deutsche übertragen: „Es ist vollbracht!“

Was bedeuten diese letzten Worte Jesu?

1. Das kann zunächst ganz schlicht heißen: Es ist zu Ende.
Es ist überstanden. Diese letzten Worte Jesu haben gewiss auch diesen Sinn, dass es nun endlich zu Ende ist mit den böswilligen Nachstellungen, den zermürbenden Verhören, mit den bitteren Enttäuschungen. Enttäuscht hatten ihn ja vor allem seine Jünger: Judas, der ihn verriet. Petrus, der ihn verleugnete. Die anderen Jünger, die sich aus Angst versteckten.
Am Kreuz war nur ein einziger – Johannes – geblieben, außer den drei Frauen.
Es ist zu Ende mit der Verhöhnung der Soldaten, die ihn zur Spottfigur durch die Dornenkrone machten.
Endlich am Ende
„Mich dürstet!“ hatte Jesus noch gerufen. Der Schrei der gequälten Kreatur. Essig auf einem Schwamm reichten sie ihm.
„Es ist vollbracht!“ – Es ist zu Ende mit dieser inneren und äußeren Qual.

Ich kann diesen letzten Ruf des Gekreuzigten nicht hören, ohne an all die entsetzlich Gequälten, Gefolterten und Zusammengeschlagenen zu denken – an die vielen, die auf brutale Weise ermordet wurden.
Wie sollen wir all das Leid aushalten? Ich könnte es nicht aushalten, wenn ich nicht um den letzten Schrei Jesu wüsste. Gott selber hat in seinem Sohn den Tod bis zu Ende mitgelitten. Deshalb ist er uns in allem Leiden und Sterben nahe.
„Es ist vollbracht!“ hat Jesus am Kreuz gerufen. Es ist ausgestanden, es ist zu Ende gelitten. Ich denke, dass jede – jeder von uns ganz leise den Ton dieses Wortes mitnehmen darf.
Wie immer es mit meinem eigenen Sterben sein wird – Jesus Christus wird bei mir sein, weil er die ganze Not und Bitterkeit des Sterbens durchlebt hat.

In diesem Glauben – in dieser Gewissheit kann ich auch über meinen Tod sprechen und kann meine letzte Stunde schon in gesunden Tagen bedenken. Ich kann mit mir lieben Menschen darüber reden – ich kann mit Gott im Gebet darüber reden.
Es hört auf das ständige, angstvolle Verdrängen des Themas „Tod“.

In unserem Gesangbuch gibt es viele wunderbare Beispiele, wie Menschen sich diesem Nachdenken gestellt haben. Hoffnungsvolle Lieder sind dabei entstanden, die auch alle schmerzliche Erfahrung widerspiegeln.
Ein Beispiel ist für mich das Lied von Paul Gerhardt „O Haupt voll Blut und Wunden“ EG 85. In den Versen 9 und 10 heißt es:
Wenn ich einmal soll scheiden,
so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden,
so tritt du dann herfür,
wenn mir am allerbängsten,
wird um das Herze sein,
so reiß mich aus den Ängsten,
kraft deiner Angst und Pein.
Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde,
in deiner Kreuzesnot.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll,
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

2. „Es ist vollbracht!“.
Aus dem Munde Jesu ist das aber noch viel mehr als das befreite Aufseufzen über alle Leiden. Es ist zugleich ein Wort, was deutlich macht:
Es ist nicht nur etwas beendet, sondern es ist alles vollendet.
Denn das, was Gott mit der Sendung des Sohnes für uns Menschen wollte, ist vollbracht.
Die Liebe Gottes ist zum Ziel gekommen. Jesus ist für die Sünde von uns Menschen, d.h. für all das was zwischen Gott und uns steht, gestorben.
Die Liebe Gottes ist, was die Welt braucht, um aus ihrer gottlosen Verlorenheit herauszukommen. Von Gott her ist alles geschehen - geschehen mit dem Sterben seines Sohnes am Kreuz für uns.
Wir sind und bleiben geliebt für immer. Diese Liebe schließt keinen aus.
Dass einer nicht von Gott geliebt wäre – das ist ausgeschlossen, auch wenn sich viele Menschen selber ausschließen, aus welchen Gründen auch immer.Auch wenn es auf dieser Welt und unter uns Menschen lieblos aussieht, die Liebe Gottes ist im Tod Jesu nicht gescheitert, sondern hat dort ihre Vollendung gefunden.
So ist das Kreuz das Siegeszeichen der Liebe Gottes für diese Welt.
Es ist ein positives Zeichen – ein Plus für das Leben. So werden alle, die das Kreuz dieser Welt im Sinne Jesu tragen auch zu Boten der Liebe Gottes für diese Welt.

Das Johannesevangelium berichtet davon, dass Jesus, als er schon am Kreuz hing, seiner Mutter und dem Jünger Johannes die Aufgabe des gegenseitigen Liebesdienstes übertragen hatte: „Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ Und zu dem Jünger: „Siehe, das ist deine Mutter!“ „Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“

In diesen Dienst der Liebe, im Sinne Jesu, lassen sich bis heute immer wieder Menschen rufen. Friedel Marggraf erzählt in ihrem Buch „Heinz Perne, Frieden schaffen“ – in einer Geschichte aus der Zeit des 2. Weltkrieges davon:
In ihrer Erzählung klingelt eine Krankenschwester an der Haustür einer Frau Neumann. Sie bittet diese schnell zu ihrem Sohn zu kommen, der mit dem Lazarettzug angekommen ist und im Sterben liegt.

Die alte Frau schaute verwundert auf die Schwester. „Mein Sohn? Aber der lebt doch nicht mehr. Er ist vor einem Jahr gefallen und liegt irgendwo in Russland begraben.
Trauer legte sich auf das Gesicht der Frau. Doch dann schreckte sie auf. Wohnte nicht einige Häuser weiter auch eine Familie Neumann, deren Sohn im Krieg ist? Aber waren die Neumanns nicht fortgezogen, um vor den Bombenangriffen sicher zu sein?

„Es geht ihm schlecht, sagen Sie?“ „Sehr schlecht!“, bestätigte das Mädchen.„Und er ruft nach seiner Mutter?“ fragte Frau Neumann weiter. „Ja, oft. Der Arzt meinte, nur seine Mutter könne ihm helfen."

„Gut“, sagte Frau Neumann, „ich komme mit.“
Dann saß sie am Krankenbett des fremden Soldaten.
Der wandte ihr das Gesicht zu, seine Augen glänzten im Fieber. „Mutter“, sagte er leise. Da antwortete die Frau ebenso leise: „Ja, ich bin hier bei dir. Du musst ganz still liegen, ganz still...“
Die Hand des Fiebernden suchte die ihre. Sie nahm die Hand des jungen Mannes und hielt sie fest. Mit der anderen strich sie über seine schweißnasse Stirn und sagte: „Jetzt wird alles gut. Ich bin ja bei dir.“ Plötzlich schien es ihr, als säße sie am Bett ihres eigenen Sohnes, der irgendwo vielleicht ganz allein gestorben war. Tränen kamen in ihre Augen. Die Schwester, die leise ins Krankenzimmer getreten war, sah die weinende Frau und wusste nicht, was sie tun sollte. Wie konnte man in solch einer Situation trösten?
Der junge Soldat war eingeschlafen, und aus der Tiefe seines immer ruhiger werdenden Schlafes kam noch einmal das Wort: „Mutter.“ Dann wurden seine Atemzüge gleichmäßig und ruhig. Frau Neumann stand behutsam auf und verließ das Krankenzimmer. Der Arzt wollte sich bei ihr bedanken:
„Es war doch ein großes Opfer für Sie, Frau Neumann, da Ihr eigener Sohn nicht mehr lebt, nun bei einem fremden Soldaten zu wachen, als seien Sie seine Mutter.
„Ein Opfer, warum? Sind sie nicht alle unsere Söhne?“

Der Sohn Gottes – Jesus Christus – das Opfer Gottes für uns.
In ihm ist Gott uns ganz nahe gekommen - im Sterben des Sohnes am Kreuz.
In ihm ist die Liebe Gottes für uns Menschen Wirklichkeit geworden.
So führt uns Jesus über das Kreuz zu Gott.

Amen.


 


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