Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 19,31-42

Pfarrer Dr. Reinhard Junghans

29.03.2002 in Leipzig

Predigttext: Johannes 19, 31-42
Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über - denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.
Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2. Mose 12,46): "Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen." Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): "Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben."
Danach bat Josef von Arimathäa, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden, den Pilatus, dass er den Leichnam Jesu abnehmen dürfe. Und Pilatus erlaubte es. Da kam er und nahm den Leichnam Jesu ab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.
Da nahmen sie den Leichnam Jesu und banden ihn in Leinentücher mit wohlriechenden Ölen, wie die Juden zu begraben pflegen. Es war aber an der Stätte, wo er gekreuzigt wurde, ein Garten und im Garten ein neues Grab, in das noch nie jemand gelegt worden war.
Dahin legten sie Jesus wegen des Rüsttags der Juden, weil das Grab nahe war.

 

Liebe Gemeinde!

Man gewinnt bei dem Hören der Geschichte von der Kreuzigung Jesu den Eindruck, als sei alles vorherbestimmt gewesen. In dem Geschehen um und am Kreuz wird die Erfüllung alttestamentlicher Bibelzitate gesehen. Es scheint fast so, als sei jedes Detail, das uns der Johannesevangelist berichtet, zwingend notwendig. Gott selbst habe es genau so und nicht anders gewollt. Die Menschen ringsherum werden zu Marionetten eines Geschehens, das ohne Wenn und Aber seinen Lauf nimmt. Keine Macht der Welt kann diesen Lauf aufhalten. Jeder Beteiligte übernimmt seine Rolle, als habe er sie vorher auswendig gelernt.
Bei uns sträuben sich dagegen alle Sinne. Wie kann man einen Unschuldigen hinrichten und niemand wehrt sich dagegen. Wo sind eigentlich die Jünger, die gegen den Lauf der Dinge Protest erheben könnten? Wo sind die vielen Geheilten? Wo sind die vielen, die durch Jesu Worte getröstet wurden? Nur wenige finden überhaupt den Mut zum Kreuz zu gehen, um am Ende dennoch dem Schicksal seinen Lauf zu lassen.
Ohnmächtig stehen sie daneben.
Nur Josef von Arimathäa und Nikodemus setzen sich wenigstens für ein ordentliches Begräbnis ein. Sein Herr und Meister soll bei allen schweren Schicksalsschlägen eine Ruhestätte finden, wie sie unter ehrbaren Menschen üblich ist. Jedoch halten auch sie nicht den Lauf der Ereignisse auf, dass gerade der Mann hingerichtet wird, der den Menschen die Liebe und Barmherzigkeit Gottes gepredigt hatte.
Von den Jüngern wissen wir nur, dass sie sich aus Angst vor Verfolgung versteckt und eingeschlossen haben. Sie waren ängstlich geworden. Ihnen fehlte der Glaubensmut und die Begeisterung für ihren Jesus. Alles war für sie mit seinem Tod zusammengebrochen. Es gab auch keine Antworten auf die Frage nach dem Warum. Alles schien sinnlos gewesen zu sein und die Predigt vom barmherzigen Gott hatte wieder einmal gegen die Mächtigen der Welt verloren.

Geht es uns nicht manchmal genauso, wenn ein lieber Mensch neben uns schwer erkrankt, wenn wir erfahren, dass seine Krankheit ihm nur noch eine bestimmte Lebensfrist lässt. Arztbesuche und Untersuchungen wechseln sich ab. Die Hoffnung auf Genesung wird immer wieder durch neue schlechte Befunde zerstört. Alles scheint wie ein Uhrwerk abzulaufen, das niemand zum Stehen bringen kann. Weder medizinisches Wissen noch psychologisches Einfühlungsvermögen noch Beten können den Lauf der Ereignisse anhalten. Das Gefühl der Gottverlassenheit macht sich breit.
Freunde und Verwandte stehen daneben und sind ohnmächtig und müssen zusehen, wie die Krankheit einen Menschen zerstört und ihm den Lebensodem nimmt. Alle Aktivitäten scheinen wie ins Nichts zu verpuffen. Es bleibt nur, diesen Menschen zu begleiten, an seiner Seite zu bleiben und mit ihm ein Stück den Weg zu gehen, den er gehen muss. Genauso haben es auch wenige Anhänger Jesu gemacht, als sie ihn bis ans Kreuz nachfolgten und, als er gestorben war, ihn in ein Grab legten.
Die Warumfragen lassen einen Menschen in dieser Zeit nicht los. Warum muss gerade der liebe Mensch sterben, der für mich so viel Gutes getan hat? Hat er sich nicht besonders um die Kinder gekümmert? Hat er sich nicht für Entrechtete und Schwache in der Gesellschaft eingesetzt? Warum stirbt nicht einer dieser Verbrecher, der anderen das Leben zur Hölle macht? Wo ist da Gerechtigkeit?

Der Blickwinkel des Todes lässt alles andere verblassen, obwohl vorher ein intensives Leben stattfand. Die Jünger Jesu hatten wenige Jahre mit Jesus gemeinsam gelebt. Keine andere Zeit hat ihnen so viele Gottesbegegnungen geschenkt, wie diese Zeit mit Jesus. Seine Liebe und Barmherzigkeit haben sie kennen gelernt, sie hat sich in ihr Herz geschrieben. In diesemn Momenten war es nicht entscheidend, wie lange man noch zusammen ist, sondern dass der Moment als Geschenk Gottes erlebt wird. In solchen Momenten selbst steckte eine Zukunft, die eben Gott gehört und nicht von dieser Welt ist. Der Fortgang der Ereignisse zeigt dann auch, dass dieses intensive Erleben mit Jesus den Jüngern den Blickwinkel für eine neue Zukunft öffnete. Sie lernten das Auferstehungsgeschehen verstehen, obwohl es außerhalb unserer Vorstellungswelt liegt. Zu Jesu Lebzeiten hörten sie seine Predigt von der Liebe Gottes, die stärker ist als das Leid und die Schuld in dieser Welt. Diese Predigt half ihnen über den Tod hinaus zu blicken und dort dennoch neues Leben zu entdecken.
Gerade Jesu Tod wird dabei zum Schlüssel für diesen weiten Blick über die Grenzen dieser Welt hinaus. Deshalb hat Gott auch alles ablaufen lassen, so wie es eben geschehen ist. Jesu Tod steht stellvertretend für den Tod von Schuld und Sünde. Mit dem Kreuzestod wurde die Schuld der Menschen an das Kreuz genagelt. Nur der Tod Jesu vermochte die alles beherrschende Macht der Sünde so zu zerstören, sodass uns Menschen ein neues Leben geschenkt werden konnte. Dadurch wurde der Weg zu Gott frei für die, die ihre Hoffnungen auf den Gekreuzigten setzen. Schuld muss nun nicht mehr durch religiöse Leistung abgearbeitet werden, sondern kann im Vertrauen auf die Güte Gottes vergeben werden. Diese Vergebung befreit Menschen von ihrer Lebenslast und eröffnet ihnen Wege des intensiven Erlebens in der Liebe Gottes. Dazu gehört die Hoffnung, dass Leid und Tod nicht das Letzte sind, das Menschen erleben werden.

Mit diesem Glaubenshorizont bieten sich für uns neue Möglichkeiten an, mit unseren Leidsituationen umzugehen. Auch wenn Leid schrecklich ist und unseren Lebensmut zerstört, so ist es dennoch nicht die ganze Wahrheit. Nach wie vor gehört das gemeinsame Erlebte zum eigenen Erfahrungsschatz. Da stehen die fröhlichen Stunden neben den nachdenklichen Stunden und gehören doch zusammen. Fragen der Schuld können darin aufgenommen werden, ohne dass sie Menschen zertrennen.
Gerade die Vergebung schafft eine Verbindung zwischen dem Liebenswerten und Nicht-Liebenswerten.
Auch wenn man Menschen auf ihrem schweren Lebensweg begleitet und man ohnmächtig den Ereignissen zuschauen muss, bleibt Zeit für intensive Erlebnisse miteinander und im Glauben. Trotz aller Verzweiflung und aller Enttäuschung, die man mit durchlebt, bleibt im Glauben die Hoffnung auf den Auferstandenen. Obwohl die Warumfragen hier auf Erden keine befriedigende Antwort finden, widersetzt sich die Hoffnung auf Gottes Liebe dem Lauf des Schicksals. Für den Sterbenden ist im Glauben noch lange nicht das letzte Wort gesprochen. Die Hoffnung auf den barmherzigen Gott, dessen Liebe stärker ist als der Tod, lässt neues Leben erstehen, hier auf Erden, aber in Vollkommenheit in der neuen Wirklichkeit bei Gott selbst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus!

Amen