Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 2

Pfr. i.P. David Bienert (ev)

13.10.2012 im „Haus des Gastes“ in Niederelsungen

Kirmesgottesdienst

Jesus – ein Superstar?

[Pfarrer tritt auf die Bühne in offenem Talar, die Haare etwas verstrubbelt. Langsamen Schrittes nähert er sich den Gottesdienstbesuchern, neugierig betrachtet er sie einzeln. Durch ein an seinen Talar geheftetes Emblem mit den Zeichen X und P soll angedeutet werden, dass er in der Rolle Jesu Christi spricht:]

Was ist denn hier los? Ach ja, ich erinnere mich: hier wird mal wieder gefeiert. Es ist Kirmes in Niederelsungen. Ein bisschen wohl wie Weihnachten, denn seit vielen Wochen und Monaten ist dieses Fest vorbereitet worden. Fehlt nur noch, dass hier Lebkuchen und Dominosteine gereicht werden.

Gefeiert haben die Menschen zu allen Zeiten gerne. Religion und ausgelassene Feste – das war und ist kein Widerspruch. Religiöse Feiertage waren für viele Menschen der Antike ein willkommener Anlass für ausgelassene Partys – und wenn man keine Tradition besaß, dann wurde sie eben beschlossen. Nach diesem Prinzip ist ja auch die Kirmes der Neuzeit hier im Dorf entstanden – mit dem Unterschied, dass nun zwar der Name „Kirmes“ an eine kirchliche Institution erinnert, das gesamte Fest aber unabhängig von kirchlichen Feiertagen installiert wurde.

Aber zurück zum Hier und Heute. Ich hörte, es ist Gala-Abend. Stars und Sternchen werden erwartet. Nur mich hat wieder niemand eingeladen, wenn ich es recht sehe. Dabei bin ich doch der Superstar schlechthin – gestatten: Jesus von Nazaret. Der King of Kings, der Lord of Lords. Erst vor kurzem war ich ja wieder in den Klatschspalten zu finden: Ich soll eine Frau gehabt haben. Das wäre ja ein Skandal – befinden die einen. Warum?, fragen sich andere. Bin ich nicht ein ganz normaler Mensch wie andere auch? Nun, zu diesem Thema werde ich mich nicht äußern, das geht niemanden etwas an – außer meine Frau und mich.

Aber traurig, dass mal wieder keiner an mich gedacht hat, wenn es ums Feiern geht. Dass ich gerne mit anderen esse und trinke, gerne im kleinen Rahmen Feste gefeiert habe, das ist doch recht zuverlässig überliefert – steht doch in eurer Bibel, im Neuen Testament. Ich sei ein „Zecher und Prasser“, ein „Fresser und Weinsäufer“, ein „Freund von Zöllnern und allerlei Sündern“, so lautet ein bekannter Vorwurf an mich. Ich halte mich nicht an die althergebrachten Ordnungen und Traditionen, ich bringe alles durcheinander. Auch und gerade im Blick auf die Religion der Menschen.

Das gefällt denen, die für die religiöse Ordnung sorgten, natürlich nicht. Feste sagen sie, Feste haben ihren festen Platz, sie gehen auf ein religiöses Gebot zurück oder besitzen zumindest einen religiösen Kern.

Ob ich eine Frau gehabt habe … Komisch, was die Menschen sich heute noch für Fragen stellen. Dass ich einen Lieblingsjünger hatte, der beim letzten Abendmahl auf meinem Schoß saß, ist doch jedem bekannt. Kann man ja nachlesen. Warum fragt keiner, ob mich Frauen überhaupt interessiert haben? Schließlich bin ich ja in vieler Hinsicht anders als andere Menschen meiner Zeit gewesen.

Mein geliebter Jünger hat übrigens berichtet, dass ich regelmäßig zu den Jahresfesten in Jerusalem war – an Ostern zum Passahfest, zum Neujahrsfest, dem Laubhüttenfest im Herbst, und sogar zum Lichterfest im Winter. Ja, ich habe nichts grundsätzlich gegen Feste, ich komme auch gerne mal vorbei, auch bei euch hier in Niederelsungen. Nur eines müsst ihr euch klar machen – ich bin nicht einfach zu handlen. Ich mache mir da so meine eigenen „Gesetze“ und Festregeln. Ich komme nicht in erster Linie, um zu feiern und es mir gut gehen zu lassen.

Ich komme, um Zeichen zu setzen.

So steht es auch in eurem Johannesevangelium: Jesus hat „Zeichen“ gesetzt. Und den Anfang aller Zeichen, den setzte ich im galiläischen Dorf Kana: Auf einer Hochzeit, zu der ich mit meinen Jüngern und mit meiner Familie eingeladen war, fehlte der Wein. Wessen Hochzeit das war? Das ist nicht wichtig.

Das war übrigens das einzige Fest, zu dem ich etwas Positives beigetragen habe – zumindest aus Sicht der Veranstalter. Eine Hochzeit, müsst ihr wissen, das war nach jüdischem Brauch eine meistens sieben Tage andauernde Party, bei der Unmengen an Wein und Essen verköstigt wurden. Aber schon da habe ich gesagt: Ich mache das nur, um ein Signal zu geben; meine Zeit ist noch nicht gekommen.

Ich setze gerne Zeichen. Ich habe bei einem Fest mal einen Kranken gesund gemacht, um den sich niemand kümmerte. Traurige Geschichte, sage ich euch: der saß direkt vor einer Heilquelle und kam nicht hinein, weil ihm niemand half. Ich dachte, das muss ein Ende haben – der Mann soll doch mitfeiern, schließlich ist Festzeit. Also habe ich mal wieder meine eigenen Regeln ins Spiel gebracht: „Nimm dein Bett und trage es umher!“ Doch das passte den ganz Korrekten natürlich nicht – schließlich war Feiertag, da darf ich nicht arbeiten, sagten sie – und der Mann soll auch nicht sein Bett durch die Gegend tragen. Und schon gab es wieder Stress.

Überhaupt wurde mir ständig vorgeworfen, ich würde durch mein Verhalten und durch das, was ich sage, alles durcheinander bringen. Das heillose Chaos. Ich sage: Stopp! Chaos – vielleicht. Tatsächlich will ich, dass ihr mal aufhört, immer nur nach Schema F zu leben. Aber heillos – das verbitte ich mir. Ich mache Lahme gehend und blind Geborene sehend – habt ihr so etwas schon einmal erlebt? Ich sage euch: Ich bin das „Licht der Welt“, ich bin das „Brot des Lebens“, ich bin die „Tür“ und der „Gute Hirte“,„die Auferstehung“ und „das Leben“.

Das wurde einigen irgendwann zu viel. Auch die Römer wurden langsam unruhig. Aber bitte, was habe ich denn getan? Ein bisschen Unterhaltung, ein bisschen Nachfragen und Nachhaken. Nein, ich habe nichts gegen Feste! Nur gegen die, bei denen ich nicht erwünscht bin.

Also, Niederelsungen: Ihr wollt Stars und Prominente hier bei euch haben?! Ich sage euch: hier bin ich. Einen prominenteren Superstar könnt ihr euch nicht vorstellen, denke ich. Und das Gute dabei ist: ich verzichte auch auf jede Gage. Nur etwas zu essen und zu trinken, ein Stück Brot, ein Schluck Wein, das reicht mir schon. Ach ja, und ein Lied – ihr habt da eines, das gefällt mir, habe ich schon auf der letzten Party gehört, so einen italienischen Schlager: „Laudato si!“ Das will ich gleich mit euch gemeinsam singen.

Was ihr davon habt?

Nun, ich helfe euch ein Fest zu feiern, an dem Leib und Seele fröhlich sein können, an dem wir miteinander feiern und einander herzlich begegnen. Jedes Fest kann ein Zeichen sein, ein Hinweis auf die Ewigkeit, die Gott den Menschen in das Herz gelegt hat, ein Vorgeschmack dessen, was Gott uns allen verheißt. Die Gegenwart Gottes macht jedes Fest zu einem Ort, an dem Menschen heil werden, gesund an Leib und Seele.

Und ich bin überall. Vielleicht begegne ich dir oder dir am Straßenrand, zwinge dich in ein Gespräch, öffne dir die Augen für das, was wesentlich ist, weise dich dahin, wo deine Hilfe oder auch nur ein Wort von dir nötig und heilsam ist.

Und dann – ladet mich ein, an euren Tisch zu kommen, mit Worten, die euch vertraut sind: „Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre eure Herzen und eure Sinne von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.