Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,11-18

Pfarrer Ulrich Braun

31.03.2002 in der Klosterkirche zu Nikolausberg, Göttingen

Ostersonntag

Das ist der Menschheit wahrer Himmel

Predigttext: Johannes 20, 11-18
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.
Und sie sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.
SprichtJesus zu ihr: Frau, was weinst, du? Wen suchst du?
Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an ! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria von Magdala geht und verkündigt den Jünger: ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Liebe Gemeinde,

die Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache. - An sich kein schlechter erster Satz für eine Osterpredigt. Erstens ist er von Goethe, nämlich aus seiner Dichtung über den sagenhaften ägyptischen Magier Groß-Cophta, der dem achtzehnten Jahrhundert als Begründer der Freimaurerei galt. Zweitens kommt er den Einwendungen der skeptischen Zeitgenossen gegen die Osterberichte entgegen, und drittens öffnet er das Tor zu den großen Themen christlicher Osterpredigt: Unsterblichkeit und ewiges Leben. Allerdings mangelt es dem Satz zugegebenermaßen an österlicher Begeisterung.

Christ ist erstanden! So müsste ein erster Satz heißen, wenn er den Grundton des Ostermorgens anschlagen soll. Allein: wer so ohne Umschweife losjubiliert, gerät ins Zwielicht. Wessen Erfahrung teilt ein solcher Satz eigentlich mit? In was für einer Welt mag so ein Jubler leben, und woher will er es überhaupt so genau wissen? Für den Osterjubel sind Orgel, Chor und Choräle allemal besser geeignet. Das gesprochene Wort verlangt Problembewusstsein.

Also starten wir einen dritten - sagen wir - Vorschlag. Formulieren wir es so: Wir begeben uns ins Zwielicht. - Nun, dieser Versuch gibt erst gar nicht vor, mit den Hymnen vom erstandenen Christ und vom Triumph des Gottessohnes mithalten zu können. Er erkennt an, dass die Musik für bestimmte Höhenlagen des religiösen Empfindens einfach besser ausgerüstet ist als das gesprochene Wort.

Aber das Bild vom Zwielicht leistet zweierlei: einerseits steigert es das Problembewusstsein - was nicht verkehrt ist; denn er heraufdämmernde Ostermorgen wird - anders als der stille Glanz der Heiligen Nacht - schon bald ins volle Licht des Tages übergehen, und damit wird er zugleich dem Licht der Vernunft ausgesetzt sein. Andererseits führt das Bild vom Zwielicht mitten in den vielleicht modernsten der Osterberichte hinein. Es bringt uns in Kontakt mit Maria Magdalena.

Maria Magdalena ist im ersten Licht des anbrechenden Tages zum Gartengrab gegangen, um dort den Leichnam zu pflegen und ihn zu beweinen. Im Grunde befolgte sie, was ihr eine moderne Trauerbegleitung geraten haben würde. Sie war losgezogen, um von einem geliebten Menschen bewusst Abschied zu nehmen. Sie wollte ihrer Zuneigung einen letzten Ausdruck geben und sich damit zugleich das Faktum des Todes vor Augen stellen -, um loslassen zu können, würden wir heute sagen. Anders ausgedrückt: Sie war ausgezogen, dem Tod ihre Referenz zu erweisen. Und genau das sollte ihr nicht gelingen.
(Musik: Cello-Trio)

Indem sie den Leichnam nicht finden kann, stellt sich ihr keineswegs sogleich die Hoffnung einer Auferstehung ein. Psychologisch wäre das ja gerade folgerichtig, etwa im dem Sinne, dass Maria von Magdala eben nicht loslassen könne - noch nicht oder überhaupt nicht. Selbst die Engel, von denen die Geschichte berichtet, sie hätten in weißen Gewändern dort gesessen, wo der Leichnam liegen sollte, bringen keine Wende.

Maria fragt die beiden nach dem Leichnam. Dass es sich bei denen um die Boten des neuen Lebens handelt, dämmert ihr nicht. Bis hierher ist die Unsterblichkeit wahrlich nicht Marias Sache. Auch von dem, den sie für den Gärtner hält, will sie nichts als Auskunft über den genauen Ort, an dem sie den Sieg des Todes anerkennen kann. Erst, als der vermeintliche Gärtner ihren Namen ausspricht, verwandelt sich die Szenerie.

Rabbuni! antwortet sie. Die Übersetzung “mein Meister” vermag nicht auszudrücken, welches Erkennen und welche Zärtlichkeit darinnen liegen. Überhaupt ist es eben nicht mitzuteilen, was ihr in diesem Moment geschieht und aufleuchtet. Es bleibt ganz und gar intim.

Das, was in diesem Moment geschieht, entzieht sich der Vermittelbarkeit, so, wie sich der, den sie in dem Gärtner erkennt, einer weiteren Vergewisserung entzieht. Das “Rühre mich nicht an!” bedeutet Maria Magdalena, dass diese Begegnung nicht von dieser Welt ist. Nur so viel wird klar, indem sie ihren Namen genannt hört: Dies ist nicht der Tag, dem Tod die Referenz zu erweisen; denn der Gott, den Jesus seinen Vater im Himmel genannt hat, ist auch ihr Vater im Himmel. Indem sie ihren Namen genannt hört, wird sie dieses Vaters im Himmels ansichtig. Anstatt die Macht des Todes anzuerkennen, wie sie es vorgehabt hatte, erfährt ihr Leben in dieser Gottesbegegnung eine Wende. Nun ist es an ihr, den Jüngern versuchsweise zu berichten, was ihr zu dämmern beginnt.
(Musik: Cello-Trio)

Welch eine seltsame Begegnung im frühen Licht des anbrechenden Tages. Gegen die bloße Behauptung einer Auferstehung gäbe es tausend Gründe vorzubringen. Gegen das Erlebnis der Maria in der Dämmerung am Gartengrab verfangen diese Gründe nicht. Denn ihr Erlebnis ist vollständig intim und wehrlos. Für sie aber ist es die Möglichkeit, dem Tod die letzte Anerkennung zu versagen.

Die hymnische Mitteilung ist indessen den Chören aus den oberen Etagen vorbehalten. Sie haben die bessere Ausstattung für diese Höhenlagen des religiösen Empfindens. Das ist auch beim eingangs zitierten Goethe stets so. Im Faust jedenfalls verkündet zuerst der Chor der Engel: “Christ ist erstanden! / Freude den Sterblichen.” - Was aber eben nicht garantiert, dass jeder Hörer auf diese Höhenlage emporgezogen wird. Faust kann nur - wenn auch nicht ohne Sehnsucht - die Position des skeptischen Zeitgenossen formulieren: “Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang, / Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang, / Gewissheit einem neuen Bunde?”

Der folgende Chor der Weiber endet so, wie Maria Magdalena uns begegnet: “Ach! Und wir finden / Christ nicht mehr hier.” Auf den abermaligen Chor der Engel hin wird klar, dass Faust sich bei allem Sehnen die Botschaft von der Auferstehung nicht zu eigen machen kann: “Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind,” empfiehlt er den Engelchören. Er selbst ist offenbar von Lebenserfahrung hart geworden. Vergleichbare Erfahrungen werden es gewesen sein, die Maria Magdalena so hartnäckig nach dem Beweis für den Sieg des Todes haben suchen lassen.

“Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube” spricht Faust stellvertretend für die aufgeklärten und skeptischen Zeitgenossen. Und so hätte wohl auch Maria Magdalena sagen können, wenn ihr die Auferstehung als ein Sachverhalt geschildert worden wäre. Doch sie hat in einem unsterblichen Moment ihren Namen genannt gehört. Was ihr in diesem Moment begegnete, hat ihr Leben geändert und hat dem Tod die Macht genommen.

Keiner kann das wirklich vermitteln. Nichteinmal die Chöre aus den oberen Etagen mit ihrem priviligierten Zugang zu den Höhenlagen des religiösen Empfindens. Sie können aber einen Menschen in das aufdämmernde Licht seiner Sehnsucht führen.

Und wo aus dem Zwielicht der eigenen Todesfurcht das volle Licht des Lebens wird, da sieht einer in einem unsterblichen Augenblick das ewige Leben ganz zur eigenen Sache gemacht. das ewige Leben in einem unsterblichen Augenblick ganz zur eigenen Sache gemacht.

Es gilt freilich sichtbar immer noch:
Mein Heiland war gelegt, / da wo man uns hinträgt.
So wird es einmal mit uns enden. Aber im Choral heisst es weiter: Wenn einmal unser Geist / gen Himmel ist gereist.
Indem sie ihren Namen genannt hörte, war für Maria Magdalena der Himmel ganz da. Ihr Geist würde nicht erst dereinst dorthin reisen müssen, sondern dort ist er schon jetzt zuhause.

Der aufgeschlossene Zeitgenosse will es doch noch einmal genauer wissen: Ob es denn wahr sein kann, dass die Macht des Todes gebrochen ist. Das eine ist, was vor Augen steht: Dass Strom und Bäche vom Eise befreit sind, dass neues Leben in die grünende Flur Einzug hält und Leben, Farben, Bildung und Menschen wie aus allen Knopflöchern quellen. Allein: es fragt sich wie weit diesem Frieden zu trauen ist.

Es ist. Denn angesichts des emporquellenden Lebens will, selbst wenn es vorläufig nur im Zwielicht sichtbar wird, das Leben neu. Dem Tod wird die letzte Anerkennung versagt, als Maria ihren Namen genannt hört. “Maria”, und die Morgennebel beginnen sich zu lichten. Selbst der skeptisch getriebene Faust kann sich dem Osterleben nicht ganz entziehen. Fehlt ihm auch noch der Glaube, verspürt er’s dennoch: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein. Hier kannst du es von Neuem werden. So soll es sein.

Amen