Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,11-18

Pfarrer Peter Fritz

in Reutlingen

Unter dem Titel „ Winterfrühling“ hat die Dichterin Luise Rinser ihr Tagebuch der Jahre 1979 bis 1982 veröffentlicht. Einen Abschnitt aus diesem Buch möchte ich Ihnen heute am Beginn meiner Osterpredigt vorlesen. Diesen Abschnitt finden Sie auf Seite 79 in dem Buch „Winterfrühling“. Luise Rinser schreibt dort:

"Ostermorgen. Vor Sonnenaufgang im Garten. Unter den Eichen ein Teppich aus blauen Anemonen. Ich erbitte mir ein Zeichen, einen himmlischen Gruß. Mitten unter hunderten von Anemonen erscheint eine weiße. Eine einzige weitum.

Erinnerung an Jerusalem 1962: nicht gerade am Ostermorgen, aber einige Tage zuvor führt mich ‚mein’ Armenier, mein Guide und schon Freund geworden, in den Ölhain, in dem das Grab Jesu ist, wie viele glauben, und was sein kann. Gleichviel: wir sitzen auf einer Bank in Grabesnähe, wir sind ganz allein zu solch früher Stunde, die Vögel singen, wir sind ganz still. Da taucht zwischen den Ölbäumen ein Mann auf, der Olivenhain-Wächter, der Gärtner. Wir schauen beide zugleich hin, dann schauen wir uns an, unsre Herzen klopfen. Ich stehe auf und gehe ein paar Schritte dem Gärtner entgegen. Aber er ist nicht mehr da.

Da ich vorher in Bethlehem gewesen war und in Nazareth und am See Genezareth und in Kanaan und in Bethanien und im Garten der Todesangst und Verhaftung, und da ich den Kreuzweg gegangen war bis zum Gerichtsgebäude und dann zur Schädelstätte – warum sollte ich ihn am Ende nicht eingeholt haben hier beim Felsengrab?

Mein Armenier, guter Christ und guter leid-erfahrener Mensch (einer von denen, die als Kinder am Musa Dagh von den Türken verschleppt worden waren), er ist blass geworden.
Wir suchen den Garten ab, aber da ist kein Gärtner und kein Wächter."

So weit der Bericht von Luise Rinser, die also im Jahr 1962 beim Gartengrab in Jerusalem eine ganz ähnliche Erfahrung machen durfte – wie lange vor ihr – am ersten Ostermorgen – eine andere Frau nämlich Maria aus Magdala, die von uns gewöhnlich Maria Magdalena genannt wird. Mir scheint aber, dass in dieser Ostererfahrung der Luise Rinser aus dem Jahr 1962 der Keim liegt für ihr Buch „Mirjam“, in dem die Dichterin Anfang der 80ger-Jahre das Leben Jesu aus der Sicht der Mirjam – das ist aus der Sicht der Maria Magdalena – darzustellen versucht hat. Übrigens auch die Buch von Luise Rinser ist sehr lesenswert.

Doch bleiben wir nicht bei der Ostererfahrung von Luise Rinser stehen! Wenden wir uns jetzt vielmehr der für alle Christen so bedeutsamen Ostererfahrung der Maria Magdalena vom ersten Ostermorgen zu, wie sie uns im 20.Kapitel des Johannesevangeliums überliefert ist.

Denn der Bericht von dieser Ostererfahrung ist uns ja heute – am Ostersonntag der Jahres 2001 - als Predigttext gegen. Hören wir also jetzt, was in Johannes 20 in den Versen 11-18 geschrieben steht.

Maria aber stand draußen von dem Grab und weinte.
Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab
und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen,
einen zu Häupten und einen zu den Füßen,
wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.
Und die sprachen zu ihr: Frau was weinst du ?
Sie aber sprach zu ihnen:
Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen
und weiß nicht, dass es Jesus ist.
Spricht Jesus zu ihr: Frau was weinst du? Wen suchst du ?
Sie meint es sei der Gärtner, und spricht zu ihm:
Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast;
dann will ich ihn holen.

Spricht Jesus zu ihr: Maria!
Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch : Rabuni ! das heißt: Meister!
Spricht Jesus zu ihr;
Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.
Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen:
Ich fahre auf zu meinem Vater und zu euren Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern:
Ich habe den Herr gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Für die Theologen vergangener Generationen war es aber immer wieder eine nur schwer fassbare Tatsache, dass der auferstandene Christus nicht zuerst einem Mann erschienen ist – etwa dem Petrus oder auch seinem Lieblingsjünger Johannes – sondern einer Frau nämlich der Mirjam aus dem Fischerort Magdala am See Genezareth, die wir heutige Christen in der Regel Maria Magdalena nennen. Und mancher Theologe versuchte dann mit dieser für ihn nur schwer fassbaren Tatsache dadurch fertig zu werden, dass er sich der Meinung des großen Theologen Friedrich Schleiermacher anschloss, der zu Beginn den 19.Jahrhunderts gesagt hat, der Auferstandene sei nur deshalb zuerst einer Frau erschienen, weil er dadurch die Gewissheit hatte, dass sich die Nachricht von seiner Auferstehung in Windeseile durch ganz Jerusalem verbreiten würde.

Nun – mir persönlich – scheint diese Erklärung doch zu oberflächlich zu sein. Und viel mehr leuchtet mir deshalb folgende Erklärung ein, dass der auferstandene Christus deshalb am Ostermorgen zuerst einer Frau erschienen ist, weil er damit die Treue der Frauen am Karfreitag belohnen wollte. Denn während von den Jüngern Jesu ja nur noch Johannes, der jüngste, unter dem Kreuz seines Meisters stand, hielten dem sterbenden Jesus mehrere Frauen bis zuletzt die Treue. Und Maria Magdalena war höchst wahrscheinlich die Treueste unter diesen Frauen. Darauf deutet auch die Tatsache hin, dass sie am Ostermorgen die allererste war, die noch ehe es hell wurde zum Grab Jesu hinauseilte. Maria Magdalena hatte aber wahrlich tiefe Gründe, sich treu zu Jesus Christus zu halten. Denn nach den Worten des Lukas hatte Jesus sie einst aus der Macht von 7 bösen Geistern befreit. Aus einer tiefen, dämonischen Verstrickung, aus welcher sie sich aus eigener Kraft nie mehr hätte lösen können, hatte also Jesu diese junge Frau errettet und ihr ein völlig neues Leben ermöglicht.

Wie sollte sie ihm nicht die Treue halten – die Treue bis in Tod und Grab?

Doch noch mehr als die eben genannte – leuchtet mir die Erklärung ein, dass Jesus deshalb zuerst der Maria Magdalena erschienen ist, weil sie unter allen Menschen dieser Welt der Mensch war, welcher diese Begegnung mit dem Auferstandenen am nötigsten hatte. Denn sie war ganz offensichtlich nach dem Tode Jesu am Kreuz die Verzweifelste von allen Menschen – noch verzweifelter als Maria, die Mutter Jesu, der ja der sterbende Jesus noch seinen Jünger Johannes als Stütze an die Seite gegeben hatte. Wie groß aber die Verzweiflung der Maria Magdalena war, wird auch daran deutlich, dass sie durch die Erklärung der beiden Engel am leeren Grabe Jesu in keinerlei Weise beeindruckt wurde, ja dass sie mit diesen Engeln redete, ohne sie dabei wirklich wahr zu nehmen. Das versteht freilich nur der unter uns, der schon einmal selber in die Tiefen wahren Leides hinuntersteigen musste. Nur er weiß, dass wir kleinen Menschen in diesen Tiefen die Wirklichkeit um uns her nur noch aus weiter Ferne und wie im Traume wahrnehmen. Wahrlich – Maria Magdalena hatte am Ostermorgen die Begegnung mit dem auferstandenen Christus nötiger als jeder andere Mensch. Und auch heute noch brauchen die Menschen, die hinuntersteigen mussten in die Tiefen des Leides, niemand nötiger als den auferstandenen Christus und sein tröstliches Wort.

Im Folgenden möchte ich aber mit ihnen noch ein wenig betrachten, wie Maria Magdalena am Ostermorgen schrittweise zu einem immer tieferen Verständnis des Osterwunders durchdringt. Denn auch wir heute können uns immer nur schrittweise diesem größten aller Gotteswunder nähern. Machen wir uns also jetzt innerlich mit Maria auf den Weg nach dem am Karfreitag gekreuzigten und begrabenen Jesus zu suchen.

Das erste aber, was Maria bei ihrer Suche nach dem gekreuzigten und begrabenen Jesus fand, war das Grab Jesu, von dem der Verschlussstein weggewälzt war. Doch noch war Maria nicht in der Lage, an dieser Stelle die Spur von einem Gotteswunder zu entdecken. Als sie den vom Grab weggewälzten Stein sah, musste sie vielmehr sogleich an Grabschänder denken, an Menschen, die Jesus so sehr hassten, dass sie seinem Leichnam nicht einmal die Grabruhe gönnten. Und voll Entsetzen eilte deshalb Maria deshalb vom Grab zu Petrus und Johannes, um ihnen von der vermeintlichen Freveltat am Grabe Jesu zu berichten.

Vielleicht ist aber auch für uns heute das leere Grab Jesu das erste, was wir von dem größten aller Gotteswunder – dem Osterwunder – zu Gesicht bekommen. Denn selbst unter dem Geschichtsprofessoren unserer Tage verbreitet sich ja immer mehr die Überzeugung, dass das Grab Jesu Christi am Ostermorgen tatsächlich leer war. Die Urgemeinde hätte sich nämlich niemals über längere Zeit in Jerusalem halten können, wenn die Feinde Jesu in dieser Stadt die Botschaft von der Auferstehung des gekreuzigten Jesus durch den Hinweis auf das unversehrte Jesusgrab als fromme Lüge hätten entlarven können.

Doch Maria Magdalena hörte mit ihrer Suche nach dem gekreuzigten Jesus nicht auf, nachdem sie sein leeres Grab entdeckt hatte. Sie kehrte vielmehr, nachdem sie die Jünger von ihrer Entdeckung an dem Grab Jesu benachrichtigt hatte, zu diesem Grab zurück, in der Hoffnung dort Näheres über den Verbleib ihres toten Herrn zu erfahren. Dieses hartnäckige Weitersuchen wurde aber aufs herrlichste belohnt. Denn der auferstandene Jesus Christus trat dort am Grab zu Maria und fragte sie : Frau, was weinst du? Wen suchst du? Doch nicht einmal Jesu eigene Worte vermochten Maria auf Anhieb aus ihrer tiefen Trauer zu erlösen. Denn sie hielt ihren Meister ja zunächst einmal für den Gärtner, der für die Grabanlagen außerhalb der Mauern Jerusalems zuständig war. Und erst als Jesu die Maria bei ihren Namen anrief, erst, als er sie Miriam nannte, wachte sie ähnlich wie eine Schlafwandlerin, die man bei ihrem Namen ruft, aus dem tiefen Trancezustand auf, in den sie durch die Ereignisse von Karfreitag hineingeraten war. Und jetzt sah sie den auferstandenen Christus tatsächlich vor sich stehen.

Aber die Tiefe des Osterwunders hatte Maria Magdalena auch dann noch nicht begriffen. Sie meinte nämlich zu diesem Zeitpunkt noch, der gekreuzigte Jesus sei jetzt auf ähnliche Weise in sein Erdenleben zurückgekehrt – wie wenige Tage zuvor der tote Lazarus in Bethanien, den Jesus in dies Leben zurückgerufen hatte, nachdem er bereits 4 Tage in seinem Grab gelegen hatte. Aber Jesus führte Maria Magdalena dadurch zu einem tieferen Verständnis des Osterwunders hin, dass er ihr zurief : Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater.

Dies Rühre mich nicht an! erinnert mich aber stark an das Wort, das Jesus ein bei der Hochzeit zu Kana seiner Mutter zurief : Frau, was geht’s dich an, was ich tue! Einen Ablösungsvorgang signalisieren ja diese so scharf klingenden Worte Jesu zu seiner Mutter bei der Hochzeit zu Kana. Auf Gottes Geheiß hin musste sich Jesus ja damals von seiner Mutter und seiner irdischen Familie, für die er bis dahin all seine Kraft eingesetzt hatte, ablösen. Er musste sich ablösen, um nun eine noch größere Familie, die Familie seiner Jünger und Jüngerinnen gründen zu können. Es gehört aber zur Größe der Mutter Jesu, dass sie damals in Kana sich nicht dagegen aufgelehnt hat, dass sich ihr Sohn damals von seiner leiblichen Familie ablöste.

Mit dem Rühre mich nicht an! Vom Ostermorgen leitet Jesus nun aber einen noch größeren Ablösungsvorgang ein. Denn sein himmlischer Vater hat ihm jetzt eine noch größere Aufgabe zugedacht. Nicht nur für seine Jünger und Jüngerinnen wie bisher soll Jesus der Herr sein – sondern er soll zum Herrn für alle Menschen werden. Dazu ist aber seine Auffahrt zum Vater – dazu ist seine Himmelfahrt notwendig.

Und ähnlich wie einst die Mutter Jesu ist nun auch Maria durch die Zurückweisung durch den auferstandenen Jesus nicht beleidigt. Denn durch diese Zurückweisung wird ihr klar. Nicht ein vom Tod ins Erdenleben zurückgekehrter Jesus begegnet ihr am Ostermorgen, sondern der Herr, der mit Gottes Hilfe, den Tod überwunden hat – und der nun all seinen Brüdern und Schwestern auf dieser Welt Anteil schenken möchte an seiner Auferstehung und dem ewigen Leben.

Und gerne macht sich Maria Magdalena darum im Anschluss an diese wunderbare Begegnung mit dem Auferstandenen auf den Weg, um den Jüngern die Worte des Auferstandenen zu überbringen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Wenn aber dieser Ostermorgen wieder einmal dazu beigetragen hat, dass auch wir das Osterwunder ein Stückchen besser als zuvor verstanden haben , so sollten auch wir diese vertiefte Erkenntnis nicht einfach nur für uns behalten – sondern sie anderen weitersagen – vor allem aber Menschen in der Tiefe des Leides. Denn der Trost, der ihnen weiterhelfen kann, ist ja genau jener Trost, den einst die Mirjam aus Magdala vom auferstandenen Christus selber empfangen hat.