Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 20,11-18

Pfarrerin und Rundfunkbeauftragte am SWR Annette Bassler (ev)

31.03.2013 in der Christuskirche in Mainz

Kantate: Johann Sebastian Bach „Erfreut euch, ihr Herzen.“ (BWV 66)

"Berührt"

 

Liebe Gemeinde,

Dieser eine Moment. Wenn der vielstimmige Klang des Halleluja den ganzen Raum erfüllt. Und uns einhüllt in eine Wolke von Schönheit und Licht. Dieser eine Moment. Wenn der letzte Ton verklungen ist und alles still ist. Und in dieser Stille der Klang der Musik noch tiefer ins Herz sinkt und gleichzeitig das Herz himmelwärts hebt. Jeder für sich und alle gemeinsam. Das ist so ein Moment, der ewig dauern könnte. Vielleicht, weil er ein Stück von der Ewigkeit in sich trägt.

All das, was mir sonst Angst macht, was mich grübeln und gründeln lässt, es ist nicht weg. Es ist umfangen und gehalten von der Kraft, die in diesem Moment ruht und auch mich zur Ruhe bringt und ganz gegenwärtig sein lässt. In diesem Moment.

Nun ist mein Herze voller Trost,
Und wenn sich auch ein Feind erbost,
Will ich in Gott zu siegen wissen.

Heißt es in der Schlussarie der Kantate, die wir eben gehört haben. Dieser eine Moment voller Trost und Zuversicht. Getröstet über dem was war, und zuversichtlich für das, was kommen wird. Nicht zufällig hat Bach den Eingangschoral aus dem Schlusschor einer Geburtstagskantate entwickelt: es geht um so etwas wie Geburt, um neu geboren werden.

Diesen Moment des Neuwerdens gibt es nicht nur in der Kirche. Manche brauchen nur einen Schritt in ihren Garten zu machen und die Tulpen betrachten, die sich durch die Wintererde kämpfen. Manche schauen in die Augen ihrer Kinder. Oder sehen sich nach einer Zeit der Trennung ganz neu.

Manchmal stehen wir auf, stehen wir zur Auferstehung auf, mitten am Tage, mit unserem lebendigen Haar, mit unserer atmenden Haut“ dichtet Marie-Luise Kaschnitz. In diesem Moment sind wir „vorweggenommen in ein Haus aus Licht“. Und es muss so ein Moment gewesen sein, in dem Dietrich Bonhoeffer aus seiner Todeszelle schreiben kann:„Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

Aber diese Momente, die das Herz heben und trösten und mutig machen- sind sie mehr als Momente? Mehr als kleine Fluchten aus dem Alltag? Der danach umso grauer erscheint?

Das ist die Frage von Ostern. Das ist die Frage von Maria Magdalena, als sie zum Grab Jesu eilt.
Was ist Auferstehung? Auf jeden Fall beginnt sie am Grab. Sie beginnt mit dem Tod. Maria Begegnung mit dem Auferstandenen steht im Johannesevangelium, im 20. Kapitel.
Ich lese die Verse 11-18:

11: Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weiten, schaute sie in das Grab.

12: und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den anderen zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

13: Und sie sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

14: Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

15: Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

16: Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni! das heißt: Meister!

17: Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich frage auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

18: Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

Liebe Gemeinde,

das ist die Geschichte von Maria Magdalena. Die Geschichte ihres großen Momentes. Der niemals aufhören wird. Maria ist mit Salböl und Tüchern gekommen. Und sie geht mit einem Auftrag.

Sie wollte den toten Körper von Jesus berühren, ihn salben und sich dabei ein wenig zurückträumen in die alten Zeiten. Aber sie darf ihn nicht berühren. Den toten Körper nicht und den auferstandenen Leib auch nicht.
Und doch ist sie zutiefst berührt. Und sie bewegt sich und hat von Stund an ein neues Leben mit einem neuen Auftrag:
„Ich habe den auferstandenen Herrn, meinen geliebten Rabbi gesehen!“ Liebe hört nicht auf am Grabe. Sie geht durch den Tod hindurch und verwandelt sich und verwandelt uns. Wenn wir das wollen.
Die Dichterin Hilde Domin, die selbst keine gläubige Christin war, hat so etwas erlebt nach dem Tod ihrer Mutter. Damals während der Nazidiktatur lebte sie im Exil in der Karibik.

Weit weg von ihrer Heimat, ihrer Sprache, ihrer Tradition hat sie mit dem Tod ihrer Mutter die letzte Verbindung zu ihrem alten Leben verloren. Sie las den Brief mit der Todesnachricht, legte sich ins Gras und wünschte sich, dass das Leben einfach aus ihr herauslaufen würde.

Und stand irgendwann auf und schrieb ihr erstes Gedicht. Da war sie 42 Jahre alt. „Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ Solche Sätze sind aus ihrer damaligen Lebensmüdigkeit herausgesprudelt. Wie war das möglich?

Die Geschichte von Maria Magdalena am Grab Jesu erzählt uns in symbolischer Sprache und gleichnishaft diesen Umschwung.

Wie ein Moment zu einer Bewegung wird und einer neuen Geschichte. Jesus war die große Liebe von Maria Magdalena. Er hat sie von 7 bösen Geistern geheilt, erzählt das Lukasevangelium. Sie muss also ziemlich durch den Wind gewesen sein. Und Jesus hat sie ins Leben zurückgeholt. Wie bei so vielen. Er muss sie als erster verstanden haben in ihrer Verrücktheit. Er muss sie gesehen, wie sie gemeint war von Gott und es ihr gezeigt haben.
„Maria!“ unvergleichlich die Art, wie er ihren Namen ausgesprochen hat.

Maria hat sich ihm angeschlossen. Vielleicht war sie in der großen Schar der Jüngerinnen und Jünger fürs Praktische zuständig, ohne die auch das Spirituelle nicht geht: Essen kochen, Wäsche waschen. Oder die Kranken, die er geheilt hat, nachbehandeln. Waschen, salben. Was Frauen richtig gut können.

Und dafür hat er sie unterrichtet. Er hat aus der klugen Frau eine gebildete Frau gemacht. Und sie hat ihn dafür Rabbuni genannt. Rabbuni, das kann sehr ehrerbietig oder sehr liebevoll gemeint sein. Schalom Ben Chorin plädiert für die liebevolle Variante und übersetzt es mit „Rebbele“ also mein lieber Rabbi. Oder scherzhaft vielleicht mal „RAbbischätzchen“ Rabbuni.

Nein, diese namenlose Frau, die Jesus die Füße gesalbt hat, diese ehemalige Prostituierte war sie nicht. Die ist ihr erst später angedichtet worden. Als die patriarchale Welt der ersten Christen sich gewundert hat, wie eine Frau überhaupt in der Gemeinde so eine Bedeutung bekommen konnte. Paulus hat ja in seinem Brief an die Korinther immer nur von Männern erzählt, die den Auferstandenen gesehen haben. Obwohl die Evangelien alle nur von Frauen erzählen. Es waren immer nur Frauen, welche die ersten Zeugen der Auferstehung gewesen sein sollen. Obwohl doch ihr Zeugnis damals überhaupt nicht gerichtsverwertbar war. Seltsamer Jesus. Feministische Bibelforschung hat nun endlich herausgefunden, dass Maria die erste war. Und als solche eine Botschafterin. Also Apostelin aller Apostel. Sie hätte eine Sukzession in gang bringen können, wäre die Welt damals anders sortiert gewesen, eben nicht patriarchalisch. Man stelle sich vor: 2000 Jahre apostolische Sukzession mit lauter Päpstinnen! Gewiss, außer bei den Protestanten. Die hätten seit 50 Jahren auch die Männer im Priesteramt zugelassen.

Kürzlich schrieb mir ein katholischer Christ: „Ich frage mich immer wieder, wie unsere Kirche auf den abwegige Idee kommen konnte, auf Frauen im Priesteramt nicht angewiesen zu sein.“

Jesus jedenfalls war angewiesen auf diese Maria. Und den Verlust, der damals über Maria hereingebrochen ist, kann man sich gar nicht groß genug vorstellen. Mit Jesus war ihr neues, schönes Leben zu Ende. Ihr Beruf, ihre Liebe, einfach alles. Als hätte jemand alle Daten aus ihrem Leben gelöscht.

Die Jünger damals am Ostermorgen- sie hatten anders als Maria nicht nur mit Trauer, sondern auch mit Scham und Zweifel zu kämpfen. Deshalb haben sie sich auch erst einmal vergraben. Sie sind durch Jesus nicht geheilt worden, für ihn haben sie ihren alten, ehrenwerten Beruf aufgegeben. Allein für dieses großartige Projekt: Reich Gottes, schon hier in dieser Welt. Und was haben sie alles auf die Beine gestellt- im wahrsten Sinne des Wortes.

Und jetzt ist er hingerichtet worden wie ein gemeiner Verbrecher. Wenn die Mehrheit überzeugt ist, dass die Hinrichtung in Ordnung ist, muss da nicht etwas dran gewesen sein? War er vielleicht doch nur einer von den vielen Wunderheilern und Gurus, die sich für Gott gehalten haben?
So zu denken hat was. Das ist nicht abwegig. Vernünftig betrachtet.


Maria hat es an dieser Stelle einfacher als die Männer. Die Tradition gebietet ihr als Frau, jetzt nicht zu grübeln, sondern den toten Körper zu salben. Manchmal gebieten Traditionen etwas Heilsames. Nicht grübeln, sondern was tun. Sich dem Tod stellen und der Trauer Raum geben.


Und so kommt sie mit Tüchern und Salben und Kräutern bepackt zum Grab. Und sieht, dass es leer ist. „Nicht einmal das ist mir vergönnt, denkt sie, nicht einmal das!“ Und lässt ihrem Schmerz freien Lauf. Was sogleich zwei Engel auf den Plan ruft. Die Engel fragen nach, sie locken den Schmerz noch mehr heraus und hören aufmerksam zu. Das ist alles, was Engel tun in so einem Moment. Mehr Trost geht auch nicht.

Maria hat sich ja schon in ihr Schicksal ergeben. Sie klagt ja gar nicht darüber, dass er tot ist. Sie klagt, dass man ihr nicht mal ihre Trauer lässt. „Sie haben meinen Herrn weggenommen,“ sagt sie. „Wenigstens noch einmal berühren, wenigstens sich ein bisschen in die Vergangenheit zurückträumen dürfen, ist das denn zu viel verlangt?“ Die Engel haben ihre Lebensgeister geweckt. Jetzt ist sie nicht nur traurig, jetzt ist sie auch wütend. Und spürt auf einmal, dass einer hinter ihr steht. Der muss es sein, denkt sie sich. Der hat mir meinen Jesus weggenommen!

Wahrscheinlich kann sie die Gestalt nicht recht sehen. Es ist ja früher Morgen und die Sonne geht auf- hinter ihm, im Osten. So kann sie nur seine Schattenumrisse erkennen. Aber egal. Sie knallt ihm ihre ganze Trauer und Wut hin: „Wenn du es bist, der seinen Körper weggetragen hast, dann sag mir wenigstens, wohin. Holen kann ich ihn dann schon selber!“
Und dann passiert er, dieser eine Moment. Der Moment, in dem die Sprengkraft der Auferstehung steckt, wunderbar gleichnishaft erzählt:
Maria voller Trauer und Wut- hadernd mit Gott und der schlechten Welt- sie bekommt eine Antwort. Sie bekommt keine Antwort auf ihre Frage. Die Antwort besteht in der Korrektur ihrer Frage. Sie setzt Maria auf ein völlig anderes Gleis.

Die Antwort auf ihre Frage nach dem toten Leichnam ist: Maria.
Da hört sie es. Im Klang dieser Stimme ist alles wieder da. Ihr früheres Leben, seine Geschichte mit ihm, wie er sie geheilt hat, wie sie ihm Essen gekocht hat, wie er ihr die Schrift erklärt hat. Alles ist wieder da mit diesem einen Wort: Maria.
Sie kann den Mann, den sie für den Gärtner gehalten hat, nicht sehen, noch immer blendet sie die aufgehende Sonne. Sie kann ihn nur hören. Aber sogar das ist zu viel. Sie dreht sich um, erzählt die Geschichte. Sie muss sich wegdrehen. Es gibt Begegnungen, die sind so berührend und erschütternd, dass man sie kaum ertragen kann. Erst einmal wegrennen muss. Maria dreht sich weg und antwortet: Rabbuni! Auf deutsch: mein Lehrer! Das Wort Rabbuni kann zwei Bedeutungen haben. Die eine ist die ehrerbietige, unterwürfige Anrede „mein Lehrer“. Die andere ist die liebevolle. Der jüdische Theologe Schalom Ben Chorin plädiert hier für die liebevolle. Er schlägt als Übersetzung vor: mein Rebbele, also mein lieber kleiner Lehrer, oder vielleicht auch scherzhaft bisweilen im Sinn von „Rabbischätzchen“, so etwa.

„Rabbuni“ sagt Maria und greift nach ihm, wie früher. Sie will diesen Moment festhalten. Ihn festhalten.
Aber Jesus weicht zurück. „Fass mich nicht an! Halt mich nicht fest!“

Weiß Jesus, was er da verlangt?

Einer Frau verbieten, ihn anzufassen! Anfassen, ist das nicht das Wichtigste im Leben? Anfassen muss ich das Kind, das ich in mir getragen habe und danach mit mir herumgetragen habe. Anfassen muss man seinen Geliebten. Wenn man jemanden liebt, kann man gar nicht die Finger von ihm oder ihr lassen. Weil man fühlend sich vergewissern will und muss, dass es wahr ist. Dieses Wunder der Liebe.

Anfassen erdet das Wunder. Lässt es in der Welt sein. Vielleicht gibt es deshalb heute auch so viele Geräte zum Anfassen, Displays mit Touch-screen. I-Phone, I-Pad touch! Wenn schon digital, dann wenigstens zum Anfassen.

Thomas, der Zweifler will Jesus auch anfassen. Und Maria muss ihn anfassen, weil das zur Liebe dazugehört. Aber Jesus weicht zurück. „Berühre mich nicht, halte mich nicht fest! Sagt er zu Maria Magdalena. Denn ich bin der Auferstandene. Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater.“

Es gibt kein Zurück ins Alte Leben, liebe Maria. Aber das alte Leben wird aufgenommen in ein Neues. Das Horizontale wird ausgezogen ins Vertikale. Das ist die Bedeutung des Kreuzes. Jesus verschwindet nicht in der Erde, nicht in der Bedeutungslosigkeit. Er geht hinauf zum Vater. Zu seinem Vater und zu unser aller Vater im Himmel. Aber dass er das kann, das beginnt mit dem Loslassen.

Erst wenn Maria loslässt, kann Jesus den Weg zum Vater im Himmel gehen. Auferstehung beginnt für uns damit, dass wir Loslassen.

Loslassen, was wir lieben. Das Kind, das ich in mir und mit mir herumgetragen habe, loslassen. Die Liebe meines Lebens, mit der ich eine gemeinsame Seelenhaut gebildet habe, loslassen. Das Projekt, für das ich Herzblut vergossen habe, loslassen. Das ist der Anfang der Auferstehung.

Loslassen tut weh, aber es ist ja nicht alles. Alles Loslassen wird gehalten durch den Vater im Himmel. Wer loslässt ist „von wunderbaren Mächten geborgen.“

Es ist am Grab, dass Maria ein neues Leben bekommt und einen neuen Auftrag: Hinausgehen in die Welt und erzählen, was Jesus ihr gesagt hat.

Aber was hat Maria zu erzählen?

Sie hat nichts gesehen, nur einen Gärtner. Und auch den nur in Schattenumrissen. Maria hat nichts gesehen. Sie hat nur gehört.

Glaube kommt vom Hören, schreibt Paulus. Es ist nicht meine Vorstellung, die das Wesentliche des Glaubens ausmacht, also was ich sehen und benennen kann. Das Wesentliche ist die innere Verbundenheit. Dass ich höre, wie mich einer beim Namen ruft. Diese innere Gewissheit, die Verbundenheit. Die ist es.

Und was ist nun mit der Auferstehung?
Objektive Beweise gibt es nicht. Es gibt nur den Moment. Der mich berührt. Und dann auch bewegt.

Es gibt nur das authentische Zeugnis. Es gibt die Wolke der Zeugen. Es gibt uns hier in dieser Kirche. Die wir dem Geheimnis der Auferstehung auf der Spur sind. Jeder und jede von uns unterwegs zwischen Wut und Trauer und Erstaunen und Bewegtheit.

Durch die Begegnung mit dem Auferstandenen bekommt Maria ihren aufrechten Gang zurück. Trotz ihres Verlustes kann sie sich am Grab aufrichten und aufrecht stehen. Sie kann den Tod Jesu in ihr Leben hineinnehmen, weil sie gewiss ist, dass es eine Zukunft gibt für sie.

Nicht als Apostelin aller Apostel, nicht als Heilige Mutter. Schlicht als erste unter denen, die Jesus nachfolgen und das Abenteuer wagen, mit dem Tod zu leben und auf Verwandlung zu hoffen. Jesus lebt und er braucht sie.

Und uns braucht er auch. Amen.