Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 20,19-21

Pfarrer Klaus Baschang

11.04.2004 in der Waldenserkirche Karlsruhe Neureut-Süd

Ostersonntag

Liebe Gemeinde,

haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihre eigene Todesanzeige aufzuschreiben? Ein Schulfreund von mir hat das getan. Als er vor einigen Jahren starb, war seine Todesanzeige sein letztes öffentliches Glaubensbekenntnis. Glaube an die Auferstehung Jesu, Glaube an die eigene Auferweckung. Er hatte sich seinen Tod vor Augen gestellt, um glaubend über die Todesgrenze hinaus zu schauen.

Es gibt Menschen, die schreiben ihre Todesanzeige sogar alle paar Jahre neu. Das Leben ändert sich, der Glaube wird reifer, mit zunehmendem Alter rückt der Tod näher. Ein Leben lang den Tod vor Augen - bewußt und ohne zu kneifen. Aber gerade darum einen Blick über den Tod hinaus. Die Grenzen des Lebens akzeptieren, aber in der Hoffnung des Glaubens diese Grenzen in die Ewigkeit hinein überschreiten.

Darum geht es heute an Ostern. Um die Frage, was Ostern aus uns macht, wie die Osterbotschaft unser Leben verändert.

Die historische Frage ist nicht besonders interessant, sondern sehr klar zu beantworten. Johannes kümmert sich in seinem Evangelium schon gar nicht mehr darum. Die ersten Osterzeugen waren Frauen. Deren Zeugnis galt damals vor Gericht nichts. Hätten die Anhänger Jesu das ganze Ostergeschehen erfunden, dann hätten Sie nicht Frauen an ein leeres Grab laufen lassen, sondern Männer, ordentliche Männer, deren Zeugnis etwas gilt.

Außerdem: Gleich die ersten Christen mußten als Märtyrer sterben. Auch das ist historisch unumstritten. Man erfindet aber doch nicht Geschichten, um dafür dann sterben zu müssen.

Historisch ist also alles klar. Mit guten Gründen kann man der Osterbotschaft nicht widersprechen oder an ihr herumzweifeln. Wenn die ersten Christen hätten schwindeln und betrügen wollen, dann hätten sie das gewiss raffinierter und intelligenter angestellt.

Die viel wichtigere Frage ist darum, was diese Botschaft aus uns macht, ob und wie sie unser Leben verändert. Wir müssen aus der rein historischen Betrachtung heraus kommen. Sonst haben wir von Ostern nichts.

Neulich sagte ein Arzt unserer Gemeinde nach dem Gottesdienst zu mir: Meine Arbeit besteht darin, den Tod hinauszuschieben. Verhindern kann ich ihn nie. Aber hinausschieben, das will ich mit allem meinem beruflichen Können und aller persönlichen Energie. Dann kann vielleicht deutlich werden, dass es jenseits der Todesgrenze neues Land gibt, dass sich nach dem Todeszeitpunkt neue Zeit für uns öffnet.

Genau da liegt das Problem in dem Film des Amerikaners Mel Gibson, Die Passion. Die letzten 12 Stunden im Leben Jesu von Nazareth. Seine letzten 12 Stunden sind eben nicht seine letzten 12 Stunden! Auf seinen Tod folgt die Auferstehung. Nur wegen seiner Auferstehung waren sein Leiden und sein Tod wichtig geworden. Auch das ist historisch klar: Zuerst hat man die Osterzeugnisse im NT aufgeschrieben, dann erst die Leidensgeschichte, danach die Botschaft und das Leben Jesu vor Beginn der Leidensgeschichte. Das verstärkt noch einmal die Frage, was Ostern aus uns macht.

Meine feste Überzeugung und persönliche Erfahrung ist: Ostern macht Menschen mit einem weiten Horizont. Ihr Horizont reicht über die Grenzen ihres Lebens hinaus und das tut dem Leben innerhalb unserer Grenzen gut. Es gibt deshalb so viele und massive Lebensängste in unserer Zeit, weil wir dem Tod nicht richtig in die Augen schauen können und ihn verdrängen. Damit ist uns aber zugleich das Gespür für die Ewigkeit abhanden gekommen. Wir werden um so besser mit den Grenzen unseres Lebens leben können, je weiter unser Horizont über den Tod hinaus in die Ewigkeit reicht. Ostern macht aus uns Menschen mit einem weiten Horizont

Dazu drei Beispiele aus unserem Predigtabschnitt:

1.

Menschen mit weitem Horizont sind furchtlose Menschen. Christus grüßt sie zweimal mit den Worten: "Friede sei mit euch". Das ist eine heilsame Botschaft für aufgewühlte Seelen und für verwirrte Köpfe. "Friede sei mit euch". Darauf kann man sich verlassen, wenn es Jesus sagt. Dann wird man Friedensspuren suchen und sogar finden - im eigenen Leben, in unserer Kirche, auch in der friedlosen Welt. Aber dann sollten wir auch vom Frieden reden und die Friedensspuren aufzeigen statt so viel über Kriege und Aggressionen zu lamentieren. 

In Jerusalem war ein junger Mann erschossen worden. Von den Israelis. Es war ein Irrtum. Sie haben sich bei den Eltern in aller Form entschuldigt. Die Eltern waren Palästinenser. Da haben andere Palästinenser zur Rache aufgerufen. Die Mutter das Erschossenen hat widersprochen. Bitte keine Rache, um Gottes Willen keine Rache. Wir sind christliche Palästinenser. Wir arbeiten in der deutschen evangelischen Gemeinde mit. Solche Geschichten gibt es, sie müssen viel, viel häufiger erzählt werden. Denn sie machen den Horizont weit. In ihnen zeigt sich, wie Ostern uns verändert.

Menschen mit weitem Horizont nehmen das ernst: Friede sei mit euch.

2.

Menschen mit weitem Horizont sind gelassene Menschen. Die Jünger saßen ängstlich hinter verrammelten Türen. Sie hatten Angst vor den Juden. Das gibt es im NT, Abgrenzungen zwischen der jungen Christengemeinde und ihrer jüdischen Umwelt. Das ist die Reaktion auf Ausgrenzungen und Verfolgungen. Die Juden wollten den neuen Glauben unter sich nicht dulden. Die Judenfeindschaft im NT ist also religiöser Art. Man muss sie sehr deutlich von dem Antisemitismus unterscheiden, der später unendliches Leid über das Judentum gebracht hat. Der Antisemitismus der Neuzeit ist nicht religiöser Art, sondern rassischer Art. Das muss man auseinander halten und den Antisemiten auf die Finger klopfen und widerstehen, wenn sie sich auf das NT berufen wollen.

Ich plaidiere also für mehr Gelassenheit in den öffentlichen Diskussionen und zugleich für mehr Engagement. Und dafür, dass wir in die Diskussionen hinein gehen und uns dazu zuvor gescheit machen, damit wir die Diskussionen auch bestehen.

Es gibt ja im Verhältnis von Frieden, Gewalt und Religion eine ganze Menge zu klären. Jesus hat sich für seine Sache töten lassen, Mohammed hat andere getötet, um seine Sache voran zu bringen. Die Diskussionen über Freiheit und Religion im öffentlichen Leben machen sich am Kreuz und am islamischen Kopftuch und - weniger beachtet - am Gottesbezug in der EU-Verfassung fest. Immer geht es darum, wie wir das dringend erforderliche friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen in der globalen Welt erreichen können.

Die Jünger hatten noch Grund, ihre Türen zu verrammeln. Wir haben oft verrammelte Köpfe. Das ist noch schlimmer und dafür gibt es seit Ostern überhaupt keinen Grund mehr. Menschen mit weitem Horizont sind gelassene Menschen, die die Anstrengungen des Denkens und Diskutierens nicht scheuen.

3.

Menschen mit weitem Horizont sind erwartungsvolle Menschen. "Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch". Hinaus ins Leben, vorwärts schauen, Neues wahrnehmen, sich auf andere freuen und so den Menschen zum Glauben helfen und dabei den eigenen Glauben stärken .

Frühere Generationen hatten eine ungebrochene Auferstehungshoffnung. Das Leben war beschwerlich, die äußere Not groß, die Lebensgrenzen eng. Da hat ihnen die Hoffnung von Ostern Kraft zum Leben gegeben. Unser Problem ist: Die Lebensmöglichkeiten sind weit geworden, so weit, dass wir uns darin verlieren können. Faszinierende Technik und enorme medizinische Fortschritte machen das Leben weit und bedrohen es zugleich. Wer keine Weltreisen macht, findet die ganze Welt zu Hause im Fernsehgerät und versäumt dann auch noch den Weg zum Nachbarn. Alles darf gedacht und öffentlich zur Diskussion gestellt werden, im März gibt es frische Erdbeeren und in Deutschland Ananas, die Waren gehen rund um den Erdball und die Melodien auch, in Karlsruher Discos tanzt man nicht anders wie in San Francisco und in Hongkong. Ereignisse wie im Irak werfen alle Urteile und Vorurteile durcheinander.

Genau in dieser Entgrenzung liegt das Problem. Wie wollen wir uns in diesem weiten Feld orientieren, wissen, was uns bekommt und was uns schadet? Worauf können wir für die Zukunft setzen, wo gibt es Gewißheit fürs Leben, Halt in diesem Taumel der Moderne, die wir genießen und zugleich fürchten?

Wer keine Verantwortung tragen muss, kann leicht gute Ratschläge erteilen. Er muss ja dafür nicht einstehen. Täglich treten neue Besserwisser auf, doch das Verfallsdatum ist ihren Weisheiten schon eingezeichnet. Wenn wir wenigstens einfach und bescheiden unsere Ohnmacht bekennen würden.

Viele sagen, dieser grandiose, schwindelerregende Taumel unseres Lebens sei dadurch verursacht, dass wir die Grenzen unseres Lebens nicht mehr sehen und darum auch nicht über sie hinaus sehen.

Ich glaube jedenfalls, dass wir noch viel mehr als frühere Generationen auf die Osterbotschaft angewiesen sind, auf den weiten Horizont, auf den Horizont, der in die Ewigkeit reicht. Solche Menschen mit weitem Horizont, der bis in die Ewigkeit reicht, macht Ostern aus uns. Solche Menschen braucht unsere Welt. Das ist unsere Mission: Menschen mit dem weiten Horizont anstecken, dass auch sie einen weiten Horizont bekommen.

Neulich habe ich ein älteres Gemeindeglied besucht und den Geburtstagsgruß unserer Kirchengemeinde überbracht. "Ja, alt bin ich halt jetzt", sagte der Mann. "Recht alt". Ich sah es ihm an. Gesund war er wohl noch, aber die Seele war alt geworden. Ob er je an seinen Tod gedacht hatte oder nur daran, schön und zufrieden alt zu werden, immer weiter alt werden, immer weiter? Was vor der Grenze unseres Lebens liegt, ist auf Dauer nur wertvoll, wenn wir die Grenze akzeptieren. Dazu brauchen wir wiederum den weiten Horizont, der über die Grenze hinweg in die Ewigkeit reicht.

Der alt gewordene Mann und ich sprachen darüber, dass es gut sein würde, jeden neuen Tag mit Neugier zu empfangen, jeden neuen Tag darauf aus sein, dass wir Unerwartetes wahrnehmen können, Wertvolles, Wertvolles für diesen einen Tag. So entstehen Menschen mit weitem Horizont. So kommt Ostern in unser Leben hinein. So verändert uns Ostern. Neugier für die Ewigkeit. Die hat Ostern in mir geweckt. Und damit neue Freude am Leben.

Amen.


 


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