Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 21, 1-14

P. Drutmar Cremer OSB (rk)

29.07.2012 in St. Clemens in Mayen

anlässlich zweier Goldener Priesterjubiläen

 Lieber Herr Pfarrer Müller,

lieber Herr Studiendirektor Kraus,

 

dieser Tag ist für uns alle ein Fest der österlichen Freude und Dankbarkeit. Darum habe ich auch für dieses Ereignis die eindrucksvolle Erzählung nach Ostern am See Tiberias ausgewählt, die alle Glaubenden berührt und in ihrer starken Symbolkraft auch den Blick des priesterlichen Menschen ins Licht rückt. Ein Teil der Jünger Jesu, genau waren es sieben als Sinnbild für Lebensfülle – hat sich am See versammelt.                                        

Diese letzte, österliche Erzählung wird deutlich spürbar als ein Nachtrag des Evangeliums bei Johannes.

Ist das ein Hinweis, dass nun schon die Zeit der frühen Kirche gekommen ist? Oder auch ein Zeichen der schlichten Umkehr in ihren Beruf? – sie waren ja im Grunde einfache Fischer.

Sie hatten Jesus, den auferstandenen Herrn, mehrfach erlebt, und immer tiefer wurden sie erfüllt mit Freude und neuer Hoffnung.

Und doch ist es seltsam! Diese Szene am See von Tiberias ist trotzdem geprägt von dumpfer Ratlosigkeit und unausgesprochen von einer Atmosphäre der Bedrückung und der Frage: Wie soll es weitergehen?

Und Petrus erklärt in diesem dunklen Gefühl: „Ich gehe fischen!“ (Joh 21,3)

Es klingt so, als wollte er eine spürbare Hilflosigkeit überspielen. Er zieht die anderen Jünger mit. Aber trotz der angestrengten Mühe in der Nacht fangen sie nichts. – Das gleicht dem Anfang ihres Weges zu Christus. Damals hatte Jesus den Petrus eindringlich aufgefordert: „Folge mir nach! Du sollst für mich Menschen fangen!“ (Lk 5,10)

Aus dem Ruf des Herrn wurde eine Antwort voll Hingabe und Liebe.

                                                     

                                                  

Liebe priesterliche Mitbrüder,

es mag ein wunderbares Zeichen der Treue sein, dass auch Sie den leisen und starken Auftrag Jesu in Ihre ganz persönliche Nachfolge aufgenommen und durchgetragen haben, durch Jahrzehnte, vor allem unter den Menschen dieser Stadt und Region, bis auf diesen Tag, lebendig und froh, bisweilen auch bedrängt und bedrückt, zutiefst aber im Glauben an den, der auch Sie gerufen hat. Heute vor 50 Jahren wurden Sie zum Priester Jesu Christi geweiht. Wir alle freuen uns mit Ihnen.

Ihr Bekenntnis war ebenfalls geprägt wie bei den Jüngern und besonders von dem begeisterten Ausruf des Petrus: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Math 16,14)

Und dieser Herr und Retter aller Zeiten hat Ihnen beiden einen Teilbereich seiner Kirche dieser Zeit auf die Schultern gelegt.

Das Lebens-Schicksal der Apostel Jesu Christi hat auch Ihr Leben geformt. Sie haben sich senden lassen, und den Menschen, denen Sie in den langen, priesterlichen Jahren begegnet sind, ganz persönlich geholfen: in der Seelsorge, im Gottesdienst, in der Unterweisung und Pastoral, vor allem auch in der Schule, in zahlreichen Verbänden und Gruppen; und darüber hinaus in vielen Gesprächen mit  einzelnen Menschen. Sie haben es getan mit Ihrer Erfahrung und Ihrer frohen, verantwortlichen Zuwendung.                                      

Sie sind gehört worden, weil Sie die Menschen geliebt und verstanden haben, nicht zuletzt auch in Ihrer allseits bekannten menschlichen Unbefangenheit und durch Ihre rheinische Heiterkeit und Freude.                                      

                                                                                 

Aber wäre ein priesterliches Handeln und Wirken zu verstehen, wenn es nicht auch geprägt wäre von Leid und Freude, von Tod und Auferstehung zugleich? Haben Sie nicht auch wie Petrus und seine Gefährten gearbeitet, ja vielleicht sogar, wie wir Rheinländer gerne sagen: „geschuftet“, nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht und dabei die Enttäuschung hinnehmen müssen, nichts zu „fangen“? Vergeblich! Nicht selten auch am Ende der eigenen Kraft! Arbeit in der Nacht – durch Kraft, Ermüdung und Trauer – mit der aufbrechenden Frage: Hat alles noch Sinn? Erfüllt sich mein und unser Leben? Der totale Einsatz – nur leere Netze? Ist das wirklich die Frucht in der Nachfolge Jesus?

 

Trauer, Vergeblichkeit, Grenzerfahrung. Aber der Glaube an das Wort des Herrn führte auch Sie zur rechten Seite des Glücks, wie es in der Bibelsprache voller Symbole heißt.                        

Christi Befehl: Legt neu eure Netze aus, brachte nach der Bibel einen solchen Erfolg, dass die Netze nahezu zerrissen und den Jüngern plötzlich die Augen aufgingen. Allerdings! In dieser Oster-Erzählung ist vom Zerreißen keine Rede. - Wie kommt es zu solch einem erstaunlichen Wunder?                                            

 

Liebe Schwestern und Brüder,                                

 zwei Gründe sehe ich im Text des Evangeliums: Es war ein heller Morgen angebrochen und in der Morgen-Dämmerung des Tages stand am Ufer des See’s eine geheimnisvolle Gestalt. Dieser Morgen ist das Sinnbild für den Aufbruch in einen neuen, entscheidenden Tag: in einen österlichen Morgen, der eine neue Welt-Ordnung gebiert.

Und ein zweites Motiv ist zu erkennen. Niemand in der alltäglich gewordenen Ernüchterung und Enttäuschung, Mühe und Bedrängnis erkennt den Herrn, nur der Jünger, der Jesus in Liebe besonders verbunden war. Er raunt dem Petrus zu: „Es ist der Herr!“ (Joh 21,7)

Liebe macht hellsichtig, Liebe entdeckt, Liebe gibt neue Kraft zum mutigen Tag. „Liebe ist die Schönheit der Seele“ – sagt der Kirchenlehrer Augustinus.

                                                                                              

Ist das nicht auch Ihre priesterliche Erfahrung, liebe Brüder? Nicht nur „die Zufälle des Lebens“ entscheiden über Fruchtbarkeit und Misserfolg.

                                      

Ist es nicht auffallend, dass der eigene Entwurf des Lebens in die Enge führt und dann plötzlich, ja vielleicht intuitiv wird der Auftrag Gottes im Innern laut. Leg deine Netze auf der rechten Seite aus, auf meiner göttlichen Seite, und du wirst dich wundern.

Und dann erkennen wir  am Ufer des Lebens, am österlichen Ufer des Neubeginns, am Ufer von Zeit und Geschichte, die geheimnisvolle Gestalt, die alle Lebensangst und jeden Miß-Erfolg wandelt in reiche Frucht und in die Freude auf dem Weg göttlicher Führung zu sein.

 

Machen Sie nicht selten auch die Erfahrung, dass an den Grenzen der eigenen Möglichkeit plötzlich ein Licht aufleuchtet, eine Idee in eine neue Richtung führt, eine Tür aufgeht und alle Fragen gelöst werden? Und in Ihrem Herzen wird die Wahrheit klar: „Es ist der Herr!“ Sie fühlen sich von IHM geleitet – wie die Jünger am See Tiberias.

Die Sprachlosigkeit der eigenen Lebensohnmacht findet zum Wort. Die Ergebnislosigkeit der Tat aus nur eigenem Lebensentwurf erhält eine neue Glaubens-Richtung, eine Fruchtbarkeit von der Ostergestalt am Ufer zwischen Zeit und Ewigkeit, die im Grunde nur von einem liebenden Herzen erkannt wird.

Ist es nicht so, liebe Mitbrüder, dass dies gültig ist im Leben eines jeden glaubenden Menschen, aber ganz besonders und tief im Leben des Priesters?

Viel Stille, Treue und Gebet führten zur Erkenntnis, dass Gott die entscheidende Gestalt unseres Lebens ist. Am festen Ufer der Zeit zwischen Tatkraft und Gnade, im Grenzgebiet des Schwankens und auf dem Boden der Festigkeit und Hingabe.                 

Die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann hat in einem kleinen Text gebetet:

„In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort!“ 

Wenn wir selbst einmal an den Rand unserer menschlichen Möglichkeiten geraten, dann werden wir bisweilen sprachlos, ja stumm. Dann trägt uns das demütige Wort des Gebetes, aus dem die Liebe wächst. – Ja, in die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort! 

Und ist es nicht ein wunderbares Zeichen, dass Jesus mit den Seinen das große, österliche Mysterium feiert, nämlich das Mahl mit Brot und Fisch, am österlichen Kohlen-Feuer; nicht am Kohlen-Feuer im Vorhof des Todes, in dem Petrus Christus, den Herrn, verraten hat. Nein! Wir sind geneigt zu sagen: Es ist das Kohlen-Feuer des Geistes, auf dem Jesus mit den Seinen das gewaltige Symbol der Eucharistie, das Fest der Danksagung, feiert.

Haben Sie liebe Mitbrüder, dieses Fest als Priester Jesu Christi nicht ein Lebenlang immer neu mit vielen Menschen vollzogen, so wie auch heute, in dieser Stunde.                                                                                                    

Im Mahl der Liebe und der Bekenntnis-Zusage des Petrus: „Herr, du weißt alles! Du weißt, dass ich dich lieb habe!“ (Joh 21,17) erhält besonders das priesterliche Leben seinen Sinn und seine Erfüllung.                                                                                 

Wird nicht an einem solchen Gedenktag wie heute, liebe priesterlichen Brüder, vor allem eine menschliche Haltung besonders aufgerufen? Ich meine: die Dankbarkeit!

Die Dankbarkeit an Gott, der Sie gerufen hat. – Die Dankbarkeit unzähliger Menschen, denen Sie dienen durften in vielen Jahren. Und umgekehrt: Ihre Dankbarkeit an viele Menschen, die für Ihre Worte und Dienste offen waren.

Ihre Dankbarkeit an Gott, weil Er Sie in Treue und froher Offenheit behütet hat. Viele Jahre! Dieser Dank und der Lobpreis für den Höchsten der Welt wird wieder ausgesprochen in diesem Opfermahl, das wir miteinander feiern.            Lassen Sie mich schließen mit einem poetischen Text. Er enthält Frage und Dank, Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft.

 

Seiden ist der

Schleier

meines Liedes

Herr – und

meiner Dankbarkeit Gewebe

dicht und zart

Sichtbar

will ich sein für

deine Augen

und im Rauch der Zeit –im

Wirbel meiner Alltagsschatten

unbedeckt

Unter Düsterwolken

hoffe ich – ja

sprachlos hoffe ich

du

werdest meinem Herzen

sichtbar sein

Wie

kann ich

sonst dein

Reich betreten?

 

 

1 aus: I. Bachmann, Gestundete Zeit, Ps 1,4

 

2 aus: Cremer, Du strahlst Licht im Wind der Zeiten – Maria Laach unter dem Atem der Poesie, Maria Laach, Buch- und Kunsthandlung, 2006, S. 96