Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 21, 15-19

Bernd Friedrich (EmK)

20.05.2012 in der Evang.-methodistischen Christuskirche in Waiblingen

Pfingsten 2012

Neuanfang vor Pfingsten: Jesus und Petrus am See Genezareth

Liebe Freunde, liebe Gemeinde,

am kommenden Sonntag ist Pfingsten. Pfingsten ist ja so etwas wie der „Geburtstag der Kirche“. Durch eine ziemlich aufrüttelnde Predigt von Petrus kamen damals dreitausend Menschen zum Glauben an Jesus Christus und sie kamen auch neu zur Gemeinde hinzu (Apg. 2,41).

Auch wir hier in Waiblingen wollen eine wachsende Gemeinde sein. Wir wünschen uns Menschen, die zum Glauben finden und darin wachsen. Wir haben auf der Gemeindefreizeit und im Gemeindevorstand über die Zukunft dieser Gemeinde gesprochen, über Konzepte und den richtigen Weg. Sogar ein neues Gemeindezentrum wird gebaut, das wir am 07. Oktober einweihen wollen. Auch die Stadt nimmt davon Notiz. Ich habe neulich mit dem Oberbürgermeister gesprochen. Auch er will kommen, wenn wir die Einweihung feiern.

Doch jetzt kommt eine spannende Frage: Was liegt eigentlich zeitlich vor einer Gemeinde, die begeistert. Was liegt vor einer vollmächtigen Predigt, die die Menschen bewegt (wie damals die Predigt von Petrus)? Was ist die Vorgeschichte von Pfingsten? Was ist die Voraussetzung für das, was da passieren konnte?

Wir wollen uns heute mit dieser Vorgeschichte beschäftigen. Denn Pfingsten fällt nicht einfach überraschend vom Himmel. Pfingsten hat auch mit Menschen zu tun, mit den Nachfolgern von Jesus. Manche Dinge im Leben versteht man nur, wenn man hinter die Kulissen schaut, wenn man weiß, was vorher geschehen ist. Zur Vorgeschichte von Pfingsten gehört, dass der auferstandene Jesus seinen Jüngern be­gegnet ist und mit ihnen gesprochen hat. Er hat Zweifel beseitigt, Schuld vergeben. Er ist mit ihnen über Land gegangen, hat mit ihnen gegessen, sie ermutigt und beauftragt. Und in all diesen Begegnungen ist wohl etwas ganz Entscheidendes passiert – es ist passiert außerhalb der Öffentlichkeit, fast im Verborgenen, hinter verschlossenen Türen und in den frühen Morgenstunden an einem See in Galiläa.

Gott organisiert Pfingsten und die neue Kirche nicht an seinen Leuten vorbei, sondern mit ihnen. Bevor etwas Großes geschieht, geschieht etwas in der Stille - zwischen ihm und seinen Nachfolgern. Und darum wollen wir uns heute mit genau so einer Begegnung beschäftigen. Diese Begegnung findet nach der Auferstehung von Jesus und vor Pfingsten statt. Wir haben sie schon im Anspiel gesehen. Ich lese uns einen Abschnitt aus dem Johannesevangelium (Johannes 21, 15-19):

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Nachdem sie gegessen hatten, sagte Jesus zu Simon Petrus: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als die anderen hier?“ Petrus antwortete: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Jesus sagte zu ihm: „Sorge für meine Lämmer!“ - Ein zweites Mal sagte Jesus zu ihm: „Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich?“ „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe“, antwortete er. Jesus sagte zu ihm: „Führe meine Schafe!“ - Ein drittes Mal fragte Jesus: „Simon, Sohn von Johannes, liebst du mich?“ Petrus wurde traurig, weil er ihn ein drittes Mal fragte: „Liebst du mich?“ Er sagte zu ihm: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe.“

Jesus sagte zu ihm: „Sorge für meine Schafe! Ich versichere dir: Als du jung warst, hast du deinen Gürtel selbst umgebunden und bist gegan­gen, wohin du wolltest, aber wenn du einmal alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich binden und dich dorthin führen, wohin du nicht gehen willst.“ Mit diesen Worten deutete Jesus an, mit was für einem Tod Petrus einst Gott ehren werde. Dann sagte Jesus zu ihm: „Geh mit mir!“

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1. Petrus beim Fischen

Vielleicht wisst ihr was ein "Deja-vue-Erlebnis" ist? Das ist eine Situation, die auf den ersten Blick so aussieht als habe sie sich genau so schon einmal zuge­tragen. So muss es wohl auch Petrus und den anderen Nachfolgern von Jesus mit dieser Begegnung gegangen sein. Jesus war gekreuzigt, gestorben und begraben. Dann war er am dritten Tag aufer­standen von den Toten. Sie hatten ihn bereits getroffen.

Doch Petrus und die anderen entschließen sich erst einmal wieder in ihren alten Beruf zurück zu kehren. Sie sind in Galiläa am See Geneza­reth - und Petrus sagt: „Ich gehe fischen!“ (Joh. 21,3). Die anderen machen mit, mühen sich die ganze Nacht, umsonst. Dann steht am Morgen Jesus dort am Ufer. Dieser See, das ist genau der Ort, an dem alles begann, einige Jahre zuvor.

Auch damals waren Petrus und seine Kollegen beim Fischen. Auch da­mals hatten sie die ganze Nacht nichts gefangen. Und Jesus sagt, "jetzt fahrt noch mal raus". Und dann fingen sie so viele Fische, dass die Netze zu zerreißen drohten. Petrus fiel damals vor Jesus nieder: "Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch". Doch Jesus sagt: "Komm mit mir, folge mir nach. Menschen sollst du fischen." (Lukas 5, 1-11)

Auch im Jahre drei oder vier danach will ihnen kein Fisch ins Netz gehen. Und auch dieses Mal fordert Jesus sie auf, das Netz erneut aus­zuwerfen. Auch dieses Mal wird es ein großer Fang mit großen Fischen. Genau hundertdrei­undfünfzig Fische sind ihnen ins Netz gegangen. Es hätte also auch für uns hier alle gut gereicht, wenn wir dabei gewesen wären. (Johannes 21, 1-4)

Erst nach diesem großen Fang geht ihnen ein Licht auf. Das ist das Deja-vue-Erlebnis: „Mensch, das hatten wir doch schon einmal ?!“ Und so sagt ein anderer Kollege dem Petrus: "Es ist der Herr!" Sie kommen eilig an Land, Petrus vorne weg und dann Frühstücken sie erst einmal zusammen mit diesem Mann, der schon das Holzfeuer angezündet hatte. Zunächst sind sie noch unsicher, ob er es wirklich ist. Sie trauen sich nicht, ihn zu fragen (Joh. 21, 12). Sie wissen, das ist Jesus, der Herr.

Miteinander Essen, das war für Jesus stets wichtig. Beim Zöllner Zachäus hatte er sich eingeladen. Die Pharisäer konnten das über­haupt nicht verstehen und beschimpften ihn als "Fresser und Wein­säufer". Jesus war auch bei einer Hochzeit in Kanaan. Und einmal verglich er sogar den Himmel mit einem großen Festmahl. Dann das letzten Abend­mahl mit seinen Jüngern vor seinem Tod. Und nach der Auferstehung bricht er das Brot in Emmaus. Das gemeinsame Essen, das war ein Stück gelebter Gemeinschaft, Zeit für die Stärkung von Seele und Leib, Zeit für Wichtiges ohne Hast. Zeit für Gespräche wie hier.

Sie essen mit ihm Brot und Fisch an diesem Morgen. Und dann beginnt Jesus dieses ent­scheidende Gespräch mit Petrus. Eine „Lebensweg-Entscheidung“ steht an. Was wäre wohl aus diesem Mann geworden, wenn Jesus ihn nicht aufgesucht hätte, wenn dieses Gespräch nicht stattgefunden hätte?

Vielleicht kennt ihr auch solche Augenblicke im Leben. Auf einmal ist der Alltag und all das Drum-rum nicht mehr wichtig. Dann ist klar, hier geht es nicht mehr um das Wetter oder um Small-Talk, sondern um Einzig­artiges, Bedeutendes, Wichtiges. Vielleicht geht es dann um eine Weichenstellung für die Zukunft, um eine wirkliche Berufung, um Liebe und Treue, oder um Lebens­krisen, um Ver­gebung. Solche Gespräche stehen dann an den Weg­gabelungen unseres Lebens, Gespräche an die wir uns nach Jahren noch erinnern.

Bei einem Film würde in diesem Augenblick der Hintergrund ver­schwimmen und die Kamera ganz scharf gestellt, nur Jesus und Petrus sind im Bildausschnitt zu erkennen. Es geht um nichts anderes mehr. Nur noch um diese beiden.

2. Die Vorgeschichte: Petrus, der gescheiterte Macher

Jesus beginnt das Gespräch mit einer einfachen Frage: „Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als die anderen hier?“

Auf einmal ist sie wieder da, die ganze Vorgeschichte dieser Beziehung. Wir werden diese Begegnung zwischen Jesus und Petrus nur verstehen, wenn wir uns bewusst machen, was zwischen der ersten und der jet­zigen Begegnung am See Genezareth geschehen ist.

Petrus, das war der selbstbewusste Macher. Er war einer, der mit Jesus auf dem Wasser ging. „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“ (Matth. 16, 13-23). Dieses Glaubens­bekenntnis brachte er souverän über die Lippen. Und Jesus hatte ihm einen neuen Namen gegeben: Nämlich Petrus, das heißt der Fels. Auch dieser bemerkenswerte Satz ist von einem selbstbewussten Petrus: „Und wenn alle an dir irre werden, ich nicht – und wenn ich mit dir sterben müßte“ (Matth. 26, 30-35). Petrus, das war einer, der sich in seinem Eifer von niemandem übertreffen ließ.

Doch dann kommt der Absturz. „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei­mal verleugnet haben“, so hatte es Jesus ihm voraus gesagt. Der Verrat begann ganz harmlos mit der Bemerkung einer einfachen Dienerin: „Du warst doch auch bei Jesus, dem Galiläer.“ Du, Petrus, bist du nicht auch ein Freund von diesem Jesus, den sie da gerade verhören, der auf dem Weg zum Kreuz ist? Petrus, bist du nicht auch ein Freund, von dem, der von der Liebe Gottes geredet und Kranke geheilt hat? (Joh. 18, 17-27)

Und Petrus antworte: „Nein, ich kenne diesen Menschen nicht.“ Auf ein­mal lügt er drauf los. Jetzt will er von Jesus nichts mehr wissen. Dreimal erklärt er, Jesus gar nicht zu kennen. Und dann kräht der Hahn, wie Jesus es vorausgesagt hatte. Und Petrus erinnert sich an die Worte von Jesus. Er geht irgendwo hin, wo ihn keiner sieht und heult drauf los. Wie muss es in ihm ausgesehen haben? Er ist verzweifelt. „Diesen Jesus habe ich verloren“, hämmert es in seinem Herzen. „Die Hoffnung meines Lebens – all das ist aus und vorbei.“ Und dann hängen sie Jesus an das Kreuz und Jesus stirbt.

Petrus hatte gedacht, er wäre einer der Starken. Einer, der alles auf die Reihe kriegt. Einer von den richtigen Männern, die zu ihrem Wort stehen. Jetzt weiß er, dass das nicht stimmt. Wie geht ein "Starker" eigentlich damit um, dass er gelogen und betrogen hat? Schuld und Versagen, – all dies ist eine offene Wunde in ihm. –

Ich weiß nicht, was dein größter Fehler war, den du gemacht hast. Aber es gibt Dinge, die einen bis ins Mark erschüttern. Und wie geht es dann weiter?

3. Klärung einer Beziehung: Simon hast du mich lieb?

In dem Moment als Jesus mit Petrus jetzt am See redet, ist diese Geschichte vom Verrat noch nicht aus der Welt. Schnörkellos kommt Jesus gleich auf den Punkt: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als diese hier?“

Jesus läßt den Namen Petrus hier einfach weg und nennt ihn bei seinem alten Namen: „Simon, Sohn des Johannes.“ Jesus weiß über ihn Bescheid. Petrus ist eben nicht mehr der Fels. Er ist nur noch Simon, ein einfacher Fischer - wie beim ersten Mal einige Jahre zuvor, als Jesus ihn auch rief, genau hier an diesem See.

„Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber als diese hier?“ fragt ihn Jesus. Noch keine zwei oder drei Wochen ist es her, da war er sich seiner Sache noch ganz sicher. Doch jetzt? Jesus fragt ihn: „Simon, bist du dir deiner Sache noch immer so sicher? Simon, wie stehst du zu mir? Simon, wer bist du?“

Auge in Auge mit Jesus hämmert die Schuld in seinen Adern. Jesus geht nicht einfach zur Tagesordnung über. Die Sache wird nicht vertuscht. Ungeklärte Verletzungen haben schon viele Beziehungen zerstört. Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Die Sache muss bereinigt werden, auch wenn es schmerzhaft ist. Einen anderen Weg zum Vertrauen gibt es nicht. Das hat auch David gewußt. In Psalm 32 (Verse 3-5) betet er:

Herr, erst wollte ich meine Schuld verschweigen; doch davon wurde ich so krank, dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte. Ich spürte deine Hand bei Tag und Nacht; sie drückt mich zu Boden, ließ meine Lebens­kraft entschwinden wie in der schlimmsten Sommerdürre. – Darum ent­schloss ich mich, dir meine Verfehlungen zu bekennen. Was ich getan hatte, gestand ich dir; ich verschwieg dir meine Schuld nicht länger.“

Bei Petrus stand dieser Verrat zwischen ihm und Jesus. Bei uns mag es etwas ganz anderes sein. Wenn wir dem aufer­standenen Jesus be­gegnen, dann wird er vielleicht seinen Finger auf den wunden Punkt unseres Lebens legen. Keine Angst davor, denn darin liegt die Chance, dass die Beziehung wieder heil und stark wird. - Vielleicht geht es um die Treue und Hingabe in einer Beziehung. Vielleicht kommt der Umgang mit dem Geld zur Sprache oder mit unse­rer Zeit. Vielleicht leben wir im Unfrieden mit Menschen, denen wir ver­geben sollten. Jesus lädt uns auch heute ein, den Ballast unseres Lebens nicht länger mit uns herum zu tragen.

Ich erinnere mich an eine Situation in meinem Leben, als Gott zu mir ge­sprochen hat. Es war in einer Predigt vor einigen Jahren. Damals habe ich Gott so verstanden: „Bitte um Verge­bung, suche den Frieden mit diesen ganz konkreten Menschen!“ Gott war da zu mir ganz deutlich, und ich wollte seinem Wort folgen. Und doch hat es für mich zu den schwierigsten Dingen in meinem Leben gehört, hinzugehen und zu sagen: „Es tut mir leid. Ich habe es falsch gemacht.“ Doch gerade dadurch hat sich manches geklärt - in mir und bei denen, denen ich Un­recht getan hatte.

Der Bremer Dichter Manfred Hausmann hat einen Roman geschrieben mit dem Titel: „Liebende leben von der Vergebung“. Darin wird ein Ver­söhnungsgespräch zwischen Eheleuten beschrieben:

Ich habe immer gemeint“, sagt da der Mann Dr. Garrelts, „es sei weiter nichts dabei, ein gute Ehe zu führen, wenn man sich nur gern habe und einen aufrichtigen Willen mitbringe. (...) Aber als wir zum ersten Mal auf die Probe gestellt wurden, ist es uns mißlungen, ganz und gar. Kann man das eine Ehe nennen?“ Und dann antwortet seine Frau Irene: „Sieh mal, weil es uns mißlungen ist, haben wir eingesehen ... oder jedenfalls ich ... ich habe jedenfalls eingesehen, dass ich hilfsbedürftig bin, dass du mir vergeben musst. Und das kannst du doch nur, wenn du mich liebst. Alle, die sich lieben, leben von der Vergebung. Das weiß ich jetzt.“

Das ist der Punkt: Liebende leben von der Vergebung. Wenn wir schul­dig werden, dann dürfen wir diese Schuld nicht unter den Teppich kehren. Sonst wird unsere Seele krank, so wie es David erlebt hat. Feindschaft macht uns hart, aber die Liebe öffnet eine neue Zukunft.

Bonhoeffer sagt: „In der Beichte gibt Gott dem Sünder Hilfe aus der Gefahr des Selbstbetruges und der Selbstvergebung“ (Nachfolge S. 264).

In diesem seelsorgerlichen Gespräch macht auch der gescheiterte Jünger Petrus die Erfahrung, dass Schuld bereinigt und innere Wunden geheilt werden können.

4. Mit Jesus wird die Vergangenheit bereinigt

Wie geschieht das? Was ist der genaue Inhalt des Gesprächs?- Jesus stellt Simon eine kurze Frage. Er möchte wissen: „Hast du mich lieb?“ Es geht um die Beziehung. Jesus gebraucht das Wort Agape. Agape be­zeichnet in der Bibel die reine und unumstößliche Liebe Gottes zu den Menschen. „Hast du Agape, Petrus?“ Und Petrus antwortet: „Du weißt, dass ich dich gern habe.“ Petrus verwendet das Wort „phileo“ – eine Liebe unter Freunden. Petrus antwortet also ganz bescheiden: „Nein Jesus, von dir komme ich nicht los. Mein Herz brennt für dich. Aber mit deiner Liebe – mit Agape - ist das überhaupt nicht zu vergleichen.“

Und dann fragt ihn Jesus ein zweites Mal: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ – Hast du Agape? Und Petrus antwortet: „Du weißt, dass ich dich gern habe wie einen Freund (phileo).“

Und dann kommt die dritte Frage. Ein drittes Mal will es Jesus von Petrus wissen: „Simon, hast du mich lieb? Hast du mich gern?“ Jesus greift bei diesem dritten Mal das Understatement des Jüngers auf und verwendet das Wort, das sein Jünger verwendet hat: „Phileo.“

Petrus wird traurig. Stellt Jesus jetzt auch seine Liebe als Freund in Frage? Er antwortet: „Herr, alles weißt du wie kein anderer.“ Petrus kapituliert. "Herr, du kennst mich doch am besten. Jesus du weißt, ich habe versagt. Und trotzdem liebe ich dich!"

Dreimal hat Petrus gesagt: „Ich kenne dich nicht!“ Und jetzt folgt dreimal: „Ich habe dich lieb, Jesus.“ Das hat Ostern mit dem Hahn zu tun: Die Schuld von gestern kann vergeben werden.

Worauf kommt es bei einer guten Beziehung an? Nicht auf Intelligenz oder Prominenz, nicht auf Geldbeutel oder Designerklamotten. Es kommt darauf an, dass das Vertrauen wieder da ist. Die Liebe ist die Kraft, die uns verändert und diese Welt. Das hat auch Paulus in seinem Liebeshymnus in 1. Korinther 13 geschrieben. "Die Liebe ist das Größte!" Diese Liebe, diese Treue erfährt Petrus hier ganz neu. Sie gilt ihm. Vielleicht hätte er an dieser Stelle das Lied gerne mitgesungen, dass wir manchmal singen:

Du bleibst an meiner Seite, du schämst dich nicht für mich. Du weißt, ich bin untreu und dennoch gehst du nicht. Du stehst zu unserer Freund­schaft. Obwohl ich schwierig bin, hältst du mir die Treue, gehst mit mir durch dick und dünn. Du bist treu Herr, an jedem neuen Tag. Du bist treu Herr, auch wenn ich versag, bist du treu, Herr. Unerschütterlich hält deine Treue mich, du bleibst mir treu.“ (Feiert Jesus Bd.2, Nr. 77, Text: Tobias Gerster)

Die Treue Gottes gilt dir und mir. Jesus ist auf die Welt gekommen - nicht für die Edlen und Perfekten. Sondern für so Leute wie Petrus und für mich. Er ist gekommen für Menschen, die schuldig werden und die mit sich selbst nicht mehr im Reinen sind. Paulus schreibt (Römer 5,8): „Gott beweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Zwischen dem Verrat von Petrus und dieser Begegnung mit Jesus am See Genezareth steht das Kreuz.

Und was bedeutet dieses Kreuz? Es bedeutet: "Du, Petrus, ich liebe dich! Deine Schuld ist nicht das Ende unserer Beziehung. Es gibt die Chance für einen neuen Anfang, für Vergebung. Gott hat die Kraft, neues Leben zu schaffen. Du wirst noch gebraucht."

Henry Newman hat die Liebe Gottes einmal in diese Worte gefasst:

Gott schaut dich, wer immer du seist, so, wie du bist, persönlich an. Er ruft dich bei deinem Namen. Er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiß, was in dir ist, all dein Fühlen und Denken. (...) Er schaut zärtlich auf deine Hände und deine Füße. Er horcht auf deine Stimme, das Klopfen deines Herzens, selbst auf deinen Atem. Du liebst dich nicht mehr, als er dich liebt.“

5. Neuanfang und Zukunft: Weide meine Schafe

Unsere Geschichte endet nicht mit der Klärung der Beziehungsstörung. Jetzt kommt noch eine letzte Pointe, ein Höhepunkt dieser Unterhaltung, denn Vergebung hat etwas mit der Zukunft zu tun!

Jesus sagt: „Weide meine Schafe“. Er traut diesem Nachfolger eine neue Aufgabe zu! Petrus wird wieder in sein Amt eingesetzt. Jesus beruft nicht neue oder andere Jünger an seine Stelle. Christus baut seine Kirche durch Menschen, die viele Fehler gemacht haben – durch Menschen, denen die Schuld ver­geben worden ist. Darum dürfen auch wir mit­machen und seine Kirche, sein Reich mit bauen.

Fast alle Leute in Gottes Führungsmannschaft, von denen wir in der Bibel lesen, haben einen ordentlichen Knick in der Biografie. Wir lesen in der Bibel von einer langen Latte von Fehlern, Irrtümern und Schuld. Abraham, Mose, David – sie alle gehören dazu. Doch aus Umkehr und Vergebung wächst eine neue Kraft.

"Weide meine Schafe", sagt Jesus zu seinem einst gestrauchelten Jünger Simon. Meine Schafe, das bedeutet auch, die Schafe gehören Christus. Petrus ist sein Mitarbeiter. Der Hochmut ist ihm vergangen. Mit seiner eigenen Kraft ist er in die Sackgasse gelaufen. Jetzt verlässt er sich auf einen, der ihn führt.

Jemand hat mich jüngst nach einer Predigt gefragt, was wäre wohl aus Petrus geworden, wenn er diesen Fehler nicht gemacht hätte, wenn er Jesus nicht verraten hätte? Interessante Frage! Vielleicht wäre er nicht der große Apostel geworden, weil er dann zu sehr auf sich selbst ver­traut hätte. Jetzt weiß er: Es ist die Kraft des Auferstandenen, die Menschen verändert und erneuert. Es ist nicht menschliche Willens­stärke und es sind nicht kluge Konzepte.

Petrus bleibt in seinem Glauben fest. Es wird berichtet, dass Petrus viele Jahre später wegen seines Glaubens in Rom gekreuzigt wurde. Die Legende sagt, er sei mit dem Kopf nach unten gekreuzigt worden, denn er habe sich nicht würdig gefühlt, zu sterben wie sein Herr.

Die entscheidenden Augenblicke in seinem per­sönlichen Leben waren nicht die großen Taten in der Apostelgeschichte, sondern die Gespräche mit Jesus, dort an jenem See an seinem früheren Arbeitsplatz als Fischer. Dort hat er verstanden, worauf es wirklich ankommt – nicht auf die eigene Stärke, sondern auf Jesus und auf das Vertrauen zu ihm. Darum kann er über nichts anderes so wortgewaltig reden wie über diesen Jesus. Nur wenige Tage später predigt Petrus an Pfingsten völlig verwandelt und angefüllt mit göttlicher Power folgendes:

Alle Menschen in Israel sollen (…) erkennen, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Retter der Welt gemacht hat.“

Und dann wird über eine beeindruckende Reaktion berichtet: „Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: „Brüder, was sollen wir tun?“ Petrus antwortet: „Kehrt jetzt um und macht einen neuen Anfang! Lasst euch alle auf den Namen Jesu Christi taufen! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen heiligen Geist schenken. (Apg. 2, 36-38)

Das alles hatte Petrus zuvor am See selbst erlebt: Begegnung mit Jesus, Umkehr, Vergebung, Neuanfang. Pfingsten hat eine Vorgeschichte. Dazu gehört das Gespräch mit Jesus. Er hat Zweifel beseitigt, er hat Schuld vergeben. Es ist etwas ganz Entscheidendes passiert – außer­halb der Öffentlichkeit, fast im Verborgenen, hinter verschlossenen Türen und in den frühen Morgenstunden an einem See in Galiläa.

Gott organisiert Pfingsten und die neue Kirche nicht an seinen Leuten vorbei, sondern mit ihnen. Bevor etwas Großes geschieht, geschieht etwas in der Stille, zwischen ihm und seinen Nachfolgern. Und so wünsche ich mir und uns allen heute morgen, dass wir Jesus selbst begegnen und dass dann Pfingsten wird und dass unsere Gemeinde wächst und Menschen in dieser Stadt erfahren, was Gott heute tun kann.

Es ist nicht auszudenken,“ so schreibt einmal Blaise Pascal, „was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen.“ -

Amen.

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