Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 21,15-19

Vikarin Elisa-Victoria Blum (ev.-luth.)

14.04.2013 in Würzburg

Misericordias Domini

Was für eine Bürde!

Gnade sei mit euch und Friede von dem,der da ist und der da war und der da kommt.

„Tust Du mir einen Gefallen?“

Wenn das jemand in einem ganz bestimmten Ton flötet und mich dabei mit Plinkeraugen anschaut, dann ist Habachtstellung angesagt! Was will derjenige jetzt von mir?

Oft schwingt da ja noch eine andere Botschaft mit: „Du hast mich doch gern, nicht wahr? Das machst Du doch sicher für mich…?“

Spätestens da habe ich eigentlich keine Wahl mehr. Ich kann nicht mehr Nein sagen, fühle mich gedrängt, daß ich diesem Wunsch nachkommen muß, auch um zu beweisen, daß ich denjenigen wirklich gern habe.

Tja, ganz freiwillig ist das dann alles nicht mehr.Fordern Freundschaft und Liebe?Im letzten Kapitel des JohEv lesen wir in den Versen 21,15-19:

15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich liebhabe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst.

19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mich nach!

Unser Gott, wir bitten: Gib uns ein Herz für Dein Wort und gib uns ein Wort für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,
da kann man mit Petrus nur einmal tief ein- und wieder ausatmen!

Was für eine Würde!
Was für eine Bürde!

Petrus.Der ist uns ja wohlbekannt!

Er ist einer der ersten Jünger, den Jesus zu sich ruft. Er gibt seinen Fischerberuf auf, läßt die Familie zurück und ist auf Schritt und Tritt dabei, nimmt an Jesu Leben teil. Er bekennt auch: „Du bist der Heilige Gottes!“ (Joh 6,69), als großes Unverständnis in der zahlreichen Jüngerschaft Jesu auftritt und sich manche von ihm abwenden.

Aber er ist auch der, der oft nichts so recht versteht. Bei der Fußwaschung zieht er pikiert seine Füße zurück und möchte die Liebestat Jesu an sich nicht geschehen lassen.

Und obwohl er der erste war, der am Ostermorgen ins offene Grab ging, verstand er nicht und glaubte noch weniger. Immer ist der Lieblingsjünger ein Stück schneller und schlauer. Johannes. Der, der unter dem Kreuz die große Aufgabe zugesprochen bekommt.

Dennoch: Petrus ist der Fels. Stark und eifrig, entschlossen und tatkräftig. Am letzten gemeinsamen Abend versichert er Jesus, für ihn sogar sein Leben zu geben. Ihm überall hin folgen zu wollen.

Und dann alsbald krähte der Hahn. Die Katastrophe ist geschehen. In der brenzligen Situation, als Jesus nach seiner Gefangennahme vor dem Hohenpriester steht, da verleugnet Petrus seinen Herrn. Drei ganze Male.

Ein feiger Versager.Kein Vorzeigejünger mehr.

Nun ist am Ende des Evangeliums aber alles anders. Denn die Geschichte der Urgemeinde in Jerusalem hat gezeigt, wer das Sagen hatte. Dieser Petrus. Dieser Kerl, der so oft stur war, nichts zu kapieren schien, in entscheidenden Stunden in Jesu Leben feige war, nicht zu ihm stand, ihn dreimal bitter verleugnete.

Eindringlich fragt Jesus ihn daher hier:Hast du mich lieber, als mich die anderen haben?Hast du mich lieb?Hast du mich wirklich lieb?Drei ganze Male fragt er ihn, schaut ihm dabei fest in die Augen.Drei Mal.Petrus wird traurig über dieser Fragerei.

Nein, Petrus soll hier nichts beweisen. Schon gar nicht seine Liebe. Das kann man auch gar nicht. Aber Jesus möchte wissen, ob er bereit ist. Ob die Leidenschaft groß genug ist.

Ja, Petrus ist bereit. Er ist mit Leidenschaft bei der Sache. Er will immer noch so sehr es Jesus gleichtun. Nur kennt er inzwischen auch seine Grenzen.

„Weide meine Schafe!“ – das ist der Auftrag, den Petrus bekommt. Was Jesus bisher tat, das soll Petrus jetzt schaffen! Christus, der gute Hirte, der all seine Schafe im Auge behält, sie beschützt und leitet und zuletzt sein Leben für sie läßt, übergibt dieses Amt an Petrus.

„Weide meine Schafe!“ Eine menschenunmögliche Aufgabe?

Petrus soll vom Schaf zum Hirten werden und damit zu Christi irdischem Stellvertreter. Nach all dem, was geschah, ist das tatsächlich auch ein gigantischer Vertrauensbeweis.

Was für eine Würde!
Was für eine Bürde!

Hier wird deutlich, daß Liebe gleichzeitig Verantwortung nach sich zieht.
Dieser Auftrag ist keine Kleinigkeit und schon gar nicht ein Amt, das man wieder aufgibt und loswird.
Jesus schließt mit der klaren Aufforderung: „Folge mir nach!“
Nachfolgen wird Petrus zuletzt tatsächlich bis in die letzte Konsequenz hinein. So, wie er es anfänglich immer wollte.

Petrus wird verkündigen und Zeugnis abgeben. Er wird viele Menschen fischen und zum Glauben an Jesus Christus führen. Er wird Liebe üben und Menschen helfen. Und er wird auch Märtyrer sein, wie es in der Perikope hier bereits anklingt. Petrus wird prominent in Rom mit dem Kopf nach unten gekreuzigt – zumindest beschreiben das außerbiblische Legenden.

Petrus bekennt seine Liebe zu Jesus Christus und erhält diese erschreckend große Aufgabe.

Was für eine Würde!Was für eine Bürde!

Wird er auch die Stärke dazu finden?

Vielleicht fragt Jesus Petrus genau deshalb so eindringlich: „Liebst du mich?“ Denn in der Liebe steckt ein unendliches Reservoir an Kraft. Mit Leidenschaft für das, was man aufgetragen bekommen hat, geht es leichter, lassen sich Herausforderungen besser meistern.

Petrus ist aber nicht nur der Fels. Und er ist auch nicht nur der Stellvertreter Christi auf Erden, woraus sich in der Kirchengeschichte die Ämterhierarchie bis hinauf zum Papstamt entwickelte.

Nein, so ein „Petrus“ steckt in einem jeden von uns. Auch wir möchten doch so sehr glauben. Und dennoch stehen neben unseren hohen Ansprüchen an uns selbst Momente des Versagens. Und obwohl wir mit unseren Bruchstücken von Leben dastehen, gehören wir zu Gott und zu Christus. Wir sind seine Herde und wir bleiben seine Herde, egal was wir machen.

Wir alle werden in jedem Moment unseres Lebens wieder gefragt: „Hast DU mich lieb!?“
Wie würden wir angesichts dieser Frage reagieren? Wie würden wir uns fühlen? Wie antworten? Das ist mehr als nur ein Bekenntnis!

Wenn, wie ich behauptet habe, in einem jeden von uns ein „Petrus“ steckt, dann haben auch wir die Aufgabe erhalten, nicht nur Herde zu sein und zu den Schafen zu gehören, sondern in dem uns möglichen Rahmen es Christus gleichzutun und die Liebe, die er uns gab, weiterzugeben und nach ihr zu leben. Hirten zu sein.
Das heißt Nachfolge. „Laßt uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt.“ (1Joh 4,19)

Nicht nur Petrus ist der Hirte. Nicht nur die Pastoren, wie man in anderen Regionen Deutschlands die Pfarrer auch nennt und was schlicht und ergreifend vom lateinischen Wort für „Hirte“ kommt.
Nein, ein jeder von uns hat die Aufgabe, die frohe Botschaft weiterzugeben, sie zu leben und erlebbar zu machen, sich um die Mitmenschen zu kümmern, wie ein Hirte sich um jedes seiner Schafe kümmert.

Wie auch Petrus machen wir den Rollenwechsel vom Schaf zum Hirten mit. Wir alle sind mal mehr Schaf und mal mehr Hirte. Aber immer sollten wir aufeinander bedacht sein.

Für andere Menschen da sein zu dürfen, ist eine große Ehre. Großes Vertrauen sprechen die Menschen uns aus, wenn sie sich von uns weiden lassen. Aber diese Ehre ist auch anstrengend.

Was für eine Würde!Was für eine Bürde!

Die Aufgabe, sich um andere Menschen zu kümmern, führt uns auch an unsere Grenzen. Für einen anderen Menschen da zu sein, ist eine Herausforderung, auch wenn wir diesen Menschen noch so sehr lieben.

Liebe kann viel Kraft geben.

Aber wir besitzen keine übermenschlichen Kräfte, sondern wir erhalten von Gott allein die nötige Kraft, damit wir unser menschenmöglichstes tun können. Mehr ist nicht verlangt, mehr geht nicht.

Und gleichzeitig dürfen wir dann erfahren, wie sehr es uns auch Halt gibt, sich anderen Menschen zu widmen. Wir geben und werden beschenkt. Solch eine Erfahrung kann uns hoffentlich auch durch schwierige Zeiten tragen.

Diese Begegnung mit dem Auferstandenen zeigt uns: Liebe bedeutet Verantwortung.

Denn in dem Moment, in dem wir uns zu Gott und zu Jesus Christus bekennen, ihnen unsere Liebe aussprechen, legen wir uns gewisse Regeln auf, ziehen wir Konsequenzen für unser Leben, unseren Lebenswandel, für unser Tun und Handeln, unser Reden.

Fordern Freundschaft und Liebe?Nein, das wäre vielleicht zuviel gesagt.Sie fordert nicht; aber man hat die Verantwortung, wenn einem der Mitmensch wichtig ist.Hier stehen wir in der Nachfolge Christi.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.