Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 3,1-15

Bärbel Karoline Bürner

15.06.2003 in Münnerstadt

Liebe Gemeinde,

den Predigttext haben wir in der Lesung schon gehört, manchen ist er mit der Überschrift "Nikodemusgespräch" bekannt.

... und Nikodemus, ein Pharisaer und Oberer der Juden - ein Lehrer Israels wird er von Jesus genannt - , also ein Theologe von Rang! - dieser Nikodemus versteht nicht, was Jesus mit "Wiedergeburt", "neu geboren werden" meint!
Und da sollen wir es verstehen!? - Johannes hat diese Geschichte ja wohl deshalb aufgeschrieben! Ja - fragen wir uns das zunächst: Warum schreibt der Evangelist Johannes diese Geschichte für uns auf???
Ich denke, (vielleicht) weil er selbst Jesus gern die selbe Frage stellen möchte. Für mich geht das weiter mit: weil ich, weil wir Jesus gern diese Frage stellen möchten.
Anselm Grün formuliert das so: Nikodemus ... wird von der Frage nach dem Heil umgetrieben. Die Frage, wie das menschliche Leben gelingt, heil und ganz wird, ist aber nicht nur eine Frage der Juden, ... es ist eine Frage, die wohl jeden Menschen, in jeder Zeit bewegt.

Mich - dich - Sie.

Warum versteht Nikodemus die Antwort Jesu nicht?! Die Antwort darauf könnte uns helfen zu verstehen, was auch wir manchmal - oft - oder gar nie verstehen:
Wie gelingt mein Leben!

Wann stellen wir solche Fragen nach dem Gelingen des Lebens?
Finden wir, finde ich, auch da eine Parallele zu Nikodemus?!
Nikodemus kam bei Nacht.
- Das mag den Tatsachen entsprechen.
- Das mag der historischen Situation entsprechen, dass Nikodemus den öffentlichen, offiziellen Verkehr mit Jesus gescheut hat.
- Das mag der Lebenssituation, der Stimmung des Nikodemus entsprechen: Solche Fragen haben keine Zeit im Alltagsbetrieb, im Tagesgeschäft - Nikodemus wählt die ruhige, besinnliche Stille der Nacht.
Und noch eines: Bei Johannes sind Zeitangeben immer auch voller Symbolik. Die Nacht steht hier für die innere Dunkelheit, für die Verdunkelung des Sinns.
Von Sinnlosigkeit geplagt, meint Anselm Grün, kommt Nikodemus zu Jesus.
Finde ich da mich? Finden wir uns da?
Erst kurz vor knapp gehe ich ran an die wirklich wichtigen, dringenden Dinge.
Erst, wenn es (fast) zu spät ist, besinnen wir uns, wir als "die Gesellschaft", besinnen wir uns, not-wendige Fragen zu stellen. Etwa die nach dem sich verändernden Klima.
Wir spüren es im Moment ja hautnah: diese Hitze - Trockenheit - die Getreideernte in Gefahr. Aber wir trauen uns kaum, den Regen zu wünschen, denn dort wo er kommt, ist er oft begleitet von Sturm, Hagel und er kommt in solchen Mengen, dass er Schaden anrichtet.
Ein Stichwort zur Klimaveränderung (zur Klimakatastrophe?!):Kiotoprotokoll.
Ist dafür noch Zeit - dauert nicht alles viel zu lang?

Ja, so sind wir - so bin ich: Im Tagesgeschäft nicht genügend Sorgfalt, keine Zeit, kein Interesse, die existentiellen Fragen zu stellen. Geschweige denn, nach Antworten zu suchen.

Das Tagesgeschäft es war nun fast 50 Jahre in unserem Land recht gut, streckenweise und bei vielen sehr gut, zu bewältigen. Wachstum, volle Kassen, Versicherung gegen dieses und jenes, vermeintlich gegen alles...
In diesem Tagesgeschäft wurde kaum gefragt, ob so das Leben gelingt. Zu viele haben angenommen (und geglaubt), dass es immer so weitergehen wird.
Die wenigen, die recht-zeitig gefragt haben, wurden nicht ernst genommen - in linke, grüne,
feministische und was es sonst noch an Schubkästchen gibt, gesteckt.

Jetzt ist vielleicht Nacht im johanneischen Verständnis.
Höchste Zeit die existentiellen Fragen zu stellen.
Wie ist das mit dem alt und älter werden?
Antiaging ist sicher nicht die Antwort!
Wie wird das mit der Finanzierung des medizinisch Not-wendigen? Was ist das überhaupt?
Wie gelingt das Leben zwischen Ost und West
- Süd und Nord - arm und reich - Soll und Haben?
Wie gelingt das Leben
mit oder ohne Öl?
mit oder ohne Wasser?
mit Arbeit, die von vielen fast nicht mehr Leistbares verlangt?
ohne Arbeit, was dann doch noch viel schlimmer ist!
mit Nachrichten von kaum beherrschbaren Krankheiten?

Wie gelingt Leben? Das will Nikodemus in der Nacht Jesus fragen.

Und bevor Nikodemus seine Frage wirklich formuliert, stellt Jesus eine Behauptung auf, die das eigentliche Problem seines Gegenübers auf den Punkt bringt.

Vers 2: Nikodemus sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.

Kennen - Erkennen wir uns da auch? Das Eigentliche wird nicht, noch nicht?, ausgesprochen. Ein Kompliment ... und ...

Jesus, wie schon gesagt, gibt Antwort auf eine noch gar nicht gestellte Frage - und trifft ins Schwarze:

Vers 3: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.

Ich verstehe: --- wird sein Leben nicht gelingen.
"Neugeboren werden" - das bleibt für Nikodemus unverständlich.

- Er nimmt die Antwort zu wörtlich.
- Er sortiert die Antwort ein, in sein schon bestehendes Gefüge.

ABER: Jesus meint mit "neu" wirklich NEU.

Nicht neu im Sinnes des Kindes, das ins übervolle Spielzimmer ein neues Spielzeug bekommt. Neu ist da das gerade dazugekommene. "Neu" - bis es in längerer oder oft sehr kurzer Zeit alt, uninteressant wird.

Jesus meint mit "neu" wirklich NEU.

Nicht neu im Sinnes des Computerfreaks, der eine teuere, voll funktionstüchtige "Maschine" austauscht gegen eine teuerere, weil eben neuer.

Jesus meint mit NEU, so verstehe ich ihn, einen neuen, anderen Menschen. Einen Menschen, der sich im Wesen verändert - neu WIRD.

Es ist die Erfahrung aller Revolutionen: Sie scheitern daran, dass sich der Mensch bei allem Wechsel der Programme und Gesellschaftsformen im Wesen doch gleich bleibt.

ABER: Es kann unsere Erfahrung mit Gott, meine Erfahrung mit Gott durch Jesus sein, dass ich neu WERDE.
Ich muss es nicht mit einem Mal SEIN - ich darf mir Zeit lassen!

Ruth Cohn, die von mir verehrte Begründerin der TZI (Themenzentrierte Interaktion), sagt sinngemäß:
Für unsere Entwicklung haben wir nicht mehr, aber auch nicht weniger als unser ganzes Leben Zeit.

Wir müssen nichts sein, wir dürfen werden als Menschen, als Christinnen und Christen, in der Begleitung Jesu.
Jesus, der nicht außerhalb meines Lebens steht, stehen will,
sondern mitten drin - denn ER ist das Leben selber.

Mit ihm, dem Juden Jesus, bete ich aus dem 51.Psalm:
Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen beständigen Geist.

Amen.