Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 3,1-8

Pfarrer Ulrich Haag

06.06.2004 im Gemeindesaal der JVA Aachen Soers

Anläßlich der Einführung in die Gefängnispfarrstelle

Predigt „Neu geboren - zu Johannes 3,1-8"

Adressaten: etwa 80 im Einführungsgottesdienst anwesende „Glaubenseinsteiger“: Gefangene aus der Untersuchungs- und Strafhaft (dazu etwa fünfzig Gäste aus Kirchenkreis und Kirchengemeinde Aachen).
Die Predigt wurde frei gehalten. Die vorliegende Aufzeichnung entspricht dem Wortlaut.

Verlesen des Predigttextes Johannes 3,1-8

Da bin ich also jetzt wiedergeboren. Wenn nicht aus Wasser, so doch aus Geist. Der Superintendent hat mir eben die Hand aufgelegt und mich gesegnet, meine Freunde, Kolleginnen und Kollegen haben mir Bibelverse zugesprochen, die mich tragen und ich habe deutlich gespürt, daß da eine Kraft geflossen ist. Natürlich der Geist. Wenn nicht hier, wo dann?

Wie neugeboren habe ich mich gefühlt, als ich hier angefangen habe. Ein gutes halbes Jahr ist das jetzt her. Und obwohl das hier Gefängnis ist, fühlte ich mich frei. Befreit von vielem, was mir in meiner alten Arbeitsstelle zuletzt schwer gefallen ist, was mir Mühe gemacht hat, und für mich anstrengend war. Hier gab es das meiste davon nicht, hier war klar, was ich machen sollte, die Gespräche waren spannend, die Begegnungen interessant, natürlich mußte ich mich im System zurechtfinden, aber es hat mir Spaß gemacht zu sehen, tatsächlich, das schaffst du, du eroberst dir hier Stück für Stück eine neue Welt, super.
Nach einiger Zeit schlich sich dann doch das eine oder andere Unbehagen ein, überwucherte die eine oder andere Ängstlichkeit, die ich von früher kannte die Freude am neuen. Und ich dachte, es stimmt, in jedem steckt so etwas wie eine Kernangst, wie ein kleines Tier, das ständig Wege sucht um ins Freie zu gelangen. Egal wo und wie: Immer wieder findet es äußere Gegebenheiten, an denen es sich festbeißen kann. Und ist die Situation noch so neu, die Lebensumstände noch so ungewohnt: Das Angsttier läßt sich nicht abschütteln.
Ich werde mich selbst nicht los.

Umso größer der Traum, neu geboren zu werden. Und all das, was ich mitschleppe, an Angst, an schlimmen Erinnerungen, an peinlichen Bildern, an wüsten Rachegedanken - alles das hinter mir lassen. Meine Fehler streichen. Meine Verletzungen - nicht mehr wichtig. Wo ich mich anders entwickelt habe, als ich gesollt hätte: vergessen. Tabula rasa, reinen Tisch machen, den Zähler auf Null stellen, neu geboren werden und von da an unverdorben, unverfälscht, aufrecht durchs Leben gehen. So noch einmal zur Welt kommen, das wäre tatsächlich, als würde ich eine neue Welt betreten.

Jesus spricht: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde ... so kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus antwortet: Wie soll das gehen? Kann ein Mensch wieder zurück in den Mutterleib gehen und von da aus neu geboren werden? (Nach Joh.3,Vers 3 und 4)

Natürlich nicht.
Kein Mensch gelangt in das Reich Gottes, wenn er sich zurück entwickelt. Wenn er sich klein macht, sich einrollt, einigelt, wie ein Embryo.
Oder klein gemacht wird.
Das merkt man, wenn man auf Zelle sitzt, eng wie in einer Fruchtblase. Wenn ich meine Arme ausstrecke: Wände. Links rechts, oben, unten. Drei mal am Tag öffnet sich eine Klappe, und das, was ich zum Leben brauche, wird hereingereicht wie an einer Nabelschnur. Andere sorgen für mich. Andere entscheiden für mich und über mich. Fast scheint es, andere leben für mich. Und ich schrumpfe. Ich merke es daran, daß plötzlich Dinge wichtig werden, über die ich mir früher nie den Kopf zerbrochen habe. Daß ich mich über Vorkommnisse aufrege, über die ich mir früher nie Gedanken gemacht hätte. Allein mit mir selbst nimmt das, was in mir rumort und brodelt, was ich oft nur mühsam unter Kontrolle halten kann, plötzlich riesenhafte Dimensionen an, wird bedrohlich und stark.
Mich klein machen. Klein gemacht werden. Zurück in den Mutterleib.
Ein neuer Mensch werde ich dadurch nicht.
Im Gegenteil, ich muß erkennen: Ich werde mich selbst nicht los.

Es sei denn, daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. (Vers 5)

Wiedergeboren aus Wasser und Geist...transparent, fließend, durchsichtig, Unsichtbar. Keine Mauer kann mir den Weg versperren, kein Gitter mich halten, mein Körper ist zwar gefangen, aber ich bin frei, losgelöst, gemacht aus Wasser, Wind und Luft.
Der Evangelist Johannes hat hier und da tatsächlich etwas flüchtend-sich verflüchtigendes. Vielleicht liegt das daran, daß die Gemeinde, in der er lebt, unter großem Druck stand. Von den Behörden des römischen Staates wurden die Christen peinlich genau beobachtet: Wann sie sich trafen. Wo. Was in ihren Versammlungen gesprochen wurde. Vielleicht hatte es erste Versammlungsverbote gegeben. Vielleicht schon die eine oder andere Verhaftung. Nur wenige Jahre später hatte die Gemeinde des Johannes unter einer ersten regelrechten Christenverfolgung zu leiden.

Wenn die Umstände, unter denen ich leben muß, kaum auszuhalten sind, dann kann es geschehen, daß ich mich wegträume, auf Phantasiereise gehe. So etwas kann eine sinnvolle Überlebensstrategie sein.
Doch für viele sind ihre Lebensbedingungen so bedrückend, daß sie nicht einmal das schaffen. Daß ihre Phantasie nicht genug Kraft entwickeln kann. Sie finden keinen anderen Ausweg mehr, als den Kick, der sie innerhalb von ein paar Sekunden auf einen anderen Stern schießt. Da kommt es mir tatsächlich so vor, als würde ich einen anderen Planeten betreten, den Paradies-Planeten vielleicht, ja, als würde ich das Reich Gottes schauen. Alles Schwere fällt von mir ab, ich fühle mich „airborne“, geboren aus Wolken und Luft. Ob Johannes auch solch ein Rezept im Sinn gehabt hat, als er sein Evangelium schrieb? Dann wird er auch gewußt haben, was alle wissen, die einen solchen Flug je versucht haben: Die Landung ist hart. Ist eigentlich keine Landung sondern ein Knall, ein Aufschlag, und der tut weh. Das Gefühl danach ist schlimmer als das vorher, und die Erkenntnis stürzt wie eine Betonwand auf mich ein: Ich werde mich selbst nicht los.

Manchen ist Jesus begegnet, die wollten ihr Leben wegwerfen. Oder hatten ihr Leben schon weggeworfen, damit sie endlich freikommen, freikommen von sich selbst. Und etwas besseres finden.

Die Bibel wird nicht müde, zu erzählen, was Jesus dann getan hat: Er sah sie an, er berührte ihr Gesicht, ihre Augen, ihren Mund, er hörte ihnen zu, er nahm sie bei der Hand, strich ihnen über den Kopf. Für mich läuft das alles zusammen in einem Halbsatz, den ich am liebsten von allen mag: Er legte die Hände auf sie.

Und in dem Moment, wo sich die Hände Jesu auf sie legten, wo Jesus sie nur ansah, wurde dem Irren von Gerasa, dem Schutzgelderpresser vom Zoll, der Prostituierten vom Tempelberg ihr Leben unendlich kostbar. Denn sie spürten, daß da jemand mit ihnen einverstanden war. Daß Gott selbst mit ihnen einverstanden war, mit ihrem ganzen schweren Leben, ihren Verletzungen, ihrer Zerrissenheit, ihrem ganzen komplizierten Charakter. Auch mit dem, was sie falsch gemacht hatten, was sie selbst kaputtgemacht hatten. Jesus legte die Hände auf sie: Das war so, als hätte Gott selbst das Leben dieser Menschen in beide Hände genommen. (Geste: etwas rundes in Händen halten.) Und in seinen Händen wurde es etwas rundes, etwas ganzes, heiles.
Das ist wirklich wie neu geboren werden. Nicht weil ich das alte Leben los bin. Sondern weil ich mit dem, wie alles gekommen ist, plötzlich versöhnt bin. Nicht weil ich mich selber los bin. Sondern weil mich jemand nimmt, wie ich bin. Und mich haben will, wie ich sein kann.

Mit dem Schriftgelehrten Nikodemus ist das nicht anders. Das ist zwar ein Kopfmensch, und entsprechend spielt sich die Begegnung mit Jesus auf hohem geistigem Niveau ab. Ihn berührt Jesus mit seinen Worten.
Wir dürfen es machen wie er, wie Nikodemus. Bei Nacht zu Jesus kommen. Wenn ich mit mir allein bin. Meine Fragen stellen. Wenn es sein soll, mein Leben in seine Hände legen. Damit etwas rundes daraus wird. Etwas ganzes, heiles. Damit es mir wieder kostbar wird.
Dann kommt der Morgen und ich bin neu geboren.

Amen.