Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 3,1-8 (9-15)

Pastorin Martina Berlich

15.06.2003 in der Johanneskirche in Weimar/Thüringen

Liebe Gemeinde,

Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde (3,31).
Doch manchmal, wenn der Mond aufgegangen ist und die goldnen Sternlein prangen, kann der Mensch Sinn und Geschmack für das Unendliche bekommen. Dann wird alles, was sonst groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein. Des Tages Geschäft und des Tages Jammer treten zurück unter dem Sternenzelt einer lauen Sommernacht. Und wenn die Welt stiller wird, kann man beim Blick ins Universum ganz schön ins Sinnieren kommen: Über den Mond zum Beispiel, wenn der nur halb zu sehen ist, obwohl er doch rund ist und schön; und über manche Sachen, die wir im Tageslicht der Erde nicht sehen können oder nicht sehen wollen.

I. UNTERM STERNENZELT
Folgen wir also Nikodemus unterm Sternenzelt zu Jesus! Im Anblick der Milchstraße wird ihm sein Posten im Hohen Rat weit weniger bedeutend erscheinen. Auch dass Mond und Sterne nur der Schemel für Gottes Füße sind, weiß er als Bibelkundiger längst. Trotz seiner theologischen Karriere ist Nikodemus ein Suchender geblieben, einer, dem klar ist, dass man in Glaubensdingen nie auslernen kann. Er ist ein lernender Lehrer. Er will bei diesem Wunderrabbi aus der Anderwelt in die Schule gehen. Und damit beginnt mitten in der Nacht seine Umschulung.

Voller Anerkennung und Ehrfurcht spricht er Jesus an: "Rabbi/Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm." Und in dieser Anrede steckt bereits Nikodemus größte Lebensfrage, seine stärkste Sehnsucht, sein Fernweh nach der Wirklichkeit Gottes, diesem schönen unbekannten Ort, an den es ihn so sehr hinzieht.

Jesus ist einer von dort. In ihm trifft Nikodemus zum ersten Mal leibhaftig auf einen Menschen aus Gottes Reich. Vielleicht kann der Nikodemus weiterhelfen. Vielleicht ist diese Begegnung mit Jesus die größte Chance seines Lebens.

Nach dem Zeugnis des Johannesevangeliums ist kein anderer Ort und nirgends anders als in Jesus allein der Grenzübergang zwischen Himmel und Erde, denn niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn (3,13).
Jesus stellt sich (dem zum Jünger berufenen Nathanael) im 1. Kapitel als Himmelsleiter vor: Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. (1,50+51)
Schon während seines Erdenlebens ist Jesus das geöffnete Tor zur Anderwelt Gottes. Wer zu Jesus kommt, kann über die Grenze. Für den oder die wird der Traum von der Himmelsleiter wahr. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit...

II. IM GRENZLAND AN DER HIMMELSLEITER
Sein ganzes Leben lang ist Nikodemus auf der Suche nach diesem Aufstieg gewesen. Nichts hat er unversucht gelassen, um sich hinaufzuschwingen. Am Ende seines Lebens möchte er endlich ganz oben auf der Himmelsleiter stehen. Diese Sehnsucht hat ihn zu Jesus geführt. Und jetzt muss er sich als alter Mann von Jesus anhören, dass alles Fasten und alles Opfern, alles Beten und alles Theologisieren ihn nicht einen einzigen Millimeter über die Grenze vom Irdischen zum Himmlischen hinaus gebracht haben.

Das mit anzuhören ist für uns, als ob wir Nikodemus beim Topfschlagen zusehen: Er ist schon so nah dran am Schatz unter dem Topf, doch immer wieder schlägt er um Haaresbreite daneben. Am liebsten möchte man der Geschichte zu einem guten Ende verhelfen und Nikodemus laut zurufen "heiß, heiß, heiß!" Denn er steht da wie mit verbundenen Augen ohne zu merken, wie nah er schon an Gottes Reich ist, dass er direkt am Fuß der Himmelsleiter steht.

Doch wir können Nikodemus sehr dankbar sein, dass er diese undankbare Rolle spielt.
Denn in jeder und jedem von uns steckt auch etwas von Nikodemus.
Immer wieder versuchen wir uns selber eine Leiter in den Himmel zu stricken.
Immer wieder landen wir schmerzhaft damit auf dem Hosenboden.
Mit Nikodemus können wir umlernen,
dass wir niemals aus eigener Kraft zu Gott hinaufkommen:
Nicht, wenn wir den Turm von Babel zu Ende bauen,
nicht, wenn wir über die Wolken zu den Sternen fliegen,
nicht, wenn wir auf der theologischen Karriereleiter nach oben steigen,
durch überhaupt keine Anstrengung oder Leistung,
weder mit dem Verstand, noch mit dem Gefühl,
und schon gar nicht mit dem eigenen Willen.

Nein, es ist, als ob wir hier auf der Erde wie in einer Grube sitzen;
niemals gelangen wir von unten herauf.
Rettung kann allein von oben kommen!
Über diese Grenze kommen wir nur,
wenn wir von oben gezogen. nach oben empor getragen werden.
Weil wir selbst nichts dazu tun können,
darum bekommen wir von Jesus statt einer Wegbeschreibung zu hören:
Wahrlich, wahrlich ich sage dir: es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.

III. DIE LEITER
An dieser Stelle sollten wir uns die Himmelsleiter einmal näher ansehen:
Denn sie besteht aus nichts anderem als dem Kreuz Christi,
seinem Leiden und Sterben für uns, das ihn erhöht hat.
Das ist ein Wegstück, das wir normalerweise nicht benutzen würden,
morsch wie eine vermoderte Holzbrücke,
wacklig wie eine Hängebrücke über eine Dschungelschlucht.
Können wir auch darauf vertrauen, dass es uns hält und trägt,
ohne dass wir es selber entworfen und gebaut haben?

Diese Leiter zu überwinden wäre ein Abenteuer, eine Mutprobe, ein Wagnis.
Voller Angst starren wir darauf, unfähig sie zu betreten. Und kehren lieber um.
Wir verdrängen den Tod und das Leid so gut es geht und solange es gut geht
Wozu die Erde verlassen, alle die irdischen Genüsse? Geht es uns nicht gut hier?
Diese Leiter macht uns Höhenangst und Schwindelgefühle.
Da bleiben wir lieber unten und machen es uns gemütlich so lang es geht.
Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde.
Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch...

Aber unsere Angst macht uns das Leben schwer, sie schränkt uns ein,
frisst sich in die Seele.
Wir müssen viel unternehmen, um sie zu bekämpfen:
Tabletten nehmen oder andere Betäubungsmittel in schlaflosen Nächten,
den Fernseher laufen lassen gegen die innere Leere und Einsamkeit,
Jede Menge Versicherungen bezahlen,
um uns gegen den Tod und seine Nebenwirkungen abzusichern.
Aber immer wieder meldet sich Angst und klopft bei uns an
Verkleidet als SARS-Nachricht, als ärztliche Diagnose,
als Annonce mit Trauerrand in der Frühstückszeitung.

Jesus sagt:
Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben.
Stehen wir da nicht auch ungläubig wie Nikodemus an der Himmelsleiter?
Hier wird uns zugemutet, dass wir das anschauen, was uns bedroht.
Der Rettungsweg führt uns geradewegs auf den Abgrund zu,
mitten hinein in unsere größte Angst.
Wie kann ein Mensch sein Leben erhalten, wenn er stirbt?
Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?

Wie können wir, ohne es zu sehen, glauben, dass das Kreuz trägt und zu Gott führt?

IV.AUS GOTT GEBOREN
Ab hier fegt ein frischer Wind durch die Geschichte.
Was Nikodemus nicht verstanden hat, das können wir auch nicht verstehen.
Wir können zwar versuchen, uns dem Sonntag Trinitatis und seinem Evangelium
mit theologischem Sachverstand zu nähern,
aber die Antwort auf Nikodemus Frage nach dem WIE weiß ganz allein der Wind!

Der Windhauch Gottes trägt uns sanft auf die Himmelsleiter.
Gottes Geist gibt uns Anstoß, Schwung und Schubkraft.
Leicht und sicher lässt er uns hinaufschweben.
durch alle Unwetter, Wolkenschichten und Schallmauern hindurch.
Ohne diesen Rückenwind können wir nicht starten, den müssen wir abwarten.
Aber dem können wir uns anvertrauen und hingeben,
uns hinein fallen lassen, wie in einen Schoß.

Wo der Geist herkommt und wo er hingeht, können wir nicht sehen,
doch wir können sein Wehen spüren, jedes Mal wenn ein Menschenkind getauft wird.
Gottes Windhauch ist heute Vormittag durch diese Kirche gezogen,
als hier ein kleines Kind getauft wurde.
Da hat mitten in der Johanneskirche die Himmelsleiter gestanden.
Die Taufschale ist noch da als Zeichen dafür.
Auch als Zeichen für uns, dass wir alle in der Taufe gleichen Zugang gewährt bekommen, Kinder und Alte, Pfarrer und Laien, Kranke und Gesunde...

TRINITATIS ist für mich kein dogmatisches sondern eher ein mystisches Fest.
Der Schlussakkord unter dem Dreiklang aus Weihnachten und Ostern und Pfingsten.
Die festlich geschmückte Braut mit der langen Schleppe der Trinitatis-Sonntage hinterher, und mit den drei Ringen und den drei Kronen von Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Trinitatis schult uns vom Verstand um auf das Herz.
Wir bekommen eine leise Ahnung davon, wie es zugeht, dass wir eins werden mit Gott.

Seit der Taufe stehen wir mit einem Fuß in der Anderwelt Gottes.
Erst der Glaube bringt uns ganz hinein.
Das Vertrauen darauf, dass der Heilige Geist uns durch Christus zu Gott trägt.
Mit diesem Vertrauen brauchen wir uns nachts unter dem Sternenzelt nicht klein und verloren vorkommen. Wir können uns eingebettet und verbunden fühlen mit der ganzen Schöpfung.

Seit Pfingsten tragen wir eine alte Weissagung mit uns.
Sie stammt aus dem Alten Testament und darum gilt sie auch für Nikodemus.
Gott will seinen Geist auf alles Fleisch ausgießen.
Angefangen hat das in einer Nacht, die anders war, als alle anderen Nächte.
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingebornen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Amen.


 


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