Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 3,16-21

Dr. Michael Hoffmann

24.12.2004 in der Stadtkirche Schopfheim

Liebe Gemeinde,

immer wieder zur Weihnachtszeit wächst der Glaube an das Gute im Menschen.
Immer wieder zur Weihnachtszeit erkennen viele, wie Menschlichkeit die Welt verändern kann.
Immer wieder zur Weihnachtszeit spüren wir diese Sehnsucht nach Frieden auf Erden.

Und das aus einem einzigen Grund:
Der steht in der Bibel im Johannesevangelium und ist der Predigttext für die heutige Christnacht:
"Denn also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“

Deshalb feiern wir Weihnachten:
Wegen der Liebe Gottes zu seiner Welt.
Der Versuch, in den Häusern und Familien Harmonie und Gemeinschaft zu stiften, hat in dieser Liebe seinen Grund.
„Alle, die an ihn glauben, werden nicht verloren werden“.
Sie ist wieder zu spüren, diese Kraft des Glaubens.
An unseren Gott.
Und der andere Glaube, an den Erfolg, an die Notwendigkeit der Ellbogen, der Glaube, alles im Leben selbst in der Hand haben zu müssen und keine Schwäche zeigen zu dürfen, wird auf einmal fragwürdig und brüchig.
Auf einmal ahnen Menschen, dass sich doch nicht die Härte der Welt, sondern die Liebe Gottes durchsetzen wird.
Dafür braucht unser Gott keine Macht und keine Gewalt.

„Euch ist heute der Heiland geboren.“ In einer Krippe.
Das ist nicht der beherrschende Gott, der Opfer braucht und Unterwerfung fordert, sondern der barmherzige Gott, der Menschen nahekommt und ihnen Vertrauen entgegenbringt.
Unser Gott ist in die Welt gekommen, um Menschen nicht zu zwingen, sondern zu überzeugen.
Das Kind in der Krippe. Wehrlos und hilflos.
Das ist keine Romantik, sondern Realität.

Die oft gestellte Frage, warum Gott denn all das Leid auf der Welt zulassen kann, warum Gott nicht endlich einschreitet bei dem himmelschreiendem Unrecht, das Menschen sich gegenseitig antun, wird an der Krippe den Menschen zurückgegeben.
Da müssen wir uns selbst diese Frage nach der Menschlichkeit und Barmherzigkeit stellen lassen.

An der Krippe fragt Gott nach deinem Leben:
Läßt Du Dich von der Hilfsbedürftigkeit anrühren oder abstoßen?
Wirst Du an der Krippe nachdenklich oder willst Du an einen anderen Gott, der Dir Erfolg und Einfluß verspricht?
Es stimmt schon, unser Glaube widerspricht all denen, die der Karriere Kinder, und dem Fortkommen Familie und Freunde opfern.
An der Krippe vertraut Gott unserer Menschlichkeit.
Dass Menschen sich von Hilflosigkeit zu Hilfe anstiften lassen und von der Verletzlichkeit zu Verläßlichkeit.

Es ist leider eine Tatsache, dass Menschlichkeit nicht angeboren ist.
Dazu brauchen wir nicht nur auf die finstere Geschichte des dritten Reiches zu schauen, wo den Opfern die Würde geraubt wurde, weil die Täter ihre Menschlichkeit verloren haben.
Die Folterungen, die aus dem Irak bekannt wurden, zeigen auch heute, dass es angeborene Menschlichkeit nicht gibt.
Und das nicht nur bei den anderen.
Auch die Bundeswehr ist wegen Mißhandlungen ins Gerede gekommen.
Menschlichkeit muß immer wieder neu gelernt werden.
Auch dazu brauchen wir Weihnachten.

Gott selbst ist es, der uns an der Krippe an die Menschlichkeit erinnert.
„Damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das ist ein Leben, das nicht immer so weitergeht, sondern auf ewig seine Erfüllung findet.
Leben erfüllt sich nur in Beziehung zu anderen.

An der Krippe kommen Menschen zusammen.
Was wir wirklich brauchen, ist Nähe und Vertrauen.
Das ist es, was vor Gott zählt. „Alle, die an ihn glauben.“

Unser Glaube hat nichts mit Theorie oder Dogma zu tun, sondern mit Menschen.
Immer wenn von unserem Gott die Rede ist, geht es um Menschen.

Das Kind in der Krippe: Jesus von Nazareth: Ein Jude.
Dort liegen unsere Wurzeln. Deshalb bleiben wir mit Israel verbunden.
Deshalb kann uns das Schicksal Israels niemals gleichgültig lassen.
Und Friede für Israel und Palästina wird erst dann möglich werden, wenn in keiner Moschee der Welt mehr Haß auf Juden gepredigt wird.

„Zu Bethlehem geboren.“ In der Herberge war kein Platz.
Auch wenn Menschen Gott in ihrem Leben keinen Raum mehr geben, bahnt Er sich immer wieder seinen Weg zu uns.
An Weihnachten ist das besonders zu spüren.
In den Gottesdiensten.

„Wer an den Sohn glaubt“.

Glaube, das ist nicht diese unerschütterliche Überzeugung, diese unbarmherzige Selbstsicherheit, mit der Menschen anderen das Leben schwer machen können, sondern die Orientierung am Leben Jesu.

Daß wir ihn als Vorbild suchen und nicht die ganzen Superstars, die im Dschungel Mutproben bestehen wollen.

In den Prüfungen unseres Lebens spüren wir die Nähe Gottes.

„Wer an den Sohn glaubt, der hat das Leben.“
Dazu gehören eben auch die Brüche des Lebens, die Schuld und das Scheitern, dazu gehört, dass Menschen immer wieder Vergebung und Versöhnung brauchen.
Und einen Neuanfang machen dürfen.
An der Krippe wird niemand zurückgewiesen.
Diese Barmherzigkeit braucht unsere Welt, wo Politiker und Verantwortliche nicht nur deshalb keine Schuld zugeben können, weil ihnen die Einsicht fehlt, sondern weil sie keine 2. Chance erhalten.

Weihnachten, das Kind in der Krippe.

Dabei bleibt es nicht. Das Leben geht weiter.

Auch bei uns, wo immer noch die Arbeitsplätze unsicher sind, wo ab Montag wieder Konjunktur herrschen muß, damit es keinen Konkurs gibt, wo Menschen in den Kriegsgebieten leiden und auch in Schopfheim die Haushaltsberatungen wieder auf der Tagesordnung stehen werden.

Das Kind Jesus nimmt am Lauf des Lebens teil.

Unser ganzer Alltag geht nicht mehr ohne Gott weiter.

Gott erinnert uns an den Unterschied: zwischen unbegründetem Jammern und berechtigter Klage.

Wenn „Hartz IV“, das zum Wort des Jahres gewählt wurde, die Ängste der Menschen ausdrückt, dann sind wirklich Maßstäbe durcheinandergeraten.

Was denken wohl all die, die in den Kriegsgebieten dieser Erde wohnen, denen nicht nur Zukunft, sondern auch Würde gestohlen wurde?

Würden da nicht viele mit uns tauschen wollen?

Wo Kinder zur Schule gehen können, Bedürftigen geholfen wird, Recht eingeklagt werden kann und Menschen in Würde alt werden dürfen.

Jesus kommt denen nahe, die über Lasten und Leid klagen und bringt wieder Hoffnung in die Häuser dieser Welt.

Deshalb hat auch Kirche nicht das Rampenlicht der Öffentlichkeit nötig, sondern erfüllt dort ihren Auftrag, wo Menschen besucht und begleitet, getröstet und aufgerichtet werden.

Dieser Dienst ist für unsere Gesellschaft unverzichtbar.
Gott ist Mensch geworden.

Er teilt das Schicksal eines jeden von uns.

Nach unseren Maßstäben ist Jesus gescheitert. Gekreuzigt in Jerusalem mit 30 Jahren.

Wieder hat nicht Gerechtigkeit, sondern Gewalt gesiegt. Wie so oft in unserer Welt.

Dagegen legt Gott, der Herr, Widerspruch ein:

Auferstanden von den Toten.

Die Liebe Gottes ist durch nichts mehr aufzuhalten.

Wie oft wird sie mißverstanden.

Gott ist ein liebender, aber kein harmloser und gleichgültiger Gott.

Deshalb legt die Kirche überall da Widerspruch ein, wo falsche Toleranz Unterdrückung ermöglicht.

Religionsfreiheit hat ihre Grenze an der Freiheit des Menschen.

Weder darf im Namen des Islam gemordet noch Frauen unterdrückt werden.

Das Recht Gottes steht nie im Gegensatz zu den Menschenrechten, sondern verhilft Menschen zu ihrem Recht.

Das ist der Maßstab für jede Religion.

Auch da muß Kirche Farbe bekennen. Und darf ein offenes Wort nicht scheuen.

„Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet.“

Es stimmt doch: Ohne den Glauben an diese Liebe Gottes sind Menschen arm dran.

Wer nicht daran glaubt, daß Gott selbst allen Menschen Recht schaffen wird, der verzweifelt angesichts des menschlichen Unrechts.

Wer nicht daran glaubt, daß vor Gott Menschen unendlich wertvoll sind, der nimmt in seinem Leben Verantwortung für andere nicht wahr und bleibt sich und anderen vieles schuldig.

Wer nicht an diese Liebe Gottes glaubt, die auch mit Menschen durch den Tod geht, der kann nicht loslassen.

Wer nicht daran glaubt, daß Gott Leben verspricht über den Tod hinaus, der muß versuchen, alle seine Wünsche in dieses Leben hineinzupacken.

Das Wort vom Gericht ist keine Drohung, sondern Hoffnung für die Welt.

Es wird eben nicht für alle Zeit die namenlosen Opfer der Weltgeschichte geben.

Denn Gott kennt alle mit ihrem Namen.

Die Opfer aller Kriege, die um das Leben betrogenen Kinder, die zu Unrecht Verfolgten.

Die Opfer der Katastrophen dieser Erde.

Bei Gott ist nichts und niemand vergessen.

Rechtfertigung. Den Opfern wird Recht, Leben und Würde zurückgegeben.

Täter werden zur Einsicht kommen.

Jedes Leben wird zur Erfüllung und zu seiner Bestimmung kommen.

„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“.

Wer an den Sohn glaubt, der weiß, daß sein ganzes Leben vor Gott Anerkennung findet.

Das ist unsere Zukunft.

Gott selbst wird das Gute im Menschen endgültig zum Vorschein bringen.

Daran glaube ich.

Amen.