Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4, 13f.

Pfarrer Jan Bernhard Langfeldt SJB (ev.-luth.)

25.06.2015 im Ev. Gemeindehaus in Westhausen

Kurzansprache als Impuls in der Dienstbesprechung der Pfarrerinnen und Pfarrer im Kirchenbezirk Aalen

Ein Fluss der Liebe

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Liebe Schwestern und Brüder im geistlichen Amt,

 

ich trinke gerne Ayurvedateemischungen. Das schmeckt und tut mir gut. Und als ein Nebeneffekt bringt mich das überdies auch noch in den täglichen Genuss der einen oder anderen kleinen Lebensweisheit.

 

Denn ähnlich wie in einem Glückskeks etwa, so ist auch jeder Teebeutel der von mir bevorzugten Marke mit einem Spruchzettelchen versehen. Jeder Aufguss, den ich mir mache, lädt darum dazu ein, einen Gedanken eines Yogi, eines indischen Weisen, zu meditieren.

 

Zugegeben, einige dieser Teebeutelgedanken sind – das liegt wohl schon in der gerafften Form der Botschaft begründet – simpel. Sie haben nicht immer echten Tiefgang und klingen oft etwas plattitüdenhaft. Und gewiss, zwischen Küchenkräutern und schmutzigem Geschirr ist man nicht immer im gleichen Maße bereit, sich auf die Schnelle anphilosophieren zu lassen. – Aber dennoch: Immer wieder trifft die eine oder andere Weisheit aus der Teebox zumindest mich im rechten Moment. Ja, immer wieder kommt es vor, dass der eine Sinnspruch verfängt und sich ein Wort im Bewusstsein einprägt. So auch das folgende, das ich uns heute mitgebracht habe und das da lautet:

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe. Mach mit!“[1]

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe.“,

 

dieser schlichte Satz bringt bei mir sehr viele und sehr unterschiedliche Gedanken zum Schwingen: Erinnerungen an eigene Erfahrungen von Liebe oder Verliebtheit; die eigentlich banale und dann doch aber auch wieder ganz ungeheure Erkenntnis, dass zwischen Liebe und Leben, zwischen Eros und Zeugung, ein ganz wesentlicher Zusammenhang besteht; auch kosmologisch anmutende Assoziationen von einem Universum, dessen Materie auf Schwingungen, Strings, freudiger Erregung basiert – auf nie verklingender Musik geradezu, wie man sich das im Barockzeitalter bisweilen vorgestellt hat.

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe.“,

 

dieser Satz lässt sich, glaube ich, aber auch theologisch verstehen. Und so erinnert er mich daran, dass, wie es heißt, Gott aus einem Überfluss an Liebe heraus zu schöpfen begann und dass alles, was ist, Widerhall ist seiner Schöpferherrlichkeit.

 

So erinnert er mich daran, dass es – ich werde nicht müde das zu predigen – das geöffnete Herz des Gekreuzigten ist, aus dem die Kirche lebt: das Herz Jesu, dem Wasser und Blut, Taufe und Altarsakrament, entfließen.

 

So erinnert dieser Satz mich schließlich daran, dass über uns allen, die wir zu Gott gehören, der Heilige Geist ausgegossen ist.

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe.“

 

Ja und Amen, so soll es wohl sein! – Aber ist unser, ist mein Leben, so frage ich, denn eigentlich tatsächlich im Fluss? Läuft es, wie es so schön heißt, bei mir privat, beruflich oder spirituell? Oder bin ich nicht doch in Wahrheit vielzu oft gehemmt, blockiert und kraftlos, befangen in meinen verfahrenen Denkmustern, in gewohnten Gefühlen und in routiniertem Tun?

 

Lebe ich denn wirklich, oder bin ich nur noch da? Bin ich tatsächlich eins mit meiner Berufung und erfahre ich Sinn in dem, was ich täglich mache, oder hake ich nur noch zu erledigende Aufgaben ab? Und konkret bezogen auf mein Christsein: Feiere ich Gott und Kirche, Glaube, denn eigentlich noch, oder habe ich mich nicht viel eher schon damit abgefunden, müde meinen Blick schweifen zu lassen – abgeklärt wie ein Besuchen im Museum?

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe. Mach mit!“,

 

ruft es ein indischer Weiser über schlichte Teebeutel hinaus in die Welt. Und auch wenn dieser Weise sich kein Christ ist und sich auch nicht zuerst an Christen wendet, so sollen doch wohl gerade wir, liebe Schwestern und Brüder, seinem Aufruf folgen!

 

Darum, weil, so bin ich überzeugt, unser Glaube weder ein Museumsstück ist noch ein fossiler Brennstoff, der sich verbraucht, wenn man ihn nutzt – sondern der innere Strom dessen, was der Yogi als „Leben“ und als „Fluss der Liebe“ bezeichnet.

 

Darum, weil wir Christen vor allem anderen direkt aus der Quelle leben dürfen, der alles Gute entspringt. Ja, eben darum, weil wir Glieder am Leib Christi sind, der von sich selbst ganz klar sagt:

 

„[W]er […] von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“

(Joh 4, 13f.)

 

„Das Leben ist ein Fluss der Liebe. Mach mit!“

 

In meiner Schulzeit habe ich oft davon geträumt, Bettelmönch oder Wanderprediger zu werden. Barfuß, mit nichts als einer Kutte am Leib, den Pilgerstab in der einen und die Bibel in der anderen Hand, wollte ich die Welt bereisen und den Menschen von Gott erzählen.

 

Aus diesem romantischen Traum wird – wie aus so viel zu vielen Sehnsüchten Chancen und Berufungen – wohl nichts mehr werden. – Und dennoch wünsche ich mir, liebe Schwestern und Brüder, dass ich und wir alle womöglich hier oder da doch noch das Bisschen mehr Mut aufzubringen vermögen, noch vollkommener zu lieben und noch radikaler zu leben – vielleicht mit einem Schuss heiliger Verrücktheit.

 

Ich wünsche mir, dass wir unser Christsein wirklich feiern und an unsere Sendung glauben; dass wir uns nicht damit begnügen, Traditionen einfach nur weiterzupflegen, sondern dass wir tatsächlich in ihnen leben, aus ihrer Fülle schöpfen und sie fortschreiben – jeder als der, der er ist, und alle zusammen als Teil eines viel größeren Ganzen.

 

Ja, ich will glauben, dass wir als Christen immer noch ein wenig mehr über uns selbst hinaus – über unsere Fehler, Gewohnheiten, Routinen und Blockaden hinaus – leben können und dass wir sein können wie das fließende Leben selbst: wie das Wasser, das sich sogar noch als unscheinbares Rinnsal den Weg zu bahnen weiß, allen Mauern und Versteinerungen zum Trotz; wie das Wasser, diese ursprüngliche Macht, das, wenn es erst einmal in Fluss gerät, tote Schluchten in grüne Auen und Wüsten in blühende Landschaften zu verwandeln vermag.

 

            „Das Leben ist ein Fluss der Liebe. Mach mit!“

 

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.


[1] Mutmaßlicher Ausspruch von Yogi Bhajan (1929 – 2004).