Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,19-26

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

12.08.2007 in Rust und Mörbisch, Neusiedlersee, Burgenland, Österreich

Jesus und die Frau aus Samarien:
"Ich sehe, du bist ein Prophet, sagte die Frau. "Unsere Vorfahren verehrten Gott auf diesem Berg. Ihr Juden dagegen behauptet, dass Jerusalem der Ort ist, an dem Gott verehrt werden will." Jesus sagte zu ihr: "Glaube mir, es kommt die Zeit, in der die Menschen den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten werden. Ihr Samariter kennt Gott eigentlich gar nicht, zu dem ihr betet; doch wir kennen ihn, denn die Rettung kommt von den Juden. Aber eine Zeit wird kommen, und sie hat schon  begonnen, da wird der Geist, der Gottes Wahrheit enthüllt, Menschen befähigen, den Vater an jedem Ort anzubeten. Gott ist ganz anders als diese Welt; er ist machtvoller Geist, und die ihn anbeten, müssen vom Geist der Wahrheit neu geboren sein. Von solchen Menschen will der Vater angebetet werden."
Die Frau sagte zu ihm :"ich weiß, daß der versprochene Retter kommen wird. Wenn er kommt, wird er und alles sagen". Jesus antwortete: "Du  sprichst mit ihm, ich bin es."

--  Liebe Gemeinde,

wie schnell es zu einem Religionsgespräch im Alltagsleben kommen kann, zeigt das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin am Jaboksbrunnen. Er bittet die Frau um Wasser. Sie erkennt ihn als einen Juden und erinnert ihn, dass die Gemeinschaft zwischen Juden und Samariter wegen Religionsunterschiede zerbrochen ist.
Jesus durchbricht diese Schranke, indem er sie um Wasser bittet. Im Gespräch mit der Frau nimmt er ihr die überlieferten Vorurteile weg und und lenkt auf die Gottesfrage. Zunächst versteht sie nicht seine Worte: "Wenn du wüsstest, was Gott schenken will und wer dich um Wasser bittet, dann hättest du ihn um Wasser gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben." Ich glaube, jeder von uns würde im Gespräch mit Jesus ähnlich reagieren wie diese Frau. Sie wie auch wir verstehen nicht, was Jesus uns sagen will. Denkunterschiede klaffen zwischen Jesus und der Frau wie auch zwischen ihm und uns. Sie stellt sich realistisch das Wasser vor, das aus dem tiefen Brunnen mit Eimern geschöpft werden muss. Sie erinnert sich sogar an die Geschichte des Brunnens, dass bereits ihr Stammvater Jakob aus ihm getrunken hat. Deshalb meint sie zu ihm: "Du bist doch nicht mehr als Jakob?" Sie fragt Jesus nach seiner Autorität. Er verbleibt in seiner Rede beim Wasser. Er weiß, dass der Begriff Wasser so verstanden werden kann, wie ihn die Frau begreift, denn Wasser ist die Grundlag des Lebens. Jesus erkennt, dass mit dem Wasser mehr gemeint ist. Es ist die Sehnsucht nach einem Wasser, das ein für allemal den Durst löscht. In diesem Punkt führt Jesus das Gespräch mit ihr über Wasser und Leben.
Die Samariterin hat begriffen, es geht um das Leben, um den Lebenssinn. Sie fühlt sich betroffen. Deshalb will sie von Jesus mehr über das Wasser als Quelle des Lebens wissen. Es kommt zu einem seelsorgerlichen Gespräch zwischen ihm und ihr. Es gleicht einer gegenseitigen Bereicherung. Zunächst bittet sie ganz realistisch Jesus um sein Wasser. So wie es im Alltagsleben geschieht: "Die Sache brauche ich zum Leben". Sie hat das Verlangen nach diesem Lebenswasser. Doch er verkauft keine Waren. Er will ihr zu einer neuen Lebenseinsicht verhelfen. Jesus spekuliert nicht theoretisch über das Leben. Für ihn gehört zum echten Leben auch das Umfeld des Menschen. Jesus weiß, was er tut. Denn wenn er nach dem Gespräch weiterwandert, soll die Frau fähig sein ohne ihn verantwortlich ihr Leben führen zu könmnen.
Deshalb bittet Jesus sie, ihren Mann zu holen. Jesus denkt ganzheitlich. Beiden will er das Lebenswasser geben. Die Frau antwortet ihm: "Ich habe keinen Mann". Jesus antwortet ihr, die mit keinem Mann glücklich geworden ist. "Du warst fünfmal verheiratet und mit dem Mann, mit dem Du zusammenlebst, der ist nicht dein Mann." Jesus offenbart ihr ihre verfahrene Lebensweise. Ihrem Leben fehlt die Ehe als Mittel- und Ruhepunkt. Deshalb ihr Hilferuf : "Gib mir vom Lebenswasser zu trinken." Ja, wir können ihren Wunsch noch ergänzen: "Damit mein Durst nach dem Leben gestillt werde."     
In diesem Gespräch über das Wasser rollte Jesus ihr ganzes Leben auf. Die Frau erkennt dies, dass hier ein Mann ist, der ganz ernsthaft mit ihr über ihr Leben spricht. Sie sieht sich als eine unglücke Frau, die ihr Eheleben nicht gemeistert hat. Sie ist mit den Männern nicht glücklich geworden. Sie sucht nach ihrem Lebenssinn und damit nach ihrem Glück. Sie will von Jesus dieses Lebenswasser haben, um glücklich zu werden.
Weil Jesus im Gespräch mit ihr auf ihre komplizierte Lebensführung zu sprechen kommt, sieht sie ihn als einen Propheten an, mit dem sie über Glauben und Leben sprechen kann. Sie erahnt, dass eine Klarheit ihr in Glaubensfragen auch zu einer Klarheit ihres Lebens führen kann. Sie verweist auf ihre Glaubenstradition. "Unsere Vorfahrn verehrten Gott auf diesem Berg. Ihr Juden dagegen behauptet, dass Jerusalem der Ort ist, an dem Gott verehrt werden will." Die Frage nach Gott ist die Frage nach dem Leben, nach der Lebensquelle. Deshalb wendet sie sich an Jesus: "Wer ist der rechte Gott und an welchem Ort soll er verehrt werden?" Die vielen Religionen und ihre vielen Gottesvorstellungen haben sie wie die vielen nach Gott fragenden und suchenden Menschen verwirrt. Denn irgendwie spürt jeder Menschen, menschliches Leben wird von einer Macht getragen. Er möchte eine Beziehung zu ihr haben, um in ihr zu ruhen und um aus ihr Kraft für das Alltagsleben zu schöpfen. Die Frau will, dass Jesus ihr die Frage nach dem rechten Gott beantworten möchte. Er soll entscheiden, ob die Samaritaner, die Gott auf dem Berg Gerazim verehren oder die Juden mit ihrem Tempelberg in Jerusalem im Recht sind.
Jesus versteht, dass es der Frau in der Frage nach dem rechten Gott um ihre Lebensfrage und somit um die Wahrheitsfrage geht. Er weiß auch aufgrund seiner Glaubensgespräche mit den Juden, dass keiner der Gesprächspartner von seiner Glauvbensvorstellung etwas aufgeben möchte. Jesus kennt auch die tiefe Verletzungen und Kränkungen der Glaubensgespräche. Deshalb antwortet Jesus, wie er es immer getan hat. "Nicht die Tradition ist das Entscheidenste, sondern der persönliche Glaube an Gott. Denn er gehört zum Menschsein. Die Traditionen sind nur Hilfsmittel zum persönlichen Glauben und Leben.
Jesus hat bemerkt, wie wichtig den Menschen ihre Traditionen als Lebenshaltung sind. Aus diesem Grund hat er nicht die Traditionen aufgelöst, sondern zum Leben aufgebrochen. Für Jesus steht der Mensch im Mittelpunkt. Deshalb öffnet er, um den  Menschen zu helfen, die enge Tradition. Er heilt deswegen auch am Sabbat einen Kranken, um so Gottes Liebe für den Menschen zu zeigen. (Markus 2). Weil für Jesus der Mensch wichtig ist, deshalb kann er von Gott ganz anders sprechen als er in unserer Vorstellungen existiert. Gott ist größer als alle menschliche Vorstellung, als alle Vernunft. Gott ist nicht durch sie zu erfassen. Gewiss kann menschliche Vernunft seine Wirkmacht in der Schöpfung und Geschichte erkennen. Trozdem bleibt Gott unfassbar, weil er für Jesus Geist ist, der da ist und wirkt. Gott wirkt souverän und kann von Menschen immer wieder erfahren werden.
Nun können wir sagen, dass der Geist genauso schwer inhallich zu fassen und zu verstehen ist wie Gott. Ich glaube wir haben einen Zugang zum Geist. Wir verstehen Geist als eine Wirkmacht, als etwas Dynamisches, das immer wieder aufbricht und uns Menschen Neues zeigt, oder neue Einsichten erkennen lässt. Gott ist eine dynamische Macht, die trägt, erhält und wirkt. Gott lässt etwas Neues aufbrechen, so wie es in der Jahreslosung 2007 aus Jesja 43, 19 heißt: "Siehe, ich will Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr´s denn nicht?" Deshalb wird Gottes Wirkmacht mit Worten beschrieben, die dem Leben helfen wollen. Gott wird in Bilder gezeigt: Gott als Liebe, als Gerechtigkeit, als Weisheit und als Barmherzigkeit. Mit diesen Worten wird ganz realistisch Gottes Verhalten zum Menschen dargestellt. Es wird gesagt, was Gott tut. Wie Gott auf Menschen wirkt. Zurecht spricht Philipp Melanchthon: "Gott ist an seinen Wohltaten zu erkennen."
Gewiss, wir sind Menschen und können mit unseren Worten nicht die Größe und das Geheimnis Gottes beschreiben. Wir können von unseren unterschiedlichen Erfahrungen mit Gott sprechen. Dies ist wichtig im Glaubensgespräch. Durch Worte können wir andeuten, wie Gottes Wirkmacht in unserem Leben sich gezeigt hat. Ein Kranker kann aufgrund einer persönlichen Erfahrung sagen: "Ich habe Gottes Kraft gespürt." Gottes Geist lässt unseren Geist erkennen, dass er eine Lebenskraft ist. Sein Geist hilft unseren Geist auf.   
Im Glaubensgespräch über Gott mit der Frau am Brunnen betont Jesus, Gott ist Geist. Damit will er ausdrücklich sagen, dass Gott eine geistliche Wirkmacht ist, die weiterhelfen will. Es kommt auf den Geist an, mit dem Gottes Macht verstanden und von der gesprochen wird. Es kommt auf den Geist an, aus dem gebetet wird. Jesus verweist auf die Macht des Geistes, der die Wahrheit einsichtig macht, dass Gott größer ist als unser Geist und dass Gott nicht ortsgebunden ist, sondern überall angebetet werden kann. Jesus kann sagen, Gott ist anders als die Welt sich ihn denkt. Jesus stellt Gott wieder als den Schöpfer Himmels und der Erden heraus, der alles erfasst und lenkt. Wer dies begriffen hat, der hat Gottes Macht und Kraft verstanden. Gott will im Geist erkannt und angebetet werden. Jesus kann dies der Frau zusprechen, weil er mit Gott in einer geistlichen Gemeinschaft lebt. Er kann Gottes Geist an Menschen weitergeben.
Die Frau hat Jesus geistliche Rede über Gottes Größe begriffen. Jesus beantwortet auch ihre Sehnsucht, die sie als wartende auf den Erretter zeigt, der dies mächig allen Menschen verkünden und somit Frieden bringen wird. Jesus antwortet ihr aus der Gemeinschaft mit Gott: "Ich bin es". Damit nimmt Jesus Gottesselbstoffenbarung aus dem Alten Testament auf.  Diese Selbstaussage aber ist ein Zuspruch für den Glaubenden: "Ich bin für dich da." Dies heißt: "Ich sorge für Dich, Du bist mir wichtig. Du bist geliebt, ich mach mir Gedanken um Dich, ich stelle mich hinten an, ich opfere Zeit und, ja ich opfere mich selbst letzlich für Dich."  Jesus vekündigt der Frau geistig Gottes Liebes: "Ich will versuchen, Deine Sehnsucht zu stillen, Deine Wunden, Deine Verletztheit zu heilen." Jesus gibt der Frau geistlich eine Gewissheit für Gott, so dass sie neu ihr Leben aufnehmen  und getrost ihre Arbeit tun kann.
Der glaubenden Frau eröffnet Jesus geistlich die Basis der neuen Lebensweise mit Gott: "Er ist überall anzubeten und zu verehren." Mit seiner Gottesoffenbarung macht Jesus den Glauben an Gott nicht gleichgültig, sondern erst recht bewusst. Das Gebet zu Gott kann überall gesprochen werden. Aus dem Gebet zu Gott erwächst die Kraft für das Leben. Das geistliche Gebet wird so zum Gespräch mit Gott über menschliches Leben und Arbeiten. Wer dies begriffen hat, der sieht neu sein Leben und seine Mitmenschen, seine Arbeit und die Welt. 
Deshalb kann jeder Mensch aus dem Geist anderen Menschen von Gottes Größe erzählen. Jeder getaufte Christen kann dem Anderen ein Christ zu sein und seine Glaubenserkenntnis aus dem Geist der Wahrheit an Menschen weitersagen. Jesus beauftragt die Frau, ihre Gaben, ihre Gedanken, ihre Ideen, ihre Hoffnungen, ihre Freude und Traurigkeit aus dem Geist Gottes weiterzugeben, um anderen Menschen geistlich aufzuhelfen.                ---   
Amen


440: All Morgen ist ganz frisch und neu 1-4
179: Allein Gott in der Höh
Psalm  44
Lesung  Römer 9, 1-8
245: Preis Lob und Dank  Verse 1-3
288: Nun jauchzt dem Herrn 1-5
328: Dir, Dir Höchster 1-3