Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,46-54

Pfarrer Dr. Christoph Barnbrock

23.01.2011 in der Zionskirche Verden und in der Immanuel-Kirche Rotenburg

 Liebe Gemeinde,

 

I.

„wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht“, sagt Jesus zu diesem Mann, der von Kapernaum nach Kana kam. Diesem Mann ging es nicht anders als vielen heute, wenn die Medizin nicht mehr weiter weiß. Nach jedem Strohhalm recken sich Menschen aus. Für die unglaublichsten Behandlungen werden Unsummen von Geld aufgewendet – ja, nur um das Unmögliche möglich zu machen.

So eben auch dieser Mann. Er hatte wohl die Gerüchte gehört, was geschehen war bei der Hochzeit in Kana: Dieser Jesus, so sagte man, hatte da ein Fest gerettet. Tricks schien der auf Lager zu haben. Und nun war dieser Jesus wieder in Kana. Wenn sonst nichts half, dann ja vielleicht er.

Und so begegnet dieser Mann Jesus, um ihn, den vermeintlichen Wunderdoktor in sein Haus zu bitten. Und Jesus antwortet – scheinbar kühl: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“

 

II.

Und damit trifft Jesus einen wunden Punkt – nicht nur bei diesem Mann, sondern auch bei den allermeisten Menschen heute.

Es gibt den verbreiteten Wunsch, in unserer Welt etwas davon abzulesen, dass es Gott tatsächlich gibt und dass er es gut mit uns meint. Von Kritikern des christlichen Glaubens werden dann schnell gerade die Gegenbeweise auf den Tisch geholt – die unzähligen Augenblicke dieser Weltgeschichte, wenn Zeichen ausbleiben und Wunder nicht sichtbar eintreten: Momente von Gewalt und Ungerechtigkeit, von sinnlosem Sterben und schier unerträglicher Krankheit.

Ja, wie sollen Menschen denn da bitte an einen freundlichen und gnädigen Gott glauben, wenn er das zulässt? Mancher würde Jesus wohl am liebsten antworten: Genau so ist es, Jesus, du hast es auf den Punkt gebracht: „Wenn wir nicht Zeichen und Wunder sehen, so glauben wir nicht!“

 

III.

Aber immer wieder passieren Zeichen und Wunder. Die ganze Bibel ist voll von solchen Geschichten. Das Volk Israel wird auf wunderbare Weise aus Ägypten geführt. Endlich in Freiheit, die niemals möglich schien. Das Wasser teilt sich. Die Verfolger werden abgehängt. Gott selbst geht vor dem Volk her in einer Wolken- und in einer Feuersäule. Und das Volk?

Es murrt. Es vergisst allzu schnell Gottes Handeln in seiner Mitte. Der graue Alltag löscht in Windeseile die Erinnerung an Zeichen und Wunder. Der Glaube wird müde. Und so gilt wohl auch dies:

„Selbst wenn ihr Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr doch nicht.“

Da stehen Menschen am Krankenbett eines Freundes oder Familienangehörigen, hoffen und bangen, beten und flehen, dass er wieder gesund wird. Und er wird wieder gesund. Die Freude ist groß, ja vielleicht stellt sich in diesem Moment sogar Dankbarkeit Gott gegenüber ein. Doch oft müssen bloß Tage vergehen, bis das Besondere seinen Glanz verliert. Die wiedergewonnene Gesundheit kommt wie selbstverständlich daher. Andere Sorgen machen sich breit. Und verschämt muss der eine oder andere, ja müssen vielleicht auch wir eingestehen:

„Selbst wenn wir Zeichen und Wunder sehen, glauben wir doch nicht.“

 

IV.

Wie aber kommen Menschen zum Glauben, die doch einerseits Zeichen fordern, die sich andererseits aber doch selbst dann, wenn sich Wunder ereignen, schwer tun zu glauben?

Menschen kommen zum Glauben, weil Jesus Christus sich eben nicht nur den Menschen zuwendet, die bereits einen reinen, geläuterten Glauben mitbringen und ihm vorweisen können. Sondern weil er sich gerade auch um solche Leute kümmert, die mit einem müden, schwachen Glauben zu ihm kommen. Menschen, die sich mit letzter Kraft an ihn klammern, vielleicht sogar ohne zu wissen, wer er denn eigentlich ist.

Nicht das Wissen und Verstehen, nicht die Reife des eigenen Glaubens ist die Grundlage für den Glauben, sondern dass Jesus sich uns zuwendet: In unserer Schwäche und in unserer Unvollkommenheit. In unserer Verzweiflung – und manchmal vielleicht auch in unserer Undankbarkeit für das, was Gott uns längst schon im Leben geschenkt hat.

So wie bei diesem Mann, bei dem er doch vor allem eine hilflose Wunderdoktorgläubigkeit entdeckt. Und doch führt die Zuwendung Jesu zu dem, was am Ende dann wirklich „Glaube“ genannt werden kann.

 

V.

Dabei geschieht Jesu Zuwendung zunächst so, dass nichts zu sehen ist. „Geh hin, dein Sohn lebt!“, sagt er. Das kommt wie eine Zustandsbeschreibung daher. Naja, mag ja sein, dass der Sohn jetzt noch lebt – aber wie wird es morgen und übermorgen sein?

Kein Heilungszauber kommt Jesus über die Lippen, nichts, womit er die Mächte der Krankheit vertreiben würde. Einfach dieses Wort: „Geh hin, dein Sohn lebt!“

Einerseits ist es eindeutig: Das Wesentliche ist dem Sohn geschenkt. Er lebt! Andererseits ist es uneindeutig: Wie lebt er? Und wie lange wird er noch leben? Und wie wird ihn die Krankheit gezeichnet haben?

Uns geht es da oft nicht anders, wenn wir Gottes Wort hören: Das Wesentliche ist uns klar versprochen: „Geht hin, ihr lebt – ihr und die, mit denen ihr im Glauben verbunden seid!“ Eindeutig ist es gesagt: Dieses Leben ist nicht tot zu kriegen. Selbst vom Tod nicht. Ihr lebt, denn Christus lebt. Und an dem hängt ihr im Glauben dran. So könnt ihr gar nicht im Tod stecken bleiben. Denn das hieße ja, dass Jesus Christus selbst im Tod geblieben wäre.

 

VI.

Ja, ganz eindeutig ist das. Und doch bleiben ganz viele Fragen unbeantwortet, zum Beispiel: Wie werde ich leben? Und wie lange? Wie wird es mir gehen – heute, morgen und in einem Jahr?

Diese Spannung bleibt. Dem Glaubenden ist das Wesentliche gesagt – doch manches, was ihn sonst bewegt, bleibt auch für einen Christen unbeantwortet. Und doch gibt dieses eine klare Wort dem ganzen Leben mitten in allen Unsicherheiten Halt.

Denn wer sich an Jesu Worten fest macht: „Geh hin, du lebst!“, der hat Glauben gefunden – so wie der Mann, der für seinen Sohn gebeten hat und doch nicht nur für seinen Sohn, sondern auch für sich selbst das Leben gefunden hat.

Und mit einem Mal ereignet sich etwas ganz Neues, nämlich dies: „Selbst wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr.“ Das ist nichts, was wir aus eigener Kraft tun oder schaffen könnten, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes, verteilt und ausgeteilt, großzügig an den Mann und an die Frau gebracht – auch hier bei uns in diesem Gottesdienst.

 

VII.

Und dann hat Gott manchmal auch Erbarmen mit unserem Kleinglauben und unserem Kleinmut – so wie bei dem Mann, von dem wir in dieser Geschichte gehört haben.

Er kommt nach Hause und hört, dass es seinem Sohn besser geht. Seine Knechte mögen ihm gesagt haben: „Glück gehabt!“ Oder: „Die Medizin von gestern scheint doch angeschlagen zu haben!“

Er selbst aber erkennt in der Besserung seines Sohnes, dass hier etwas greifbar ist von dem Leben, das von Jesus ausgeht und das dem geschenkt ist, der an ihn glaubt. Das kann dieser Mann niemandem beweisen. Das lässt sich nicht demonstrieren, auch nicht durch die Tatsache, dass das Fieber gerade dann sank, als er mit Jesus sprach. Aber sein Glaube hat Augen, um dieses Wunder zu sehen.

Ein Kranker wird gesund. Ein Wunder Gottes! - Ich werde in einer brenzligen Situation vor einem Unfall bewahrt. Ein Wunder Gottes! - Versöhnung stellt sich da ein, wo keine Verständigung mehr möglich war. Ein Wunder Gottes! - Ich lerne mit Einschränkungen, Angst und Nöten im Leben zu leben. Auch dies: Ein Wunder Gottes!

Und so gilt am Ende eben auch das: „Wenn ihr glaubt, werdet ihr auch Zeichen und Wunder sehen.“

Amen.