Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,46-54

Matthias Figel (ev)

23.01.2011 in der Stephanuskirche Hausen o.V.

Gemeindegottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

 

wenn es eine Herausforderung gibt,
die auf alle von uns in gleicher Weise wartet,
dann ist es das Loslassen.

 

Die Kinder, wenn sie aus dem Haus gehen.
Die Träume, wenn sie sich nicht verwirklichen lassen.
Die Kräfte und Möglichkeiten, wenn das Alter zunimmt.

 

Loslassen lernen.
Auch so manchen Menschen,
der uns ans Herz gewachsen ist.
Zuerst meist die Eltern.
Später die Frau.
Den Mann.
Die Geschwister.
Die Freunde.
Wie uns das nahe geht!
Wie viel Wahrheit darin liegt.
Und wie viel Schmerz.
Wie schwer das sein kann,
jemanden loszulassen.
Den man liebt.
Und um den man kämpft.

 

„Es war ein Mann im Dienst des Königs;
  dessen Sohn lag krank in Kapernaum.“

 

Es braucht wenig Phantasie,
um zu spüren,
welche Angst, welche Sorge, welche Hoffnung
hinter dieser kurzen Einleitung verborgen liegt.

 

Was hat der Vater nicht versucht?
Fachärzte. Kliniken. Spezialisten.
Alles umsonst.
Hilflos muss er zusehen,
wie das Fieber steigt.
Sein Sohn ihm entgleitet.
Immer tiefer im Delirium versinkt.
Doch er gibt nicht auf.
Eine winzige Hoffnung,
eine letzte Chance sieht er noch.
Als „Jesus aus Judäa nach Galiläa kam,
ging er zu ihm hin und bat ihn,
herabzukommen und seinem Sohn zu helfen;
denn der war todkrank.“

 

Wie viele in Kapernaum
haben damals über die Rastlosigkeit des Vaters
den Kopf geschüttelt.
Und zu ihm gesagt:
„Gib’s auf.
  Kapier’s doch endlich:
  Du musst mit deiner Situation zurechtkommen.
  Stell dich auf den Abschied ein.
  Sonst verpasst du ihn noch!“
Wohl wahr.

 

Wie viele rufen in unseren Tagen
nach Krankenwagen, Notärzten und Intensivstationen –
anstatt sich von ihren Sterbenden zu verabschieden.
Kämpfen um den Partner.
Und gegen die eigenen Verlustängste.
Sind rührig. Besorgt. Angestrengt.
Anstatt sich hinzusetzen.
Die Hand des Sterbenden zu halten.
Auf letzte Worte zu hören.
Ein Vaterunser zu beten.
Ein Lied zu singen.
Den Sterbesegen zuzusprechen.

 

Ich weiß,
das klingt jetzt hier von der Kanzel
alles ganz einleuchtend.
Aber in der Situation ist es gar nicht so einfach,
den Schalter umzulegen.
Zu unterscheiden,
was gerade dran ist.
Kämpfen.
Oder Abschied nehmen?

 

Doch machen wir uns bewusst:
Egal, wofür ich mich entscheide:
Es hat seinen Preis.
Und sein Risiko.
Bleibt der Vater zuhause,
dann schwindet auch noch die letzte Hoffnung.
Dann steht der Abschied von seinem Sohn
unausweichlich bevor.
Inklusive der Vorwürfe hinterher:
„Hättest du doch …“

 

Lässt der Vater jedoch den kranken Sohn zurück,
geht los und bittet Jesus um Hilfe,
dann läuft er Gefahr,
dass das Kind während seiner Abwesenheit verstirbt.

 

Eine schwierige Situation.
Für die man viel Erfahrung,
am besten den Blick und Rat von außen braucht.
Der einem ganz direktiv sagt:
Jetzt ist loslassen dran.
Oder kämpfen.

 

Der Vater wählt das Letztere.
Entscheidet sich
für den letzten Hoffnungsschimmer am Horizont.
Wenn einer helfen kann – dann Jesus.

 

Sofort läuft der Vater los.
Marschiert über steinige Landstraßen.
Meist bergauf.
30 Kilometer weit.
Von Kapernaum nach Kana.
Staubig und verschwitzt kommt er bei Jesus an.
Schreit sein Elend heraus.
Und bittet um Hilfe.
Doch Jesus lässt den Königlichen abblitzen.
Redet von Zeichenforderung und Wundersucht. Problematisiert den Glauben der Leute,
die nur deshalb an ihn glauben,
weil sie seine Heilungen erlebten.
Doch all das interessiert den Vater herzlich wenig.
Konsequent verfolgt er sein Anliegen:
„Herr, komm herab,
  ehe mein Kind stirbt!“

 

Und Jesus lässt sich bitten.
Spricht den Satz,
in dem in diesem Moment alles Glück der Welt liegt:
„Geh hin, dein Sohn lebt!“
Frohe Botschaft.
Gute Nachricht.
Evangelium.
Ob der Vater es hört?
Es ist ja nicht gerade das,
worum er gebeten hatte.
Jesus sollte herunterkommen.
Und den Patienten heilen.

 

Doch Jesus mutet ihm einen anderen Weg zu.
Eine Glaubensprobe.
Wird er es schaffen?
Hat er die Flexibilität, sich darauf einzulassen?
Oder ist er in seinen Gedanken schon so eingespurt,
dass alle Weichen, die auf neue Gleise führen könnten,
eingerostet und verklemmt sind?

 

Gott Lob:
Er kann’s:
„Der Mensch glaubte dem Wort,
das Jesus zu ihm sagte,
und ging hin.“

 

Das ist Glaube.
Kein Schauglaube.
Denn zu sehen gibt es noch nichts.
Keine Heilung, kein Wunder, keine Sensation.
Im Gegenteil.
Der königliche Beamte hat nichts in der Hand.
Gar nichts.
Aber er hat Jesu Wort im Ohr.
Darauf vertraut er:
„Herr, auf dein Wort …“
Das ist Glaube. Wortglaube.
„Und er ging hin.“

 

Lang war der Heimweg.
Unerträglich lang.
Endlich kamen ihm seine Knechte entgegen.
„Dein Kind lebt!“
Ein Stück Ostern. Auferstehung im Alltag. Halleluja!
Steine fallen vom Herzen.
Die Seele beginnt leicht zu werden.
Fast schon zu schweben.

 

Der königliche Beamte atmet tief durch.
Puh!
Das ist noch einmal gut gegangen.

 

Welch ein Happyend.
Dem königlichen Beamten wurde geholfen.
Das Fieber ist gewichen.
Der Sohn ist wieder wohlauf.
Doch was, wenn das Wunder ausbleibt?
Das Kind stirbt,
während wir noch unterwegs sind.
Zu Jesus.
Im Gebet.
Was, wenn dieser Satz nicht zu hören ist:
„Dein Sohn lebt.“
Statt dessen der Alptraum wahr wird.
Schreckliche,
unausweichliche Wirklichkeit?

 

Dann lasst uns das aushalten.
Die unbegreifliche,
zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit aushalten:
Dass es den einen trifft und den anderen nicht.
Dass der eine sich erholt und es sich beim anderen verschlechtert.
Dass der eine am Leben bleibt und der andere stirbt.
Lasst uns das aushalten.
Lasst es uns nicht versuchen zu erklären.
Lasst es uns Gott einfach nur klagen.

 

Und wenn es passieren sollte –
unverdient,
aus lauter göttlicher Gnade
und Barmherzigkeit –
dass das Kind davon kommt,
dann lasst uns den Urheber des Wunders nicht vergessen.
Das war nämlich kein Zufall.
Kein Geschenk des Himmels.
Sondern Wort und Tat Jesu:

 

„Da erforschte er von ihnen die Stunde,
in der es besser mit ihm geworden war.
Und sie antworteten ihm:
Gestern um die siebente Stunde
 verließ ihn das Fieber.“

 

Nun hat der Vater Gewissheit:
Was er geahnt,
            gehofft,
            ersehnt hatte,
war Wirklichkeit geworden:

 

„Da merkte der Vater,
dass es die Stunde war,
in der Jesus zu ihm gesagt hatte:
Dein Sohn lebt.“

 

Jesus war die Rettung.
Er hat den Sohn geheilt.
Die Entscheidung,
das Kind zurückzulassen
und zu Jesus zu gehen,
war gut und richtig.
Die Hoffnung wurde nicht enttäuscht.
Jesus ist der Sohn Gottes.
Der Messias.
Der Heiden Heiland.

 

Liebe Gemeinde,
da hatte der königliche Beamte
Heilung für seinen kranken Sohn gesucht.
Und dabei Jesus gefunden.

 

„Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.“

 

 

Amen.