Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 4,5-14

Werner Breiter

21.01.2001 in der Kirche zu Langesteinach

Ich denke, die Situation einmal sehr durstig gewesen zu sein, kennen wir alle. Etwa nach einem langen Feldaufenthalt im Sommer, nach dem Sport oder nach mehreren Schulstunden wo eigentlich Hitzefrei hätte sein sollen. Immer länger ist uns die Zeit geworden, als wir dann zu Hause am Kühlschrank angekommen sind und so ganz herzhaft einen großen Schluck Wasser zu uns genommen haben, wurde uns klar, wie belebend und erfrischend, ja lebensnotwendig Wasser sein kann, es dringt in alle Fasern des Körpers, baut auf und gibt Kraft. Es wäscht Schweiß und Staub aus dem Gesicht, macht den Blick klar und die Haut rein. Das Wasser, das Jesus in unserem heutigen Predigttext beschreibt, kann viel mehr. Das Thema möchte ich nennen: Jesu Liebe zu den Verachteten und Verlorenen. Jesus verläßt Judäa und geht nach Galiläa. Er begibt sich somit von der jüdischen Hochburg Judäa in das Gebiet der Samariter, das von Juden verachtet und nicht betreten wurde. Sie nahmen lieber einen Umweg in Kauf, wenn sie in den Norden nach Galiläa reisen wollten. Die Samariter wurden verachtet, weil es um 722 v. Chr. mit der Eroberung Samarias durch die Assyrer und den dort verbliebenen Israeliten und neuen Einwanderern zu einer Mischbevölkerung kam. Die Samariter waren zwar beim jüdischen Glauben geblieben, aber es waren aus der Sicht der strengen Juden zu viele heidnische Elemente in ihrem Glauben mit eingebracht. Für die Juden war die heilige Stätte der Tempel in Jerusalem. Die Samariter hatten sich auf den Berg Garizim zurückgezogen, an dessen Fuß sich der Jakobsbrunnen befindet. Für Jesus war dies ein Ort der Väter, hier war Jakob begraben, Mose hatte den Berg Garizim zum Segensberg gemacht während der langen Reise in das gelobte Land. Ein historischer Ort, der heute von drei Religionen besucht wird, den Juden, den Moslimen und von uns Christen. Er ist auf der Israel-Karte neben der Stadt, die heute auf arabisch Nablus heißt, zu finden.

Da kommt eine Frau aus Samarien um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Jesus erkennt diese Frau, er weiß von ihrer Vergangenheit, daß sie mehrere Männer gehabt hat und jetzt mit einem zusammenlebt der nicht ihr Mann ist. Sie holt zu einer ungewöhnlichen Zeit Wasser, mittags bei der größten Hitze geht sie zum Brunnen, um dem Gespött der anderen Frauen nicht ausgeliefert zu sein. Jesus kennt die innere Not dieser Frau.

Er durchbricht die Schranke der alten Feindschaft zwischen Juden und Samaritern. So kommt es zu einem der aufregendsten Gespräche des Neuen Testamentes. Jesus gebraucht das Wasser, um in diesem Gespräch einen der Kernpunkte seiner frohen Botschaft erklären zu können. Jesus weiß von der Errettung der menschlichen Seele und der Vergebung der Sünden. Das alles Entscheidende, das Jesus der Frau erklären will, ist sicher nicht einfach zu verstehen und es ist ein sehr großer Anspruch, den Jesus erhebt. Er ist eben doch mehr als Jakob und alle die anderen Väter und Mütter des Glaubens. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich. (Joh: 14,6) So hat Jesus er selbst gesagt. Absolut und einzigartig. Verlockend und erschreckend zugleich. Lebensnotwendig und lebenserfüllend. Und das bis ins ewige Leben hin! Was für eine Verheißung! In dem Gespräch Jesu mit der Samaritanerin wird deutlich: Hier geht es um einen anderen Durst als den, der durch Trinken gestillt werden kann: Es geht um einen Grund-Durst, einen Ur-Durst, einen Durst nach Leben.

Jesus sieht die vielen jungen Liebesdurstigen, die sich erst an einem abgestandenen, leicht faulen Wasser befriedigt haben und nun den faulen Nachgeschmack nicht mehr los werden; Jesus sieht die vielen Frauen und Männer, die einst zur großen Liebeskarawane aufgebrochen sind und nun mit ihrer Ehe in der Wüste gelandet sind. Jesus kennt die vielen, die von ihrem Beruf erschöpft sind. Jesus weiß von den vielen Kranken und Alten, denen ihr Leben unter den Fingern zerronnen ist und die sich überflüssig vorkommen. Jesus sieht die, die ihre Hoffnung allein auf die Wässerchen der Kosmetik- oder Arzneiindustrie setzen oder ihre Sorgen in Alkohol ertränken. Im Vers 16 beginnt das eigentliche seelsorgerische Gespräch: Jesus geht diesen Ur-Durst an, er hat das Mittel dagegen. Es ist ja so, daß er nur scheinbar das Thema wechselt, indem er die Frau unvermittelt nach ihrem Mann fragt. Sie antwortet: "Ich habe keinen Mann!" "Richtig", sagt Jesus, "gewiß: fünf Männer hast du gehabt, und mit dem du jetzt zusammenlebst, das ist nicht dein Mann!" Die Frau muß ganz blaß geworden sein. Die Verblüffung liegt eher darin: Dieser kennt mich durch und durch. Der Mann aus Nazareth hat damit den Ur-Durst dieser Frau getroffen: Ihre vergebliche - immer wieder enttäuschte und unerfüllt gebliebene - Sehnsucht nach Glück und Geborgenheit.

Es gibt viele Formen, wie der Durst nach Leben sich äußert. Es gibt viele Versuche, diesen Durst zu stillen. Und da erscheint Jesus Christus und ruft: Die Quelle, nach der ihr lechzt, sie fließt: bei mir. Ich bin das lebendige Wasser! "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!"

Unzählige haben es mit Jesus schon probiert - und sind zum frischen Wasser geführt worden. Jesus muß nicht erst Reklame für sich machen: er spricht für sich.
Auch der moderne Mensch, auch wir - ich und Sie -, brauchen Jesus Christus, weil auch wir uns nach einem Leben sehnen, das gelingt, über das der Tod keine Macht hat. Den berühmten "Jungbrunnen" aber gibt es nicht - "... und wer das Brünnlein trinket, wird jung und nimmer alt."
Am Jakobsbrunnen sitzt der, der ewiges Leben verleiht mit einer nachhaltig stillenden Wirkung.
Wer sich auf Jesus besinnt, der hat erkannt, daß mehr Konjunktur, mehr Wohlstand, mehr in der Lohntüte, noch mehr Sorten Wein und Gerstensaft, mehr Karriere, Macht und Ansehen uns auf die Dauer leer lassen. Ja, sie wecken nur den Durst nach immer mehr.
Wer Jesus findet, das Wasser des Lebens, der weiß: Wir bräuchten nicht neue östliche oder westliche Religionen, Weltanschauungen, esoterische Strömungen oder andere Heil-Quellen. Wir bräuchten mehr Verlangen nach dem Wasser der Taufe, wo wir untergetaucht und neu geboren werden. Mehr Verlangen nach dem Wein - nein Blut - des Heiligen Abendmahles, mehr Zustrom zu Wort Gottes und Predigt, weil in "Wort und Tauf und Nachtmahl" die Oasen Jesu in unsere Zeit gestellt sind. Da haben wir Christus pur, quellfrisch und lebendig.
"Wenn du mich kennen würdest", sagt Jesus zu der Frau, "du würdest mich bitten, und ich gäbe dir lebendiges Wasser."