Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 5,1-16

Beate Barwich

14.10.2007 in der evangelischen Gemeinde St. Thomas, Berlin

Liebe Gemeinde,

es ist Herbst geworden, vor kurzem haben wir das schöne Erntedankfest begangen.
„Das Buch der Natur“ hat eine neue Seite aufgeschlagen. Wir freuen uns, dass die Arbeit Früchte getragen hat und uns ein reichlicher Segen zuteilgeworden ist.
Es wird nicht mehr lange dauern und die Tage werde kürzer sein als die Nacht. Der Winter wird Einzug halten. Die Bäume werden kahl im Schnee dastehen...

Ich habe von „Natur“ gesprochen. Und das wird den einen oder anderen stutzig gemacht haben, wird ihn aufhorchen lassen. Wie kommt denn das?

Wir sprechen doch in der Kirche und ganz besonders im GD vielmehr von der Schöpfung, weil wir glauben, dass Gott Herr ist über Himmel und Erde und Schöpfer aller Dinge.

Wie viel  Erdhaftigkeit steckt eigentlich in unserem Denken, wenn wir vom Glauben herkommen...
Ein Bibelkundiger Mensch sagte einmal sehr eindrücklich: Die Bibel hat Erdgeruch! Vergesst das nicht.
Und so wollen wir unter diesem Aspekt auf den Predigttext zum heutigen Sonntag hören:
Er steht bei Johannes im 5. Kapitel:

Es ist eine erschütternde Geschichte, die wir hier vor uns haben.
Eine arme Kreatur, die viele Jahre unter einer unheilbaren Krankheit gelitten hat,
wird – wie durch ein Wunder – wieder gesund.
Ist es denn dieses Häuflein Unglück überhaupt wert, da zu sein, am Leben zu sein?
Eine zynische Frage. -  Doch angesichts der Euthanasiediskussion muss eine solche Frage hier ihren Platz haben. Wann fängt menschliches Leben an ... und wann hört menschliches Leben auf einen Wert zu haben.
Diesen bösen Blicken und noch mehr diesen bösen Zungen war auch der Kranke jener Zeit Tag für Tag ausgesetzt.
Und dann kommt wider Erwarten ein anderer!

Es ist in Jerusalem, in der Heiligen Stadt. Man feiert ein Fest, ganz in der Nähe. Und gar nicht weit vom Tempel entfernt, da ist dieser merkwürdige Ort eine Thermenhalle mit fünf Becken.
Wer sich auf die Suche nach den Spuren Jesu begibt, wird sie auch heute noch finden. Er wird auf die archäologischen Reste stoßen und sich nicht ohne Erschütterung an diese kleine Geschichte erinnern lassen.
Jesus zieht sich zurück, er mag keine ausschweifenden Feste. Er teilt zwar die Freude aber nicht im Übermaß und er geht zu diesem Teich...
Es sind viele Menschen da. Doch der eine fällt ihm auf. Er erfährt wie es um ihn steht. Er leidet schon viele Jahre. Und Jesus lässt sich von diesem Schicksal anrühren. Er sieht ihn an:
In diesen Blicken steckt Kraft. Doch das ist nicht alles. Was mag er in den traurigen und doch erwartungsvollen Augen dieses „Häufleins Elend“ noch alles gelesen haben ... in dem aufgeschlagenen Buch der Schöpfung Gottes? Nun spricht er ihn  an – mit einer Frage. - Er hat die Initiative ergriffen. – Nun liegt die Entscheidung gewissermaßen bei dem Kranken.
Eine Frage gibt die Initiative ab: Willst du gesund werden?
Der Kranke antwortet ganz anders, als wir es von außen erwarten. Er sagt, Herr, wie du siehst:
Ich bin zu hilflos, ich bin zu langsam, ich bin zu schwach, ich bin zu ungeschickt, ich bin zu unsicher...
Und das ist genug!
Jesus spricht nun in Imperativform:  Stehe auf, nimm dein Bett und gehe deines Weges ...

Das Johannesevangelium ist einerseits verklärt. – Ich komme noch darauf, was ich damit meine.
Und dasselbe Evangelium ist andererseits ganz konkret:
Tu das – und du wirst leben! Stehe auf – und nimm  deine Matte und du wirst gesund!
Und in diesen Worten ist nicht nur die Kraft, dass dies auch geschieht, in diesen Worten verbirgt sich die Gegenwart Gottes.
Jesus – das fleischgewordene Wort Gottes ist keine Formel bloß, ist auch nicht symbolische Zusammenfassung seiner Sendung, es ist auch nicht irgendeine abstrakte Wahrheit. Es ist seine Wahrheit.

Diese kleine aufregende Geschichte bezeugt seine Wahrheit.
Denn was ist eine Krankheit. Modern gesprochen – fehlt dem Menschen irgendetwas an der Gesundheit ... Es fehlt ihm dies oder das. Es gibt für alle Krankheiten irgendein Mittel, eine Medizin.
Nicht so zur Zeit Jesu.
Eine Krankheit konnte eine Strafe sein. Der Mensch muss doch eine schwere Sünde begangen haben, dass er so schwer krank ist... Oder  - noch schlimmer: Er ist eine Behausung der Dämonen geworden. Er muss irgendwie besessen sein, wer weiß von welchem der vielen bösen Geister...von Beelzebub und seinen Gefährten...
Auf nichts dergleichen lässt sich Jesus ein. Krankheit ist eine Störung im Gleichgewicht der Schöpfung. Dies armselige Wesen ist ebenso wir du und ich ein Geschöpf Gottes. Eine Erscheinung des sechsten Schöpfungstages!
Denn Gott schuf die Welt- Himmel und Erde - in sechs Tagen und am siebenten ruhte er.
Und wie Gott ruhte, so soll auch der Mensch an diesem Tage ruhen. Und diese Heilung geschieht ausgerechnet an diesem Tage, der ein Sabbat ist.
Jesus gerät in Konflikt mit dem Judentum in der Auslegung des Sabbatgebotes.
Es mag jetzt jemand einwenden: auch am Sabbat herrscht nicht völlige Ruhe, oder absolute Untätigkeit. Es  ist nicht nur vieles erlaubt, es ist sogar vieles geboten. Haben wir nicht gelernt, du sollst den Feiertag heiligen?

Also was ist denn nun wirklich verboten? -  Verboten ist es, eine neue Bewegung auszulösen, etwas Neues anzuregen. Es ist z.B. verboten, Licht anzuzünden.
Es ist nicht verboten, eine Matte zu tragen. Das wäre absurd.
Aber es ist für diesen Menschen verboten, dies zu tun. Denn er war doch der, der bis jetzt dagesessen hatte und sich in seinem Elend nicht hat rühren können. Er beginnt in diesem Moment ein neues Leben. Er ist ein Wiedergeborener. Eine neue Kreatur. Und das am Sabbat.

Jesus hätte diese Heilung an jedem anderen Tage tun dürfen. Aber nicht heute. ER hat die Ruhe  und damit das Gleichgewicht des heiligen und zu heiligenden Tages gestört. Am Sabbat darf man Gott noch nicht einmal etwas bitten, geschweige denn etwas von ihm fordern.
Und gerade das tut Jesus.
Nein, diese Tat ist kein Wunder. Sie ist ein Zeichen seiner Kraft.
Und Jesus antwortet auf die vielen Vorwürfe der Juden eben mit demselben Hinweis auf die Schöpfungsmacht Gottes:

Ich tue das, weil ich sehe, was mein himmlischer Vater tut.
Jesus steht nicht außerhalb  - Jesus steht vielmehr innerhalb der neuen Schöpfungsordnung Gottes.
Und darum ist diese Tat auch verklärt: Wie der Engel, der von Zeit zu Zeit das Wasser bewegte und sanfte Wellen schlug, so was es am Anfang der Schöpfung, als der Geist Gottes über den Wassern schwebte.  Da scheint der erste Schöpfungstag auf.

Es ist eine Zeit poetischer Ruhe. Es ist ein Moment der Wachsamkeit und der Aufmerksamkeit.
Und darum ist der Sabbat auch der Tag von gebannter und geballter Kraft. Es ist wirklich interessant wahrzunehmen, was ist denn tatsächlich alles schon geworden und womit löse ich, womit löst der Mensch etwas Neues aus.
Es ist erlaubt, Kranke zu versorgen, Tiere zu füttern, Kindern zu helfen, was sie auch anstellen mögen, wenn ihnen etwas zustößt. Doch ein erwachsener Mensch soll in diese Wachsamkeit hineinwachsen.  Denn wisse, dass ein Auge über dir wacht und ein Ohr deine Worte vernimmt und alle deine Taten in ein Buch geschrieben werden.
Das gibt dem Leben einen unzerstörbaren Wert und einen Halt in der Tiefe.
Ich denke hier an Albert Schweitzer. Er hat seine wissenschaftliche Arbeit, seinen Lehrstuhl für Neues Testament aus dieser neuen Erkenntnis heraus – völlig unerwartet und zum Erstaunen seiner Freunde  aufgegeben und ganz abrupt angefangen Medizin zu studieren. Er hatte nicht den Glauben verloren, wie manche irrigerweise meinen. Nein, er hatte dieses Bild Jesu vor sich und handelte aus Liebe. Er hat diese Wahrheit  im Zusammenhang von Wort und Werk erkannt und ist ihr gefolgt. - Diese Logik und die Heraus- forderung durch diese Logik.
Denn Logik darf nicht in der Theorie stecken bleiben. Logik muss etwas ganz Praktisches zur Folge haben.
Das Wort Gottes ist nicht nur ein Gedachtes und Geglaubtes.                                  

Modern heißt das: Glaube sei eine Grenzerfahrung.
Nun setzt uns Gott eine Grenze. Doch wer nur vor dieser Grenze stehen bleibt, der bewegt sich nicht. Der bewegt weder sich selbst, noch bewegt er etwas, geschweige denn etwas in dieser Welt. Er bleibt „im Warteraum der Zukunft“ stecken, um mit H. Cox zu sprechen.
Für ihn bleibt die Natur immer nur Natur. Gewiss bedeutet uns Natur viel. Natur kann in uns Gefühle wecken, kann uns eine Freude sein und die Natur will auch von uns gestaltet werden.
Auch tragen wir Verantwortung in einem ganz bestimmten Sinne für die Natur. Doch die Natur vergeht und mit ihr der Mensch. Sie erinnert täglich an Vergänglichkeit. Die Zeit drängt.  Und
Die Uhr tickt. Und wenn jetzt einer der bekanntesten Namen für den Schutz der Umwelt mit dem großen Preis ausgezeichnet worden ist, dann ist das erneut ein Appell für uns alle, sich auf diesen unschätzbaren Wert zu besinnen.
Wenn ein Kind geboren wird, erblickt es das Licht der Welt. Es fängt an zu atmen, tut einen ersten Schrei und tritt in dieses Leben ein.
Doch wenn ein Mensch zu Jesus kommt, dann begegnet er dem Licht des Lebens.
„Ich lebe – und ihr sollt auch leben!“ Das ist der Grundton des Johannes- evangeliums.

Nun Jesus war auch Lehrer und hat uns den Weg zum Leben auch durch die Lehre gewiesen.
Denn ganz ungelehrt scheint mir der Kranke am Teich Bethesda auch nicht gewesen zu sein, wenn er eine so einfache und klare Antwort hat geben können.
Doch hier ist mehr als eine neue Lehre. Hier ist Gott, hier wird nach Gott gefragt.

Die Jesusfrage ist eine Gottesfrage. Es erscheint auch in diesen Tagen wieder ein neues Buch zum Neuen Testament. Forscher kommen immer wieder zu neuen Erkenntnissen und meinen ihre Entdeckungen wieder neu verpacken zu müssen. Es wird behauptet, erkannt zu haben, dass das
Neue Testament doch ganz anders entstanden sei, als wir es bisher wissen.
Wir wissen doch dies und das ist genug, dass das Johannesevangelium das älteste Evangelium ist. Johannes war als Jünger Jesus am nächsten und hat die älteste Überlieferung erhalten.
Durch seine Schriften hören wir die Stimme Jesu, welche die Stimme Gottes ist.
Johannes, der Lieblingsjünger war Zeuge seines Lebens und blieb auch in der Stunde seines Leidens bei ihm. Er war Zeuge seiner Auferstehung. Er kam am Morgen an das Grab und das Grab fand er leer. Was er fand das waren die Binden, die Tücher in die Jesus gehüllt worden war als man ihn begrub. Und sie lagen in einer ganz bestimmten Ordnung. – Das ist für mich ein Zeichen der neuen Schöpfungsordnung Gottes. Hier waren nicht Räuber am Werk gewesen, die den Leichnam gestohlen hätten.

Hier begegnet das Verklärte, der Erdgeruch und das ganz konkrete Wirken Gottes.
In dieser Begegnung lernen wir ganz neu und müssen wir wieder ganz neu lernen zu glauben.
„Denn der Sohn tut, was er sieht den Vater tun“.

Was das für uns bedeutet, was das für dich und mich im einzelnen bedeutet, das vermag ich nicht zu ermessen. Doch das eine weiß ich, in diesem Sinne wird diese Geschichte und  das Johannesevangelium weitergeschrieben. Und ich bin sicher, dass es einige unter uns gibt, die Ähnliches bezeugen können, wie der Kranke damals an diesem wunderbaren und heilsamen Ort am Teich von Bethesda.
Diese Geschichte macht uns zu Zeugen der Gegenwart Jesu und der Kraft des Wortes Gottes unter uns:

„Siehe da, so sagt Johannes der Täufer, das Lamm Gottes, das der Welt Sünden trägt.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.“ 

Amen.


 


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