Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 5,1-17

Pfarrer Ulrich Braun

28.10.2001 in der Klosterkirche zu Nikolausberg, Göttingen

Warte nicht auf bess’re Zeiten

Predigttext: Johannes 5, 1-17
Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf Hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte, die warteten darauf, dass sich das Wasser bewegte. Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.
Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?
Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.
Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.
Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin!
Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war.
Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmes widerfahre. Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe.
Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf diesen Tag, und ich wirke auch.
Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich
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Liebe Gemeinde!

38 Jahre lang hatte der Gelähmte die Wasseroberfläche beobachtet. 38 Jahre lang hatten sich seine Hoffnungen auf der Oberfläche des Teiches Betesda gespiegelt. Wenn am späten Nachmittag einzelne Sonnenstrahlen seitlich in die Säulenhallen fielen, mit denen der Wunderteich umbaut war, dann warf der Teich sie zurück, an die Decke und an die Säulen, und wenn ein Luftzug die Oberfläche riffelte, dann brachen sich die Lichtstrahlen und ließen Regenbogenpunkte und Lichtblitze über die Wände huschen.

Je länger der Gelähmte nun die Oberfläche des Wunderteiches studierte, desto genauer kannte er diese Lichtspiele. ...und desto bestimmtere Formen nahm das Bild vom Leben an, auf das er all seine Hoffnungen setzte: einmal als erster in den Quelltopf einzutauchen und damit die Spektralfarben des Lebens in sich aufzunehmen, endlich gehen zu können, fort von hier in ein Leben wie ... ja wie eigentlich?

Regenbogene Lichtspiele tun gut, und wo Tristesse droht oder schon herrscht, geben die Farbtupfer dem Leben Hoffnung. Eine ganze Branche lebt von diesem Effekt: die Werbung. Mit Bildern von schönen, schlanken, jungen Menschen vor mondänen Kulissen zeichnet sie Bilder von den Sehnsüchten des Lebens und plakatiert sie an tristen Einfallstraßen, auf denen Pendler zur Arbeit in die Stadt fahren.

Der Fernsehbildschirm sendet seine Lichtspiele in die Wohnzimmer und transportiert eigentümliche Bilder vom Leben, so wie es ist, rund um den Globus, und lässt - sozusagen im Kontrast zu den Nachrichtenbildern, Bilder entstehen, wie das Leben sein sollte: Von guten Zeiten und schlechten Zeiten, mehr oder weniger erlaubten Liebesgeschichten, Kliniken, wahlweise im Schwarzwald oder in Berlin Mitte mit dem dazugehörigen Personal, seinen Sorgen, Nöten und Erfolgsgeschichten.

Je länger man sich in die Lichtspiele dieses Wunderteiches vertieft, desto genauere Konturen scheinen die Bilder vom Leben anzunehmen.

Nehmen wir die täglichen Seifenopern: Dort trägt man natürlich die neueste Mode, sagen wir H&M. Natürlich haben alle schwere Sorgen, schließlich treibt mindestens eine Intrigantin in der Nachbarschaft ihr Unwesen. Darüber kann man sich aber meist dadurch hinwegtrösten, dass man "super Modeljobs" angeboten bekommt oder als Juniorpartner in eine Künstleragentur einsteigt. Wer nicht spätestens mit 19 sein eigenes Szene-Café aufgemacht hat, wer nicht alle paar Wochen die ganz große neue Liebe trifft, ja, der sollte sich langsam Gedanken machen, ob er im Leben nicht etwas dramatisch falsch macht.

Je nach Geschmack und Geburtsdatum lassen sich die Lichtspiele vom Leben auch in Forsthäusern, Landarztpraxen, bei Autobahnpolizisten oder in den diversen Schulen, die unser Lehrer Dr. Specht beglückt hat, beobachten.

Das alles sind freilich willkommene und entspannende Ablenkungen, gegen die ja gar nichts einzuwenden ist. Was aber, wenn sie zur Oberfläche eines Wunderteiches werden, von dem schließlich die Bilder vom Leben ganz und gar bestimmt werden? Nicht auszuschließen, dass jemand, dem diese Lichtspiele ganz zum Maßstab eines gelungenen Lebens werden, selber Lähmungserscheinungen entwickelt. Wenn sich nämlich die Leitbilder hinreichend weit vom eigenen, wirklichen Leben entfernt haben, dann schwindet der Mut, es überhaupt zu versuchen.

Bleibt die Flucht in die Welt der Bilder und die Hoffnung, der Wunderteich würde sich einmal wieder bewegen, und dieses Mal würde ich es sein, der zuerst eintaucht und von der neuen Welle zu einem ganz neuen Leben emporgtragen wird.

Unsere Fernsehanstalten sind klug genug, ihre Zuschauer mit fein dosierten Wundergeschichten an diesen Wunderteich zu binden. Man kann durch Wissen und etwas Glück regelmäßig Millionär werden. Provinzschönheiten werden erst Partysternchen und dürfen uns dann vom Blubb im Spinat berichten. Andere wohnen monatelang in Containern und landen trotz offenkundig unterdurchschnittlicher Begabung einen Nummer 1 Hit.

Das sind wohl genau die Geschichten die den Glauben an den medialen Wunderteich am Leben erhalten: Wenn so einer es schaffen kann, dann könnte die nächste Welle auch mich erfassen und emportragen. Die Scheinwerfer könnten sich auf mich richten und ich würde ... ja was würde ich eigentlich?

Sich auszumalen, welches Leben er dann führen würde, wenn er doch einmal als erster in den Wunderteich gelangte, hatte sich unser Gelähmter wohl schon lange nicht mehr gestattet. Zu fern und zu unmöglich war doch das alles. Als Jesus ihn fragt: Willst du gesund werden?, antwortet er deshalb mit der Aufzählung von Gründen, warum es ja sowieso nicht passieren wird: Weil er nämlich ganz hinten liegt. Jesus sei wohl nicht hinreichend über die Hierarchien hier am Wunderteich informiert. Er habe seinen Platz nun einmal ganz hinten, und es fragt sich, wie nah man am Leben wirklich dran ist, wo einem versprochen wird: bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe.

Zudem habe er niemanden, der ihn im Falle des Falles zum Wasser trüge. Also könne er die Frage nach dem Gesund-Werden doch wohl gar nicht im Ernst diskutieren.

Kann er auch nicht, weil für ihn das Gesund-Werden längst keine Bedeutung mehr hat. Nur noch das In-den-Teich-Gelangen bestimmt das Leben - und die Lichtspiele, die von der Teichoberfäche ausgehen.

Jesus von Nazareth sagt ihm nur einen Satz: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Aber dieser eine Satz ist der Entscheidende, weil er offenbar gleich Mehreres zum Ausdruck bringt: Ja, du hast Recht. Du wirst wahrscheinlich nie als erster in den Teich gelangen. Warum aber wartest du dann darauf? Oder: Worauf genau wartest du, wenn du doch weißt, dass es für dich nicht passieren wird?

Wenn du das aber weißt, dann ist jeder andere Ort besser für dich. Du musst dich von Bildern und Selbstbildern verabschieden, und du kannst tatsächlich nicht wissen, was anderswo auf dich wartet. Was aber kann schlimmer sein, als zu wissen, dass das eine, das dich hier an den verführerischen Wunderteich bindet, nie passieren wird? Wenn es sich so verhält, dann verlasse diesen Ort.

Dass der Gelähmte sich erhebt und genau das tut, was Jesus ihm gesagt hat, wird uns nicht dazu verleiten, Heilung hinge nun allein vom Willen ab. Die Geschichte taugt wohl nicht dazu, die Probleme von Ulla Schmidt zu lösen und den Haushalt des Gesundheitsministeriums zu sanieren, nach dem Motto: Ihr müsst nur wollen. Es gibt Krankheiten, die verlangen alle ärztliche Kunst, und es gibt solche, an denen auch die ärztliche Kunst weiter scheitern wird. Den Kranken einen mangelnden Willen zur Gesundung zu unterstellen wäre herzlos und eben auch falsch.

Aber es gibt auch Lähmungen, die vielleicht nicht am Laufen hindern, aber doch daran, voranzukommen und an Orte zu gelangen, die zu erreichen uns möglich sind. Verursacht können solche Lähmungen dadurch sein, dass einer auf Wunderteiche und ihre Lichtspiele starrt, und, wissend, dass er nie als erster hineingelangen wird, sich doch nicht losreißen kann.

Steh auf, nimm dein Bett und geh, kann es dann nur heißen. Wohin du gehen wirst, kann dir dabei niemand so recht sagen. Eigene Wege, singt Heinz Rudolf Kunze, sind schwer zu beschreiben, sie entstehen ja erst im Geh’n. Aber es werden immerhin eigene sein, und sie werden dich dem Bann entreißen, in den dich Wunderteiche mit ihren Lichtspielen schlagen können.

Wolf Biermann singt zum Thema:
Warte nicht auf bess’re Zeiten, / warte nicht mit deinem Mut, / wie der Tor, der Tag für Tag an des Flusses Ufer wartet / bis die Wasser abgeflossen, die doch ewig fließen.

Warte nicht auf bessre Zeiten. Reiße deinen Blick los von den Lichtspielen der Wasseroberfläche und sieh, ob du nicht anderswo eigene Bilder vom Leben findest.

Unser Gelähmter hat sie gefunden. Na ja, so genau wissen wir das natürlich nicht, aber er ist aus seiner Lähmung gerissen worden. Nach der Weisheit der Bremer Stadtmusikanten dürfte er besseres als den Tod allemal gefunden haben.

Einfach nur ein Happy End folgt seinem Aufbruch allerdings nicht. Natürlich hatte die Heilung von der Lähmung auch einen Haken, denn natürlich war es wieder einmal Sabbat gewesen. Die Debatte ist uns denkbar fern, ob es denn erlaubt sein kann, am Sabbath zu heilen. Wir wollen uns auch davor hüten, leichthin frömmelnde Engherzigkeit für die Einwände verantwortlich zu machen. Damit würden wir nur selbst in die Selbstgerechtigkeitsfalle tappen, die man sprichwörtlich den Pharisäern zuschreibt. Wir könnten aber die Anfrage der religiösen Experten noch einmal anders übersetzen, nämlich: Kann denn diese Heilung mit Gott zu tun haben?

Sie kann. Sie hat mit Gott zu tun. Denn das macht Jesus klar: Wo Heilung stattfindet, bedarf es keiner Absicherung durch Autoritäten, auch nicht durch religiöse. Ja, im Gegenteil: Heilung bedeutet auch immer die Befreiung von solchen Autoritäten, weil es um die eigenen Wege geht. Sie sind schwer zu beschreiben, denn sie entstehen erst im Gehen - aber eben aus den eigenen Schritten.

Geht es darum, sich von Träumen loszureißen? Nein, jedenfalls nicht nunbedingt. Aber um ein Unterscheiden geht es. Erforsche, ob ein Lebenstrraum dich zu einem nächsten Schritt führt oder aber den nächsten Schritt verhindert. Wenn er ihn verhindert, weil der Traum nicht zu deinem wirklichen Leben passt, dann steh auf, nimm dein Bett und geh. Du wirst einen anderen Traum finden. Und wenn der dich dann zu einem nächsten Schritt leitet und zu einem weiteren, dann kann er wie der Wind unter deinen Flügeln sein.

Amen