Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 5,1-9a

Pfarrer Clemens Bittlinger

03.03.2002 in Rimbach (Odenwald)

In den letzten Jahren haben wir, bei unseren Sommerfreizeiten, hin und wieder einen Teil der Sommerferien mit 60 bis 80 Jugendlichen in Norwegen verbracht. Unterhalb von Bergen gibt es ein wunderschönes Freizeitheim, mit einem großen Park, direkt an einem Fjord gelegen, mit acht eigenen Kanus ausgestattet, einer großen Turnhalle und vielen Werk- und Gruppenräumen. Die meiste Zeit haben wir mit den Jugendlichen jedoch in der wunderschönen Natur verbracht. Und wenn man dann so einen ganzen Tag an der frischen Luft aktiv und unterwegs war, dann bekommt das Abendessen einen ganz besonderen Stellenwert. In der Regel haben wir jeden Abend ein kleines aber leckeres Büfett aufgebaut mit Käse, Wurst und Salaten. Vor dem Essen wurde natürlich erst einmal. gebetet. Doch je nach dem wie lecker oder verlockend das Büfett aussah oder roch, mag sich dieses Tischgebet in den Ohren von so manchem Jugendlichen angehört haben wie: "Auf die Plätze, fertig, Amen!", ja man konnte schon während dem Tischgebet beobachten, wie sich einzelne, meist Jungs schon in Position rückten, wie sich die Muskeln anspannten und die Speichelsekretion bereits einsetzte, um beim alles erlösenden "Amen" loszustürzen und sich als erster möglichst viel auf den eigenen Teller zu häufen. Dabei musste ich oft an die von Reinhard Mey so treffend besungene "Schlacht am kalten Büffett" denken: "Das war die Schlacht am kalten Büfett, hier gilt der Mann noch als Mann und Auge um Auge, Aspik um Gelee, hier zeigt sich wer kämpfen kann, hurra, hier zeigt sich wer kämpfen kann ....", kennen Sie doch oder ... Na ja, wir haben am letzten Tag dann den Spies umgedreht, in dem wir ein besonders schmackhaftes und erlesenes Abschlussbüfett aufgebaut haben und dann zu den Jungs gesagt haben: "Heute dürfte Ihr Euch als erste nehmen - Ihr dürft nämlich die Mädchen bedienen..."

"Das war die Schlacht am kalten Büfett..." in der Bibel, genauer gesagt im NT gibt es eine Erzählung die mich immer wieder an diese Situation in Norwegen erinnert. Vor Jerusalem gibt es einen Teich, den Teich Betesda, das heißt: "Jerusalemer Baggersee" - heißt es natürlich nicht, aber so ähnlich wie einen Baggersee kann man sich diesen Teich ruhig vorstellen, nichts besonders, halt so ein großes braunes Schlammloch, je nach Jahreszeit mit mehr oder weniger Wasser gefüllt. Und um diesen Tümpel herum waren fünf Säulenhallen gebaut und dort lagen viele Kranke, Blinde, Lahme und Ausgezehrte. Alle, die dort lagen und lebten warteten auf ein Wunder, denn, so sagte man, von Zeit zu Zeit würde ein Engel Gottes in diesen See hinuntersteigen und das Wasser bewegen und der oder die erste, die dann in diesem Teich wäre, würde gesund werden - phantastisch, stellen Sie sich das einmal vor, einfach so: als erster und im richtigen Augenblick am Wasser sein, rein in die Brühe und weg ist die Krankheit.

Ich glaube, das war eine ziemlich makabre Situation, in der sich die Menschen dort befanden: erstens war sicherlich nicht jede Bewegung in diesem Teich auf einen Engel zurückzuführen, das konnte durchaus auch mal nur eine Windböe sein und zweitens gab es, weil man ja nicht wusste ist es nun solch eine heilsame Bewegung oder nicht, jedes Mal ein wildes Humpeln und Robben, einen absurden Wettlauf mit vielen Verlierern und seiten einem Gewinner. Doch das hatte diese Gemeinschaft gemeinsam, sie waren alle offen, warteten auf ein Wunder, waren offen dafür, dass sie irgendwie an diesem Wunder des Teiches Bethesda teilhaben würden. Doch diese Gemeinschaft hatte keinerlei Verbindlichkeit, denn sobald auch nur der Funke eine Chance bestand, gesund zu werden, war sich jeder selbst der Nächste.

Die biblische Erzählung lenkt nun unsere Aufmerksamkeit auf einen Mann, der seit 38 Jahren gelähmt war und eigentlich überhaupt keine Chance, bei diesem makabren Wettlauf hatte und trotzdem lag er da. Wer schon alles ausprobiert hat, wer seit vielen Jahren krank ist und vielleicht sogar liegen muss, klammert sich an jeden Strohhalm, auch, wenn es völlig absurd und aussichtslos scheint.
Dieser Mann fällt Jesus auf, er bleibt stehen, erfährt wie lange dieser Mann schon krank ist und hört zu, lässt sich seine Geschichte erzählen 38 Jahre Krankheitsgeschichte, wie viel Leid, wie viel Elend kauerte in diesem Moment vor Jesus. Wenn mir jemand seine Geschichte erzählt und wenn es eine schwere Geschichte, voller Trauer, Schicksalsschläge und Krankheit ist, werde ich immer stiller und immer nachdenklicher, werde ich mitunter selber traurig und mutlos, bis wir dann vielleicht in dieser Ratlosigkeit bei einander sitzen und bleiben und erst einmal garnicht mehr reden.
In diese Stille und Ratlosigkeit hinein stellt Jesus dem Kranken eine scheinbar völlig absurde Frage. Er fragt ihn: "Willst Du gesund werden?"

Einschub Text 1:
Was heißt hier eine scheinbar absurde Frage. Die Frage ist absurd. Natürlich will dieser Mensch gesund werden. 38 Jahre liegt er schon da. 38 Jahre, so alt wie ich. Mein ganzes Leben lang krank an diesem Tümpel liegen, dass ist für mich kaum vorstellbar. Doch dieser Mensch hat noch Hoffnung gesund zu werden, sonst wäre er ja nicht solange an diesem Ort des Elends geblieben. Aber, wenn ich es mir recht überlege, kann es auch andere Gründe haben, warum er da geblieben ist. Will er wirklich gesund werden?

Betesta heißt ja Ort der Gnade. Betesta heißt Ort der Gnade. Gnade bedeutet soviel wie Geschenk.
Ein Geschenk gefüllt mit Liebe, die mich als Mensch wahrnimmt. Gefüllt mit Händen, die mich berühren, mich tragen. Gefüllt mit Zeit, denn mein Leben ist wichtig und einmalig. Das mag jetzt lächerlich klingen , nach allem was wir über diesen Tümpel wissen. Doch ist es nicht Gnade, ein Geschenk wenigstens in einer Gemeinschaft zu leben?..... Diese vielen kranken Menschen haben einander wahrgenommen, sie haben sich ihr Leid, ihre Ängste und Hoffnungen mitgeteilt. Zwischen ihnen herrscht Offenheit, sie wissen übereinander Bescheid. 364 Tage im Jahr leben sie so als tragende Gemeinschaft. Soll sich der Kranke also bewegen, wegen einem Tag im Jahr all das aufgeben. Da ist es doch einfacher alles so zu belassen.
Also doch nur eine scheinbar absurde Frage: Willst du gesund werden?

Eine Zumutung, diese Situation. Eine Zumutung, diese Frage: "Willst Du gesund werden?", aber wann immer Jesus diese Frage gestellt hat oder stellt, meint er mit "gesund" weit mehr, als: "Willst Du wieder gehen können?" Das muss der Kranke irgendwie gespürt haben, denn er antwortet nicht sofort mit "Ja" oder "Nein", sondern er sagt: "Herr ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser in Bewegung kommt, in den Teich trägt - bis ich dort unten angekommen bin, sind die ersten schon zwei Runden geschwommen, alleine habe ich keine Chance...- die Verbindlichkeit unserer offenen Gemeinschaft hier rund um den Teich Bethesda zerbricht in dem Moment, wo die Chance besteht an diesem Wunder teilzuhaben. Sobald sich das Wasser bewegt ist jeder sich selbst der nächste, setzt sich die rücksichtslose Ellenbogengesellschaft wieder durch.

"Willst Du gesund werden?" - Krank sind sie alle, die da um den Teich Bethesda lagern, körperlich krank, aber auch, und. das macht die Situation dieses Mannes so aussichtslos, krank in den Herzen und Köpfen. "Herr ich habe keinen, der mich trägt..." kurz und knapp, eine Beschreibung unserer Gesellschaft - wir sind die Kranken, die ErfolgsBlinden, die Lahmen, wenn es darum geht anderen zu helfen, wir sind die Ausgezehrten, ausgelaugt von dem Geld, dem wir tagtäglich hinterher laufen. Wir sind die Wohlstandskrüppel der modernen Gesellschaft und jeder und jede von uns hat so einen braunen Teich auf den wir starren und von dem wir alles, aber auch im Grunde nichts mehr erwarten. Diese braune Brühe kann bei jedem und jeder von uns anders aussehen, der eine ist fixiert auf den Erfolg, auf seine Karriere, die andere starrt auf ihre Rente ("wenn ich erst mal nicht mehr arbeiten muss. "), wieder andere sparen und starren auf ein eigenes Haus, ein neues Auto oder sechs richtige im Lotto (Witz: Wann beginnt das Leben) - alles gute und wichtige Dinge, die uns das Leben bereichern, aber wenn das das einzige ist worauf wir unser Leben konzentrieren, dann liegen wir mitten im Siechtum am Teich Bethesda und müssen ausgezehrt gestehen: "... ich habe keinen, der mich trägt, ich fühle mich manchmal so leer..". Bei den meisten von uns, hat dieser braune Teich mit Geld zu tun. Stellen Sie sich mal an den Ausgang einer Bank und beobachten Sie wie die Menschen da rein und rausgehen, das erinnert an einen Gottesdienst und dazwischen ist immer die Textlesung, Predigt, denn je nachdem was auf den Kontoauszügen steht, ziehen die Menschen erhobenen oder gebeugten Hauptes aus dem Mammontempel, Kyrie und Gloria. Geld spielt in unserem Leben einfach eine zu große Rolle und viele macht die Sehnsucht nach mehr und mehr Geld krank, kaputt und einsam. Wo ich mir scheinbar jede Dienstleistung kaufen kann, brauche ich ja auch keinen mehr, der mich trägt. Der hämische Satz: "wenn jeder an sich selbst denkt, ist auch an alle gedacht..." wird zur Verhöhnung des Menschen, der sich gar nicht mehr selbst helfen kann und dessen Heilung bereits mit dem Satz beginnen könnte: "Ich brauche einen Menschen, der mich trägt ... unsere Heilung, die Abkehr von unserem krankhaften Egoismus könnte mit der Erkenntnis beginnen: "Ich brauche einen Menschen, der mich trägt..." Und dieser Mensch steht nun vor diesem Kranken, dieser Mensch steht vor uns heute morgen: Jesus, er hat zugehört, er kennt unser Elend und er sagt: "Steh auf, nimm Dein Bett und geh!"

Wahnsinn, was für ein Moment, was für eine Zumutung. Durch wie viele Wände und Nebel der Einsamkeit und Frustration von 38 Jahren Krankheit muss dieser Satz Jesu bei dem Kranken dringen, bis er ihn tatsächlich hören und verstehen kann: "Ja, ich bin gemeint - ich soll, darf aufstehen, zum ersten mal, nach 38 Jahre alleine aufstehen, mein Bett nehmen und gehen."
Durch wie viele Wände und Nebel von negativer Erfahrung mit Menschen, und wohl auch mit der Kirche muss dieser Satz Jesu bei uns dringen, bis wir ihn tatsächlich hören und in Bewegung kommen: "Ja, ich, ich bin gemeint, nicht meine Nachbarin, nicht mein Hintermann, sondern ich darf, soll aufwachen, aufstehen und neu beginnen zu leben."

Einschub Text 11
Steh auf! Was, du meinst mich? Jetzt sofort! Nein , das geht nicht. Nach 15 Ehejahren könnte es auch schlechter sein, wir reden ja noch mit einander. So ein bißchen frischer Wind würde gut tun; doch es läuft ja alles so sein Gang. Es ist einfacher so.

Steh auf! Was, du meinst mich? Jetzt sofort! Nein, das geht nicht. Es wäre natürlich schöner, wenn wir mit unserem Nachbarn wieder ganz unkompliziert reden könnten. Aber er war es ja der sich über die lärmenden Kinder beschwerte und die bösen Briefe schrieb.
Mittlerweile haben wir uns an den Abstand gewöhnt und leben auch so.

Steh auf! Was, du meinst mich? Jetzt sofort! Nein, das geht nicht. Natürlich habe ich mir mein Leben oft ganz anders vorgestellt, ich habe viele Träume gehabt, doch die Familie hatte immer Vorrang. Ich habe Rücksicht genommen. Manchmal träume ich noch, doch jetzt bin ich zu alt.

"Steh auf, nimm Dein Bett und geh!
... ich würde ja gerne,
aber ich habe Angst.
Kann ich meinen Beinen trauen?
Kann ich meiner Sehnsucht, meinen Träumen trauen?
Kann ich Jesus vertrauen?
Wer fängt mich auf, wenn ich hinfalle?

Ganz von Ferne höre ich:
ich bin gemeint.
"Steh auf und geh"

Ganz tief in mir spüre ich:
Mein Herz sagt: Ja

Ich,
Ich?
Ich traue mich ...

"Steh auf, nimm dein Bett und geh!" Jesus möchte unseren Blick weglenken, weg von dem worauf alle starren, weg von dem, was mich runterdrückt und fesselt hin zu dem, was sein könnte, was mich belebt und inspiriert, hin zu einem neu erwachten, verbindlichen Lebensstil, offen für mich, selbst, meine Träume und Fragen, offen für andere, die mit mir unterwegs sein wollen und unterwegs sind.

Das könnte sein, das könnte auch ganz klein anfangen: weg vom Fernseher hin zu dem Gesicht des Menschen, der mir nahe sein möchte, weg von den vielen Fragen und Selbstzweifeln hin zu einem schönen Buch, das mich auf andere Gedanken bringt.
Das könnte sein: weg von den quengelnden Selbstgesprächen hin zu einem Gebet: "Danke Jesus, dass Du mich nicht vergessen hast, danke, dass Du nach all den Jahren immer noch und immer wieder da bist, stehen bleibst und mir zuhörst. Danke, dass Du mich wachrüttelst. Bitte hilf mir neu und wach zu leben!"

Amen

"Steh auf, nimm dein Bett und geh!"
Weil der Kranke offen war für die Worte und Gegenwart Jesu konnte er gesund werden und gemeinsam mit vielen sich auf den Weg machen, konnte er aufbrechen aus der unverbindlichen Zweckgemeinschaft der vielen Kranken hinein in die Verbindlichkeit von Schwestern und Brüdern der christlichen Gemeinde. Komm und folge Jesus nach!

"Wir wollen aufstehn, aufeinander zu gehen, von einander lernen miteinander um zu gehen"
haben wir vorhin gesungen. Der Geist und die Gegenwart Jesu belebt, beflügelt und begleitet uns, wenn wir diese Wege gehen. Er führt und stellt uns in einen großen, weiten Raum, in den Freiraum seiner Liebe, dort werden wir die Ohren "frei bekommen", um das leise "ich brauche einen Menschen" anderer zu hören. In diesem weiten Raum werden wir aber auch selbst offener und verbindlicher auf andere zugehen und uns trauen es zu sagen: "Ich brauche einen Menschen..."

Amen