Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Johannes 6, 1-15

Vikarin Anne-Berit Fastenrath (ev)

17.04.2015 in der evangelischen Kreuzkirchengemeinde in Bonn

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

             

Langsam wird es ruhig hier am See Tiberias. Alle sind müde.

Den ganzen Tag sind wir Jesus gefolgt. Wir wollten hören, was er zu sagen hat.      Ihn einmal nur sehen. Aber darüber  haben wir die Zeit vergessen. Nun ist es zu spät, um vor der Dunkelheit noch nach Hause zu kommen. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als hier zu übernachten. Langsam setzen sich die Menschen. Sie können nicht mehr stehen. Es sind so viele. Vielleicht 4000, vielleicht 5000.

Ich kann es nicht sagen. Auf jeden Fall habe ich noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen. Und irgendwo in der Menge habe ich meinen Freund verloren.

Wir sind zusammen aus unserem Dorf gekommen. Ich weiß nicht, wie ich ihn

zwischen all den Menschen finden soll.

Langsam steige ich über Beine und an Sitzgruppen vorbei, als ich jemanden

rufen höre. Ist es mein Freund? - Nein! Die Begleiter von Jesus rufen da.

Aber ich kann noch nicht verstehen, was sie wollen.

Da kommen sie näher:

„Hat jemand etwas zu essen dabei? Irgendjemand?“

Ja, ich habe etwas zu essen dabei.

 Meine Mutter hat uns, meinem Freund und mir, als wir uns verabschiedet haben 5 Brote und 2 Fische mitgegeben. Es sollte für uns beide für heute Abend

und den Heimweg reichen. 5 Brote und 2 Fische sind da gar nicht so viel.

„Hat jemand etwas zu essen dabei? Irgendjemand?“, höre ich

es wieder. Neben mir schreit ein kleines Kind. Ich schaue mich

genauer um. Niemand rührt sich. Haben sie denn alle nichts zu essen mitgenommen?

Ich muss überlegen.

 

Auf dem Frühstückstisch liegt die Tageszeitung.

Tom schenkt sich einen Kaffee ein und liest die Titelstory.

200 Flüchtlinge sollen in den nächsten Tagen in seinem Ort untergebracht werden. Wie bitte? Wo sollen die denn hin? Es gibt hier doch gar keinen Platz.

Ah, da steht es ja. Sie sollen in einem Hotel leben.

Einem Hotel? Tom dachte, das sind Flüchtlinge.

Warum dürfen die denn in einem Hotel schlafen?

 Wenn man kein Geld hat, kann man sich ja wohl kaum ein

Hotelzimmer leisten. Und dann sind die ja auch noch mitten im Ort.

200 fremde Menschen ohne Geld mitten in seinem Ort.

Das kann ja wohl nicht deren Ernst sein?

Das entscheiden die da in der Politik einfach über seinen Kopf hinweg.

Tom versteht die Welt nicht mehr. Hier ist kein Platz und hier ist kein Geld.

Die können doch nicht einfach denken, dass hier Milch und

Honig fließt und alle für sie bezahlen.

Tom hat selbst nicht viel. Es fällt ihm schwer, seinen Lebensstandard halten zu können. Er hat das Gefühl, dass das niemanden interessiert.

Um ihn, den kleinen Mann, sorgt sich keiner, obwohl er die

Armutsgrenze immer weiter auf sich zu rücken sieht. Er

hat sogar schon davon gehört, dass manche von den

Flüchtlingen in eigenen Häusern leben und Smartphones

haben. Er selbst aber kann sich gerade mal so eine Mietwohnung leisten.

Tom schäumt vor Wut.

 

 

Da zwischen all den Menschen habe ich tatsächlich meinen Freund entdeckt.

Was der wohl dazu sagt, wenn ich unser Essen weggebe? Ich frage ihn mal.

Aber ich denke nicht, dass ihm das etwas ausmacht. Er ist ja mein Freund.

Doch! - ihm macht es etwas aus:

„Schwachsinn!“, ruft er, „Lass das sein!

Du musst dich zu aller erst um dich selber kümmern!

Was geht es dich denn an, dass andere Hunger haben?

Selbst Schuld sind sie daran, selbst Schuld! Du hast dir doch auch

Essen mitgenommen. Warum konnten Sie das nicht?

Selbst schuld sind sie. Sie konnten ja auch bis hierher kommen.

Bis zum See Tiberias. Hätten sie eben nicht kommen sollen, wenn

sie selber nichts haben. Hätten sie eben zu Hause bleiben sollen.

Lass dir nichts wegnehmen! Nichts! Pass auf deine Sachen auf.“

Sprachlos blicke ich in das böse Gesicht meines Freundes.

 

Tom hat sich den Artikel genau durchgelesen.

Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, steht da. Kleidung, Spielzeug,

Lehrerinnen und Lehrer, um beim Deutschlernen zu helfen, Sportvereine,

die die Kinder kostenlos mittrainieren lassen und so weiter, und so fort.

Er soll jetzt noch geben und mit denen teilen, obwohl er selbst so wenig hat?

Nein, da macht er nicht mit. Was seine Freunde wohl dazu sagen?

Er schaut auf Facebook nach. Die Neuigkeiten sind voll mit den Einträgen seiner Freunde und Bekannten. Sie wollen eine Protestaktion organisieren.

Sie wollen die Flüchtlinge nicht hier in ihrem Ort haben.

Richtig so. Heute Abend treffen sie sich alle. Da wird er auch hingehen.

Doch kurz bevor er sich bei Facebook ausloggen möchte,

sieht er noch einen Eintrag von einer Bekannten. Lange schon hat er nicht mehr mit ihr gesprochen, aber früher haben sie sich immer gut verstanden. Haben über die gleichen Sachen gelacht, haben zur gleichen Musik getanzt. Doch jetzt ist er  ganz erstaunt! Sie schreibt: „Menschen, die ihre Heimat  verloren haben, verdienen zu aller erst etwas Frieden und andere Menschen, die ihnen helfen, Ruhe zu finden.“

Tom hält inne. Mitten zwischen all den Nachrichten, die sich gegen die Flüchtlinge aussprechen, steht das. Menschen verdienen Ruhe. Menschen verdienen Frieden. Menschen verdienen Menschlichkeit.

Was will die denn?

 

„Hat jemand etwas zu essen dabei? Irgendjemand? Hej, kleiner

Mann, hast du vielleicht etwas zu essen bei dir?“.

Einer der Freunde Jesu spricht mich an. Wie viel kann ich geben? Ich habe es mir überlegt. Es bringt ja nichts, wenn nur ich satt bin und alle anderen nicht.

Ich möchte gerne mein Essen teilen. Ich habe mir auch überlegt,

ob ich wirklich alles geben soll. Vielleicht  nur 4 Brote und einen 1 Fisch?

Vielleicht hat mein Freund ja doch zumindest etwas recht.

Das könnte doch auch genügen – 4 Brote und 1 Fisch -  und ich hätte

noch was zur Sicherheit für mich. Aber nein, es sind so viele hungernden Menschen hier – ich gebe alles. Am Ende werde ich schon genug bekommen, damit auch ich satt bin.

„Hier, nimm das“, sage ich, „es ist nicht viel, aber vielleicht  hilft es ja, wenn ihr noch mehr Menschen findet, die Essen  dabei haben.“ Ich begleite die Männer auf der Suche nach noch mehr Essen. Aber wir finden niemanden, der etwas hat oder vielleicht will auch sonst niemand teilen. Also bringen wir die 5 Brote und 2 Fische zu Jesus. Jetzt bin ich allerdings ratlos. Wie soll das für so viele Menschen reichen? Es wäre einfacher gewesen, hätte jeder was gegeben. Aber ich vertraue Jesus.

 

 

Tom fährt zu dem Treffen, das seine Freunde auf Facebook organisiert haben. Sie wollen ja die Protestaktion planen, damit die Flüchtlinge wieder aus ihrem Ort verschwinden. Er fährt zu dem Treffen, aber er kommt nicht an. Er fährt einfach

daran vorbei. Ihm wollen diese Worte nicht aus dem Kopf gehen: Menschen verdienen Ruhe. Menschen verdienen Frieden.

Menschen verdienen Menschlichkeit. Tom ist hin und her gerissen. Wenn er nicht zu dem Treffen geht, wird er viele Freunde verlieren. Wenn er nicht zu diesem Treffen geht, ja, was ist dann? Menschen verdienen Menschlichkeit.

Kann er das leisten? Weiß er denn, was das bedeuten soll?

Er spürt, dass es heißt, etwas von sich zu geben. Nichts Materielles, sondern etwas, was in ihm ist. Wie viel wird das sein? Wird er dabei gewinnen oder verlieren?

Er hat Angst, sich aufzugeben. Er weiß nicht, wie er als kleiner Mann all den Menschen helfen sollte. Wunder kann er keine vollbringen. Vielleicht wäre es einfacher, nichts zu geben und doch zu dem Treffen zu fahren.

 

Ich bin so satt! Zufrieden schaue ich mich um. Ein paar

Menschen sind noch am Essen. Es ist so viel, dass wir gar nicht alles essen können. Ganze Körbe von Brot und Fischen sind noch übrig. Ich weiß nicht, wie

Jesus das gemacht hat. Schließlich sind hier 5000 Menschen  und es gab nur

meine 5 Brote und 2 Fische. Es ist wirklich ein Wunder!

Ohne Jesus hätten wir die Nacht über hungern müssen. Ich werde wohl nie herausfinden, wie Jesus das vollbracht hat, aber es hat mich nicht nur satt, sondern

auch froh gemacht.

Froh darüber, dass ich alles gegeben habe und nichts von mir zurückgehalten habe. Jetzt bin nicht nur ich satt, sondern das hat mit Jesu Hilfe sehr viele Menschen satt

und froh gemacht.

 

Tom ist mit seinem Auto stehen geblieben. Irgendwo. Er

weiß es nicht. Er weiß nicht, was er tun soll. Sein Kopf ruht

auf dem Lenkrad. Er muss nachdenken. Wie viel kann er geben?

Er muss noch überlegen.

Das Radio läuft. Marteria singt:

Denn wir leben auf einem Blauen Planeten
Der sich um einen Feuerball dreht
Mit 'nem Mond der die Meere bewegt
Und du glaubst nicht an Wunder
Und du glaubst nicht an Wunder

Und ein Schmetterling schlägt seine Flügel
Die ganze Erdkugel bebt
Wir haben überlebt
Und du glaubst nicht an Wunder
Und du glaubst nicht an Wunder.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsre Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 


 


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