Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 6,47-51

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

25.03.2001 in der Offenbarungskirche, Berg-am-Laim, München

"Ich versichere euch: wer mir vertraut, wird ewig leben. Ich bin das Brot, das Leben schenkt. Eure Vorfahren aßen das Manna in der Wüste und sind trotzdem gestorben. Wer aber von dem Brot ißt, das vom Himmel kommt, wird nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Jeder, der von diesem Brot ißt, wird ewig leben. Das Brot, das ich ihm geben werde, ist mein Leib. Ich gebe ihn hin, damit die Welt lebt."

Jesus weiß um die Sehnsucht der Menschen nach dem ewigen Leben. Er nimmt die Wünsche der Menschen ernst. Ja, er versteht sie und versucht sie zu beantworten, in dem er den in seinen Wünschen und Vorstellungen gefangenen Menschen zu einer neuen Erkenntnis über sich und sein Leben in der Welt führt.

Wir selbst fühlen uns durch Jesus Wort, vermittelt durch die Bibel, angesprochen. Wir begreifen die Fragen die Menschen immer von neuem bewegen. Dazu gehört die Frage nach dem ewigen Leben. Ja, ewig möchte der Mensch leben, weil er in sich diese Sehnsucht verspürt und sich des Lebens erfreut. Er will nicht sterben, sondern leben. Aus diesem Grund ist der Mensch bereit, Kraft, Zeit und Geld aufzuwenden, um das Mittel zu finden, mit dem er ewig Leben kann. Bereits im uralten Gilgamesch-Epos wird vom Kraut des Lebens gesprochen, das die Schlange frißt und somit den Menschen die Chance auf das ewige Leben nimmt. Im Mittelalter wird vom Jungbrunnen erzählt, dessen Wasser alte Menschen wieder jung macht. Solche konkreten Heilmittel wünscht sich der Mensch, um ewig leben zu können. Die Suche nach lebensverlängernden Mittel geht weiter. Der Mensch hat inzwischen eine Verjüngungsindustrie aufgebaut, die Natursäfte zur Stärkung der körperlichen Vitalität liefert. Die Fitness-Centren laden ein, den Körper durchzutrainieren, um den Alterungsprozeß aufzuhalten. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur darf es nicht zu der einzigen Sorge und damit zu dem Lebensinhalt des Menschen werden. Viele erkennen, daß die Natursäfte und die Fitness-Studien nicht ausreichen, um ewige Lebens zu verwirklichen. Die ärztliche Kunst richtet immer mehr ihre Forschung aus, Leben zu verlängern. Der medizinischen Technik ist es gelungen durch Organtransplantation kranke Organe zu ersetzen und somit Menschen wieder lebensfähig zu machen. Auch wird versucht, was schon in der Antike ersehnt wurde, den Kopf eines älteren Menschen auf den Körper eines jüngeren zu setzen, um mit der Kraft des jungen Körpers weiterleben zu können. Die Sehnsucht des Menschen nach ewigen Leben ist groß.

Doch das bisher in der Medizin erforschte reicht nicht aus, um den Tod zu überwinden und ewiges Leben zu ermöglichen. Wir wissen, daß viele Menschen bereits mit einem zweiten Herzen leben. Sie freuen sich darüber. Doch manche bemerken, daß sie sich zwiespältig fühlen. Sie spüren in ihrem Körper ein fremdes Körperteil. Deshalb fühlen sie sich belastet. So erscheint es, daß die Organtransplantation nicht die Lösung des Problems nach ewigem Leben ist. Jetzt wird die ganze Hoffnung auf die Genforschung geworfen. Mit Hilfe des Klonens glauben manche, eine neue Möglichkeit gefunden zu haben, um dem Wunsch nach ewigem Leben näherzukommen. Es besteht vielleicht die Möglichkeit, daß jeder sich in seiner Art und Weise durch Klonen fortpflanzen, besser gesagt fortsetzen, kann. Der menschliche Geist wird weiterforschen, um sein Ziel, das ewigen Leben zu erreichen.

Jesus weiß um diese menschlichen Gedanken. Er nimmt sie ernst und verwirft sie nicht. Auf seine Art und Weise spricht er mit dem Menschen, um mit ihm die Lösung zu finden. Doch Jesus weiß auch, daß der Mensch in seinen Wünschen maßlos ist. Es sind diese Wünsche, die alles haben wollen und niemals zufrieden sind. Auch eine Million Mark reicht einem Menschen nicht aus. Aus diesem Grund antwortet Jesus. "Was hilft es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele." Mit dieser Aussage bringt er alles auf dem Punkt. Der Mensch lebt nicht für seinen Körper und auch nicht für seine Träume und Wünsche. Vielmehr sehnt er sich nach der Ganzheit, die Körper, Geist und Seele umfaßt. Das Verhältnis des Menschen zu sich wird durch eine geistige Kraft, die seine Seele ausfüllt, bestimmt. Die Seele ist nicht etwas Unkonkretes, sondern die Lebenskraft, die den Menschen geistlich erfüllt und nach vorne weist. Ja, sie macht ihn offen für Gott, den Ursprung allen Lebens.

Jesus weiß, daß der Mensch in seiner Sehnsucht nach dem ewigen Leben eigentlich das sucht, was seine Seele geistlich mit Leben erfüllt. Es kann nichts Materielles sein, sondern eine geistliche Kraft, die ihm sein Leben erschließt und ihm den Lebenshorizont öffnet, so daß er lebensfroh werden kann. Es geht um das Einverständnis mit dem Ursprung des Lebens. Darin liegt seine Sehnsucht nach Gott, dem Ursprung und der Erfüllung des Lebens. Diese Sehnsucht nach echtem Leben gilt es zu stillen.

Jesus will diese Sehnsucht des Menschen zufriedenstellen. Ja, er kann dies, weil er der Offenbarer Gottes ist. Er spricht ganz offen.: "Ich versichere euch-. wer mir vertraut, wird ewig leben. Ich bin das Brot, das Leben schenkt." Menschen kommen zu Jesus im Vertrauen und auch mit Glauben, um sich Hilfe geben zu lassen. Sie lassen sich auf Jesus Wort und Person ein. In diesem Einverständnis von Glaube, Erwartung und erhoffter Hilfe, sagt Jesus. "Ich bin das Brot, das Leben schenkt."

Menschen denken gegenständlich und konkret. Sie erwarten sich konkrete Hilfe. Deshalb verstehen sie Jesus Wort vom Brot im wörtlichen Sinn. Es geht ihnen darum etwas zu essen zu bekommen, um nicht sterben zu müssen. Jesus versteht dieses sachliche, konkrete Denken und er weiß, daß sich seine Zuhörer an die Speisung durch das "Manna", das Gott dem wandernden Volk durch die Wüste gegeben hat, errettet fühlten und nicht Hungers starben. Doch Jesus macht sie aufmerksam, daß es nur eine Speise für den Tagesbedarf gewesen ist und nicht für das ewige Leben. Gott hat den Menschen das tägliche Brot gegeben, wie im Vaterunser gebetet wird. Es ist nicht das Brot des Lebens gewesen. Deshalb sind die Menschen auch gestorben, so wie alle Menschen nach ihrer Zeit sterben.

Jesus weiß dies und möchte nun seine Zuhörer gedanklich und wissentlich weiterführen. Es muß mehr sein als das lebensnotwendige Brot. Es muß den Menschen mit Sinn erfüllen und ihn erahnen lassen, daß er von einer Kraft her lebt, die ihn gewollt hat, die ihn befähigt und die ihn trägt. Es ist diese Gotteskraft, die die Seelenkraft des Menschen erfüllen möchte. Auf sie muß der Mensch hingewiesen werden.

Der Mensch ist ein Wesen, daß sich immer bewußt ist, daß er in zwei Dimensionen lebt. Er blickt zum Himmel, um Kraft für das irdische Leben zu bekommen. Jesus weiß um diese Sehnsucht und bringt die Erfüllung. "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist." Damit gibt sich Jesus zu erkennen, wer er ist. Er ist vom Himmel gekommen. Dies beschreibt das Johannes Evangelium: "Das Wort ward Fleisch." Gott selbst wird in Jesus Mensch, um mit den Menschen ernsthaft über die Lebenskraft, das ewige Leben, zu sprechen und sie ihm zu bringen. "Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Jeder, der von diesem Brot ist, wird ewig leben."

Ein Wort, das zur Erfahrung einlädt und mit dem Erfahrungen gemacht werden soll. Das Wort trägt und ist eine Lebenskraft, die Hoffnung weckt. Ja, die den Menschen ermutigt, sein Leben ernsthaft aus dem Willen Gottes und nach seinen Geboten zu führen. Das Wort Gottes wird verkündigt und den Menschen als Lebenskraft zugesprochen. Es ist das Wort der Liebe. Dieses Wort wird auch durch ein sichtbares Zeichen unterstrichen: das Brot, das über sich hinausweist auf die Lebenskraft Gottes. Jesus hat mit seinen Jüngern und den Menschen gegessen und zum Abendmahl eingeladen. Doch es war mehr als nur essen, daß die Gemeinschaft Jesu bestimmte. Es war das Wort, die Botschaft von Gott, von der Lebenskraft ausging und die Menschen mit Leben erfüllte. Das Wort verdrängte nicht ihre Alltagssorgen, sondern führte sie über sie hinaus zum Leben mit den Menschen, so wie es Jesus tat.

Von daher versteht sich Jesus als das Brot des Lebens. Er schenkt sich den Menschen in Brot und Wein. Er wendet sich der menschlichen Seele zu.

Martin Luther hat das Abendmahl im Kleinen Katechismus für die Gläubigen ausgelegt: "Was nützt denn solch Essen und Trinken: Das zeigen uns diese Worte: Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden; nämlich, daß uns im Sakrament Vergebung, der Sünden, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit."

Luther hilft dem Gläubigen, das Bibelwort. "Das Brot, das ich ihm geben werde, ist mein Leib. Ich gebe ihn hin, damit die Welt lebt" zu verstehen. Mit dieser Auslegung erschließt sich Jesus Tun und sein Opfer für die Menschen. Es ist eine Tat für suchende und glaubende Menschen, die nach dem ewigen Leben fragt. Jesus nimmt den Glaubenden in die Gemeinschaft Gottes hinein und eröffnet ihm eine neue Lebensperspektive. Denn im Abendmahl geschieht die innigste Gemeinschaft zwischen Jesus und dem Menschen. Jesus bejaht den Menschen und stärkt damit seine Seele und seine Lebenskraft.

Aus diesem Grund lädt Jesus zum Abendmahl alle Menschen ein. Denn es ist mehr als ein bloßes Essen und Trinken, sondern von ihm geht Jesus Geist aus, der Gott als Gott der Liebe offenbart hat. Es ist eine Gottes Kraft als Lebenskraft. Wer dies im Glauben annimmt, der hat das ewige Leben, die Gemeinschaft mit Gott, bereits jetzt.