Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 6,55-65

Nikola Schmutzler (ev.-luth.)

03.04.2011 in der Emmauskirche Leipzig-Sellerhausen

Lätare

(Bemerkung: Bei der Begrüßung habe ich den Namen des Sonntags Lätare-Freut euch! erklärt.
Als Predigtlied wurde EG 382 "Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr" gesungen.)

 

 

 

 

Joh 6,55 Jesus sprach: Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. 56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. 57 Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die das Brot gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. 59 Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. 60 Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören? 61 Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch das? 62 Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? 63 Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. 64 Aber es gibt einige unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten und wer ihn verraten würde. 65 Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei denn, es ist ihm vom Vater gegeben.

 

Liebe Gemeinde!

„Ich habe dich zum Fressen gern.“ Haben Sie das schon einmal gesagt, oder wurde Ihnen das schon einmal gesagt? „Ich habe dich zum Fressen gern.“ sagt man, um deutlich zu machen, dass man jemanden besonders gern hat, es bezeichnet eine besondere Zuneigung.

Aber im Fall von unserem Predigttext scheint es doch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen, wenn Jesus sagt: „Habt mich zum Fressen gern.“ Und es dann auch noch so plastisch, drastisch ausdrückt.

Mein Fleisch essen, mein Blut trinken. Dazu kommt, dass das Wort, das hier für essen steht, vulgärgriechisch ist und getrost mit „nagen, zerbeißen“ oder „fressen“ übersetzt werden kann. „Zernagt mein Fleisch, zerbeißt es, fresst es!“ Plötzlich kommt uns eine andere Dimension dieses geflügelten Wortes in den Sinn – der Wolf bei Rotkäppchen oder die Hexe bei Hänsel und Gretel, die die Kinder zum Fressen gern haben. Eine bedrohliche Dimension. Hat das noch etwas mit Zuneigung zu tun? Vielleicht mit zuviel Zuneigung, wenn ich mir jemanden einverleiben will, ihn oder sie nicht mehr hergeben will, unter keinen Umständen.

Ist es vielleicht das, was Jesus meint? Trinkt mein Blut, fresst mein Fleisch, verleibt mich Euch ein, damit ihr mich nicht mehr hergeben könnt – unter keinen Umständen? Es heißt ja im Text: Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich in ihm.

Nun ja, zumindest das Blut trinken ist wieder modern. In Büchern und auf der Kinoleinwand tummeln sich Vampire, alle jugendlich frisch und es geht dabei natürlich um Liebe.

Aber bei Jesus geht es nicht nur um Liebe, es geht um Leben.

Es ist eigentlich eine schauderhafte Vorstellung, dass, damit wir Leben können, andere sterben müssen. Bei Pflanzen mag das noch angehen. Da klingt das zum Teil sogar romantisch, wie bei dem Weizenkorn, was wir im Evangelium gehört haben und auch vorhin gesungen haben: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Bei Pflanzen also ok.

Und wir lassen uns das gerade noch bei Tieren gefallen, (außer die Vegetarier) – aber ein Mensch? Muss das sein? Geht es nicht ohne so ein Opfer? Das Christentum ist doch keine grausame Religion, es ist doch die Religion der Liebe!  

Wir sind nicht die Ersten, die das fragen. Schon die Zuhörer Jesu damals sagten: Das ist eine harte Rede, wer kann sie hören? Und wenn wir im Kapitel weiterlesen würden steht da: Und viele wandten sich von ihm ab.

Aber wie kommt Jesus überhaupt darauf, so etwas zu sagen, so etwas zu lehren? Moment, können wir jetzt als geübte Gemeindeglieder sagen, dieses Jesuswort zielt doch ganz klar aufs Abendmahl ab. Wir wissen das. Damit nehmen wir dem Text die Schärfe, wir machen ihn für uns zumutbar, erträglich, – farblos und gefahrlos; denn, wenn das alles nur symbolisch gemeint ist, dann sind auch die Konsequenzen, die für mich daraus folgen weniger real und mehr symbolisch.

Auch die Auflösung, die Jesus seinen Jüngern bietet, geht doch in die Richtung, oder? „63 Der Geist ist’s, der lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“ Oder lassen wir uns da verleiten?

Der Weg, den Jesus weitergeht, ist kein symbolischer Weg. Er ist real und grausam. Und wenn wir das in Betracht ziehen, dann ist auch das Wort vom Fressen nicht symbolisch gemeint und die Konsequenzen, die für uns daraus folgen real.

Das ist nicht nur so ein Ethik-Ding nach dem Motto: Wenn du nur halbwegs anständig lebst, dann kommst du schon in den Himmel.

Liebe Gemeinde, das reicht nicht.

Ärgert euch das, fragt Jesus.

Ja! Das ärgert uns, das entspricht nicht unseren Erwartungen und unseren moralischen Vorstellungen. Jesus, warum bist du so kleinlich?

Doch drehen wir die Frage um und  richten sie an uns. Warum wollen wir auf Biegen und Brechen so weitherzig sein? Warum wollen wir all denen, die uns nahestehen, die wir mögen oder bewundern den Himmel, oder mit den Worten des Textes, das Leben versprechen?

Wir alle kennen Menschen, die keine Christen sind, aber eigentlich so leben. Und wir alle kennen Christen, da merkt man nicht viel von ihrem Christsein. Wir alle kennen Christen, die jeden Sonntag in der Kirche sitzen und am besten noch die Bibel auswendig kennen, aber im Alltag scheint das vergessen. Oder diejenigen, die sich über andere erheben und meinen, über deren Glauben urteilen zu können. Und die sollen bessergestellt sein als andere, die sich tadellos benehmen?

Jesus sagt es uns an dieser Stelle ganz deutlich – Leben gibt es nur durch mich, so wie er es an anderer Stelle im Johannesevangelium sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“

Und ja, das ärgert uns, zwar nicht immer, aber oft genug. Warum? Ich kann es nicht erklären, aber auch ich ärgere mich manchmal darüber und werde bei einigen Menschen plötzlich sehr langmütig und sehr weitherzig.

Ist Jesus nicht für alle Menschen gestorben? Liebt er nicht alle? Doch, natürlich. Deshalb sollen wir die gute Botschaft weitersagen, von Jesus erzählen, als Christen erkennbar leben. Das Angebot gilt allen. Jesus steht mit offenen Armen da und bietet sich uns dar: Habt mich zum Fressen gern; Verleibt mich euch ein, damit ihr mich nicht mehr hergeben könnt, unter keinen Umständen. Und ich verspreche euch, dass ich mir euch einverleibt habe, weil ich euch nicht mehr hergeben werde, unter keinen Umständen, egal, was mit euch geschieht. Um dieses Versprechen einhalten zu können, ist Jesus den Weg ans Kreuz gegangen, eben auch damit ihm kein menschliches Leid fremd ist. Alles, was uns im Leben Schlimmes passieren kann, hat Jesus durchlebt und durchlitten.

Wir befinden uns in der Passionszeit, in der uns das vor Augen geführt wird. Gar nicht, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen, um uns zu zeigen, was für schreckliche Sünder wir sind. Vielmehr, damit uns bewusst wird, was Jesus während der Passion erlebt hat. Einer seiner besten Freunde hat ihn verraten, die anderen haben ihn im Stich gelassen, als es brenzlig wurde. Sie haben sich von ihm abgewandt. Es wurden Gerüchte über ihn verbreitet, manche mit einem Körnchen Wahrheit, besonders schwer zu widerlegen. Er wurde vor Gericht gestellt und verurteilt. Er ist verprügelt worden, von Leuten, die daran Spaß hatten und ihn dabei ausgelacht haben. Sie haben ihn angespuckt. Seine Sachen haben sie ihm geklaut.

Und als er dann am Kreuz hängt, diesem menschenverachtenden Folterinstrument spürt er eine unerträgliche Gottverlassenheit und er brüllt sie hinaus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

 Und auf der anderen Seite sieht Gott sein Kind sterben.

Liebe Gemeinde, kein menschliches Leid ist Gott fremd, das Lernen wir in der Passion.

Doch dabei bleibt es nicht, aus dem Tod Jesu wächst Leben für uns. Jesus ist das Weizenkorn, das in der Erde stirbt und damit Leben ermöglicht. Nehmen wir Jesus ernst, nehmen wir seinen Tod am Kreuz ernst, auch wenn uns das heute nicht mehr schmeckt. Auch wenn wir es nicht so richtig verstehen und vielleicht können wir es nicht verstehen.

Aber manchmal bekommen wir eine Ahnung davon, was das heißt: Jesus ist für mich gestorben. Ein Gefühl der Leichtigkeit, der Wertschätzung, des Geliebtseins oder ein tiefes scheinbar unerschütterliches Vertrauen, was in uns Raum greift.

Lätare – Freut euch. Ein Aufatmen, mitten in der Passionszeit, denn mitten in Leid und Tod ist Jesus Christus bei uns, an unserer Seite. Und das Kreuz bleibt nicht stehen, es wird Ostern werden, auch für uns.

Wagen wir es: Ja, Jesus, wir haben dich zum Fressen gern.

 

Amen.